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| Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor in West-Berlin im Juni 1987 Quelle: White House Photo, Public domain |
"Glückwunsch, dein Satz ist drin." Das sagte gegen Mittag des 12. Juni 1987 ein Mitarbeiter aus dem Stab des Weißen Hauses zu John C. Kornblum, damals US-Gesandter in Westberlin und heute – so scheint es zumindest – ein Stammgast in deutschen politischen Talkshows. "Dein Satz": Gemeint waren damit die beiden Formulierungen in der Ansprache von US-Präsident Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor, die auf einen Vorschlag Kornblums zurückgingen: "Mister Gorbachev, open this gate! Mister Gorbachev, tear down this wall!" - "Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor ... reißen Sie diese Mauer nieder!"
Es war ein sonniger Junitag im Jahr 1987, als Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor sprach. Anlass war sein Besuch zum 750. Geburtstag der Stadt. Ein handverlesenes geladenes Publikum lauschte und applaudierte ihm. Die Computer in der US-Vertretung hatten seinerzeit gut zwei Tage damit zu tun, jeden einzelnen der 40.000 politisch und sicherheitstechnisch zu durchleuchten. Nichts, aber auch gar nichts wurde dem Zufall überlassen.
Auch anderenorts in Westberlin brachte Reagan Zehntausende auf die Straße, jedoch nicht aus Begeisterung, sondern aus Protest gegen die aggressive Politik der USA. Während am Brandenburger Tor der Präsident scheinheilig über Freiheit und Demokratie sprach, wurde die Bewegungs- und Demonstrationsfreiheit durch Polizei und alliierte Streitkräfte in der Stadt massiv eingeschränkt.
Tatsache bleibt: Reagans Rede hatte unmittelbar zunächst nur geringe Wirkung. Erst nach dem November 1989 wurde sie medial als „Vorbote des Wandels“ hochstilisiert.
Der Auftritt des Präsidenten der USA vor dem Brandenburger Tor hatte seine Vorgeschichte. Seine Rede war Teil einer wohlüberlegten, über mehrere Jahre ausgearbeiteten und verfeinerten Strategie. Von vornherein war die Ansprache als besonderes Ereignis konzipiert worden. Heute weiß man, dass Ronald Reagans Auftritt an dieser Stelle und zu dieser Zeit eine gezielte, wenn auch begrenzte Provokation der Sowjetunion sein sollte. Kornblum erklärte dazu offen „Wir wollten Drama.“
Reagan war sich der Macht der Worte offenbar viel bewusster als all seine Berater. Als ehemaliger Sportreporter und Hollywood-Schauspieler hatte er von der Pike auf gelernt, geschickt damit umzugehen. Jetzt hatte er Gelegenheit, die Rolle seines Lebens zu spielen. Er war einer der eifrigsten Denunzianten wirklicher und angeblicher Kommunisten unter seinen Schauspielerkollegen in den 50er Jahren und brachte so manchen von ihnen ins Gefängnis. 1966 wurde er Gouverneur in Kalifornien, bald darauf brandeten die Proteste an den Universitäten auf, die er mithilfe der Nationalgarde niederschlagen ließ.
1980 gewann er den Wahlkampf gegen Jimmy Carter um den Einzug ins Weiße Haus – die Kurse an der Wall Street schossen in die Höhe und die US-Großkonzerne schwebten förmlich im siebten Himmel.
Ronald Reagan war ihr Mann wie kaum ein anderer. Entschlossenheit, Aggressivität und entschiedener Antikommunismus waren die Markenzeichen der Außenpolitik seiner Administration. Der von ihr und dem US-Kapital forcierte Rüstungswettlauf mit dem SDI-Projekt als Krönung sollte letztlich die militärstrategische Überlegenheit von USA und NATO über die Sowjetunion und ihre Verbündeten wieder herstellen oder aber letztere wirtschaftlich und politisch entscheidend schwächen. Ab Mitte der 80er Jahre, vor allem nach der Wahl Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU, mehrten sich die Anzeichen, dass dieses Konzept aufgehen könnte.
Diese Strategie der USA einerseits, die Kapitulationspolitik Gorbatschows andererseits und die auf beidem beruhende forcierte Politik der Bonner Regierung zur Destabilisierung und inneren Zerstörung der DDR schufen letztlich die Grundlage und den Handlungsrahmen, innerhalb dessen sich eine organisierte Fluchtbewegung aus der DDR, die Welle von Gründungen „oppositioneller“ politischer Organisationen, Straßendemonstrationen und andere Elemente der Unterwanderung und Zersetzung des politischen Systems in der DDR vollziehen konnten. Dabei war völlig gleichgültig, was die verschiedenen Akteure von diesen Bedingungen wussten oder nicht, welche Illusionen sie sich über die von diesen Rahmenbedingungen geschaffenen Perspektiven machten und welche subjektiven Ziele sie verfolgten.
Bezeichnenderweise auf den Tag genau zwei Jahre nach der Rede Reagans vor dem Brandenburger Tor wird Gorbatschow von Bundeskanzler Kohl zum offiziellen Staatsbesuch in der Bundesrepublik empfangen. Beide unterzeichnen eine „Gemeinsame Erklärung“, in der beide Seiten „das Recht eines jeden Staates, das eigene politische und soziale System frei zu wählen“ und die Achtung des Selbstbestimmungsrechtes aller Völker als unumstößliche Prinzipien ihrer Politik anerkennen. Reagans Amtsnachfolger Bush und sein Beraterstab erkannten sofort: Die Politik Gorbatschows liegt im Interesse der USA. Seine Erklärungen über das „Selbstbestimmungsrecht“ der Völker könnten zur Auflösung des sozialistischen Lagers genutzt werden. Der US-Regierung war – anders als so manchem in unseren eigenen Reihen – im Frühsommer 1989 klar, dass Gorbatschows Perestroika gescheitert war und er zu prinzipiellen Zugeständnissen an die US-Strategie bereit sein müsste. Mithin geriet die DDR nach dem Staatsbesuch Gorbatschows in der Bundesrepublik 1989 zunehmend in die außenpolitische Isolierung. Ihre endgültige politische Preisgabe durch die sowjetische Partei- und Staatsführung unter Gorbatschow war jetzt nur noch eine Frage der Zeit. 881 Tage nach Ronald Reagans Berliner Rede war dieser Moment gekommen ...
Michael Forbrig

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