Kurt Barthel (Kuba) *8. Juni 1914 – †12. November 1967
„Wer kann dem Atem der Welt widerstehen?“
Kurt Barthel, der sich Kuba nannte, weil er nicht mit dem zu den Nazis übergelaufenen Schriftsteller Max Barthel verwechselt werden wollte, interessierte sich schon als Malergeselle für Literatur und Theater. Als Neunzehnjähriger emigrierte er in die Tschechoslowakei. Dort lernte er Louis Fürnberg kennen, der ihn zum Schreiben ermunterte. Seine Motivation war so groß, dass er neben der Arbeit im Widerstand an der Grenze die Laienspielgruppe „Neues Leben“ leiten und für die Prager „Rote Fahne“ schreiben konnte. Wie seine großen Vorbilder Walt Whitman, Wladimir Majakowski und Erich Weinert kannte er keine Trennung zwischen politischem Engagement und seiner schöpferischen Tätigkeit.
In England, im Internierungslager, entstanden die ersten Gedanken zu seinem bekanntesten und vielleicht auch schönsten „Gedicht vom Menschen“. Es hat die Form eines großen Mosaiks, das formal hymnische, balladeske, liedhafte, satirische und spruchhafte Elemente enthält. Es ist die Geschichte des Menschen, der sich aus seinen Fesseln befreit. Das Poem war ein erregendes Debüt.
| III. Deutschen Schriftstellerkongress (22. - 25. Mai 1952) in Berlin, Kuba gemeinsam mit Nationalpreisträger Stephan Hermlin Foto: Bundesarchiv Bild 183-14811-0005 |
Sein Gedicht „Aufruf 1936“ ist ihm in die Heimat vorausgeeilt: „Es rosten die starken Maschinen, gelähmt liegt das fruchtbare Land ...“. Das nach vorne drängende Versmaß des Hexameters steht im Kontrast zu der Beschreibung der sinnlosen Zerstörung durch den Krieg. Eine geniale Leistung! Kein Zufall, dass Schostakowitsch diesen Text vertonte. 1947 entstand das Aufbaulied, dort heißt es: „Besser als gerührt sein, ist sich rühren“. Er wandte sich mit diesen Worten gegen eine Literatur, die sich angesichts der Trümmer in bloßer Klage erschöpft. Er hat der neuen Zeit und der Hoffnung auf eine gerechtere Welt durch den Sozialismus eine Sprache verliehen. Es war Kuba, der Lieder von dem neuen Leben schrieb, der dem Wollen und der Sehnsucht einer Generation Stimme gab. Auch andere Gedichte halten an der agitatorisch- operativen Möglichkeit der Lyrik fest. Manche muten nahezu kunstlos an, indem er beispielsweise umgangssprachliche Wendungen benutzt, „bau´n wir erst ´nen neuen Staat“. Diese formalen Elemente werden aber von ihm bewusst verwendet, nicht aus Mangel an Sprachgewandtheit.
(siehe auch Aufbaulied der FDJ – Worte: Bertold Brecht, Weise: Paul Dessau)
Neben vielen Gedichten schrieb Kuba auch Prosa, wie die Legende vom „Klaus Störtebeker“. Kubas in freien Rhythmen und volkstümlichen Versen geschriebenes szenisches Massenspiel, die in sechs Episoden gegliederte dramatische Ballade „Klaus Störtebeker“, wurde auf den Rügenfestspielen 1959 uraufgeführt. Es war ein bemerkenswerter Versuch, an revolutionäre Traditionen anzuknüpfen und neue Formen der Volksliteratur zu entwickeln. In der bekannten Figur des Rebellen Klaus Störtebeker machte er das Leiden und die Kraft der unterdrückten Volksschichten des 14. Jahrhunderts transparent. Auch Drehbücher flossen aus seiner Feder. Sehr bekannt geworden ist das Filmszenarium „Schlösser und Katen“ (1957) und andere DEFA-Verfilmungen wie „Vergesst mir meine Traudel nicht“ (1957) oder „Hexen“ (1954).
Kuba gehörte im Westdeutschland Adenauers zu den meistgeschmähten Schriftstellern der DDR. „Er wurde im Kalten Krieg bedenkenlos zur Unperson stilisiert oder einfach totgeschwiegen, so noch jüngst in einer zweiteiligen Fernsehproduktion zur Theaterlandschaft der DDR. Da wird Kubas Ballade vom Klaus Störtebeker auf der Naturbühne Ralswiek als bloßes Schiffeversenken geschmäht – ohne die Poesie der Aufführung oder die sprachliche Schönheit zu erwähnen“, schrieb Scherner in einem in der „UZ“ veröffentlichten Beitrag.
