Kurt Barthel (Kuba) *8. Juni 1914 – †12. November 1967
„Wer kann dem Atem der Welt widerstehen?“
Kurt Barthel, der sich Kuba nannte, weil er nicht mit dem zu den Nazis übergelaufenen Schriftsteller Max Barthel verwechselt werden wollte, interessierte sich schon als Malergeselle für Literatur und Theater. Als Neunzehnjähriger emigrierte er in die Tschechoslowakei. Dort lernte er Louis Fürnberg kennen, der ihn zum Schreiben ermunterte. Seine Motivation war so groß, dass er neben der Arbeit im Widerstand an der Grenze die Laienspielgruppe „Neues Leben“ leiten und für die Prager „Rote Fahne“ schreiben konnte. Wie seine großen Vorbilder Walt Whitman, Wladimir Majakowski und Erich Weinert kannte er keine Trennung zwischen politischem Engagement und seiner schöpferischen Tätigkeit.
In England, im Internierungslager, entstanden die ersten Gedanken zu seinem bekanntesten und vielleicht auch schönsten „Gedicht vom Menschen“. Es hat die Form eines großen Mosaiks, das formal hymnische, balladeske, liedhafte, satirische und spruchhafte Elemente enthält. Es ist die Geschichte des Menschen, der sich aus seinen Fesseln befreit. Das Poem war ein erregendes Debüt.
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| ''Vaterländischer Verdienstorden an Kurt Barthel überreicht von Präsident Wilhelm Pieck", Zentralbild, Erich Zühlsdorf 20.11.1958, Deutsches Bundesarchiv, Bild 183-60144-0002 |
Sein Gedicht „Aufruf 1936“ ist ihm in die Heimat vorausgeeilt: „Es rosten die starken Maschinen, gelähmt liegt das fruchtbare Land ...“. Das nach vorne drängende Versmaß des Hexameters steht im Kontrast zu der Beschreibung der sinnlosen Zerstörung durch den Krieg. Eine geniale Leistung! Kein Zufall, dass Schostakowitsch diesen Text vertonte. 1947 entstand das Aufbaulied, dort heißt es: „Besser als gerührt sein, ist sich rühren“. Er wandte sich mit diesen Worten gegen eine Literatur, die sich angesichts der Trümmer in bloßer Klage erschöpft. Er hat der neuen Zeit und der Hoffnung auf eine gerechtere Welt durch den Sozialismus eine Sprache verliehen. Es war Kuba, der Lieder von dem neuen Leben schrieb, der dem Wollen und der Sehnsucht einer Generation Stimme gab. Auch andere Gedichte halten an der agitatorisch- operativen Möglichkeit der Lyrik fest. Manche muten nahezu kunstlos an, indem er beispielsweise umgangssprachliche Wendungen benutzt, „bau´n wir erst ´nen neuen Staat“. Diese formalen Elemente werden aber von ihm bewusst verwendet, nicht aus Mangel an Sprachgewandtheit.
Leider kam er nicht ohne Klischees aus, wie in der „Kantate auf Stalin“ oder in seinem „Gedanken im Fluge“, die während einer Reise durch die Sowjetunion entstanden. Aus heutiger Sicht würde man sagen, zuviel Lobhudelei. Dennoch gilt – Kuba hat die Linie weinertscher Aktionslyrik nahtlos fortgesetzt, die andere in den 50er Jahren wieder aufnahmen. Die DDR-Lyrik in den Jahren 1949 – 1961 bot kein einheitliches Bild. Ein Grund dafür ist die komplexe Vielfalt im Gedicht. Während der 50er und den frühen 60er Jahren schrieben nebeneinander drei Generationen von Lyrikern mit sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Kuba zählt zu der Zwischengeneration.
Neben vielen Gedichten schrieb Kuba auch Prosa, wie die Legende vom „Klaus Störtebeker“. Kubas in freien Rhythmen und volkstümlichen Versen geschriebenes szenisches Massenspiel, die in sechs Episoden gegliederte dramatische Ballade „Klaus Störtebeker“, wurde auf den Rügenfestspielen 1959 uraufgeführt. Es war ein bemerkenswerter Versuch, an revolutionäre Traditionen anzuknüpfen und neue Formen der Volksliteratur zu entwickeln. In der bekannten Figur des Rebellen Klaus Störtebeker machte er das Leiden und die Kraft der unterdrückten Volksschichten des 14. Jahrhunderts transparent. Auch Drehbücher flossen aus seiner Feder. Sehr bekannt geworden ist das Filmszenarium „Schlösser und Katen“ (1957) und andere DEFA-Verfilmungen wie „Vergesst mir meine Traudel nicht“ (1960) oder „Hexen“ (1954).
