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Donnerstag, 26. April 2012

Vom Frontbevollmächtigten des NKFD zum Armeegeneral der DDR


Zuerst möchte ich etwas sagen über den Heroismius der Werktätigen der Völker der Sowjetunion. Ohne diese große Leistungsbereitschaft und Opferbereitschaft der Arbeiterklasse, der Bauern und der Intelligenz wäre der Sieg über den Hitlerfaschismus nicht möglich gewesen. Als die Faschisten sich auf dem Vormarsch bis vor Moskau befanden, verlagerte die Sowjetunion große Teile der Industrie aus dem westlichen Teil der Sowjetunion in das weite Hinterland, und es wurde oft unter freiem Himmel, unter schwierigen Naturverhältnissen, unter außerordentlich schwierigen materiellen Bedingungen weiterproduziert, um die Rote Armee mit der notwendigen Ausrüstung zu versorgen.
Was die sowjetischen Streitkräfte anbetrifft, so muss man wahrscheinlich folgende Faktoren erwähnen: es ist bekannt, dass es eine Reihe von Befehlen der faschistischen Führung gab, vor allen Dingen die Politkader, die Politarbeiter der sowjetischen Streitkräfte, wenn sie ihrer habhaft wurden, sofort zu erschießen, - zu ermorden. Sie behandelten die in Gefangenschaft geratenen Angehörigen der Roten Armee wie Sklaven, wie Tiere. Und dennoch haben die Völker der Sowjetunion und deren Streitkräfte den Kampf mit einem großen Heroismus geführt. Ich selbst war das erste Mal an der Front im Winter 1942/43, noch vor der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland. Ich nahm gemeinsam mit Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte und deutschen Antifaschisten an einer Aktion teil, die helfen sollte, eingekesselte deutsche Truppen zur Kapitulation zu bringen, damit man auf beiden Seiten weitere Opfer verhindern konnte. Und hier habe ich erlebt, wie die sowjetischen Menschen gemeinsam mit uns in einer wirklich großen Einsatzbereitschaft und Hingabe diese ihnen und uns gestellte Aufgabe erfüllten.
Nach Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland wurde ich als Frontbevollmächtigter in erster Linie an der 1. Weißrussischen Front eingesetzt. Ich könnte viele Beispiele nennen. Ich habe jeden Tag erlebt, wie sowjetische Soldaten und Unteroffiziere, Offiziere und Generale der Roten Armee vor meinen Augen kämpften und gefallen sind. Ich habe teilgenommen an der großen Schlacht am Kursker Bogen , in der die Faschisten nach Stalingrad eine weitere entscheidende Niederlage hinnehmen mussten.
Das war alles nur möglich durch den klugen, intelligenten Einsatz der Kommandeure aller Stufen und durch den Kampfeswillen und die Bereitschaft der Soldaten und Unteroffiziere, Offiziere und Generale der Roten Armee, den Sieg über die faschistische Armee, über das faschistische Deutschland zu erreichen. Wir dürfen nie und niemals vergessen, dass von den 50 Millionen Toten, wie die Statistik angibt, die der zweite Weltkrieg die Völker gekostet hat, 27 Millionen tote Menschen auf die Sowjetunion entfielen, darunter ein beträchtlicher Teil Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte. Viele Menschen hatten nach dem Sieg über den Faschismus große Freude, aber auch großes Leid zu ertragen. Sie hatten Angehörige verloren. Viele waren verwundet, verkrüppelt. Und wiederum standen die Völker der Sowjetunion 1945, nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus, vor der Aufgabe, neu zu beginnen und trotz allem ein Land weiter zu entwickeln, das den Grundsätzen der Arbeiter- und Bauernmacht treu blieb.
Die Nationale Volksarmee war einerseits eine selbständige Armee eines sozialistischen Staates, der Deutschen Demokratischen Republik. Andererseits war sie Teil der Armeen der sozialistischen Staaten des Warschauer Vertrages und hatte somit die Verpflichtung im Verbund der Armeen der sozialistischen Staaten, an deren Spitze natürlich die erfahrendste sozialistische Armee stand, nämlich die Sowjetarmee, die sozialistische Staatengemeinschaft zu verteidigen. Beim Aufbau der Nationalen Volksarmee standen uns natürlich, bei Bewahrung des spezifischen Charakters in unserem Lande, die riesigen Erfahrungen, die die Sowjetunion in dem langen Aufbau gesammelt hatte, zur Verfügung. Viele Angehörige der Sowjetarmee haben uns in konkreter Weise beim Aufbau der gesamten Nationalen Volksarmee und der Teilstreitkräfte mit ihren theoretischen und praktischen Erfahrungen, nicht zuletzt mit denen des Vaterländischen Krieges, geholfen, die richtigen Formen und Methoden zu finden. Wir müssen auch festhalten, dass die Sowjetarmee, da zum Beispiel die Deutsche Demokratische Republik keine Rüstungsindustrie hatte und nicht über Rüstungsgüter verfügte, bei der Ausrüstung der Nationalen Volksarmee und der unterschiedlichen Teilstreitkräfte, einen Riesenanteil erbracht hatte und diese Ausrüstung zu günstigen Bedingungen der Deutschen Demokratischen Republik und der Nationalen Volksarmee zur Verfügung stellte.
Bis zu dem Verrat durch die Clique Gorbatschow gab es ein enges brüderliches Verhältnis zwischen den Angehörigen der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee, besonders zwischen der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und der Nationalen Volksarmee, deren verantwortlichen Kadern bis hinunter in die Regimenter und Bataillone. Es gab nämlich auch, wenn ich so sagen darf, „eine gemeinsame weltanschauliche Grundlage und diese hatte ihren Kern in der Tatsache, dass sowohl in der Sowjetunion wie in der Deutschen Demokratischen Republik eine Gesellschaftsordnung aufgebaut und Schritt für Schritt weiterentwickelt wurde, die sich sozialistisch nannte, das heißt, in der die Produktionsmittel, Land und Boden den Werktätigen gehörten. Und hier ist die eigentliche, sagen wir politisch-moralische oder wenn man so will, weltanschauliche Gemeinsamkeit und Grundlage, die diese Zusammenarbeit auf diese von mir oben genannte Weise ermöglichte.

