Nach der Rückkehr vom
Studium in Moskau rückten Fragen der Militärpolitik und der Landesverteidigung
ins Zentrum meiner Tätigkeit. Im Herbst 1956 wurde ich Sekretär der vom Ersten
Sekretär des Zentralkomitees der SED, Walter Ulbricht, geleiteten
Sicherheitskommission des Zentralkomitees unserer Partei. 1960, als der
Nationale Verteidigungsrat der DDR gebildet wurde, dem Walter Ulbricht als
Staatsratsvorsitzender ebenfalls vorstand, berief mich die Volkskammer der DDR
zum Sekretär des höchsten staatlichen Organs, das die gesamte Landesverteidigung
zu koordinieren hat. Diese Tätigkeit führte mich oft mit dem damaligen Minister
für Nationale Verteidigung, Willi Stoph, heute Vorsitzender des Ministerrates
der DDR, und seinen Stellvertretern Friedrich Dickel, heute Minister des Innern
der DDR, Heinz Hoffmann, jetzt Verteidigungsminister, und Heinz Keßler, jetzt
Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der Politischen
Hauptverwaltung der Nationalen Volksarmee der DDR, zusammen, ebenso mit dem
Marschall der Sowjetunion A. A. Gretschko, der von 1953 bis Ende 1957 die Gruppe
der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland kommandierte. Auch in späteren
Jahren begegnete ich ihm häufig wieder, als er Oberkommandierender der Vereinten
Streitkräfte des Warschauer Vertrages und dann Minister für Verteidigung der
UdSSR war.
Am 18. Januar 1956 hatte die Volkskammer der DDR das Gesetz
über die der Nationalen Volksarmee (NVA) und des Ministeriums für Nationale
Verteidigung beschlossen. Den Aufbau unserer Nationalen Volksarmee unterstützte
ich nach Kräften. In meiner Tätigkeit auf militärpolitischem Gebiet ging ich
davon ans, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR es erforderten und
ermöglichten, nationale Streitkräfte zu schaffen und zur Sache der gesamten
Arbeiterklasse und der breitesten Schichten der Werktätigen zu machen. Die
objektiv gegebene Einheit von Arbeiterklasse, Volk und bewaffneten Kräften mußte
bewußt als unversiegbarer Kraftquell für den militärischen Schutz unserer
Republik genutzt werden. Dem internationalen Charakter der Arbeiterklasse und
den Fortschritten bei der Herausbildung der sozialistischen Staatengemeinschaft
entsprach es, daß wir den militärischen Schutz des Sozialismus in der DDR von
Anbeginn als eine kollektive, internationalistische Aufgabe betrachteten. Nur in
engster Kampfgemeinschaft mit der UdSSR und ihrer Militärmacht, mit den anderen
sozialistischen Bruderstaaten und ihren Armeen konnte sie gelöst werden.
Neben dem Charakter des Staates und seiner Politik, dem die
Streitkräfte dienen, ist natürlich die Besetzung der führenden
Kommandeurstellungen für das Wesen und die Ziele einer Armee entscheidend. Im
Zentralkomitee der SED und seinem Politbüro sowie im Nationalen Verteidigungsrat
und im Ministerrat der DDR schenkten wir dieser Frage größte Aufmerksamkeit. Die
Vorbereitung grundsätzlicher Kaderentscheidungen und entsprechender Beschlüsse
für das Politbüro oder den Nationalen Verteidigungsrat gehörten zu meinem
Aufgabenbereich. Von den Generalen und Admiralen, die in den Wochen und Monaten
des Aufbaus der Nationalen Volksarmee Dienst taten, waren etwa 70 Prozent vor
dem Jahre 1933 aktiv in der Arbeiterbewegung tätig gewesen. Viele von ihnen
hatten sich im antifaschistischen Widerstandskampf bewährt. Fast jeder dritte
war während der Hitlerdiktatur in Zuchthäuser und Konzentrationslager geworfen
worden.
In der Arbeit mit den Kadern sah ich eine meiner wichtigsten
Verpflichtungen. Ihr widmete ich viel Sorgfalt und Geduld. Oft erinnerte ich
mich dabei, mit welcher Herzlichkeit und Wärme, mit wieviel Fingerspitzengefühl,
aber auch - so angebracht - mit Strenge Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter
Ulbricht und andere Genossen zu meiner eigenen Entwicklung beigetragen haben.