Kuba erfuhr hohe gesellschaftliche Anerkennung, aber auch harsche Kritik für das Theaterstück „Bauernkantate“ und für die „Karl-Marx-Kantate“. Kuba erhielt viermal den Nationalpreis der DDR. Diese hohe Ehrung erhielt er nicht nur für seine literarischen Werke, sondern auch für sein Engagement. „Sein Haus war offen“, schreibt sein Freund E. Scherner, „und wer Fragen hatte, war willkommen. Die Antworten waren unkonventionell und schonungslos.“ Sein Schaffen war nie abgehoben. Er suchte immer wieder den Kontakt zu den Arbeitern, sei es als Klubleiter der Maxhütte oder mit seinem Aufruf an die Arbeiter am 17. Juni 1953.
Er konnte dem Atem der Welt widerstehen ohne selbstgerecht zu werden, er wusste um die Schwierigkeit. So heißt es in einem Gedicht aus dem Buch "Gedicht vom Menschen":
„Wer kann dem Atem der Welt widerstehen?
Macht den Gelehrten zum Dichter, dem Lügenmaul führt er die Feder,
dass die Kontur dieses Lebens im Nebel verlischt.
Sträube dich Pegasus. Bäume dich – Flügelgaul.
Schlecht trägt der Lügenwind, doch wenn der Rohrstock zischt,
glaubt ihm ein jeder, ach! Glaubt ihm ein jeder.“
Ulla Ermen
unter Ergänzungen und Korrekturen durch Jochen Barthel 10/2021
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| Ehrenwimpel aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. |

Lt. Spiegel vom 20.11.1967 konnte - was mit Stolz erfüllt - der Schreiber als Klassengegner KuBa kaum ertragen.
AntwortenLöschenDer Würdigung wäre noch nachzutragen, daß Kurt Barthel seinen Vater - einen Eisenbahnarbeiter - nicht kannte, der von einem Offizier noch vor Kurts Geburt erschossen worden war. Eine schwere Kindheit ließ ihn Mühen und Sorgen durchleben. Er fand den Weg über die Sozialdemokratie in den 30er Jahren zu den Kommunisten. In Ulla Ermens Beitrag klingt an, daß Kurt Barthel beständig kämpferisch nach Bildung strebte. Dies würdigte auch die Wilhelm-Pieck-Universität-Rostock 1960 mit der Verleihung eines doctor honoris causa.
Als Kind lernte ich im Musikunterricht das mich tief berührende Lied, zu dem Eberhard Schmidt die Melodie komponierte: "Heimatland, reck deine Glieder! Kühn und beflaggt ist das Jahr. Breit in den Schultern steht wieder Thälmann vor uns, wie er war..."
Eine Kritik kann ich mir nicht an Ulla Ermens Beitrag verhehlen: wer ist "man"? Stalin zu würdigen - ohne den die CCCP nicht zur sozialistischen Weltmacht gereift und der Hitlerfaschismus nicht besiegt worden wäre, es auch keine DDR gegeben hätte - ist keine Lobhudelei. Lion Feuchtwanger im USA-Exil bekannte sich zu Stalin, weiter Heinrich Mann, Anna Seghers oder auch Pablo Neruda und nicht zuletzt Peter Hacks mehrfach betont nach dem Erfolg der letzten Konterrevolution.
Während vieler Jahre in der Emigration hatte Kuba an seinem programmatischen Gedicht von 183 Seiten gearbeitet, zu dem Jean Kurt Forest die Musik komponierte. Georg Maurer schrieb 1953 in der Zeitschrift "neue deutsche literatur":
"Die künstlerisch geschlossene, inhaltlich weiträumige, formal abwechslungsreiche Kantate gehört zu den besten Stücken. Viel landschaftliche Atmosphäre ist eingefangen, russische Erde, russischer Winter. Und in dieser Landschaft entwickelt sich ein Stück bedeutsamster Menschheitsgeschichte, in die das Kind aus der Schusterstube hineinwächst und als Mann in gewaltigen Anstrengungen, Kämpfen und Siegen das Jahrtausend zur Reife bringt."
Ich müßte mich schämen, dies Lobhudelei zu nennen.