»Für ein halbes Jahrhundert Frieden hat es sich gelohnt«
Generalmajor a. D. Manfred Döring war 38 Jahre Soldat. Er führte das Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) »Feliks Dzierzynski« seit 1987 und löste es auf. Am Freitag, dem 30. März 1990, ging er als letzter vom Hof. Zwanzig Jahre später gab er sein erstes Interview für das Buch von Eberhard Rebohle "Rote Spiegel. Wachsoldaten in der DDR"
Beginnen wir mit dem Ende. War Ihnen, als Sie Chef des
Wachregiments wurden, klar, daß Sie dessen letzter Kommandeur sein würden?
Natürlich nicht. Jeder Soldat denkt mit der Übernahme einer
Aufgabe nicht an deren Ende, sondern ausschließlich daran, diese so gut wie
möglich zu erfüllen.
Auch wenn man sieht, daß es mit dem Umfeld nicht mehr stimmt? Oder
haben Sie das nicht bemerkt?
Möglicherweise sogar früher als andere.
Wann kamen Ihnen erste Zweifel, daß wir eventuell scheitern
könnten?
1975/76 beim Besuch eines Einjahreslehrganges an der
Parteihochschule »Karl Marx«.
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| Zentralbild/ 15.12.1967- Berlin: Namensverleihung an Wachregiment Der Minister für Staatssicherheit, Generaloberst Erich Mielke, verlieh am 15.12.1967 dem Wachregiment Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit den Ehrennamen "Feliks Edmundowitsch Dzierzynski". UBz: Der Minister für Staatssicherheit, Generaloberst Erich Mielke (2.v.r.), heftet das Namensband an die Truppenfahne des Wachregiments Berlin. Foto: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-F1215-0028-001 |
Dafür wird man Sie aber wohl kaum zum Lehrgang für höhere Kader
delegiert haben. Im Gegenteil. Aber erzählen Sie mal.
Um es deutlich zu sagen: Wie viele von meinesgleichen hielt ich es
bis zum Untergang der DDR für undenkbar, daß uns die Sowjetunion preisgeben
würde. Mit dem Wissen von heute könnte man sagen: Das war Wunschdenken. Ja, und
dennoch würde ich widersprechen. Ich war Militär und dachte folglich in diesen
Kategorien. Wenn die Sowjetunion die DDR aufgeben würde, verlöre sie in
militärstrategischer Hinsicht ihre westliche Front. Das würden die
verantwortlichen Politiker und Militärs in Moskau nie tun, davon war ich
überzeugt.
Das heißt, proletarischer Internationalismus, sozialistische
Gemeinschaft, Solidarität, Verteidigungsbündnis und all die Schlagworte hatten
für Sie keine Relevanz. Sie bauten ausschließlich auf die geostrategische
Situation der UdSSR.
Allerdings, auch wenn mir diese Begriffe sehr viel bedeuteten.
Doch ich betrachtete das Problem auch unideologisch, ganz pragmatisch.
Und da wähnte ich mich erst recht auf der sicheren Seite. Man
konnte ja nicht davon ausgehen, daß die KPdSU einen Dilettanten und Hasardeur an
ihre Spitze stellen würde.
Und innenpolitisch? Bemerkten Sie da Veränderungen?
Doch. Mir war bewußt, daß wir auf Pump zu leben begannen. Und ich
wußte und sah, wie man außerhalb der vergleichsweise gut versorgten Hauptstadt
lebte.
Aber wenn die Versorgung schlecht war, zweifelt man doch nicht
gleich am System.
Ich habe ja keineswegs am System gezweifelt. Der Sozialismus war
für mich die einzig denkbare und notwendige Alternative zum Kapitalismus. Ich
hatte nur Bedenken, ob wir möglicherweise nicht das richtige, also ungenügend
befähigte und qualifizierte Personal hatten und folglich nicht die richtige
Politik machten.
Und darüber sprachen Sie mit Genossen?
Ja. Aber nicht im Zimmer. Immer nur im Freien.
Oha.
Jaja.
1985 kam Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika. Jubelten auch Sie?
Keineswegs. Ich war nie euphorisch, im Gegenteil. Wir unterhielten
gute Kontakte zum Mansfeld-Kombinat. Die Genossen dort hatten Verbindung nach
Kriwoj Rog. Die Politische Hochschule in Berlin-Grünau stand im Kontakt zur
Politischen Hochschule der Sowjetarmee in Nowosibirsk. Es gab Drähte zur
SED-Bezirksleitung, insbesondere zum Zweiten Sekretär Helmut Müller. Das war ein
sehr sachlicher, kluger Genosse. Die Nachrichten, die über diese Kanäle zu uns
kamen, klangen nicht sehr ermutigend. Seit 1987 gab es ernste Bedenken in der
Führung des Wachregiments über die Entwicklung in der UdSSR. Wir tauschten uns
darüber aus. Wir teilten die Auffassung unserer sowjetischen Genossen, daß diese
unsinnigen Doppelstrukturen von Partei- und Staatsapparat überwunden werden
mußten.
