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Amtsbild von Horst Sindermann, als Präsident der Volkskammer der DDR,
aus dem Jahr 1976 im Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
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Sindermann macht's möglich
Anfang der 50er Jahre lernte ich Horst Sindermann kennen. Damals war er Chefredakteur der anhaltinischen SEDLandeszeitung "Freiheit" in Halle. Seine Analysen, Vorträge und Kommentare begeisterten mich. Manche freie Rede war druckreif. Die Zuhörer fingen Feuer, auch Andersdenkende konnten sich der Argumentation nicht verschließen. Obwohl H. S. die faschistischen zwölf Jahre in Zuchthäusern und Konzentrationslagern verbringen mußte, hat er aus Elternhaus, Schule und unvorstellbaren autodidaktischen Anstrengungen das erworben, was ihn zu unserem Lehrmeister machte. Er zeichnete dann einige Jahre im Berliner ZK-Apparat für Agitation und Propaganda der Partei verantwortlich. Die Arbeit mit den Medien war ihm auf den Leib geschrieben. Dort blühten seine Fähigkeiten zum Wohle der Sache weiter auf. 1963 kam er als 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung nach Halle zurück. Dort trat eine sichtbare Qualifizierung der Parteiarbeit ein. Ich war glücklich, daß ich neun Jahre als Wirtschaftssekretär an seiner Seite arbeiten durfte.
Sindermann stammte aus Dresden. Sein Vater war Journalist und SPD-Politiker. Horst trat frühzeitig in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands ein, dessen sächsischer Vorsitzender er unmittelbar vor dem Machtantritt der Nazis wurde. Etwa zeitgleich erfolgte das Verbot des KJVD. Als noch 17jähriger stand H. S. vor Gericht. Am längsten wurde er im Zuchthaus Waldheim und im KZ Sachsenhausen gefangengehalten.
Er besaß klare Vorstellungen von einer sozialistischen Entwicklung in Deutschland. Das Erhaltenswerte aus der Weimarer Republik paßte, kritisch verarbeitet, in sein Konzept.
In den 60er Jahren nahm die DDR politisch und wirtschaftlich eine gute Entwicklung, auch wenn diese Zeit nicht konfliktfrei verlief. Die Produktion in Industrie und Landwirtschaft wuchs stetig. Es reichte H. S. indes nicht, vorgegebene Kennziffern zu erreichen. Er wollte eigene schöpferische Leistungen zur Gestaltung des Territoriums einbringen. Dabei war Planerfüllung für ihn Ehrensache. Doch er wollte mehr: eine sozialistische Vielfalt der Entwicklung im Bezirk. Er sah das, was materiell nicht planbar war - die Atmosphäre unter den Menschen, die kulturelle Entwicklung, den Aufstieg der Martin-Luther-Universität, der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und anderer Einrichtungen des Bildungswesens sowie des geistigen Lebens. Durch seine prägnante Persönlichkeit und gedankliche Toleranz kamen hervorragende Regisseure, Schauspieler, Musiker, Schriftsteller und bildende Künstler nach Halle. Viele Eingesessene gewannen an Profil. Hierzu gehört auch die Entwicklung der Architektur und des Bauwesens. Anfang der 60er Jahre begann sich der industrielle Wohnungsbau auszudehnen, was die Gefahr immer größerer Monotonie heraufbeschwor. Wir holten einen bekannten Architekten, Prof. Richard Paulick, nach Halle. Das war für diese Zeit ungewöhnlich.
Die chemische Industrie in Leuna und Buna mit ihren 45.000 Beschäftigten, die aus einem großen Einzugsgebiet täglich in diese Werke pendelten, brauchte neue komplexe und infrastrukturelle Lösungen. In weniger als zehn Jahren, von 1962 bis 1971, wurde die Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt mit ca. 15.000 Wohnungen und 45.000 Einwohnern buchstäblich aus dem Boden gestampft. Eine neue Schnellbahn und eine entsprechende Straßenverbindung brachten 15- bis 20minütige Anfahrtszeiten nach Buna und Leuna. Um Stunden verlängerte sich die tägliche Freizeit für viele tausend Beschäftigte.
Das spezielle Werk für die industrielle Vorfertigung der Gebäude wurde so ausgelegt, daß es nach Errichtung von Halle-Neustadt auf flexible Bauelemente für die innerstädtische Rekonstruktion und Lückenbebauung umgerüstet werden konnte. Das sollte die eigentliche Zeit Paulicks und seiner "Meisterschule" werden. Sindermann ließ unsere Architekten in Schweden die neue "Allbeton-Bauweise" studieren und die Anwendungsrechte für Halle erwerben. Sie ermöglichte flexible, architektonisch strukturierte Fassaden bei Hochhäusern und Gesellschaftsbauten. Bis Ende der 60er Jahre saß H. S. mit seinen engeren Mitarbeitern und der Paulick-Gruppe sogar Nächte hindurch zusammen. Sie berieten über die besten baulichen und städteplanerischen Lösungen für Halle. Das war eine großartige schöpferische Zeit. Sie ging mit dem VIII. Parteitag zu Ende.