Ende 1956, als wir die Verbände und Truppenteile im wesentlichen aufgestellt
hatten, waren von den Offizieren und Generalen ihrer sozialen Herkunft nach rund
82 Prozent Industrie-und Landarbeiter, etwa drei Prozent Bauern, zwölf Prozent
Angestellte und über drei Prozent Angehörige der Intelligenz sowie sonstiger
Berufe.
Die Nationale Volksarmee der DDR entstand als Armee des
Antifaschismus und des Antimilitarismus, als Armee des Friedens, und dem ist sie
treu geblieben. Sie verkörpert den radikalen Bruch mit allem Reaktionären in der
deutschen Geschichte. Sie setzt die fortschrittlichen Traditionen der Heere des
deutschen Bauern-krieges 1524 bis 1526, des Befreiungskrieges 1812/1813, der
Novemberrevolution 1918/1919, der Arbeiterwehren und der Roten Ruhrarmee zur
Abwehr des Kapp-Putsches 1920, der deutschen Interbrigadisten 1936 bis 1939 in
Spanien und der deutschen Antifaschisten von 1933 bis 1945 fort. Heute tragen
viele Verbände, Truppenteile, Einheiten, Schulen, Kasernen, Schiffe und Boote
der Nationalen Volksarmee Ehrenn amen revolutionärer Vorkämpfer.
Der Sozialismus braucht Offiziere, die über politische
Erfahrungen und Kenntnisse, ein hohes Maß an militärischem Wissen und
Fertigkeiten verfügen. Mit ihrer Klasse müssen sie eng verbunden sein, die
Soldaten lieben und sich um jeden einzelnen sorgen. Da und dort anzutreffenden
Auffassungen, daß in der Armee das Verhältnis zu den Menschen nicht so wichtig
sei, weil sich das gesamte Leben auf der Grundlage von Befehlen abspiele, trat
ich entschieden entgegen. Es war nicht schwer, anhand der Praxis nachzuweisen,
daß die Aufgaben dort am besten erfüllt werden, daß dort eine hohe Einsatz- und
Gefechtsbereitschaft erreicht wird, wo die Kommandeure sich intensiv mit den
Soldaten befassen. Gerade wegen der notwendigen Härte des Dienstes sind die
Offiziere angehalten, sich stets um die Belange, um das Wohl ihrer Untergebenen,
um ihre Probleme und Nöte zu kümmern.
Eine solche Führung in der NVA zu gewährleisten, stellte das
vorrangige Anliegen der Parteiorganisationen der SED in den Streitkräften dar.
Wir wußten von W. I. Lenin und aus den Erfahrungen der KPdSU, daß die Führung
durch die marxistisch-leninistische Partei auch für die Armee eine
Schlüsselfrage ist. Im November 1957 erklärte das Politbüro zu unserer
Militärpolitik: "Die Stärke der mit den modernsten Waffen und technischen
Mitteln ausgerüsteten Armee des sozialistischen Staates liegt in der
konsequenten Durchführung der Beschlüsse der Partei, der unlösbaren
Verbundenheit mit dem werktätigen Volk." Wenige Monate später, am
14. Januar 1958, faßte das Politbüro nach eingehender Beratung den bedeutsamen
Beschluß "Über die Rolle der Partei in der Nationalen Volksarmee". Hier flossen
die Erfahrungen zusammen, die wir in zwei Jahren des Aufbaus der Streitkräfte
gesammelt hatten. Dieses Dokument ist, was seinen prinzipiellen Gehalt betrifft,
bis heute gültige Richtschnur.
Die Arbeitspläne des Politbüros und des Sekretariats des
Zentralkomitees wie auch die Berichte des Politbüros auf den Tagungen des
Zentralkomitees in all den Jahren weisen aus, daß es keine wichtige Frage der
Stärkung der Streitkräfte und der Landesverteidigung der DDR gab, die nicht im
Kollektiv beraten und gemeinsam entschieden worden wäre. So blieb es bis heute,
und daran wird sich auch künftig nichts ändern.
Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, herangereifte Probleme
in den Einheiten, Truppenteilen und Verbänden zu untersuchen. Oft hielten sich
meine Mitarbeiter wochenlang bei der Truppe auf. Sie berieten sich mit
Generalen, Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten, mit Funktionären der
Grundorganisationen der SED und der FDJ. Zur Diskussion standen die Ergebnisse
der politischen und militärischen Ausbildung, das Verhältnis zwischen Offizieren
und Soldaten, zwischen Vorgesetzten und Unterstellten. Gewöhnlich sprachen wir
auch über die Verbindung der Truppe zu Arbeitern sozialistischer Großbetriebe
und zu Genossenschaftsbauern der damals noch jungen landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften sowie über die Kontakte zu sowjetischen
Waffenbrüdern. immer spielten die Dienst- und Lebensbedingungen der
Armeeangehörigen eine wichtige Rolle.
Deutlich erinnere ich mich einer Aussprache mit Kommandeuren
und Leitern der Politischen Verwaltungen der Militärbezirke und Teilstreitkräfte
der Nationalen Volksarmee im Frühjahr 1957. Auch dem waren Untersuchungen
vorausgegangen, so daß wir ein reales Bild von der tatsächlichen Lage in den
jeweiligen Bereichen besaßen. Die so gewonnenen Erkenntnisse lagen der
Eggersdorfer Tagung am 12./13. Juni 1957 zugrunde, an der Walter Ulbricht, Willi
Stoph, Hermann Matern und ich mit weiteren leitenden Funktionären der SED und
der Nationalen Volksarmee teilnahmen. Wir berieten darüber, wie die Volksarmee
in kürzester Zeit zu stärken ist. Nicht selten luden wir Parteisekretäre und
Kommandeure aus der Truppe auch zu Sitzungen der Sicherheitskommission des
Zentralkomitees ein, um ihre Meinung zu bevorstehenden Entscheidungen näher
kennenzulernen.
Besonderes Augenmerk widmete ich zu jener Zeit auch der
Grenzpolizei, die Mitte der fünfziger Jahre den Auftrag erhielt, sich zu einer
schlagkräftigen Grenztruppe zu entwickeln. Es ist eine alte Erfahrung, daß sich
Grenzprovokationen und Grenzkonflikte sehr rasch zu einer militärischen
Auseinandersetzung von unkontrollierbarem Ausmaß auswachsen können. Nicht wenige
Provokationen gab es an unserer Staatsgrenze, die nur deswegen nicht zu größeren
Konflikten führten, weil unsere Grenzsoldaten besonnen handelten. Solche
Provokationen entsprangen letztlich einer Politik, die sich hartnäckig weigerte,
die Grenzen der DDR als Staatsgrenzen eines unabhängigen, souveränen Staates
anzuerkennen und zu respektieren.
21 Angehörige unserer Grenzpolizei und der späteren
Grenztruppen wurden in Ausübung ihres Dienstes von der BRD oder Berlin-West aus
meuchlings ermordet. Was lag näher, als zu gewährleisten, daß die Ausrüstung und
Ausbildung unsere "Grenzer" jederzeit in die Lage versetzte, die Staatsgrenzen
der DDR gegen alle Verletzungen und Provokationen zu sichern. Darum setzte ich
mich dafür ein, die Dienst- und Lebensbedingungen unserer Grenzsoldaten zu
verbessern, damit sie der Schwere des Dienstes bei Tag und Nacht, bei Wind und
Wetter gerecht werden konnten.
Mit dem Aufbau der Landesverteidigung der Deutschen
Demokratischen Republik erhöhte sich auch die Rolle der Kampfgruppen der
Arbeiterklasse. Viel wurde über sie in Massenmedien des westlichen Auslandes
geschrieben und gesprochen. Dabei reicht die Skala von geringschätziger
Abwertung bis zu übersteigerter Einschätzung als einer zusätzlichen regulären
Armee. Wie liegen die Dinge wirklich? Entstanden - wie ich bereits schrieb - zur
Verteidigung der Republik gegen Anschläge der Konterrevolution im Sommer 1953,
sind die Kampfgruppen die unmittelbaren bewaffneten Organe der Arbeiterklasse in
den Betrieben. Klassenbewußte Arbeiter haben sich in ihnen zusammengeschlossen
und meistern neben ihren Aufgaben in der Produktion, im Beruf das Waffenhandwerk
zum Schutz ihrer Errungenschaften.
