Turbulente Buchvorstellung in der jW-Laden-galerie–es ging um angebliche Folter in der DDR
Von Gerd Feldkamp in JungeWelt 25.08.2012
Blamage? Entgleisung? Rüpelei? Gleich, welche Vokabel man für den Auftritt von Mitgliedern der »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« (VOS) am Donnerstag abend in der jW-Ladengalerie auch wählt – sie haben deutlich gemacht, daß sie als ernstzunehmende Gesprächspartner endgültig ausfallen. Die Vorstellung des Buches »Drachentöter« von Herbert Kierstein hätte ihnen die Chance geboten, ihren Vorwurf zu untermauern, das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) habe Häftlinge gefoltert.
Kierstein, als MfS-Oberstleutnant mit der Vernehmung von Häftlingen betraut, bot mehrfach an, alle Anwürfe zu diskutieren – aber nicht auf Basis von Unterstellungen und Stories vom Hörensagen, sondern anhand von Fakten. Dazu müsse ihm allerdings auch Einsicht in die bei der Stasi-Unterlagenbehörde archivierten Akten dieser tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Opfer gewährt werden – wozu allerdings bisher niemand bereit gewesen sei.
Es gab auch keine Bereitschaft, sich mit den Recherchen Kiersteins auseinanderzusetzen, die akribisch belegen, wie phantasievoll die zahlreichen Stasi-Gedenkstätten mit historischen Fakten umgehen. Die Horrorstory von den Röntgenkanonen, mit denen die Stasi Häftlinge bestrahlte, um bei ihnen Krebs auszulösen, wurde zwar schon im März 2000 von der damaligen Gauck-Behörde als erfunden zurückgewiesen – sie wird aber unverdrossen weiter verbreitet. Auch für Stehzellen oder Wasserfolter gibt es keine Beweise. Wie Kierstein recherchierte, gibt es auch keine Opfer, die solche Praktiken bestätigen könnten. Und sein Buch hatte kein Kritiker gelesen.
Wo Argumente fehlen, muß Lautstärke her. Schon zu Beginn der Veranstaltung randalierte die von der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld angeführte Truppe, so daß der Moderator mehrmals auf das Hausrecht verwies. In einer Mail an die Redaktion schilderte ein Zuhörer am Freitag seine Eindrücke: »Es haben mich die ständigen organisierten Störungen von Frau Lengsfeld und ihrer Klientel doch sehr gestört. (...) Für die ›normalen‹ Besucher/Zuhörer war das eine Zumutung.« Lengsfeld sei »extrem unsachlich und vor allem aggressiv« aufgetreten, »sie hat regelrecht Anweisung gegeben, wer wann grölen soll!«
Die CDU-Politikerin, die sich immer wieder durch flexiblen Umgang mit Fakten auszeichnet, hatte Anfang Juli auch eine gerichtliche Bauchlandung gemacht. Das Landgericht Berlin verbot ihr die Behauptung, der ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwalt, Hans Bauer, habe zu DDR-Zeiten Todesurteile gefordert. Ansonsten: Ordnungsgeld in Höhe von 250000 Euro oder Haft bis zu sechs Monaten.
Eigentlich ein unterhaltsamer Verein: Eine schrille CDU-Politikerin, eine Schauspielerin mit Schaum vorm Mund, ein früherer VOS-Vorsitzender, der seinen Posten wegen des Vorwurfs des Kindesmißbrauchs räumen mußte.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so schien: Die Handvoll Berufsopfer hat die Buchvorstellung bereichert. Besser ließ sich nicht illustrieren, wie in Sachen DDR-Vergangenheit gelogen wird.
Kierstein, als MfS-Oberstleutnant mit der Vernehmung von Häftlingen betraut, bot mehrfach an, alle Anwürfe zu diskutieren – aber nicht auf Basis von Unterstellungen und Stories vom Hörensagen, sondern anhand von Fakten. Dazu müsse ihm allerdings auch Einsicht in die bei der Stasi-Unterlagenbehörde archivierten Akten dieser tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Opfer gewährt werden – wozu allerdings bisher niemand bereit gewesen sei.
Es gab auch keine Bereitschaft, sich mit den Recherchen Kiersteins auseinanderzusetzen, die akribisch belegen, wie phantasievoll die zahlreichen Stasi-Gedenkstätten mit historischen Fakten umgehen. Die Horrorstory von den Röntgenkanonen, mit denen die Stasi Häftlinge bestrahlte, um bei ihnen Krebs auszulösen, wurde zwar schon im März 2000 von der damaligen Gauck-Behörde als erfunden zurückgewiesen – sie wird aber unverdrossen weiter verbreitet. Auch für Stehzellen oder Wasserfolter gibt es keine Beweise. Wie Kierstein recherchierte, gibt es auch keine Opfer, die solche Praktiken bestätigen könnten. Und sein Buch hatte kein Kritiker gelesen.
