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| Bundesarchiv Bild: 183-Z0710-300 - Foto: Lehmann, Thomas - 10. Juli 1981 |
Gedanken eines Generaldirektors
Chemie – unser Leben, unsere Zukunft“. Mit diesem Motto war das von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Jahr der Chemie am 27. Januar 2011 in Paris offiziell eingeleitet worden.
Die UNESCO hob aus diesem Anlas auch die Leistungen herausragender Chemikerinnen und Chemiker hervor. Zu ihnen zählt Marie Sklodowska-Curie, die gemeinsam mit ihrem Mann Pierre zwei neue Elemente entdeckte und zugleich als Begründerin der Radiochemie gilt. Sie erhielt 1911 ihren zweiten Nobelpreis – den für Chemie. Mutter zweier Tochter – Eve und Irene – war sie eine von vier Frauen unter insgesamt 162 Chemiepreisträgern. Irene trat in Maries Fußtapfen und erhielt zusammen mit ihrem Mann Frederick Joliot, Physiker, Kampfer der französischen Resistance, Mitglied des ZK der FKP und in den 50er Jahren Präsident des Weltfriedensrates, ebenfalls den Nobelpreis. Beide wurden wegen ihrer konsequenten politischen Haltung mit Berufsverbot in Kernforschungsinstituten ihres Landes belegt.
Das Motto „Chemie: unser Leben, unsere Zukunft“ verlangt eine unmissverständliche Antwort auf die Frage, ob sie den Menschen dient oder gegen sie gerichtet ist. Die Chemie spielte bei der Herausbildung der modernen Produktivkräfte seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine revolutionierende Rolle. Ihre Geschichte ist aber auch in besonderem Masse mit menschenfeindlichem Geschehen verbunden. Erinnert sei hier an den Einsatz von Giftgasen durch die kaiserlich-deutsche Armee im Ersten Weltkrieg gegen französische und russische Truppen, aber auch an Zyklon B, mit dem Millionen Menschen – vor allem Juden – in den faschistischen Vernichtungslagern ermordet wurden. Der IG-Farben-Konzern war an diesen Völkermordverbrechen maßgeblich beteiligt. Nicht unerwähnt bleiben darf die von den US-Streitkräften im Vietnamkrieg eingesetzte „Entlaubungs- Chemikalie“ Agent Orange, die Hunderttausende Menschen betraf und bis heute zur Verkrüppelung nicht weniger Nachkommen führt. Das oben genannte Motto verlangt eine gewissenhafte Antwort auf die Frage: Haben kapitalistische Profitinteressen Vorrang, oder geht es um Brot, Wohlstand und Schönheit fur alle?
Die Chemie-Industrie der DDR traf eine eindeutige Entscheidung: Die Profiteure wurden ausgeschaltet. Doch mit der Teilung Deutschlands entstanden schwerwiegende Probleme: Die traditionellen und untereinander verflochtenen Stoffstrome zwischen Ost und West flossen nicht mehr wie zuvor. Der größste Teil der Chemie-Anlagen auf DDR-Gebiet war zerstört oder wurde im Zuge von Reparationen demontiert. Außer Braunkohle, Salzen aus dem Raum Bernburg/ Stasfurt und Kalk oder Gips aus dem Harz verfügte der im Osten entstandene Staat über keine nennenswerten Bodenschatze. Dennoch stellte die chemische Industrie der Volkswirtschaft und der DDR-Bevölkerung ein großes Sortiment an
Pharmazeutika, Farbstoffen, Chemiefasern, Filmen, Treibstoffen, Schmieröl, Gummi, Plaste, Haushaltschemikalien, Kosmetika sowie Dünge- und Pflanzenschutzmitteln zur Verfügung. Um ihren Rohstoffbedarf zu decken, baute die DDR trotz des Röhrenembargos Pipelines und Aufbereitungsanlagen für Erdöl und Erdgas aus der UdSSR. Für mehr als 10 Mrd. Valuta-Mark wurden modernste Chemie-Verarbeitungsanlagen aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) importiert. Aus eigener Forschung konnten Stoffumwandlungs-verfahren und Technologien zur Modernisierung und Erneuerung der Produktion in die Praxis überführt werden. Die Anwendung der