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Donnerstag, 25. Oktober 2012

Was war los in Bautzen? Das Gelbe Elend und andere Lügen.

 
Verlogenes Feindbild - Was war los in Bautzen? Horst Schneider gibt Auskunft
 
Von Georg Grasnick in jungeWelt 24.10.2012

Das ehemalige sowjetische Speziallager Bautzen, die spätere Strafvollzugsanstalt des DDR-Ministeriums des Inneren, wird heutzutage gerne als »Symbol stalinistischen Terrors«, ja als »Auschwitz der DDR« ausgerufen, wo »Stasi-Folterknechte« am Werk gewesen seien. »Bautzen« gilt vielen ein Synonym für den »Unrechtsstaat DDR«. In Sachsen ist die Gleichsetzung der Nazidiktatur mit der DDR zur Verfassungspflicht erhoben.

Gegen eine solche rigorose Symbolpolitik von interessierter Seite protestiert der Historiker Horst Schneider mit seinem Buch: »Das Gelbe Elend und andere Lügen«. Bekanntlich wurde das im Kaiserreich errichtete Zuchthaus, das auch heute noch als Justivollzugsanstalt dient und in der Literatur als »Bautzen I« bezeichnet wird, wegen seiner gelben Fassaden »Gelbes Elend« genannt. Hier befand sich von 1945 bis 1950 das Speziallager der sowjetischen Militäradministration, in dem Nazis interniert waren. In einem anderen Gebäudekomplex aber befand sich von 1950–1990 die Justizstrafanstalt »Bautzen II«, seit 1993 ist hier eine Gedenkstätte untergebracht. Aber wessen und wie soll gedacht werden?

Schneider, der heute 85 Jahre alt wird, legt dar, daß im DDR-Strafvollzug kein justitiabler Fall von Folter entdeckt werden konnte. Auch vermochte die bundesdeutsche Justiz es nicht nachzuweisen, daß Bautzen eine Sonderhaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen sei. Statt dessen mußte man konzedieren, daß die Haftbedingungen dort kaum Unterschiede zu denen in der BRD aufwiesen.

Die laut Schneider verlogene Darstellung Bautzens als »Stasi-Hölle« soll politischen Mord, Brandstiftung, Sabotage, Spionage und andere Delikte zur Destabilisierung der DDR als legitim erscheinen lassen. Erinnert wird daran, daß im Westen wie im Osten Deutschlands von den Alliierten gemäß der von ihnen in Potsdam eingegangenen völkerrechtlichen Verpflichtungen Spezial­lager eingerichtet wurden. Es ähnelten sich sowohl die Zahlen der Inhaftierten, die Zusammensetzung der Häftlingsgruppen als auch die Zahl der gefällten und vollstreckten Todesurteile. Hier wie dort saßen auch Unschuldige ein, kamen durch mißliche Umstände Menschen ums Leben. Der Autor gibt zu bedenken, daß eine emotionslose, korrekte Rechtsprechung angesichts der frischen Verbrechen des Faschismus gar nicht möglich war.

Schneider macht darauf aufmerksam, daß die Speziallager im Westen infolge eines Deals zwischen der US-Administration und Adenauer aufgelöst und die Inhaftierten im Rahmen einer Generalamnestie auf freien Fuß gesetzt wurden – durchaus Ausdruck der Strategie des »Roll back« gegen den Osten. Hierzu paßt die politische und personelle Kontinuität zwischen NS-Justiz und bundesdeutscher Nachkriegsjustiz. Bis 1968, als die 1956 verbotene kommunistische Partei wieder legalisiert wurde, wurden 150000 Ermittlungsverfahren durchgeführt, vorrangig gegen Kommunisten und Gegner der Remilitarisierung. Im Anschluß, in den 1970er Jahren wurde der »Radikalenerlaß« praktiziert, mit 3,5 Millionen Überprüfungen und 11000 Berufsverbotsverfahren im öffentlichen Dienst. Diese Opfer des Kalten Krieges sind bis heute nicht rehabilitiert.

