Angesichts einer solchen Situation wäre es mehr als angebracht, die Erfahrungen aus dem Herangehen an jene Bildungsreform in der DDR aufzugreifen und zu nutzen, die mit dem Begriff „Einheitliches sozialistisches Bildungssystem“ verbunden sind.
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| Polytechnische Oberschule "Wilhelm Pieck" - Guben |
Die wichtigste Aufgabe einer Einheitsschulentwicklung, die Überwindung des Bildungsdualismus und damit die Überwindung des bürgerlichen Bildungsprivilegs, konnte auf der Grundlage der Länder-Gesetze zur Demokratisierung der deutschen Schule von 1946 in den vierziger und fünfziger Jahren gelöst werden. Die weitere Ausgestaltung der demokratischen Einheitsschule fand ihre rechtliche Fundierung im „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“, das am 25. Februar 1965 von der Volkskammer beschlossen wurde.
Auf der Einheitsschulidee fußend und sie weiterführend charakterisiert dieses Gesetz erstmalig und bisher einmalig in der Geschichte des deutschen Bildungswesens die Gesamtheit der staatlichen und auch gesellschaftlichen Bildungseinrichtungen und Bildungsbestrebungen von der frühen Kindheit bis zur Hochschul- und Erwachsenenbildung, einschließlich der Aus- und Weiterbildung der Pädagoginnen und Pädagogen in ihrer inneren Einheit und Kontinuität.
Der Prozess der Entwicklung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems wurde mit einem Beschluss des VI. Parteitages der SED 1963 eingeleitet, der die Bildung einer zentralen staatlichen Kommission unter dem Vorsitz des stellvertretenden Ministerpräsidenten Alexander Abusch vorsah. Diese Kommission lenkte zwei Jahre lang den Prozess der Ausarbeitung von Grundsätzen, stimulierte die öffentliche Diskussion darüber und wertete sie aus und legte schließlich den Gesetzentwurf für die Volkskammer vor.
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| "Juri-Gagarin" Oberschule - Fürstenwalde (Spree) |
Die Erarbeitung der Grundsätze für die Gestaltung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems basierte auf wissenschaftlichen Vorarbeiten des Deutschen Pädagogischen Zentralinstituts unter Einbeziehung von Wissenschaftlern verschiedenster Fachgebiete der Universitäten und Hochschulen. Eine fast ein Jahr dauernde öffentliche Diskussion der Grundsätze in Schulen, Betrieben und kommunalen Vertretungen, in der Presse und in Form einer Vielzahl von Zuschriften an die zentrale Kommission machte das Interesse der Bevölkerung der DDR an Bildungsfragen deutlich. Mehr als 5000 schriftlich eingereichte Stellungnahmen, Kritiken und Vorschläge mussten von der Kommission mit Hilfe mehrerer Arbeitsgruppen gesichtet und ausgewertet werden. Wie hier vorgegangen und gearbeitet wurde, das war nicht zuletzt auch aus heutiger Sicht ein wirklich demokratischer Prozess. Die in den Grundsätzen und dann im Gesetz niedergelegte Konzeption für die Bildungsreform war auf eine langfristige Entwicklung – 10 bis 20 Jahre – angelegt. In der Vorbereitungsphase zum IX. Pädagogischen Kongress 1989 gab es Vorschläge für die Novellierung bzw. für ein neues Gesetz. Unabdingbarer Bestandteil des Prozesses der Bildungsreform war wissenschaftliche Begleitung, die wissenschaftliche Fundierung der einzelnen Teilschritte und das aktive Mitwirken von Wissenschaftlern bei der Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Die Bildungsreform hatte von Anfang an auch die Gesamtheit der Bedingungen finanzieller, materieller und personeller Art im Auge – im Wissen darum, dass sie nicht in einem Schlag da sind, sondern schrittweise entsprechend den ökonomischen Möglichkeiten zu schaffen sind. Zu diesen zu schaffenden Bedingungen gehörte als ein Kernstück der gesamten Bildungsreform die Neugestaltung der Aus- und Weiterbildung der Pädagoginnen und Pädagogen einschließlich der Qualifizierung des leitenden Personals, insbesondere der Schuldirektoren.
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| "Wilhem Pieck" Oberschule - Eisenhüttenstadt |
Und nicht zuletzt verstand sich die Bildungsreform in der DDR als Fortsetzung, als schöpferische Aufbewahrung von allem Wertvollen in der deutschen und europäischen Schul- und Bildungsgeschichte. Eine Vielzahl von Publikationen zum pädagogischen Erbe und zu den Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung und speziell der Lehrerbewegung zeugen davon.
Welches waren die Grundideen, die mit dem Gesetz von 1965 schrittweise bildungspolitisch-pädagogische Praxis werden sollten und auch wurden?
- Die Entwicklung des Bildungswesens wurde als ein in die gesamtgesellschaftliche Entwicklung integrierter Prozess gestaltet; betont wurde die Verantwortung der Gesamtgesellschaft für Bildung und Erziehung der Jugend.
- Konzipiert wurde ein einheitliches Bildungssystem von Krippe, Kindergarten und Oberschule bis zur beruflichen-, Hochschul- und Weiterbildung. Damit wurde die progressive Aufhebung der antifaschistisch-demokratischen Schulreform von 1946 bewirkt.
- Ausgangspunkt aller Überlegungen war das Anliegen, eine hohe Bildung für alle zu gewährleisten und jeden jungen Menschen in seiner Entwicklung zu fördern.
- Allen Kindern, deren Eltern das wünschten, sollte der Besuch eines Kindergartens ermöglicht werden.
- allen Kindern und Jugendlichen sollte eine zehnjährige Oberschulbildung und eine gediegene Berufsausbildung, gegebenenfalls auf Fach- und Hochschulniveau gesichert werden.
Eine inhaltliche Neubestimmung von Allgemeinbildung wurde auf die Tagesordnung gesetzt; der polytechnische Charakter der Oberschule sollte ausgebaut und gefestigt werden.
- Eindeutig wurde die Erziehung der Jugend – nicht nur in der Schule – auf sozialistisch-humanistische Werte orientiert.
- Angestrebt wurde die Herausbildung eines Bildungswesens für die sich entwickelnde sozialistische Gesellschaft.
Prof. Dr. habil. Günter Wilms



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