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Montag, 5. März 2012

5. März 1946 - Die Rede Winston Churchills in Fulton - der Auftakt zum Kalten Krieg

An diesem Tag hielt der während der Potsdamer Konferenz 1945 als britischer Premierminister abgewählte Winston Churchill im Westminster College in Fulton im US-Bundesstaat Missouri eine Rede, die in der Geschichte eine geradezu traurige Berühmtheit erlangt hat. Sie war auffällig geprägt von scharfer Polemik gegen die sowjetische Nachkriegspolitik. Churchill sprach darin erstmals öffentlich von einem "Eisernen Vorhang" ("iron curtain"), der den europäischen Kontinent teile.

Winston Churchill
Er scheute sich dabei keineswegs, wissentlich eine Formulierung zu verwenden, die erst wenige Monate zuvor im Februar 1945 in ähnlichem Sinne angesichts der bevorstehenden Niederlage Nazideutschlands durch den faschistischen Propagandaminister Goebbels gebraucht wurde, in Anspielung auf den eisernen Vorhang im Theater.
Jetzt diente sie dem politisch noch immer sehr einflussreichen britischen Oppositionsführer dazu, die Notwendigkeit zu begründen, an die Stelle der Antihitlerkoalition mit der Sowjetunion nunmehr ein zweiseitiges Bündnis zwischen der Atommacht USA und Großbritannien treten zu lassen, da "auf die Russen am meisten das Argument der Stärke" wirke.
 In Fulton erklärte Churchill:

"Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria ist ein ‚Eiserner Vorhang' über den Kontinent gezogen. Hinter jener Linie liegen alle Hauptstädte der alten Staaten Zentral- und Osteuropas, Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Alle jene berühmten Städte liegen in der Sowjetsphäre, und alle sind sie in dieser oder jener Form nicht nur dem sowjetrussischen Einfluss ausgesetzt, sondern auch in ständig zunehmendem Maße der Moskauer Kontrolle unterworfen."
Sodann analysierte Churchill die Lage in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg von seiner Klassenposition aus, und auch ihm konnte nicht verborgen bleiben, dass sich in weiten Teilen Europas und Asiens eine revolutionäre Situation herausgebildet hatte. Mehr noch: In einer Vielzahl von Ländern, die fern von Moskau und aus seiner Sicht diesseits des "Eisernen Vorhangs" lagen, hatten sich starke kommunistische Parteien gebildet, die er als "kommunistische fünfte Kolonnen" diffamierte.
Nach Churchills Auffassung stellten die kommunistischen Parteien allesamt eine wachsende Gefahr für die "christliche Zivilisation" dar. Es reiche daher keineswegs aus, eine knappe Überlegenheit an Macht zu haben. Das würde nach seiner Lesart die andere Macht nur in Versuchung führen. Der Westen müsse seine eindeutige Überlegenheit herstellen. Ein "Bruderbund der Englisch sprechenden Völker" sei anzustreben, und die Bildung einer internationalen Streitmacht im Dienste der Vereinten Nationen.
Churchill hatte mit seiner Fulton-Rede ein ideologisches Manifest vorgelegt, das die Sowjetunion nunmehr offen zum „Hauptfeind des Westens" erklärte. Es fand nur ein Jahr später, am 12. März 1947, seine Fortschreibung, indem der US-Präsident in seiner Truman-Doktrin in einer Botschaft an den Kongress der Sowjetunion eine expansive Politik unterstellte. Wie zuvor Churchill, beschwor Truman die Bedrohung der "freien Welt" durch den Kommunismus. Wie wir heute wissen, ist Churchills Rede mit führenden US-amerikanischen Politikern vorher abgestimmt worden. Die starke Hervorhebung einer sowjetischen Bedrohung diente neben der Rechtfertigung des fortgesetzten eigenen Strebens nach atomarer Bewaffnung auch dem Zweck, die Abgeordneten des US-Kongresses auf eine Bewilligung von Krediten in Milliardenhöhe für Großbritannien einzustimmen.
Der 1947 beschlossene Marshall-Plan pumpte schließlich folgerichtig über mehrere Jahre hinweg rund 17 Milliarden Dollar nach Europa, die de facto der Wiederaufrichtung und Stärkung des westeuropäischen Imperialismus als „Bollwerk gegen den Kommunismus" zugute kamen. Ein erheblicher Teil davon floss auch in die westlichen Besatzungszonen Deutschlands und ermöglichte hier, gestützt auf die Streitkräfte der Westalliierten und in Verbindung mit massiver antikommunistischer Propaganda die Restauration der kapitalistischen Macht- und Besitzverhältnisse. Eben dieses Klasseninteresse hatte Vorrang vor jeglichen Lippenbekenntnissen westdeutscher Politiker zur deutschen Einheit. Adenauers später viel zitiertes „
Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb" brachte das Anliegen auf den Punkt. In einem Prawda-Interview vom 13. März 1946 äußerte sich J. W. Stalin zur Fulton-Rede Winston Churchills:

"Dem Wesen der Sache nach stellten Mr. Churchill und seine Freunde in England und in den Vereinigten Staaten den nicht Englisch sprechenden Nationen eine Art Ultimatum: Erkennt ihr unsere Herrschaft freiwillig an, so wird alles in Ordnung sein, im entgegengesetzen Fall ist der Krieg unvermeidlich."
Dass der durch die aggressivsten Kreise des Kapitals kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs heraufbeschworene – schon bald als „Kalter Krieg" bezeichnete - Konflikt trotz beständiger Kriegsdrohung nicht zu einem vernichtenden militärischen Zusammenstoß führte, ist letztlich vor allem dem durch die Sowjetunion unter enormem wirtschaftlichen und militärischen Aufwand erhaltenen Gleichgewicht der Kräfte zu verdanken. Es sicherte jahrzehntelang in entscheidendem Maße den Frieden in Europa.

Michael Forbrig

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