In dessen Vorfeld hatten wir versucht, die Hallenser Entwicklung in Architektur und Wohnungsbau über die Fünfjahrpläne "festzuschreiben". Anfang 1971 brachte H. S. immer häufiger zum Ausdruck, Erich Honecker sei von seiner Idee, die Wohnungsfrage als soziales Problem in kürzester Frist zu lösen, geradezu besessen, was den uferlosen Weiterbau der "Platte" auf grüner Wiese bedeuten würde. Eine Ausnahme bildete allein Berlin. Doch auch in der Hauptstadt der DDR explodierte der Wohnungsbau auf monotone Weise.
Die angedeutete Aufbruchstimmung, in deren Jahre auch die Ausarbeitung des Neuen Ökonomischen Systems fiel, verschwand mit Walter Ulbricht. Es ist nicht das alleinige Verdienst Sindermanns, daß damals eine so optimistische Atmosphäre im Bezirk um sich griff. Sie herrschte übrigens nicht nur in Parteikreisen, sondern auch weit darüber hinaus. Der 1. Sekretär der Bezirksleitung inspirierte und begünstigte das Klima entscheidend. Neckermann bekam in der DDR plötzlich Konkurrenz. "Sindermann macht's möglich", hieß nun ein populärer Slogan.
H. S. bewies auch hohe Verantwortung für die mittelalterliche Geschichte und deren Bauwerke. Pflege und Teilrestaurierung einiger Burgen gehen auf sein Konto. Eine historische Ruine im Unstrutgebiet wurde vom Volkseigenen Gut als Hühnerauslauf, die Krypta als Kartoffelkeller genutzt. Als wir dort gelegentlich vorbeikamen, wollte Sindermann einen Abstecher zu dieser Burgruine unternehmen. Er stürmte in das VEG-Büro, wo alle aufsprangen, um ihn überschwenglich zu begrüßen. Horst wischte alles mit den Worten beiseite: "Was fällt Euch Barbaren ein, Eure Hühner sch... auf die tausendjährige Tradition der Zeit Heinrichs und Otto I." Einige Tage später kam die Nachricht, die Ruine sei geräumt, gesäubert und der Öffentlichkeit zugänglich.
Horst Sindermann war auch an der Neubesinnung auf die Bauhaustradition und der Wiederherrichtung des Bauhauses in Dessau beteiligt. Eine Öffnung zu traditionsbewußtem Umgang mit dem Kulturerbe setzte ein.
All diese Hoffnungen brachen jäh ab, als auf dem VIII. Parteitag der SED beschlossen wurde, die Wohnungsfrage als soziales Problem kurzfristig mit dem industriellen Bau von drei Millionen Wohnungen zu lösen. Eine gute Absicht verkehrte sich durch Verabsolutierung in ihr Gegenteil. Ohne Rücksicht auf Verluste zählte jetzt nur noch die Anzahl der jährlich von den Taktstraßen zu liefernden Wohnblöcke. Eintönigkeit hielt Einzug. Ein geläufiges Wort dieser Tage war "Ruinen schaffen ohne Waffen". Das Heimatgefühl der Einwohner wurde teilweise verschüttet.
In den 60er Jahren habe ich von H. S. etliche Reden zu Themen der Literatur, zur Geschichte des deutschen Handwerks oder zur Arbeiterbewegung gehört, die sich in ihrem Niveau von den damals üblichen "Ausführungen" deutlich unterschieden. Sie waren inhaltlich außergewöhnlich und rhetorisch brillant, hatten nichts von den Deklamationen und öden Leitartikeln an sich, von denen die Medien zunehmend beherrscht wurden.
Aus seiner Berliner Tätigkeit im ZK hatte Sindermann unter namhaften DDR-Künstlern viele Freunde. In ihren Kreisen genoß er hohe Anerkennung. Mir wurde bewußt, welche außerordentlichen Fähigkeiten zur Leitung und Beflügelung von Kunst und Kultur in der DDR er besaß. Souverän, mit Bildung, Wissen und Toleranz bewegte er sich unter Journalisten, Literaten, Theaterleuten und bildenden Künstlern. Anfangs war ich sprachlos, hörte nur zu und lernte, aber später übertrug er mir zunehmend die Rolle seines "Wirtschaftskommentators".
