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| Plakat zum 40. Jahrestag der Gründung der FDJ aus dem Jahr 1986 - im Archivbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. |
Der Impulsgeber in der Hosemannstraße
"Deutscher Knabe, vergiß nicht, daß du ein Deutscher bist!" hieß es bei den Nazis. Eben den "Pflanzstätten der Nation", wie Hitler die Schulen nannte, entronnen und nun in demselben Klassenzimmer, in derselben Schule in der Prinzenallee 8/9 ein Heimabend, gestaltet von der FDJ? Das geschah im Herbst 1948 im französischen Sektor Westberlins.
Als ich in der Osloer Straße im Herbst 1945 Stubben ausbuddelte und dafür in meiner alten Schule in der Gotenburger Straße ein warmes Essen bekam, waren mir die Zusammenhänge noch nicht bewußt. Mitglieder des Berliner Jugendausschusses, die gleichwohl Arbeit und Essen organisierten, standen dahinter. Und was geschah, als der Mittelstreifen frei von Stubben war?
Eine nahegelegene Schneiderei suchte einen Laufburschen. Dessen Aufgabe: täglich zum Kaiserdamm fahren und für britische Offiziersfamilien Konfektionsstücke und Schnittmuster transportieren. Erlaubte es das Wetter, fuhr ich mit einem Damenfahrrad vom Chef. Auf der Rücktour eroberte ich nach und nach Berlin. Dabei geriet ich unter die Teilnehmer einer öffentlichen Kundgebung im Prenzlauer Berg. Es war, wie ich erst später in Erfahrung brachte, Heinz Keßler, der dort mitreißend sprach.
Aber noch war ich Bürger Westberlins. Und erst am 11. Oktober 1947 veröffentlichte das Amtsblatt der Alliierten Kommandantura mit Sitz in Berlin-Dahlem eine Stellungnahme zum "Antrag auf Zulassung der Freien Deutschen Jugend", währenddessen die SMAD bereits per Dekret vom 26. Februar 1946 die FDJ nach ihrer Gründung als einheitliche, selbständige, demokratische Jugendorganisation zugelassen hatte.
Es war Anke Kaufmann in jenem mir bekannten Klassenzimmer, die sich meiner Sorgen annahm, überhaupt einen Beruf zu erlernen. Von ihr erhielt ich bald darauf den Hinweis, ich solle mich doch mal zum Landesvorstand der Berliner FDJ begeben. Der befand sich in der Hosemannstraße 14. Kurz zuvor war ich 19 geworden. Welche Perspektive eröffnete sich mir? 1944 hatte ich als 14jähriger eine Lehre begonnen - und zwar im Rathaus von Weißwasser. Sie war aber durch die Kriegsereignisse jäh beendet worden. Und hernach galt es, das Nötige zu erarbeiten, um leben zu können.
Beschäftigung mit Anspruchsvollem? Geistige Interessen? Fast drei volle Jahre im Kinderlandverschickungslager der Nazis hatten mich einer gezielten Abrichtung zum Kadavergehorsam unterworfen. Im Wehrertüchtigungslager war ich dann als Kanonenfutter dressiert worden. Und nun kam ich, ein neues Mitglied der Freien Deutschen Jugend, mit völlig andersgeartetem Gedankengut in Berührung!
Der Schlanke, dem ich gegenübersaß, hieß Heinz Keßler. Er überraschte mich mit etlichen Brocken Russisch. Ich hörte "Rabota" und "Russki" heraus. "Du hast doch auch bei den Russen gearbeitet?" erkundigte er sich bei mir. Hatte Anke ihm das etwa erzählt? "Ja! Ja!" "Und was für Erfahrungen hast du dabei gemacht, welche Erinnerungen sind noch in dir lebendig?"
Heinz Keßler, der FDJ-Stadtvorsitzende, verwickelte mich in eine lockere Plauderei. Es ging zwanglos, ja heiter zu. Wir lachten gemeinsamen über meinen "Todesritt", als die von mir zu hütenden Pferde der Roten Armee plötzlich wie wild davongejagt waren.