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| Uniformen des Wachregiments aud dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. |
Die ja eigentlich keine Doppelstrukturen waren. Der Parteiapparat beherrschte den Staatsapparat. Ein ZK-Abteilungsleiter hatte mehr Einfluß als ein Minister.
Richtig. Gorbatschow nahm die Partei zurück, wodurch aber eine
Lücke entstand, die nicht gefüllt wurde. Sein Umbau war ein Abbau, was dazu
führte, daß immer weniger funktionierte. Im Juni 1988 war ich auf Einladung zum
Urlaub in Moskau und am Baikalsee. Es waren zum Teil drei deprimierende Wochen
für uns. Im Heim in Bratsk waren wir mit sowjetischen Tschekisten zusammen. Im
Fernsehen übertrugen sie die XIX.
Parteikonferenz. Gorbatschow sprach. Seine Rede wurde vom
Gelächter der umsitzenden Genossen begleitet. Bei einer anderen Gelegenheit
sagten sie mir: »In der DDR braucht ihr keine solche Perestroika.« Trotz solch
desillusionierender Beobachtungen war ich davon überzeugt, daß die Sowjetunion
bleiben werde, und damit auch wir.
Militärstrategisch gedacht.
Und auch weil ich Kommunist war und bin. Ich war mir durchaus
bewußt, daß die Sowjetunion für und um die DDR keinen Krieg führen würde. Denn
nach diesem Krieg hätte es keine DDR, sondern nur ein zerstörtes Europa gegeben.
Innere Unruhen würde sie wie 1953 jedoch bestimmt beenden, um die DDR zu halten.
Noch mal: Brach die DDR weg, brach auch ihre westliche Verteidigungslinie. Einen
solchen Dammbruch würde die sowjetische Führung nie riskieren. Dachte ich. Sie würde uns also in jedem Falle halten und helfen.
Nach einem Studium an der Artillerieoffiziersschule in Torgau und
Dresden kamen Sie 1956 nach Eggesin. Im Sommer 1957 wurden Sie nach Prenzlau
einbestellt.
Die Kaderkommission wollte wissen, ob ich nach Berlin wolle. Natürlich wollte ich. Obgleich ich doch nur den Ring kannte und
die Bahnhöfe vom Umsteigen.
Wußten Sie, was das Wachregiment war?
Nicht die Spur. Ich hatte noch nie etwas davon gehört. Am nächsten
Tag, es fand die traditionelle Liebknecht-Luxemburg-Ehrung in Friedrichsfelde
statt, trug ich bereits einen Kranz der Parteiführung die Frankfurter Allee
entlang.
Wurden Sie als Artillerieoffizier eingestellt?
Ja, aber zuerst ordnete man uns behelfsmäßig den Kompanien zu.
Nachdem wir im Sommer die Gruppenführer ausgebildet hatten, wurde in Adlershof
eine Artillerieabteilung aufgestellt, die im Herbst nach Erkner verlegt
wurde.
Gab es dort Kasernen oder dergleichen?
Es standen ein paar Baracken aus der Vorkriegszeit, um die
Johannisbeersträucher gepflanzt waren. Desweiteren waren vier neue zweistöckige
Gebäude vorhanden. Nach und nach kamen neue Gebäude hinzu. Anfänglich waren dort
rund 700 Soldaten, am Ende dreimal so viele. Eines der letzten Objekte war ein
Fünfgeschosser. Dort waren die Kräfte untergebracht, die die
Ausweichführungsstelle der Regierung errichten und sichern sollten.
Wo befand sich die Baustelle?
An der Abfahrt Storkow, unweit der Autobahn Berlin-Frankfurt/Oder,
wurde zwei, drei Jahre lang gebaut, nachdem die Parteiführung, das
Verteidigungsministerium in Strausberg und andere Einrichtungen bereits ihre
Ausweichquartiere bei Prenden, Biesenthal und Marienwerder etc. erhalten hatten.
Dieser Bunkerkomplex 17/5000 ist bekannt.
Der, auf den Sie hinweisen, ganz offenkundig nicht.