Automatisierungs- und Robotertechnik, der elektronischen Datenverarbeitung und der Mikroelektronik zur Rationalisierung sowie der Biotechnologie bestimmten das Bild unserer Arbeit. Wir waren zutiefst davon überzeugt, das Chemie den Menschen tatsachlich Brot, Wohlstand und Schönheit bringt. Sie war ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Wir alle hatten uns natürlich gewünscht, das die Modernisierung und Erneuerung mancher Anlagenkomplexe schneller und rationeller verlaufen wäre. Das Geld dafür war durchaus zu verdienen, doch die Möglichkeiten der Volkswirtschaft insgesamt bestimmten die materiellen Voraussetzungen. Das betraf besonders Technologien und Verfahren zur Abluft- und Abwasserreinigung sowie deren Wirkungen auf die Umwelt jener Menschen, welche auf Territorien im Bereich der chemischen Werke lebten. Vor der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD waren am 31. Dezember 1989 in 15 Chemiekombinaten insgesamt 308 008 Menschen tätig. Sie hatten bis zum 31. 12. 1990 Erzeugnisse im Wert von 88 Mrd. Mark der DDR (ca. 22 Mrd. €) hergestellt. Durch unsere Arbeitsleistungen halfen wir mit, ein DDR-Bruttoinlandsprodukt (BIP) von – umgerechnet – 16 796 DM pro Einwohner zu erwirtschaften. Legt man den 1987 ausgewiesenen Umrechnungssatz von 1 Ecu
(der damals gültigen europäischen Währungseinheit, die 2,07 DM entsprach) zugrunde, dann gelangt man fur 1988 zu einer Bruttoinlandsprodukt-Größe pro Kopf der DDR-Bevölkerung von 8114,32 Ecu. Im Rahmen der in jenem Jahr zur EG gehörenden Länder wäre dies der 9. Platz gewesen – mit recht geringem Abstand zu Großbritannien (9000 Ecu), aber mit deutlichem Vorsprung gegenüber Spanien (6130 Ecu), Griechenland (3800 Ecu) und Portugal (3090 Ecu). Das habe der Wirtschaft der DDR und der Arbeit ihrer Burger ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt, konstatierte Prof. Siegfried Wenzel in seinem Buch „Was war die DDR wert?“ Aber hatte sie denn keine Schulden? Die Modrow-Regierung legte hierzu niemals eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung vor. Die DDR hatte indes durch Anlagen-Importe – es handelte sich um etwa 700 Technologien und komplette Produktionsstrecken für die Industrie, die mit Erzeugnissen bezahlt wurden – langfristige Kreditlinien zu den Lieferanten aufgebaut, woraus sich am Stichtag natürlich Verbindlichkeiten im kapitalistischen Ausland ergaben. Andererseits verfugte sie über Guthaben in etwa gleicher Hohe im sozialistischen Ausland. Im NSW betrugen die Verbindlichkeiten 23,3 Mrd. DM. Das waren 7,44 % der als BIP bezeichneten Wirtschaftsleistung der DDR oder 3622 DM pro Kopf der Bevölkerung. Seit 1990 ist die Wirtschaft der BRD von drei schweren Krisen getroffen worden. Gegenwärtig betragt die Staatsverschuldung ca. 1,976 Billionen €. Das sind 83,2 % des BIP, wobei maximal 60 % als zulässig gelten. Die Folgen für die Bevölkerung sind hinreichend bekannt: stillgelegte Produktionsanlagen, grassierende, wenn auch auf vielerlei Weise kaschierte Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Altersarmut – all das gehört seit 1990 zum gewohnten Bild. Die DDR-Verfassungstexte wie die Verfassungswirklichkeit hingegen garantierten allen Bürgern Vollbeschäftigung.
Das Motto des UN-Jahres „Chemie: unser Leben, unsere Zukunft“ hatte – bezogen auf die DDR – seine uneingeschränkte Berechtigung gehabt.
Dr. Adolf Eser, Muldenstein
Der Autor war Generaldirektor des Chemiekombinats Bitterfeld.
Chemie – unser Leben, unsere Zukunft“. Mit diesem Motto war das von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Jahr der Chemie am 27. Januar 2011 in Paris offiziell eingeleitet worden.