Die Kampfgruppen werden, beginnend auf örtlicher Ebene bis hin
zum Zentralkomitee, von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
angeleitet und geführt. Über die unmittelbare Verteidigung ihrer Betriebe hinaus
beauftragten wir sie beim Aufbau unserer Landesverteidigung Ende der fünfziger
Jahre damit, die Errungenschaften der Werktätigen in Stadt- und Kreisgebieten
wirksam zu schützen. Uns lag stets daran, die Einsatzbereitschaft der
Kampfgruppen zu erhöhen, entschlossene, unbeugsame Kämpfer zu erziehen, die
Ausbildung der Hundertschaften ständig zu verbessern und die Qualifikation ihrer
Kommandeure zu fördern. Selbstverständlich wird beim Eintritt in die
Kampfgruppen das Prinzip der Freiwilligkeit gewahrt.
Wiederholt weilte ich bei der Ausbildung und bei Übungen unter
den Kämpfern. So manchen Kommandeur kenne ich seit mehr als zwei Jahrzehnten
persönlich. Immer wieder beeindruckten mich die hohe Einsatzbereitschaft der
Angehörigen der Kampfgruppen und ihr Vertrauen zu unserer Partei. Bereits nach
wenigen Jahren konnte ich auf dem 7. Zentralen Lehrgang für
Kampfgruppenkommandeure in Schmerwitz am 20. April 1959 feststellen: "Die hohe
politische Reife und Moral, die feste Disziplin und grenzenlose Ergebenheit für
die Sache des Sozialismus sind die Gewähr dafür, daß die Kampfgruppen der
Arbeiterklasse in der Deutschen Demokratischen Republik auch in Zukunft alle
ihnen übertragenen Aufgaben in Ehren erfüllen werden."
Daß unsere Anstrengungen für den militärischen Schutz der DDR
unerläßlich waren, sollte sich bald erweisen. Nach einigen Hoffnungsschimmern
auf eine internationale Entspannung in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre
zogen 1960/1961 erneut die drohenden Wolken eines Krieges herauf.
Die Bundeswehr der BRD hatte unterdessen eine Stärke von über
350000 Mann erreklit. In den Manövern der Bundeswehr und der NATO von 1959/1960-
"Side Step", "Hold Fast", "Winterschild", "Wallenstein" und wie sie alle hießen
- wurde die Aggression gegen die DDR geprobt. Im März 1961 erklärte die in der
BRD erscheinende "Wehrpolitische Rundschau", die Möglichkeiten des Westens seien
ausgeschöpft, vom Osten auf friedlichem Wege ein Nachgeben zu erreichen. Es
bleibe nur die Möglichkeit einer gewaltsamen Änderung des Status quo oder "die
Aufgabe eigener Prinzipien". Auf einer Pressekonferenz in den USA erklärte der
damalige Verteidigungsminister der BRD, Franz Josef Strauß, man müsse auf eine
Art Bürgerkrieg in Deutschland vorbereitet sein.
Anfang Juli 1961 wurde in Bonn mit dem Bericht des
"Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands" erneut ein
umfassender Plan für den "Tag X" vorgelegt. Er füllte ein ganzes Buch und
enthielt genaue Anweisungen, wie sich die westdeutschen Monopole stufenweise der
Volkswirtschaft der DDR bemächtigen könnten wie die SED beseitigt und die
Gewerkschaften ihrer Rechte beraubt werden sollten. Die Zeitung "Kölnische
Rundschau" forderte am 10. Juli 1961 dazu auf, "alle Mittel des kalten Krieges,
des Nervenkrieges und des Schießkrieges anzuwenden... Dazu gehören nicht nur
herkömmliche Streitkräfte und Rüstungen, sondern auch die Unterwühlung, das
Anheizen des inneren Widerstandes, die Arbeit im Untergrund, die Zersetzung der
Ordnungsgewalt, die Sabotage, die Störung von Verkehr und Wirtschaft, der
Ungehorsam, der Aufruhr..." Wenige Tage später eilte der damalige Bundesminister
für "gesamtdeutsche Fragen", Ernst Lemmer, samt einem Mitarbeiterstab nach
Berlin-West, um von dort aus die psychologische Kriegführung gegen die DDR zu
steuern. Die NATO-Verbände in Europa wurden in Alarmbereitschaft versetzt.
Die westlichen Massenmedien entfachten eine üble Hetze gegen
die DDR, machten - in fatalem Gleichklang zum August 1939 - mit
"Flüchtlingsströmen" und "Flüchtlingselend" Stimmung für eine Aggression.