Er wurde auch nicht fertig. 1982/83 stellte man die Arbeiten
insgesamt ein. Diese Anlage wurde offensichtlich nicht mehr für notwendig
erachtet.
Das sagen Sie als Militär?
Man muß nicht Militär sein, um zu wissen, daß auf einer atomar
verwüsteten Erde auch Bunker keine Chance auf ein Überleben bieten. Man kann von
dort aus zwei, drei Wochen lang militärische Abwehroperation organisieren -
sofern noch Einheiten existieren. Aber irgendwann gehen in jedem Bunker die
Vorräte zur Neige, der Diesel ist aufgebraucht, der den Strom erzeugt, Filter,
Heizung, Klimaanlage, Licht fallen aus, man muß also raus. Und das war`s dann
...
Ich vermute mal, daß an jener Stelle unentdeckt etwas in der Erde
ruht.
Davon gehe ich auch aus.
Am 21. August 1968 wurden Sie zum Kommandeur des Kommando Zwei in
Erkner berufen.
Das blieb ich drei Jahre. Im Sommer 1971 wurde ich kurzfristig zum
1. Stellvertreter von Heinz Gronau, dem Kommandeur des Wachregiments »Feliks
Dzierzynski«, berufen. Am 30.
Januar 1987 übernahm ich planmäßig diese Funktion von Bernhard
Elsner, der wie Gronau an seinem 60. Geburtstag demissionierte. Ich hatte schon
einmal unmittelbar nach dem Jahreslehrgang an der Parteihochschule für Bernhard
amtiert, als er längere Zeit wegen Krankheit ausfiel.
Gab es Wehrpflichtige im Wachregiment?
Nein, nur Offiziere und Unteroffiziere auf Zeit.
Das heißt, niemand war gegen seinen Willen dort. Er hat sich
bewußt und freiwillig zum Wachregiment des MfS gemeldet.
So ist es.
Wirklich jeder?
Absolut.
1989 spitzten sich alle Probleme zu, wie in der Republik so im
Wachregiment. Können Sie sich noch erinnern?
Selbstverständlich. Diese Zeit war bleiern, es bewegte sich
nichts, und alle hofften irrational auf die Sowjetunion. Am 5. November luden die sowjetischen Genossen zum Jahrestag der
Oktoberrevolution nach Berlin-Karlshorst in die Waldowallee. Ich höre noch, wie
der Chef der Abwehr Mielke auf Nachfrage versicherte, er solle sich keine Sorgen
machen. Sie hätten alles fest im Griff. Zwei Tage später lud die UdSSR-Botschaft
aus dem gleichen Grunde ein. Da hörte ich die Diplomaten unserer Verbündeten
offen diskutieren, wie lange es die DDR noch mache: ein Jahr, zwei Jahre? Die
gaben uns also schon verloren.
Und wie war die Stimmung im Wachregiment?
Im September waren wieder 3000 Neue gekommen, darunter viele
Abiturienten. Die hatten diesen unruhigen Sommer erlebt: mit
Botschaftsbesetzungen, Massenfluchten in Ungarn, Sprachlosigkeit der
DDR-Führung, mit all den Beschwichtigungs- und Beschönigungsversuchen. Die
Stimmung im Regiment war gleichermaßen nachdenklich und bedrückt. Aber es löste
unverändert seine Wach- und Sicherungsaufgaben, die Ausbildung der Nachrücker
lief an. Im November jedoch kippte die Stimmung.
Weshalb?
Da war die Grenzöffnung. Wenn unsere Jungs nach Hause fuhren,
trafen sie im Zug und daheim auf Menschen, die von ihren Ausflügen nach drüben
berichteten. Und auch beim Stamm begann es zu kriseln. Während der Versammlung
am 6. Dezember 1989 stand eine Genossin auf und fragte mich: »Warum darf ich
nicht nach Westberlin? Mein Mann ist Major beim MdI (Ministerium des Innern -
die Red.) und der darf.« Es schwand zunehmend die Motivation.
War die denn im Oktober noch vorhanden?
Doch. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen um den
Republikgeburtstag herum lieferten einen Schub. Wir hatten hundert Genossen vom
Wachregiment am 7. Oktober in FDJ-Blusen auf die Brücken links und rechts neben
dem Palast postiert. Es hatte geheißen, es sei ein Durchbruch zur Grenze zu
befürchten und sie sollten die Massen aufhalten. Dabei kam es zu Übergriffen.
