Ich bin Bergmann, wer ist
mehr?
Nach
dem Ende des faschistischen Angriffskrieges stand - nicht nur - in Deutschland
an erster Stelle der Wiederaufbau der zerstörten Produktionsanlagen und die
Versorgung der Bevölkerung mit den grundlegendsten Gütern. Die USA beschlossen
1948 ein 'Europäisches Wiederaufbauprogramm' - bekannt als 'Marshall-Plan' Aus verständlichen Gründen lehnte dies die
Sowjetunion ab, denn die Einbeziehung der osteuropäischen Länder in den
US-amerikanischen Machtbereich konnte nur als erneute Bedrohung angesehen
werden. So war der wirtschaftliche Wiederaufbau in der damaligen sowjetischen
Besatzungszone aus eigener Kraft zu schaffen.
Es tat sich jedoch zu Beginn ein
Teufelskreis auf. Wer hungrig zur Arbeit geht, kann keine Höchstleistung
vollbringen. Güter der alltäglichen Versorgung mussten jedoch erst produziert
werden - und dies mit oft unzulänglichen Werkzeugen und knappem Material. Aber
noch weitere Probleme führten zu mangelnder Arbeitsdisziplin und Materialverschwendung.
Viele ehemalige faschistische Richter, Lehrer und sonstige Personen wurden zur
Bewährung in die Produktion geschickt. Mit welchem Eifer sie dies taten, war an
der hohen Zahl von Sabotageakten und Bummelschichten abzulesen. Aber auch viele
Arbeiter, die sich als engagierte Gewerkschafter am Wiederaufbau beteiligten,
verhielten sich mitnichten als Herren ihrer eigenen Geschicke. Erfahren im
Kampf gegen Arbeitshetze und Ausbeutung hatten sie zu lernen, dass die
Arbeitsergebnisse jetzt ihnen, und nicht fremden Herren zugute kamen.
Wo also beginnen? Die Idee der
Wettbewerbe entstand. Sie wurden organisiert von Betriebs-organisationen der
SED, der Gewerkschaft IG Bergbau und des Jugendverbandes FDJ. Ausgetragen
zwischen einzelnen Arbeitern, zwischen Schichtbelegschaften der Betriebe und in
Folge zwischen Betrieben eines Industriezweiges hatten sie das Ziel, die
Produktion mengenmäßig zu erhöhen. Im erzgebirgischen Oelsnitz wurde auf
der Schachtanlage 'Karl-Liebknecht' eine Aktion besonderer Art vorbereitet.
Nicht nur eine überdurchschnittlich hohe Fördermenge pro Schicht ist das Ziel.
Nach dem Motto 'Verstand geht vor Körperkraft' soll das Zusammenspiel von guter
Arbeitsorganisation, fachlichem Können und hohem Arbeitseinsatz demonstriert
werden. Am 13. Oktober 1948 war es soweit: der Bergmann Adolf Hennecke förderte
in gut geplanter Zusammenarbeit mit seinen Kollegen 380% des gesetzten
Normsolls an Steinkohle.
Als andere Bergleute den Gedanken der
eigenständigen Gestaltung ihres Arbeitsplatzes und den Aufbau funktionierender
Kollektive aufgreifen und vergleichbare Erfolge vorzuweisen haben, weitet sich
die Idee auf andere Bereiche der Wirtschaft in der DDR aus. Die Aktivisten-Bewegung
war entstanden.
Am
Freitag, 27. April 2012 um 19:00 Uhr
ver.di Bezirk Bochum/Herne, Saal 1,
Universitätsstr. 76
(hinterer Eingang), 44789 Bochum
wird die Tochter des ersten
Aktivisten Adolf Hennecke,
Hannelore Graff-Hennecke, in einer Lesung die
Biographie ihres Vaters 'Ich bin Bergmann, wer ist mehr?' vorstellen. Mit ihr
als Zeitzeugin wird es spannend, die Idee und Geschichte einer für viele von
uns unbekannten Arbeitsmoral - Rekordleistung auf der Basis von Volkseigentum -
zu diskutieren.
(Ein
umfangreicher Bücher- und Infotisch zum Thema wird ebenfalls vorhanden sein.)
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