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| Am 13. Oktober 1948 förderte Adolf Hennecke an einem Tag 24,4 Kubikmeter Steinkohle - Bundesarchiv/Foto: Hensky, Bild 183-R79917 |
Eine historische Tat
Jenen, die in der DDR zur Schule gingen, sind Namen wie Adolf Hennecke und Begriffe wie Aktivistenbewegung durchaus geläufig. Nachgeborenen sagen sie kaum noch etwas oder gar nichts. Ein Grund genug, daran zu erinnern, zumal der einstmals legendäre Bergmann Hennecke vor 105 Jahren geboren wurde und vor 35 Jahren verstorben ist. In der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, war er einer der Bahnbrecher des Neuen auf dem Gebiet der Arbeitsorganisation unter nichtkapitalistischen Bedingungen. Am ehesten maß er sich an dem gleichaltrigen sowjetischen Steinkohlenkumpel Alexej Stachanow, der großartige Leistungssteigerungen in der UdSSR erreicht hatte, von denen man auch im Ausland sprach.
In der östlichen Besatzungszone Deutschlands war man noch im Begriff, die Kriegswunden zu heilen. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD), erließ dazu Befehle wie den mit der Nummer 234 vom 9. Oktober 1947. Er befaßte sich mit "Maßnahmen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter".
Allgemein wurde er als "Aufbauplan 234" bekannt. Kurz zuvor hatte die SED auf ihrem II. Parteitag im September jenes Jahres ein Programm über Inhalt und Wege zum wirtschaftlichen Aufstieg beschlossen. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) setzte sich für Gratifikationen, also die Belohnung von Sonderleistungen, und Vorschlägen zur Verbesserung der Arbeitsergebnisse, ein. Er rief die Bewegung "Aktivist für 234" ins Leben.
In der SBZ nahm die Kohleindustrie einen besonderen Stellenwert ein. Vom ZK der KPD wurde das schon auf Wirtschaftskonferenzen Ende 1945 und Anfang 1946 betont. Ein Großteil diesbezüglicher deutscher Ressourcen, besonders die Steinkohle, befand sich nämlich in den westlichen Besatzungszonen oder auf inzwischen nicht mehr deutschem Boden. Und ohne Brennstoffe geht bekanntlich nichts! Also mußten Lösungen gefunden werden.
In diesem Sinne beschloß die 2. Zonenkonferenz der Kohleindustrie im Februar 1948 in Leipzig, wobei sie sich auf die Beschlüsse des II. Parteitags der SED stützte, die Arbeitsproduktivität im Industriezweig bis Ende 1948 um mindestens 15 % zu erhöhen. Dazu sollten alle Arbeitsprozesse durch neue Methoden revolutioniert und eine kontinuierliche Produktion erreicht werden. In der Steinkohle wie in der Braunkohle versuchten die dort Beschäftigten, diesen Vorgaben gerecht zu werden. Die meisten taten es allerdings nicht aus hochfliegenden politischen Gründen, sondern im Interesse ihres eigenen Überlebens. Es ging darum, das Kriegstrauma zu überwinden und durch der eigenen Hände Arbeit ein besseres Lebensniveau zu erringen.
Eine der spektakulärsten Taten vollbrachte hierbei der Hauer Adolf Hennecke, als er am 13. Oktober 1948 im Oelsnitzer Steinkohlenwerk "Karl Marx" eine Normerfüllung von 387 Prozent erreichte, was einer Abbaumenge von 24,4 Kubikmetern Steinkohle in einer Schicht entsprach. Das geschah nach einer außergewöhnlich akribischen Arbeitsvorbereitung und unter Nutzung aller Reserven und technischen Hilfsmittel. Insofern war das eine hervorragende, nicht aber ohne weiteres in anderen Bereichen nachvollziehbare Leistung. Sie diente als Beweis für Mögliches und stellte eine Initialzündung besonderer Art dar.
Bald schon sprach man vielerorts von Hennecke-Schichten. Hunderte Nacheiferer gab es nicht nur im Bergbau, sondern auch in anderen Industriezweigen. Erinnert sei hier an die legendäre Spinnerin Frieda Hockauf.