Heinz Keßler, Armeegeneral a. D.


Kopie im Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
Nationalkomitee »Freies Deutschland«
Am 12. und 13. Juli fand in Krasnogorsk bei Moskau die Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« statt. Zu den Gründern gehörten kriegsgefangene Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade der ehemaligen Wehrmacht, sowie Vertreter der deutschen politischen Emigration, Schriftsteller, Ärzte, Geistliche und Arbeiter, kurz gesagt Vertreter verschiedener sozialer Gruppen. Zum Präsidenten des Nationalkomitees wurde der Schriftsteller und Dichter, der Kommunist Erich Weinert gewählt.
Zwei Monate später, am 11./12. September, wurde in Lunjowo bei Moskau auf einer Konferenz kriegsgefangener Offiziere und Generale der »Bund Deutscher Offiziere« (BDO) gegründet. Zum Präsidenten des BDO wurde der Generell der Artillerie, Walther von Seydlitz gewählt, der Ende Januar 1943 bei Stalingrad gefangen genommen worden war. Die Formierung beider Organisationen an der Wende des Krieges wurde zum Symbol des antifaschistischen Widerstandes außerhalb der Grenzen Deutschlands und versetzte dem Hitlerregime und seinem Oberkommando der Wehrmacht einen empfindlichen Schlag. Den bereits auf der Gründunsversammlung des BDO erkennbaren Bestrebungen für einen Zusammenschluss mit dem Nationalkomitee bei Weiterbestehen des BDO wurde am 14. September 1943 auf der gemeinsamen Vollsitzung NKFD/BDO durch eine Nachwahl von 14 BDO-Mitgliedern, unter ihnen die ersten vier Generale, sowie je drei Angehörige der Politemigration und der delegierten Kriegsgefangenen zu Mitgliedern des Nationalkomitees entsprochen. Gleichzeitig wurde mit dieser Wahl das bisherige Präsidium mit den Vizepräsidenten Major Karl Hetz, Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel und Soldat Max Emendörfer, durch die Vizepräsidenten General Walther von Seydlitz und Generalleutnant Edler von Daniels ergänzt. Alle 55 Mitglieder des jetzt vergrößerten Nationalkomitees unterzeichneten zum Abschluss der Konferenz das Manifest des Nationalkomitees »Freies Deutschland« an die Wehrmacht und an das deutsche Volk vom 13. Juli 1943.