Die UNESCO hob aus diesem Anlas auch die Leistungen herausragender Chemikerinnen und Chemiker hervor. Zu ihnen zählt Marie Sklodowska-Curie, die gemeinsam mit ihrem Mann Pierre zwei neue Elemente entdeckte und zugleich als Begründerin der Radiochemie gilt. Sie erhielt 1911 ihren zweiten Nobelpreis – den für Chemie. Mutter zweier Tochter – Eve und Irene – war sie eine von vier Frauen unter insgesamt 162 Chemiepreisträgern. Irene trat in Maries Fußtapfen und erhielt zusammen mit ihrem Mann Frederick Joliot, Physiker, Kampfer der französischen Resistance, Mitglied des ZK der FKP und in den 50er Jahren Präsident des Weltfriedensrates, ebenfalls den Nobelpreis. Beide wurden wegen ihrer konsequenten politischen Haltung mit Berufsverbot in Kernforschungsinstituten ihres Landes belegt.
Das Motto „Chemie: unser Leben, unsere Zukunft“ verlangt eine unmissverständliche Antwort auf die Frage, ob sie den Menschen dient oder gegen sie gerichtet ist. Die Chemie spielte bei der Herausbildung der modernen Produktivkräfte seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine revolutionierende Rolle. Ihre Geschichte ist aber auch in besonderem Masse mit menschenfeindlichem Geschehen verbunden. Erinnert sei hier an den Einsatz von Giftgasen durch die kaiserlich-deutsche Armee im Ersten Weltkrieg gegen französische und russische Truppen, aber auch an Zyklon B, mit dem Millionen Menschen – vor allem Juden – in den faschistischen Vernichtungslagern ermordet wurden. Der IG-Farben-Konzern war an diesen Völkermordverbrechen maßgeblich beteiligt. Nicht unerwähnt bleiben darf die von den US-Streitkräften im Vietnamkrieg eingesetzte „Entlaubungs- Chemikalie“ Agent Orange, die Hunderttausende Menschen betraf und bis heute zur Verkrüppelung nicht weniger Nachkommen führt. Das oben genannte Motto verlangt eine gewissenhafte Antwort auf die Frage: Haben kapitalistische Profitinteressen Vorrang, oder geht es um Brot, Wohlstand und Schönheit fur alle?
Die Chemie-Industrie der DDR traf eine eindeutige Entscheidung: Die Profiteure wurden ausgeschaltet. Doch mit der Teilung Deutschlands entstanden schwerwiegende Probleme: Die traditionellen und untereinander verflochtenen Stoffstrome zwischen Ost und West flossen nicht mehr wie zuvor. Der größste Teil der Chemie-Anlagen auf DDR-Gebiet war zerstört oder wurde im Zuge von Reparationen demontiert. Außer Braunkohle, Salzen aus dem Raum Bernburg/ Stasfurt und Kalk oder Gips aus dem Harz verfügte der im Osten entstandene Staat über keine nennenswerten Bodenschatze. Dennoch stellte die chemische Industrie der Volkswirtschaft und der DDR-Bevölkerung ein großes Sortiment an
Pharmazeutika, Farbstoffen, Chemiefasern, Filmen, Treibstoffen, Schmieröl, Gummi, Plaste, Haushaltschemikalien, Kosmetika sowie Dünge- und Pflanzenschutzmitteln zur Verfügung. Um ihren Rohstoffbedarf zu decken, baute die DDR trotz des Röhrenembargos Pipelines und Aufbereitungsanlagen für Erdöl und Erdgas aus der UdSSR. Für mehr als 10 Mrd. Valuta-Mark wurden modernste Chemie-Verarbeitungsanlagen aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) importiert. Aus eigener Forschung konnten Stoffumwandlungs-verfahren und Technologien zur Modernisierung und Erneuerung der Produktion in die Praxis überführt werden. Die Anwendung der Automatisierungs- und Robotertechnik, der elektronischen Datenverarbeitung und der Mikroelektronik zur Rationalisierung sowie der Biotechnologie bestimmten das Bild unserer Arbeit. Wir waren zutiefst davon überzeugt, das Chemie den Menschen tatsachlich Brot, Wohlstand und Schönheit bringt. Sie war ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Wir alle hatten uns natürlich gewünscht, das die Modernisierung und Erneuerung