Mehreren Genossen wurden glühende Zigaretten ins Gesicht gedrückt und die
Schienbeine wurden attackiert. Ich entschied am nächsten Tag, daß die Sonderausrüstung ausgegeben
werde. Ich wußte, daß der Personenschutz Westen, Schilde, Helme, Schlagstöcke
und Armschoner für 500 Mann bei uns eingelagert hatte. Der PS schien sich dafür
nicht zu interessieren. Das MdI lieferte uns auf Anfrage das
Ausbildungsmaterial.
Zunächst wurde ich dafür kritisiert, daß ich das Zeug so spät
ausgegeben hatte. Vier Wochen später wurde ich aus den eigenen Reihen dafür
attackiert, daß ich es überhaupt getan hatte. Wer habe mir das erlaubt bzw. dazu
den Auftrag erteilt, wurde ich im Kinosaal gefragt. Der Kinosaal war in jener Zeit wiederholt Schauplatz heftiger
verbaler Auseinandersetzungen. Es fanden dort regelmäßig Dienstversammlungen der Berufssoldaten
statt. Die Führung des Regiments stand Rede und Antwort und legte ihre
Positionen dar. Damit versuchten wir, der wachsenden Unsicherheit entgegen zu
treten. Die Situation wurde jedoch zunehmend komplizierter.Erinnern wir uns: Am 28. Oktober liest Ulrich Mühe im Deutschen Theater aus Walter Jankas »Schwierigkeiten mit der Wahrheit«. Am 4. November findet auf dem Alexanderplatz die große Demonstration statt. Am 7. November tritt die Regierung geschlossen zurück, auch Erich Mielke amtiert gemäß Verfassung weiter bis zur Bildung eines neuen Ministerrates. Am 8. November demissioniert das Politbüro, am 9. November führt Schabowskis Versprecher zur chaotischen Öffnung der Grenze. Am 13. November blamiert sich Minister Mielke in der Volkskammer und setzt damit auch das MfS dem öffentlichen Gespött aus. So geht es Schlag auf Schlag.
Als am 17. November die Modrow-Regierung vereidigt wurde, kam die Führung des Wachregiments in die Offensive. Ich wollte, daß das Wachregiment eine Loyalitätserklärung abgab. »So lange es eine DDR gibt, gibt es eine DDR-Regierung. Und so lange es eine Regierung gibt, muß diese geschützt werden«, sagte ich. »Das ist unser Auftrag, und den erfüllen wir unter allen Bedingungen.«
Dann aber kam der nächste Schlag: Am 3. Dezember trat das ZK geschlossen zurück. Die einstigen Politbüromitglieder Günter Mittag, Harry Tisch, Gerhard Müller und Hans Albrecht wurden verhaftet, Alexander Schalck-Golodkowski flüchtete in den Westen. Am 6. Dezember legte Egon Krenz sein Amt als Staatsratsvorsitzender nieder. Die, für die wir im Ernstfall unser Leben eingesetzt hätten, für die wir uns hätten in Stücke reißen lassen, wurden jetzt des Hochverrats bezichtigt. Kurzum, die Aufgabe war weg wie die Motivation. Wir fielen in ein Loch.
Unmutsbekundungen, Befehlsverweigerungen, Randale?
Das hielt sich in Grenzen. Uns wurde von einer Einheit in
Adlershof ein Forderungskatalog übergeben, der etwa 300 Unterschriften trug.
Wenn wir die Forderungen nicht erfüllten, würde man nicht auf Wache ziehen,
lautete die Drohung. Wir haben uns nicht erpressen lassen und statt dessen
geredet. Dann zogen sie auf Wache. Ich fuhr nach Erkner, weil sich dort die Lage zuzuspitzen
schien. Dort war der Abiturientenanteil besonders hoch, er lag bei etwa 25
Prozent. Ich stellte mich den etwa sechzig Unteroffizieren. Am Anfang waren sie
bissig, nach anderthalb Stunden redeten wir normal miteinander.
Um was ging es da?
Um die gleichen Probleme wie draußen: Versorgung,
Informationspolitik, Reisefreiheit, Offenheit und Transparenz, vermeintliche
Privilegien der Obrigkeit, Korruption und Amtsmißbrauch von Funktionären.
Nicht etwa, daß man gezwungen gewesen sei, eine Diktatur und deren
Diktatoren zu schützen?
So einen Quatsch redete keiner. Die meisten waren enttäuscht. Wir alle waren enttäuscht.
Sie fühlten sich allein gelassen?
