Das Festival fand von 1970 bis 1990 alljährlich im Februar in Berlin statt. Es war seinerzeit eine der größten Musikveranstaltungen der DDR überhaupt und eine „internationale Institution“. So charakterisierte es Mikis Theodorakis 1983. Neben ihm traten hier Künstlerinnen und Künstler aus über 60 Ländern aller Kontinente auf, darunter namhafte Größen der Folk- und Liedermacherszene wie Miriam Makeba aus Südafrika, Quilapayún aus Chile und Pete Seeger aus den USA, um nur einige zu nennen. Große Ereignisse der Weltpolitik wie der Sieg des vietnamesischen Volkes über die US-Aggressoren, der faschistische Putsch in Chile oder die sandinistische Revolution in Nicaragua spiegelten sich im Festival ebenso wider wie das Wohl und Wehe der Entwicklung in unserem Vaterland DDR oder wie der gemeinsame Kampf für Frieden und Abrüstung.
Anfangs präsentierten gerade einmal 12 Musiker und Bands aus 6 Ländern vor ca. 3.000 Zuschauern ihr Programm. Bereits in seinen Kinderschuhen zeichnete sich das Festival jedoch durch ein ganz besonderes Profil und durch eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Bis 1990 wuchs die Zahl der Zuschauer auf durchschnittlich 50.000 an. Der amerikanische Pianist Frederic Rzewski konstatierte 1980: "Dieses Festival hat die Potenz, der interessanteste internationale Schauplatz der fortschrittlichen Musik zu werden."
Der aus der Singebewegung in der DDR hervorgegangene Oktoberklub und die FDJ-Bezirksleitung Berlin wirkten Anfang 1970 gewissermaßen als Initiatoren und Geburtshelfer des Festivals, ohne dessen nachfolgende Erfolgsgeschichte auch nur ansatzweise zu ahnen. Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Berlin trugen wie ein Katalysator ihrerseits dazu bei, diese Entwicklung zu beschleunigen. Zu dieser Zeit erreichte die Anzahl der Singeklubs in der DDR mit über 4.000 ihren Höchststand.
Die Singebewegung und das Festival des politischen Liedes als Erscheinungen einer "Ersatzprotestkultur" zu bezeichnen, die sich "mit offizieller Duldung (...) der Posen und Accessoires westlicher Protestbewegungen" bedient habe, wie z.B. von Stefan Wolle in „Die heile Welt der Diktatur“ behauptet, wird der Sache jedoch keineswegs gerecht. Die Solidarität mit den nationalen Befreiungsbewegungen in aller Welt und die Sympathie für den Klassenkampf der Arbeiter und für den Protest fortschrittlicher Künstler in den Hochburgen des Kapitals habe ich anders erlebt. Sie waren keineswegs verordnet, sondern echt.
Die Organisation des Festivals erfolgte zu großen Teilen ehrenamtlich – auch nachdem der FDJ-Zentralrat ab 1975 als Hauptveranstalter fungierte.
Ich erinnere mich noch gut an die Bereitschaft vieler vorwiegend junger Menschen aus allen Teilen der Republik, auch mit kleinen Beiträgen und persönlichem Engagement zum Gelingen der Konzerte und der anderen Veranstaltungen beizutragen, sei es beispielsweise als Ordner, als Übersetzer oder als Gastgeber mit Privatquartier.
Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler entwickelten häufig auf dem Festival und in dessen zeitlicher Nähe eine besondere Kreativität. So manche noch heute bekannten Musiktitel erlebten dort ihre Uraufführung und nicht wenige von ihnen sind so aktuell wie seinerzeit ...
Auch wenn das Festival in seiner ursprünglichen Form und Ausgestaltung zusammen mit der DDR 1990 aufgehört hat zu existieren, reichen seine Spuren bis in unsere Zeit hinein. Die Akademie der Künste beherbergt und verwaltet beachtliche 30 laufende Meter an archivierten Unterlagen, Texten und Tondokumenten davon und darüber. Seit dem Jahr 2000 veranstaltet der Verein „Lied und soziale Bewegungen e.V“ in Berlin das „Festival Musik und Politik“. Obwohl inhaltlich etwas anders bestimmt, nimmt es doch eine Reihe von Traditionen des Festivals des politischen Liedes aus der DDR in sich auf und bewahrt sie.
Michael Forbrig
Sag mir, wo du stehst!
1. Sag mir, wo du stehst, und welchen Weg du gehst! Zurück oder vorwärts, du musst dich entschließen! Wir bringen die Zeit nach vorn Stück um Stück. Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen, denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück!
2. Sag mir, wo du stehst, und welchen Weg du gehst! Du gibst, wenn du redest, vielleicht dir die Blöße, noch nie überlegt zu haben, wohin. Du schmälerst durch Schweigen die eigene Größe. Ich sag dir: Dann fehlt deinem Leben der Sinn!
3. Sag mir, wo du stehst, und welchen Weg du gehst! Wir haben ein Recht darauf, dich zu erkennen, auch nickende Masken nützen uns nicht. Ich will beim richtigen Namen dich nennen. Und darum zeig mir dein wahres Gesicht!
(Hartmut König)
Wann findet das nächste Mal das festival des politischen Liedes statt? Ich bin dabei !
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