Kuba gehörte im Westdeutschland Adenauers zu den meistgeschmähten Schriftstellern der DDR. „Er wurde im Kalten Krieg bedenkenlos zur Unperson stilisiert oder einfach totgeschwiegen, so noch jüngst in einer zweiteiligen Fernsehproduktion zur Theaterlandschaft der DDR. Da wird Kubas Ballade vom Klaus Störtebeker auf der Naturbühne Ralswiek als bloßes Schiffeversenken geschmäht – ohne die Poesie der Aufführung oder die sprachliche Schönheit zu erwähnen“, schrieb Scherner in einem in der „UZ“ veröffentlichten Beitrag.
Kuba erfuhr hohe gesellschaftliche Anerkennung, aber auch harsche Kritik für das Theaterstück „Bauernkantate“ und für die „Karl-Marx-Kantate“. Kuba erhielt dreimal den Nationalpreis der DDR. Diese hohe Ehrung erhielt er nicht nur für seine literarischen Werke, sondern auch für sein Engagement. „Sein Haus war offen“, schreibt sein Freund E. Scherner, „und wer Fragen hatte, war willkommen. Die Antworten waren unkonventionell und schonungslos.“ Sein Schaffen war nie abgehoben. Er suchte immer wieder den Kontakt zu den Arbeitern, sei es als Klubleiter der Maxhütte oder mit seinem Aufruf an die Arbeiter am 17. Juni 1953.
Er konnte dem Atem der Welt widerstehen ohne selbstgerecht zu werden, er wusste um die Schwierigkeit. So heißt es in einem Gedicht „Schwer ist´s zu wachsen“:
„Wer kann dem Atem der Welt widerstehen?
Macht den Gelehrten zum Dichter, dem Lügenmaul führt er die Feder,
dass die Kontur dieses Lebens im Nebel verlischt.
Sträube dich Pegasus. Bäume dich – Flügelgaul.
Schlecht trägt der Lügenwind, doch wenn der Rohrstock zischt,
glaubt ihm ein jeder, ach! Glaubt ihm ein jeder.“
Ulla Ermen
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| Ehrenwimpel aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. |
Lebensdaten
1914
Am 8. Juni wird Kurt Barthel (Kuba) in Garnsdorf bei Chemnitz
geboren als Sohn eines Eisenbahnarbeiters und einer Handnäherin.
Sein Vater wird kurz nach seiner Geburt von einem deutschen Offizier erschossen.
1920 – 1928
Besuch der Volksschule – abgebrochene Dekorationslehre.
Er war Gründer der SAJ in Garnsdorf und der Roten Falken.
1932
Beitritt zum Jungbanner. Nach Abschluss der Lehre wird er arbeitslos.
1933
Er flieht nach Prag in die Tschechoslowakei.Bis zum Einmarsch der Truppen des faschistischen Deutschland ist er aktiv im kommunistischen Widerstand.
1934
Er schreibt die ersten Gedichte und Reportagen für die „Rote Fahne“. Er leitet die Laienspielgruppe „Neues Leben“. Kontakt zu Louis Fürnberg, der ihn förderte und zum Schreiben ermunterte.
1939
Flucht nach England; arbeitet als Maurer, Dachdecker und Landarbeiter.
Er lernt Ruth Berlowitz kennen.
1946
Rückkehr nach Deutschland. Er beteiligt sich am Aufbau der FDJ und wird Mitglied der SED.
1948
Kuba arbeitet als Redakteur des Dietz-Verlages in Berlin.
1949
Kuba wird Redakteur und Kulturhausleiter der Maxhütte in Unterwellenborn sowie künstlerischer Berater des Erich-Weinert-Ensembles. Freischaffender Künstler. Er erhält den Nationalpreis der DDR für den Band „Gedicht vom Menschen“. Er unternimmt Reisen in die Sowjetunion und nach China.
Es entsteht der Band „Gedanken im Fluge“.
1950 – 1951
Kuba wird Leiter der Arbeitsgruppe „Künstlerisches Wort“ bei der
zentralen Kulturkommission zur Ausrichtung der 3. Weltfestspiele.
1952
Erster Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR, Mitglied des ZK
der SED. Drehbuch zum DEFA-Film „Hexen“.
1953
Mitglied der Akademie der Künste und Abgeordneter der Volkskammer.
1956
Chefdramaturg am Theater in Rostock. Drehbuch „Vergesst mir meine Traudel nicht“.
1957
Drehbuch für den Film „Schlösser und Katen“.
1958
Nationalpreis der DDR für die dramatische Ballade „Klaus Störtebeker“.
1959
Nationalpreis für seine Arbeit an den Rügenfestspielen und der Aufführung „Klaus Störtebeker“.
1967
Kuba stirbt am 12. November auf einer Gastspielreise des Volkstheaters Rostock an einem Herzinfarkt.