Na sicher. Der einzige Regierungsvertreter, der sich bei uns
meldete, war Staatssekretär Walter Halbritter. Er forderte wie in jedem Winter
Soldaten für die Braunkohle an. Nur fiel in jenem Jahr der Winter aus. Die Jungs
hingen sechs Wochen dort in den Baracken herum und langweilten sich. Und wer
viel Zeit hat, kommt auf dumme Gedanken. Sie malten Losungen auf Bettlaken, in
denen sie sich beispielsweise vom MfS distanzierten. Das war natürlich der
Stasihysterie geschuldet, die landauf, landab inzwischen grassierte. Der
vorläufige Höhepunkt war bekanntlich am 15. Januar, als die Zentrale in der
Normannenstraße gestürmt wurde. Als die tausend Jungs aus der Braunkohle nach
Adlershof zurückkamen, war das Thema Wachregiment endgültig erledigt. Die
Absetzbewegung war nicht mehr zu stoppen. Dennoch flaggten etliche am 8.
Februar.
Hatte das Wachregiment noch etwas mit dem von westlichen
Geheimdiensten organisierten »Sturm« auf die Zentrale zu tun?
Zu diesem Zeitpunkt wurde die Zentrale von uns nicht mehr
gesichert. Wir konzentrierten uns auf unsere Objekte. Vergessen Sie nicht: Hier
lagerten Waffen, Munition und Kampftechnik sowie größere Mengen Kraftstoff für
die Mobilisierungsreserve und dergleichen. Aber unsere Sorge war unnötig. Es hat
im gesamten Zeitraum keine Aktionen gegen unsere Objekte gegeben.
Ab 11. März, eine Woche vor den Volkskammerwahlen, soll keine
Uniform mehr im Objekt zu sehen gewesen sein.
Das stimmt. Sieht man von den Volkspolizisten ab. Die verbliebenen
Berufssoldaten erschienen von diesem Tag an nur noch in Zivil. Das Wachregiment
war Geschichte. Ich hatte mir selbst einen Entlassungsschein unterschrieben. Am
30. März, einem Freitag, setzten sich die letzten verbliebenen Stabsarbeiter
zusammen. Dann schlossen wir das Haus ab und gingen.
Waren Sie gleich arbeitslos?
Nein, das Auflösungskomitee hatte einigen von uns einen
Arbeitsvertrag vom 1. April bis 30. Juni ausgestellt, damit wir die endgültige
Abwicklung vollziehen konnten. Am 28. Juni meldete ich mich bei beim zuständigen
Arbeitsamt. Nach einer 34monatigen Arbeitslosigkeit ging ich dann mit 60 in
Rente.
Wenn Sie vor Beginn Ihrer militärischen Laufbahn gewußt hätten,
was Sie erwartete, hätten Sie dann nicht doch lieber Medizin studiert?
Die Frage ist, Sie wissen es, Unsinn. Aber wenn sie darauf zielt,
ob ich etwas bedauere oder gar bereue, sage ich Ihnen: Ich stehe zu meiner
Vergangenheit ohne Wenn und Aber.
Wenn der Osten nicht militärisch stark gewesen wäre, hätte es in
Zentraleuropa nach 1945 Krieg gegeben. Die militärstrategische Parität, das
Risiko der Vernichtung im Falle eines Angriffs, sicherte den Frieden. Dafür
haben wir uns geschunden und einen hohen Preis gezahlt. Ich habe meinen Soldaten
nie etwas geschenkt. Wir haben uns gequält und auf vieles verzichtet. War das
umsonst, haben wir am Ende alles verloren? Nein, das glaube ich nicht. Für ein halbes Jahrhundert friedliche Koexistenz lohnte sich jeder
Einsatz.


ein Mann mit "Eier in der Hose"
AntwortenLöschenMeine Hochachtung
Das mit den Unteroffizieren auf Zeit stimmt so nicht!
AntwortenLöschenBei der Musterung wurde noch mit dem UaZ geworben, tatsächlich wurde ich jedoch als Soldat auf Zeit eingestellt. Ich habe diesen Fakt später niemals bereut, es hätte als UaZ jedoch etwas mehr Geld gegeben, alleine schon wegen dem Dienstgrad.
So war ich, wie ganz viele andere auch zunächst Soldat, wurden dann Gefreiter, später Stabsgefreiter und noch einmal später Unteroffizier. Die UaZ, von uns als Kapos bezeichnet, schafften es bis zum Feldwebel, und das natürlich auch bei entprechender Besoldung.
Da ich während meiner Zeit beim Wachregiment von 1980-1983 wesentlich mehr SaZ als Uaz kennengelernt habe, denke ich mal, war deren Prozenzsatz auch höher.
Das sollte der oberste Kommandeur aber wissen.