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Dienstag, 22. November 2011

Historisches Stichwort: 1. Deutscher Volkskongress 1947

Aus einem Beitrag von Prof. Dr. jur. Manfred Gerlach

Am 6. und 7. Dezember 1947 fand der erste Deutsche Volkskongress für Einheit und gerechten Frieden in Berlin statt. Im November hatte sich die SED an das deutsche Volk gewandt.
Zuvor hatte der Vorsitzende meiner Partei, der LDPD, Dr. Wilhelm Külz, die Bildung einer deutschen Repräsentanz allein aus Vertretern der politischen Parteien angeregt, das war am Widerstand von Kurt Schumacher (SPD) gescheitert. Auch Dr. Eugen Schiffer, Reichsminister in der Weimarer Republik, Präsident der Zentralverwaltung der Justiz in der SBZ und führender Liberaldemokrat, hatte die Schaffung einer Nationalen Repräsentanz vorgeschlagen.


Wilhelm-Külz-Ehrennadel der LDPD - aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum
Trotz Verfolgung und Verbot kamen nun allein aus Westdeutschland 650 Delegierte. Meine Zustimmung zu einem Volkskongress ergab sich aus prägenden Ereignissen: Als Jugendlicher hatte ich in den Kriegsjahren „Heldentod“ und schwere Kriegsverletzungen vieler Kameraden erlebt. Nach Bombenangriffen auf meine Heimatstadt Leipzig hatte ich helfen müssen, die Opfer in den Trümmern zu bergen, auch die Leichen der Besatzung eines abgeschossenen USA-Bombers. Meine Ablehnung des Naziregimes wurde immer konsequenter und aktiver. Das HJ-Gericht Sachsen verurteilte mich 1944 wegen der Bildung einer illegalen Jugendorganisation zu Jugendarrest.
Mit 18 Jahren verfasste ich 1946 und 1947 als Resultat meiner Erfahrungen für mich und meine Freunde eine Studie unter der Überschrift „Gedanken zum kommenden pazifistischhumanistischen Weltbild“. Folgerichtig nahm ich als Delegierter der FDJ, in Übereinstimmung mit meiner Partei, am 1. Volkskongress wie auch anschließend am 2. Volkskongress im März 1948 und am 3. Volkskongress im Mai 1949 teil. Ich arbeitete von 1947 bis 1949 in dieser Bewegung mit, nahm an vielen Veranstaltungen in Ost und West teil und war in Sachen der deutschen Einheit oft unterwegs. Hierbei spürte ich deutlich die wirkliche Chance für die Einheit.
Der auf dem 2. Volkskongress gewählte Deutsche Volksrat, dem ich angehörte, konstituierte sich am 7. Oktober 1949 als vorläufiges Parlament und rief die Gründung der DDR aus.
Ich war nun also Abgeordneter der Volkskammer und blieb es bis zum Ende der DDR. Welche Ziele verfolgten wir seinerzeit? Die programmatische und praktische Grundlage für die Volkskongressbewegung war das Potsdamer Abkommen, das bekanntlich in der SBZ und dann in der DDR konsequent, dagegen in der BRD gar nicht durchgeführt wurde. Für uns galt die Losung, die mit dem 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung, verknüpft ist: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ Kampf um die Einheit Deutschlands bedeutete in jener Nachkriegsperiode Kampf um die Beseitigung der Überreste des faschistischen Regimes und seiner monopolkapitalistischen Grundlagen, bedeutete Kampf um den Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung in ganz Deutschland.
Ein früher Versuch zur Einheit scheiterte: Im Juni 1947 kamen in München zum ersten und zugleich letzten Mal die Ministerpräsidenten der Länder aus ganz Deutschland zusammen.
Die Ministerpräsidenten aus der sowjetischen Besatzungszone schlugen vor, als erstes über Maßnahmen zur Herstellung der politischen und wirtschaftlichen Einheit zu verhandeln. Die der CDU/CSU und der SPD angehörenden Vertreter der west- und süddeutschen Länder weigerten sich, zu dieser Grundfrage der Nation Stellung zu nehmen. Für sie war die Spaltung Deutschlands schon eine beschlossene Sache. Die Münchner Konferenz endete ergebnislos.
Und im Herbst 1947 wurde endgültig deutlich, dass die Schaffung einer gesamtdeutschen Volksbewegung für die Herstellung der Einheit Deutschlands und den Abschluss eines Friedensvertrages nicht mehr verzögert werden durfte. Die Ziele des Volkskongresses wurden nicht erreicht. Die Spaltungspolitik der Westmächte und westdeutscher Politiker verhinderte die deutsche Einheit und führte zur Bildung des Bonner Separatstaates, zur Einbindung der Bundesrepublik in die NATO und zur Remilitarisierung.
Als es schließlich 1990 zum „Tag der Einheit“ kam, erfolgte dies nicht – wie im Grundgesetz vorgezeichnet – durch Vereinigung zweier gleichberechtigter deutscher Staaten, sondern durch den erzwungenen Anschluss der DDR an die BRD mit all seinen schlimmen Folgen. Zu ihnen gehört auch die Rolle des vereinten Deutschland als ein Hauptproduzent von Waffen aller Art und als Beteiligter an Aggressions- und Unterdrückungskriegen in aller Welt.



Prof. Dr. jur. Manfred Gerlach war seit 1945 Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD), seit 1954 ihr Generalsekretär, von 1967 bis 1990 Parteivorsitzender.
Ab 1960 war er Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, von Dezember 1989 bis April 1990 dessen amtierender Vorsitzender. Manfred Gerlach verstarb am 17. Oktober 2011 in Berlin.

2 Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. The social base of the LDPD was different from that of the SED. But what were the differences between the program of the LDPD and that of the SED?
    Dieser Artikel ist interessant.
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    Die soziale Basis des LDPD war derjenigen von SED unterschiedlich. Aber wie waren die Unterschiede zwischen dem Programm des LDPD und demjenigen von SED?

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