Heinz selbst wußte von der Bedeutung der Pferde vor den Panjewagen der Rotarmisten im 2. Weltkrieg zu berichten, gehörte er doch zu den Frontbevollmächtigten des Nationalkomitees Freies Deutschland. Aber er prahlte nicht mit heroischen Episoden aus seinem eigenen Wirken. Ich spürte Wärme und fühlte instinktiv, daß er Verständnis für die Sorgen anderer Menschen aufbrachte, ja bereitwillig Zeit in Gespräche mit ihnen investierte. Er fragte mich nach einem Berufswunsch. Ich erklärte ihm daraufhin mein ursprüngliches Anliegen, Landvermesser werden zu wollen. Heinz Keßler bog meinen Wunsch mit den Worten ab, daß es nach der Bewältigung der Bodenreform jetzt darum gehe, den Aufbau einer leistungsstarken Industrie voranzubringen, wozu vor allem Facharbeiter gebraucht würden. Er habe sich schon vorsorglich erkundigt, welcher Betrieb mich als Lehrling einzustellen bereit sei.
Mit einem Laufzettel versehen, setzte ich mich zur Andreasstraße im Stadtbezirk Friedrichshain in Bewegung. Die Strecke sollte ab Januar 1949 dann für knapp zweieinhalb Jahre mein ständiger Weg zur Arbeitsstelle werden. Ich war also Dreher-Lehrling im SAG-Betrieb Julius Pinsch. Als SAG bezeichnete man damals noch von der sowjetischen Besatzungsmacht unterhaltene Firmen.
Bei Pinsch gab es bereits eine FDJ-Betriebsgruppe, die mich freundlich aufnahm. Im ersten Lehrjahr wetteiferten wir darum, wer wohl im Sommer 1949 zu den II. Weltfestspielen nach Budapest delegiert werde. Denn einem von uns wurde die Chance dazu geboten. Siegerin war Ingeborg Kempe - Lehrling wie ich -, eine stets gutgelaunte, positiv denkende und verläßlich handelnde junge Kollegin.
Als mir nach dem vorzeitigen Abschluß der Lehre die Aufgaben des FDJ-Sekretärs übertragen wurden, vereinbarte ich eine Patenschaft mit der Maschinen-Traktoren-Station (MTS) Golzow im Odergebiet. Mein Vorbild, dessen erzieherischer Einfluß für mich bestimmend wurde, war Heinz Behrendt. Wenige Jahre älter als ich, hatte man ihn noch zur Wehrmacht eingezogen. Als Kriegsgefangener besuchte er in der UdSSR eine Antifa-Schule. Mit ihm führte ich lange Diskussionen über Gott und die Welt. Sein Beispiel als junger Genosse steckte andere an und riß viele von uns mit. 1951 löste ich Heinz als FDJ-Sekretär ab.
Wir alle schwärmten damals von den bevorstehenden III. Weltfestspielen, bei denen wir Berliner die Gastgeber sein durften. Unter der Leitung von Werner Lamberz bereiteten wir im FDJ-Landesvorstand eine Reihe kultureller Veranstaltungen vor. Hierbei half uns auch eine Kölnerin. Sie hieß Käthe Zilles und erreichte später als eine der ersten Ansagerinnen des jungen Adlershofer Fernsehens in der DDR einen recht großen Bekanntheitsgrad.
Blicke ich heute auf meine Jugendjahre zurück, dann wird mir bewußt, daß ich vor allem auch durch die aktive Teilnahme am Aufbau der FDJ ein Fundament fester Überzeugung gewann. Dazu gehörte die Gewißheit, daß wir in der DDR auf dem richtigen Weg waren, ein Deutschland aufzubauen, in dem die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen Vergangenheit ist. Daß wir später einmal in die Vergangenheit zurückgeworfen würden, konnten wir damals wohl kaum voraussehen.
Hans Horn

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