ADN Sowjetunion: Sitzung des Nationalkommites "Freies Deutschland" Sitzend rechts: Erich Weinert, Präsident des Komitees, links daneben: General von Seydlitz - Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-P0926-309
Bund Deutscher Offiziere (BDO)
Bald nach Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« (NKFD) wurde eine intensive Werbung unter den kriegsgefangenen Offizieren und unter den Generalen ins Auge gefasst – es erwies sich als notwendig, höhere Offiziers-Dienstgrade für die Bewegung zu gewinnen, deren Stimme bei den Befehlshabern auf der anderen Seite der Front mehr Gehör finden würde als die Stimme des kleinen Offiziers und des Soldaten. Die Werbung unter den Offizieren stieß auf größere Schwierigkeiten als bei den Mannschaften. Es war schwer, gegen traditionelle, starr gewordene Ehrbegriffe zu argumentieren.
Dennoch gelang es, eine größere Anzahl von Mitkämpfern unter den jüngeren Offizieren zu gewinnen. Um den Offizieren den Anschluss an die Bewegung »Freies Deutschland« zu erleichtern, wurde von der Gruppe antifaschistischer Offiziere im NKFD die Schaffung einer Organisation ins Auge gefasst, die den Offizieren die Möglichkeit gab, sich ebenfalls einer Antihitler-Bewegung anzuschließen. Die zu schaffende Organisation sollte sich Bund Deutscher Offiziere (BDO) nennen. Es wurden eine Reihe von Delegationen aus Offizieren
unter den Mitgliedern des Nationalkomitees in die Offizierslager gesandt, um für den Bund zu werben, und im Fall des Erfolges Delegierte zu einer Gründungsversammlung nach Moskau, mitzubringen.
Der Gedanke, einen solchen Bund zu schaffen, fand fruchtbaren Boden bei einer größeren Anzahl von Offizieren. Die Werbung unter Generalen blieb jedoch anfangs erfolglos. Als die Vorbereitungen zur Gründungsversammlung im Gange waren, stellten sich jedoch nach Überwindung der letzten Bedenken, einige Generale zur Verfügung, an ihrer Spitze der ehem. Kommandierende General des LI Armeekorps bei Stalingrad, General der Artillerie Walther von Seydlitz, ihm folgten die Generale von Daniels, Lattmann und Dr. Korfes. Die Versammlung wählte General von Seydlitz zu ihrem Präsidenten. Da nun unter den Initiatoren des BDO alle Dienstgrade vertreten waren, gelang es, die Werbung leichter durchzuführen. Auch wirkte der Mut, mit dem Generale sich der Sache zur Verfügung stellten, beispielgebend.
Am 11. und 12. September 1943 fand in Lunjowo b. Moskau in Anwesenheit von über hundert Delegierten aus fünf Offiziers-Gefangenenlagern die Gründung des BDO statt. Der Bund bekannte sich in seiner Zielsetzung zum Programm des NKFD und beschloss, sich ihm anzuschließen. Der Anschluss an das NKFD erfolgte am 14. September 1943 auf einer Vollsitzung des Nationalkomitees. In einer einstimmig angenommenen Wahl wurden die Generale von Seydlitz und von Daniels als Vizepräsidenten und fünf Offiziere des BDO, unter ihnen zwei ehem. Divisions-Pfarrer ev. u. kath. Konfession, als Mitglieder in das NKFD aufgenommen.  

Aus: Ein biographisches Lexikon - Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland« von Gottfried Hamacher unter Mitarbeit von Andre Lohmar und Harald Wittstock


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