| Exponate der Olympischen Gesellschaft der DDR aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum. |
Die Jahre von 1966 bis 1972 – am 26. April 1966 erfolgte in Rom auf dem 67. IOC-Kongress die Zuerkennung der Sommerfestspiele an München und an Kiel für die Segelwettbewerbe – waren angefüllt mit einer Vielzahl weltpolitischer wie auch innenpolitischer Ereignisse. Der Vietnam-Krieg der USA bewegte die Völker. In Washington wechselte die Präsidentschaft zu Nixon, in der Bundesrepublik 1969 von einer Großen Koalition zu einer Sozialliberalen. Im Mai 1971 war der Führungswechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honnecker erfolgt. Das politische Klima dieser Jahre wurde nach wie vor vom Alleinvertretungsanspruch der Adenauerzeit beeinflusst und belastet. Nicht verwunderlich, dass die Sportpolitik davon sehr betroffen war.
| Exponate der Olympischen Gesellschaft der DDR aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum. |
Auf dem am 8. Oktober 1965 durchgeführten IOC-Kongress in Madrid hatte das NOK der DDR seine Anerkennung erhalten, allerdings war damit noch die Maßnahme verbunden, dass beide Mannschaften noch 1968 die bisher übliche gemeinsame Symbolik zu verwenden haben. Das war in Bonn als herbe Niederlage registriert worden. Mit den Spielen in München sah man nun die Möglichkeit, dies zu korrigieren. Willi Daume wurde Chef des Organisationskomitees, er erfand die „Schicksalsspiele" – natürlich im Vergleich zu 1936 – und dann die „heiteren Spiele" und musste auf die verschiedenen politischen Kräfte und Vereinigungen reagieren, die ihre politischen Ziele mit München verbanden. Dort war der Sitz vieler reaktionärer Organisationen und Landsmannschaften, die offen revanchistische Ziele und Ansprüche verkündeten. Aus München sendeten auch Radio Liberty und Free Europa ihre Programme gegen die sozialistischen Staaten.
Von offizieller Seite wurden viele Versuche unternommen, das olympische Zeremoniell mit Flaggen und Hymnen generell zu ändern, das heißt abzuschaffen. Ähnliche Aktivitäten, die sich zum Teil recht vordergründig gegen eine mit Argwohn erwartete Aufwertung der DDR richteten, erfolgten bei der Planung des Fackellaufes, der Gestaltung einer Olympiamünze und schließlich bei Buchproduktionen mit dem so genannten „Olympischen Lesebuch" und dem als Olympiageschenk konzipierten Buch „Deutsches Mosaik".
Angesichts der offen zutage tretenden Divergenzen und um die Einhaltung der olympischen Regeln zu sichern, beschloss das IOC auf seiner 67. Tagung in Mexiko, von der Bundesrepublik eine Garantieerklärung über die Einhaltung des olympischen Protokolls zu verlangen. Trotz des Widerwillens vieler auch im Bundestag vertretener Kräfte wurde am 18. Dezember die erwartete Erklärung abgegeben. Die Rückgabe der Spiele wäre eine weltpolitische Blamage ersten Ranges gewesen. Man war also bemüht, in München ein besseres Deutschland zu repräsentieren als es 1936 in dem faschistischen Deutschland der Fall war.
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| Aus dem" Jahrbuch des Sports 1972" im Archivbestand des DDR-Kabinett-Bochum. |
Und es gelang auch bis zu 10 Tagen mit der grandiosen Eröffnungsfeier und bei den Wettkämpfen in vielen neuen Stadien und Anlagen, wo die DDR-Olympiamannschaft erstmalig voll gleichberechtigt auftreten konnte und dabei herzlich begrüßt wurde. Jedoch nicht überall herrschte der Geist Olympias. Am 5. September geschah in den frühesten Morgenstunden etwas, was niemand erwartet hatte. Ein Kommando palästinensischer Freischärler überfiel die männlichen Olympiateilnehmer Israels im Olympischen Dorf, um 200 in Israel eingesperrte Kampfgefährte zu befreien. Die Spiele wurden unterbrochen und ein Krisenstab übernahm die Verantwortung für die Verhandlungen. Es kam zu dem Versprechen einer Ausreise der Attentäter mit den Geiseln in ein Drittland und dann, nachdem Israel die Freigabe der Häftlinge abgelehnt hatte, zu dem bitteren Ende auf dem Miltärfliegerhorst Fürstenfeldbruck. Dem Dilettantismus der Polizei bei der als Befreiung der Geiseln gedachten Aktion fielen neun israelische Sportler, fünf der insgesamt 8 Attentäter und ein Polizist zum Opfer. In der bewegenden Trauerfeier sprach Avery Brundage das wegweisende Wort, dass die Spiele weitergehen müssen. Damit hatten er und das IOC eine Entscheidung für die Erhaltung und Rolle der olympischen Bewegung getroffen.
In den sportlichen Wettbewerben wurden auch danach viele Höchstleistungen vollbracht, denn die meisten Mannschaften waren gut vorbereitet nach München und Kiel gekommen. Die DDR-Mannschaft konnte ihren dritten Platz nach der Sowjetunion und den USA verteidigen und mit 66 Medaillen – davon 20 goldenen, 23 silbernen und 23 bronzenen sowie insgesamt 480 Punkten – einen grandiosen Erfolg erringen. Die sportlichen Ergebnisse und das Auftreten der DDR-Olympiamannschaft haben dazu beigetragen, die Stimmungslage zur Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik unter der Bevölkerung der BRD zu beeinflussen. Zu diesem Ergebnis kam eine vom Magazin der „Stern" durchgeführte repräsentative Bürgerbefragung. Insofern hat das Auftreten unserer Olympiamannschaft offensichtlich auch die Verhandlungen über den Abschluss des Grundlagenvertrages befördert, der im Dezember 1972 zwischen den Regierungen der DDR und BRD abgeschlossen wurde. Die Spiele von München haben selbstverständlich nicht die Konflikte in der Welt beseitigen können, aber durch ihren Fortgang die Wegscheide für ihre friedliche Mission in einer gespaltenen Welt gesichert.
Prof. Dr. Günter Erbach

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