Eines Tages hatte H. S. um eine Besichtigung des Naumburger Doms gebeten. An Ort und Stelle waren wir beeindruckt, daß uns der aus Magdeburg angereiste Bischof mit der Erklärung empfing, er habe es sich nicht nehmen lassen, Herrn Sindermann selbst zu begleiten, da er sich über den Besuch sehr freue. Es ging ungezwungen und heiter zu. Bisweilen ergänzte Sindermann die Ausführungen des Bischofs mit genauen Zeit- und Personenangaben. Bei den Stifter-Figuren wandte er sogar ein: "Herr Bischof, Sie irren, das war im Jahre ..." Als der Geistliche die unglaublichen Detailkenntnisse von H. S. lobte, erwiderte dieser: "Wenn man zwölf Jahre in faschistischen Zuchthäusern und Konzentrationslagern sitzt, darunter viele Jahre in Einzelhaft, dann liest man alles, was erlaubt und beschaffbar ist. Dazu gehörte die Geschichte des Naumburger Doms."
Der hier geschilderte Stil entsprach keineswegs der Norm jener Tage. H. S. provozierte geradezu das Mitdenken. In Parteiversammlungen wie auf Massenkundgebungen wählte er stets die freie Rede. Er mußte sich zwingen, auf Delegiertenkonferenzen und bei Rechenschaftslegungen, wo ein vorbereiteter Text Bedingung war, diese Norm nicht zu brechen. Doch selbst da drängte sein Temperament zu freiem Abschweifen.
Seine Führungsmethode erhob Anspruch auf eine schöpferische, facettenreiche Parteiarbeit, die Begeisterung wecken mußte. Sie zerbrach die Tristheit, das Bleierne und Langweilige im täglichen Wirken des Apparats, die Menschen nicht gewannen, sondern müde machten. Immer war er mit seiner hohen Intellektualität zu anspruchsvollen ideologischen und geistig-kulturellen Diskussionen bereit. In Gesprächsrunden fand er oft kein Ende. Die Menschen um ihn herum redeten, hörten zu und freuten sich mit ihm. Während anderswo stets auf die Uhr geschaut und das Ende herbeigesehnt wurde, mußte man Sindermann sanft Schluß gebieten.
H. S. war ein Feind jeglicher Bürokratie und des Administrierens. Für selbstverständlich hielt er es, daß andere ihm das abnahmen. Manchmal sagte er in einem etwas überheblichen Ton: "Wozu gibt es denn eigentlich den Rat des Bezirks ...?"
Ich möchte kein Idealbild von Horst Sindermann zeichnen. Mit Jahrzehnten Abstand aber empfinde ich um so stärker, wie gut es unserer Partei und der DDR getan hätte, an vielen Stellen solche Sindermanns gehabt zu haben. Sicher gab es sie, aber ließ man sie auch gewähren?
Für die damalige Zeit, die noch von Nachkriegserscheinungen, antifaschistischer Unduldsamkeit und besonders erbitterten Klassenauseinandersetzungen geprägt war, wirkte Sindermanns souveräne Art befreiend und entkrampfend. Er konnte Parteipolitik gewinnend und unkonventionell vermitteln. Drohen und Einschüchtern waren nicht seine Sache. So geistig freizügig, phantasievoll und schöpferisch er war, in Personalfragen, bei der Beurteilung von Menschen ließ er sich oft vorschnell für jemanden einnehmen. Er reagierte auf brillierende, oberflächliche Erscheinungen. So konnte man ihm leicht jemanden "unterjubeln". Manche haben das mißbraucht.
Ich habe stets den Verdacht gehabt, daß H. S. gerade wegen seiner besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten die von ihm in Halle beschrittene Strecke nicht weitergehen durfte. Sein Aufstieg mußte offenbar durch einen ihm zugewiesenen "Weg nach oben" gebrochen werden. Einen Mann wie ihn 1971 zum Ersten Stellvertreter, 1973 zum Ministerpräsidenten der DDR zu machen, kann kein einfacher "kaderpolitischer Irrtum" gewesen sein. Mir scheint, daß es Absicht war, einem Mann, der im Bezirk an der überwiegend blassen Parteielite vorbei zu großem Ansehen gelangte, in einer für ihn völlig ungeeigneten zentralen Funktion den Nimbus und das Selbstvertrauen zu nehmen. H. S. muß das gespürt haben. Als wir in den Tagen vor dem VIII. Parteitag in Halle zusammensaßen und er uns mitteilte, was auf ihn zukomme, wirkte er unsicher und krampfhaft bemüht, die Entscheidung des Politbüros zu begründen.