Grenzverletzungen und Grenzprovokationen häuften sich. Um Unruhe unter der
Bevölkerung zu stiften, betätigten sich Saboteure im Berliner Vieh- und
Schlachthof am Stadtbahnhof Leninallee und in der Humboldt-Universität im
Zentrum Berlins als Brandstifter.
Seit zwölf Jahren war die Grenze der DDR zu Berlin-West - mehr
oder weniger auch zur BRD - offen. Es war, genauer gesagt, eine offene Grenze
der gesamten sozialistischen Gemeinschaft zur kapitalistischen Welt. Welche
Gefahren für den Frieden dies in sich barg, trat immer deutlicher zutage. Denn
die Situation in und um Berlin-West konnte jederzeit ausgenutzt werden, um
gefährliche internationale Spannungen und Konflikte hervorzurufen.
Das mitten in der DDR gelegene Berlin-West hat eine Grenze zu
unserer Republik von 162 Kilometern Länge. Rund 45 Kilometer davon verlaufen
zwischen Berlin-West und der Hauptstadt der DDR. Bis zum August 1961 war diese
Grenze weder gesichert noch überhaupt zu kontrollieren. Sie verlief inmitten von
Straßen, Häuserblocks, Laubenkolonien oder Wasserwegen. Bis zu einer halben
Million Menschen passierten sie täglich. Aber Berlin-West stellte nicht
irgendein Territorium innerhalb der DDR dar, sondern nach den Worten seiner
regierenden Politiker die "billigste Atombombe" den "Pfahl im Fleische des
Ostens", die "Frontstadt" des kalten Krieges. Dort trieben nicht weniger als 80
Spionage- und Terrororganisationen ihr Unwesen. Währungsspekulationen wurden von
dort in großem Stil betrieben, um die Wirtschaft der DDR zu zersetzen. in
Berlin-West hatten sich Zentralen für die Abwerbung von Arbeitskräften aus der
DDR etabliert. Ja, man konnte es begründet den Umschlagplatz eines regelrechten
Menschenhandels nennen, für den gewissenlose Manager hohe Kopfprämien
kassierten. Mitte 1961 hielten aggressive Kreise in der BRD und ihre Verbündeten
in einigen anderen NATO-Ländern die Zeit für gekommen, erneut Unruhen in der DDR
auszulösen. Mit einer als "innerdeutsche Polizeiaktion" getarnten Operation der
Bundeswehr wollten sie den Provokateuren "zu Hilfe" kommen.
Wir verfolgten diese bedrohlichen Vorgänge mit der gebotenen
Wachsamkeit. Konnten wir tatenlos zusehen, wie unter Ausnutzung der offenen
Grenze, in einem Wirtschaftskrieg sondergleichen, unsere Republik ausgeblutet
wurde? Konnten wir tatenlos bleiben, da im Herzen Europas eine Situation
entstanden war, die mit kaum noch verheimlichten Mobilmachungen und gesteigerter
Kriegshysterie auf westlicher Seite dem Vorabend des zweiten Weltkrieges glich?
Konnten wir die Hände in den Schoß legen, wenn Berlin-West als "Brückenkopf" des
kalten Krieges ausgebaut wurde und seine "Störfunktion" immer ungehemmter
wahrnahm? Hätte das Volk der Deutschen Demokratischen Republik, hätten die
friedliebenden Völker Europas und der Welt es uns verziehen, wenn wir die
Aggressoren nachgerade durch Tatenlosigkeit ermuntert hätten? Am Ende des
zweiten Weltkrieges hatten wir geschworen, alles daranzusetzen, daß von
deutschem Boden niemals mehr ein Krieg ausgeht. Wir waren gewillt, diese
Verpflichtung unter allen Umständen einzulösen.