mancher Anlagenkomplexe schneller und rationeller verlaufen wäre. Das Geld dafür war durchaus zu verdienen, doch die Möglichkeiten der Volkswirtschaft insgesamt bestimmten die materiellen Voraussetzungen. Das betraf besonders Technologien und Verfahren zur Abluft- und Abwasserreinigung sowie deren Wirkungen auf die Umwelt jener Menschen, welche auf Territorien im Bereich der chemischen Werke lebten. Vor der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD waren am 31. Dezember 1989 in 15 Chemiekombinaten insgesamt 308 008 Menschen tätig. Sie hatten bis zum 31. 12. 1990 Erzeugnisse im Wert von 88 Mrd. Mark der DDR (ca. 22 Mrd. €) hergestellt. Durch unsere Arbeitsleistungen halfen wir mit, ein DDR-Bruttoinlandsprodukt (BIP) von – umgerechnet – 16 796 DM pro Einwohner zu erwirtschaften. Legt man den 1987 ausgewiesenen Umrechnungssatz von 1 Ecu
(der damals gültigen europäischen Währungseinheit, die 2,07 DM entsprach) zugrunde, dann gelangt man fur 1988 zu einer Bruttoinlandsprodukt-Größe pro Kopf der DDR-Bevölkerung von 8114,32 Ecu. Im Rahmen der in jenem Jahr zur EG gehörenden Länder wäre dies der 9. Platz gewesen – mit recht geringem Abstand zu Großbritannien (9000 Ecu), aber mit deutlichem Vorsprung gegenüber Spanien (6130 Ecu), Griechenland (3800 Ecu) und Portugal (3090 Ecu). Das habe der Wirtschaft der DDR und der Arbeit ihrer Burger ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt, konstatierte Prof. Siegfried Wenzel in seinem Buch „Was war die DDR wert?“ Aber hatte sie denn keine Schulden? Die Modrow-Regierung legte hierzu niemals eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung vor. Die DDR hatte indes durch Anlagen-Importe – es handelte sich um etwa 700 Technologien und komplette Produktionsstrecken für die Industrie, die mit Erzeugnissen bezahlt wurden – langfristige Kreditlinien zu den Lieferanten aufgebaut, woraus sich am Stichtag natürlich Verbindlichkeiten im kapitalistischen Ausland ergaben. Andererseits verfugte sie über Guthaben in etwa gleicher Hohe im sozialistischen Ausland. Im NSW betrugen die Verbindlichkeiten 23,3 Mrd. DM. Das waren 7,44 % der als BIP bezeichneten Wirtschaftsleistung der DDR oder 3622 DM pro Kopf der Bevölkerung. Seit 1990 ist die Wirtschaft der BRD von drei schweren Krisen getroffen worden. Gegenwärtig betragt die Staatsverschuldung ca. 1,976 Billionen €. Das sind 83,2 % des BIP, wobei maximal 60 % als zulässig gelten. Die Folgen für die Bevölkerung sind hinreichend bekannt: stillgelegte Produktionsanlagen, grassierende, wenn auch auf vielerlei Weise kaschierte Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Altersarmut – all das gehört seit 1990 zum gewohnten Bild. Die DDR-Verfassungstexte wie die Verfassungswirklichkeit hingegen garantierten allen Bürgern Vollbeschäftigung.
Das Motto des UN-Jahres „Chemie: unser Leben, unsere Zukunft“ hatte – bezogen auf die DDR – seine uneingeschränkte Berechtigung gehabt.
Dr. Adolf Eser, Muldenstein
Der Autor war Generaldirektor des Chemiekombinats Bitterfeld.
Betriebssportnadel aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum
Euer Blog ist sehr informativ. Er ist sehr interessant und ich habe ihn sehr gerne gelesen. Danke fürs mittelen eurer Ideen. Ich bin glücklich. Ich habe gefunden wonsch ich gesucht habe.
AntwortenLöschenfrauen aus russland
"...die Möglichkeiten der Volkswirtschaft insgesamt bestimmten die materiellen Voraussetzungen. Das betraf besonders Technologien und Verfahren zur Abluft- und Abwasserreinigung sowie deren Wirkungen auf die Umwelt jener Menschen, welche auf Territorien im Bereich der chemischen Werke lebten."
AntwortenLöschenWelch freundliche Umschreibung für Vergiftung von Mensch und Umwelt!!