Wenn Sindermann der Partei mit seinen Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit hätte tatsächlich nützen sollen, dann als Sekretär des ZK für Agitation und Propaganda, für Wissenschaft, Kultur und Medien. Dort wäre sein Platz gewesen. Das aber hätte die geistig-kulturellen Unterschiede zu Leuten anderer Qualität, die damals im Politbüro Erbrecht und Alterssitz hatten, unweigerlich zutage treten lassen. Ich meine Honecker, Hager, Mielke und andere. Mittag hätte seine Monopolstellung verloren, mancher vielleicht neue Charakteristika und mehr geistiges Profil gezeigt. Stoph möchte ich in diesem Zusammenhang unbeurteilt lassen. Der Vorsitzende des Ministerrates wurde immer als Gescholtener und Schuldiger für alles gebraucht. Auf diesen Posten stellte man nun Sindermann.
Aufstieg und Sturz waren vorprogrammiert. Nach seinem absehbaren Scheitern als Regierungschef wurde er auf das versilberte Abstellgleis des Präsidenten der Volkskammer geschoben. In diesem überwiegend mit Repräsentationsaufgaben verbundenen Amt vertrat er die DDR wirkungsvoll. Bei einem Staatsbesuch in der BRD war das Echo in der dortigen Presse nachhaltig. Später erfuhr ich, Sindermanns politische Resonanz habe bei einigen Mitgliedern des Politbüros keine reine Freude ausgelöst. Dabei mußte ich an das Bibelwort denken: "Du sollst nicht haben andere Götter neben mir."
Heinz Schwarz
Heinz Schwarz war von 1963 bis 1971 Wirtschaftssekretär der SED-Bezirksleitung Halle und im selben Zeitraum Kandidat des ZK. Von 1971 bis 1983 arbeitete er als Generaldirektor des Chemiekombinats Bitterfeld, dann als Direktor der RGW-Organisation INTERCHIM.

Hallo Genosse Maluga,
AntwortenLöschenVielen Dank für diesen Beitrag.
Eine wahre Offenbarung!
Ich bin begeistert. Weiter so!
Mit sozialistischen Gruß,
Nadja Norden
Ich teile die Auffassungen des Autors nur bedingt. Keine Frage, daß Horst Sindermann eine herausragende sozialistische Persönlichkeit war, und deshalb gehörte er mit seinen Verdiensten in das Kollektiv der Partei- und Staatsführung. Aber das Ausspielen von führenden Genossen gegeneinander und Diffamieren von anderen Repräsentanten wie Erich Honecker, Erich Mielke und Kurt Hager mit dem Begriff des Erbrechts ...? Cui bono? Und wessen Sprache ist das? Wo Menschen arbeiten, auch Kommunisten(!), kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, Differenzen und Fehlern. Sicher war Günter Mittag fehl am Platze, wie auch Heinz Keßler in seinem Bericht über die Ereignisse im Spätsommer 1989 im Zusammenhang mit der Beratung der Staaten des Warschauer Vertrages treffend zum Ausdruck bringt (siehe 9.Juli hier)
AntwortenLöschenM. E. verabsolutiert der Autor jedoch die Ursachen für die Niederlage des Sozialismus durch subjektive Überhöhungen. Ich bleibe dabei: Das Wohnungsbauprogramm war eine soziale Großtat! "Jedem eine Wohnung", das ist der uralte Traum der Arbiterklasse und gehört zu ihrer historischen Mission. Das es oft zu nicht viel mehr reichte, hatte ja wohl auch was mit der Klassenauseinandersetzung, insbesondere den im Kalten Krieg aufgezwungenen Rüstungsforcierungen zu tun und nicht zuletzt neben dem Auseinanderdriften im RGW, infolge nationaler Überbetonungen sowie mit den von seiten der DDR doch wahrgenommenen internationalistischen Verpflichtungen und dem Zoll der höheren Preise ab der 80er Jahre von der sowjetischen Führung durch bspw. auch den Weltmarktpreis für Erdöl. Es war die Absicht des Gegners zum einen, Keile zwischen die sozialistischen Staaten zu schieben und zum anderen, sie totzurüsten. Beides ist geglückt, dank einer Politik, die mit Chrustschow schon ihren Anfang nahm. Das zur Illustrieung.
Wieso der Autor die Rolle der Volkskammer so herabwürdigt, bleibt sein Geheimnis. Sicher ungewollt, kommt er hier zu einer Gleichsetzung von bürgerlichem Parlamentarismus mit der
VOLKSKAMMER der DDR. Horst Sindermann würde sich dagegen sicherlich mit Vehemenz wehren.
Lieber E.Rasmus, vielen Dank für Deine konstruktiv-kritische Ergänzung des Artikels!
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