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| Foto: "Illustrierte Historische Hefte" Nr.16, 1979 - Archivbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. |
Selbst in meiner Heimat, dem Schipkauer Tagebau, wollte man nicht zurückstehen. Im Bereich der Braunkohleentwässerung unter Tage brachten es der Steiger Alwin Schönborn und der Hauer Paul Schwandt in einer siebenstündigen Hennecke-Schicht vor Ort auf 4,20 m Vortrieb anstelle von 2,60 m, die als üblich galten. Die Aktivistenbewegung war zur Realität geworden. Und sie war mit dem Namen ihres Oelsnitzer Wegbereiters eng verbunden.
Adolf Hennecke blieb nach seiner Spitzenleistung indes kein schlichter Bergmann mehr. Er wurde nicht nur mit dem Nationalpreis ausgezeichnet, sondern auch ein zu jeder Zeit verfügbarer Prototyp des modernen sozialistischen Werktätigen. Die Möglichkeiten für seinen Einsatz unter Tage reduzierten sich damit drastisch. Irgendwann wurde der einfache Mann ohne eigenes Zutun auf ein hohes Podest gestellt. Man berief ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter in das Ministerium für Grundstoffindustrie nach Berlin. Dort wurde er u. a. in die Vorbereitung und Durchführung des jährlich in unterschiedlichen Bergbauzentren durchgeführten "Tages des Deutschen Bergmannes" einbezogen.
Bei einer solchen Gelegenheit lernte ich ihn in Senftenberg kennen. Der hagere und hochaufgeschossene 60jährige hatte auf Grund seiner früheren Arbeit in niedrigen Stollen einen nach vorn gebeugten Gang. Die Falten in seinem Gesicht verliehen ihm einen Zug von Spitzbübigkeit. Er wirkte keineswegs wie eine "Obrigkeit", sondern strahlte Vertrauen und Einfachheit aus. Das kollegiale Du gegenüber jedermann war für ihn in Gesprächen und bei Beratungen selbstverständlich. So normal war auch sein Durst auf Bier und die Lust, nach einem anstrengenden Tag bis in die Nacht hinein dem Skat zu frönen. Ich war natürlich stolz darauf, unter Leitung eines Mannes wie Hennecke in der "Zentralen Kommission zur Vorbereitung und Durchführung des Tages des Deutschen Bergmannes" mitarbeiten zu können. Die Erinnerung daran steckt noch gut in den grauen Zellen und liegt in meinem Album in Form eines kleinen Ausweises mit Henneckes Unterschrift vor.
Das alles ist schon über 40 Jahre her. Es gibt kaum noch Zeitzeugen aus dieser Anfangsphase des Ringens um eine neue Einstellung zur Arbeit in volkseigenen Betrieben. Und es gibt auch kaum noch Bergbau im Osten, von einem Tag der Kumpel ganz zu schweigen, den ich einst zusammen mit den Einwohnern meiner Bergarbeitergemeinde als Kind und Jugendlicher, aber auch später oft genossen habe. Unsere Erinnerungen sollten aufbewahrt und an die Enkel weitergegeben werden.
Eberhard Rebohle


Ich weiß aber auch, daß Herr Henecke genau wie heutige Prominente, oder Politiker ob seiner Bekanntheit die Arroganz heraushängen ließ. Ungefähr 10 Jahre vor diesem Zeitraum, in dem Eberhard Rebohle die Zusammenarbeit schilderte, war Herr Henecke mit einer Delegation in Aue.(INFO: Aue war das Zentrum des Uranerzbergbau SDAG Wismut im Erzgebirge) Ich war damals ca. 16 Jahre und zufällig im Restaurant des HO-Wismut Hotel "Blauer Engel", als Herr Henecke mit 4 anderen Personen in das Restaurant mit 4-Mann-Tischen kam. An einem Tisch nahmen die 4 Anderen Platz und Herr Henecke im Trenchcoat und beide Hände in den Taschen vergraben angelte sich am Nachbartisch ohne zu fragen mit dem Fuß einen Stuhl und zog ihn hinüber. Darauf angesprochen fragte er nur, sehr schroff: "Sie wissen wohl nicht, wer ich bin??!"
AntwortenLöschenDaß er Herr Henecke war sagte mir jemand, ich wußte das mit 16 nicht. Und so erlebte ich, daß manche Menschen eine plötzliche Popularität nicht richtig verkraften können.
Von 1963 bis 1971 arbeitete ich bei der Wismut u. a. auch unter Tage.