Demgegenüber trägt eine totalitarismustheoretisch geleitete Gleichsetzung von NS-Regime und DDR für Schneider nur zur Verharmlosung des ersteren bei und bereite der Entwicklung nach rechts ideologisch den Weg.
Horst Schneider: Das Gelbe Elend und andere Lügen. Spotless, Berlin 2012, 190 Seiten, 9,95 Euro

4 Kommentare:

  1. Ausgezeichnet, Genossen!
    Hinweis darauf:
    http://politiekencultuur.blogspot.be/2012/10/verlogenes-feindbild-was-war-los-in.html

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  2. ich habe, zu Besuch bei meiner Oma, 1956 das KPD Verbot live miterleben "dürfen" Wer Filme aus der NAZI-Zeit gesehen hat, dort dargestellte Hausdurchsuchungen, kann sich in etwa ein Bild davon machen, was ich als 9-jähriger erlebt habe und was mich politisch geprägt hat. An einem Sonntag gegen 6 Uhr drangen etwa 6 Polizisten in das Haus ein, zerrten uns Kinder aus den Betten und wirbelten diese total auf, Bettzeug, Laken, Matratzen, dann wurden alle Schränke geleert. Alles wurde auf den Boden geworfen, die Schubfächer aus den Schränken gezogen und mitten in den Zimmern ausgeschüttet. So sah die Realität im"Rechtsstaat" Bundesrepublik Deutschland aus - ausgeführt von Polizisten, die eventuell noch unter den NAZIS schon ihren Dienst vesehen hatten und in der Verfolgung von Kommunisten und Freidenskämpfern geübt waren.

    Günther Wassenaar
    wassenaar@web.de

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  3. Als ich den Artikel am 25.10.012 in der "jungen Welt" las, schrieb ich den folgenden Leserbrief mit etwas Verwunderung, denn nur ganz beiläufig wird mitgeteilt, daß Horst Schneider Geburtstag hat. "Ergänzend zu diesem Artikel sei mir ebenfalls gestattet, Horst Schneider anläßlich seines 85sten Geburtstages die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen, auch wenn er meint, wie in seiner Antrittsrede 1990 vor der Stadtverordnetenversammlung von Dresden als Alterspräsident, Alter sei kein Verdienst. Damit hat er formal zwar recht, jedoch gebühren gerade ihm inhaltlich Verdienste als standhaft ungebeugtem Historiker besonders nach dem Erfolg der Konterrevolution mit seinen Publikationen zur Genüge.

    Das stellt auch die über 400 Seiten umfassende Jubiläumsschrift »Streitbar«, die zu seinem 85sten Geburtstag im Wiljo Heinen Verlag erschien, unter Beweis.

    »Ich habe mir durch meine Texte auch Feinde erworben... Daß sich Dr. Hubertus Knabe besonders gehässig über mich äußerte, hat mir Vergnügen bereitet. Ich habe sein Urteil in mein Buch aufgenommen«, bekundet Horst Schneider dort in der Einleitung. Er, der u. a. Konsul von 1970 - 73 in Tansania und von 1964 bis 1990 Mitglied der UNO-Liga der DDR war, »entschuldigt« sich auf ironische Weise im nächsten Kapitel und schreibt: »Ich wollte diese ‚Ankunft’ nicht und schließe mich denen an, die Krieg und Ausbeutung überwinden wollen. Mein Gewissen gebietet das.« Nicht zuletzt die auch amüsant zu lesende, aber dennoch schwergewichtige Geburtstagsrede über »Zufälle, nichts als Zufälle« von Armin Stolper anläßlich des schon vor fünf Jahren vergangenen 80sten, sondern der einen krönenden Abschluß bildende Text von Johannes R. Becher zur Nationalhymne der DDR auf der Bucheinbandrückseite untermauern dieses Bekenntnis.

    Zu Georg Grasnicks Buchvorstellung: »Das gelbe Elend und andere Lügen« von Professor Horst Schneider aus dem Spottless Verlag, erlaube ich mir eine Richtigstellung: Wenn in dem Artikel steht, daß die 1956 verbotene kommunistische Partei 1968 wieder legalisiert worden sei, so ist das falsch.
    Das Unrechtsurteil von Karlsruhe gegen die KPD besteht nämlich nach wie vor."

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  4. aber hallo ????

    als frage oder verwunderung oder einfach nur als kopfschütteln!!!

    ich habe meine zeit 1969 in bautzen II abgeseseen und der artikel verwundert mich doch sehr. das buch habe ich nicht gelesen, dafür aber wegen vorlauten verhaltens 21 tage im bunker gesessen und von gleichen verhältnissen wie in bundesdeutschen gefängnissen kann da keine rede sein.

    es war ein stasiknast und wird es in der erinnerung der inhaftierten auch immer die hölle auf erden bleiben.also nix mit panikmache oder verherrlichung irgend einer gedankenrichtung.

    FRAGT EINFACH MAL DIEJENIGEN DIE DORT GESESSEN HABEN

    sofern einer bis heute überhaupt in der lage ist über diese zeit zu sprechen.

    dietmar
    entlassen am 6.8.1970

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