Wo Argumente fehlen, muß Lautstärke her. Schon zu Beginn der Veranstaltung randalierte die von der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld angeführte Truppe, so daß der Moderator mehrmals auf das Hausrecht verwies. In einer Mail an die Redaktion schilderte ein Zuhörer am Freitag seine Eindrücke: »Es haben mich die ständigen organisierten Störungen von Frau Lengsfeld und ihrer Klientel doch sehr gestört. (...) Für die ›normalen‹ Besucher/Zuhörer war das eine Zumutung.« Lengsfeld sei »extrem unsachlich und vor allem aggressiv« aufgetreten, »sie hat regelrecht Anweisung gegeben, wer wann grölen soll!«
Die CDU-Politikerin, die sich immer wieder durch flexiblen Umgang mit Fakten auszeichnet, hatte Anfang Juli auch eine gerichtliche Bauchlandung gemacht. Das Landgericht Berlin verbot ihr die Behauptung, der ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwalt, Hans Bauer, habe zu DDR-Zeiten Todesurteile gefordert. Ansonsten: Ordnungsgeld in Höhe von 250000 Euro oder Haft bis zu sechs Monaten.
Eigentlich ein unterhaltsamer Verein: Eine schrille CDU-Politikerin, eine Schauspielerin mit Schaum vorm Mund, ein früherer VOS-Vorsitzender, der seinen Posten wegen des Vorwurfs des Kindesmißbrauchs räumen mußte.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so schien: Die Handvoll Berufsopfer hat die Buchvorstellung bereichert. Besser ließ sich nicht illustrieren, wie in Sachen DDR-Vergangenheit gelogen wird.

Ich hab mir das buch vor einigen tagen besorgt und es schon fast durchgelesen. An einer stelle wird eine buchvorstellung in der jw beschrieben, bei welcher sich frau L. offenbar ähnlich „gut“ betragen hat.
AntwortenLöschenFür mich war das buch von interesse, weil ich arbeitslose kenne, die in das gedenkstättenumfeld hineingenötigt wurden und dort zu erbärmlichsten konditionen malochen mußten. Die berichteten, daß dort nicht eben gerade wissenschaftlich gearbeitet werde, daß dort immer von „aufarbeitung“ gesprochen werde, tatsächlich dort überhaupt nichts „aufgearbeitet“ werde, weil nichts anderes als ideologische verbortheit bis hin zur hysterie herrsche.
Die wollen keine sachliche diskussion. Diese figuren wollen einfach bloß recht haben – und offenbar werden einige leute in diesem staat recht gut dafür bezahlt „opfer“ der DDR gewesen zu sein.
Wer kann schon darüber reden wenn er die Situationen nicht am eigenen Leib miterlebt hat. Selbst Herr Kierstein war als Vernehmer nicht in der Lage den Zellentrackt zu betreten, aber er erlaubt sich darüber zu schreiben. Ist dies nicht merkwürdig? Die Vernehmer mussten den Laufzettel mit ihrer Dienstnummer ausfüllen und konnten dafür den Gefangenen am Gitter übernehmen. Welche Märchen möchte Herr Kierstein denn hervorbringen.
AntwortenLöschenAber der Drachentöter stand jahrelang im Friedrichshain am großen Teich und war den Arbeitern vorbehalten, denn dort waren die Staasileute nur zum ausspionieren des einfachen Volkes.
Weitere Informationen von diesen Herrn erfahren sie aus seiner Arbeit:
Winkler, Walter (Major), Engelhardt, Guntram (Major), Kierstein, Herbert (alle HA IX/1)
Zur Zusammenarbeit der Linie Untersuchung mit operativen Diensteinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit zur Gewährleistung einer wirkungsvollen Bekämpfung der Spionagetätigkeit der Agenturen imperialistischer Geheimdienste
87 Seiten, Juli 1972, JHS MF VVS 160–240/72
Da hätte ich doch mal diesen Literaturtip für Sie:
LöschenHerbert Kierstein (Hrsg.)
Heiße Schlachten im Kalten Krieg -
Unbekannte Fälle und Fakten
ISBN 978-3-360-01085-8
256 Seiten - 14,90 €
Edition Ost
Die Spionageabwehr der DDR galt weltweit als die erfolgreichste. Das zeigte sich nicht nur an der Zahl der Enttarnungen, sondern an der Qualität der Arbeit. Herbert Kierstein und andere ehemalige Mitarbieter des MfS schildern unbekannte Fälle.