Es fehlte 1961 seitens der Staaten des Warschauer Vertrages
nicht an Warnungen. Auf der Tagung ihres Politischen Beratenden Ausschusses Ende
März 1961, an der auch ich teilnahm, war nachdrücklich auf die Gefahren
hingewiesen, aber auch die Entschlossenheit bekundet worden, vor dem aggressiven
Druck des Imperialismus nicht zurückzuweichen. Nicht minder eindringlich hatte
die DDR die Gefährdung des Friedens in Europa aufgedeckt, die 1961 entstanden
war. Noch am 6. Juli 1961 hatte unsere Volkskammer mit dem "Deutschen
Friedensplan" der Regierung der BRD und dem Senat von Berlin-West zahlreiche
Verständigungsvorschläge unterbreitet. Allerdings schienen maßgebliche Politiker
in Bonn und Berlin-West der irrigen Meinung zu sein, diese
Verständigungsbereitschaft sei ein Zeichen von Schwäche, die DDR verfüge über
keine wirksamen Mittel, um den Machenschaften der kalten Krieger erfolgreich zu
begegnen.
Vom 3. bis zum 5. August 1961 fand in Moskau eine Beratung der
Ersten Sekretäre der Zentralkomitees der kommunistischen und Arbeiterparteien
der Staaten des Warschauer Vertrages statt, der auch Vertreter von
Bruderparteien aus anderen sozialistischen Ländern Asiens beiwohnten. Im
Einvernehmen mit der KPdSU schlug die SED vor, die Grenzen der DDR gegenüber
Berlin-West und der BRD unter die zwischen souveränen Staaten übliche Kontrolle
zu nehmen. Diesem Vorschlag stimmte die Moskauer Beratung einmütig zu.
Vom damaligen Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates
der DDR, Walter Ulbricht, wurde mir die Vorbereitung und Durchführung der
hierfür erforderlichen Aktion übertragen. Die notwendigen Maßnahmen und die
Entwürfe 1er Einsatzbefehle für die Nationale Volksarmee, die Organe des
Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministeriums des Innern, für die
Bereitschaftspolizei, die Volkspolizei und die Kampfgruppen der Arbeiterklasse
sowie die Anweisungen für ile zentralen staatlichen Institutionen, für das
Verkehrswesen, das Bauwesen und andere wirtschaftsleitende Organe wurden
ausgearbeitet. Später konnten wir befriedigt feststellen, daß wir nichts
Wesentliches unberücksichtigt gelassen hatten.
Zur unmittelbaren Leitung der Operation richtete ich meinen
Stab im Berliner Polizeipräsidium ein. Dort stand ich in ständiger Verbindung
mit den Kommandeuren und Stäben der bewaffneten Kräfte, den Bezirksleitungen der
SED Berlin, Frankfurt an der Oder und Potsdam, den zentralen Staatsorganen, dem
Berliner Magistrat und den Räten der Bezirke Frankfurt an der Oder und Potsdam.
Am 11. August 1961 erklärte die Volkskammer der DDR, daß eine
ernste Gefahr für den Frieden in Europa besteht. Sie beauftragte den Ministerrat
der DDR, alle Maßnahmen vorzubereiten und durchzuführen, die zur Sicherung des
Friedens notwendig sind. Daraufhin faßte der Ministerrat am folgenden Tage den
Beschluß, die noch offene Grenze zwischen dem sozialistischen und dem
kapitalistischen Europa unter zuverlässige Kontrolle zu nehmen.
Als ich am Nachmittag des 12. August 1961 zum Döllnsee fuhr,
sah ich beiderseits der Straßen, daß sich die Motorisierten Schützenverbände
unserer Volksarmee schon in ihren Bereitstellungsräumen befanden. Um 16.00 Uhr
unterzeichnete der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Walter
Ulbricht, die von uns vorbereiteten Befehle für die Sicherungsmaßnahmen an der
Staatsgrenze der DDR zu Berlin-West und zur BRD. Am späten Abend, eine Stunde
vor Beginn der Operation, trat der von mir geleitete Stab im Berliner
Polizeipräsidium zusammen. Anwesend waren die Mitglieder des Politbüros des
Zentralkomitees der SED Willi Stoph, Stellvertreter des Vorsitzenden des
Ministerrates der DDR, und Paul Verner, die Mitglieder des Zentralkomitees der
SED Heinz Hoffmann, Minister für Nationale Verteidigung, Erich Mielke, Minister
für Staatssicherheit, Karl Maron, Minister des Innern, und Erwin Kramer,
Minister für Verkehrswesen, sowie Willi Seifert, Stellvertreter des Ministers
des Innern, Fritz Eikemeier, Präsident der Volkspolizei Berlin, und Horst Ende,
Leiter des Stabes des Ministeriums des Innern. Um 0.00 Uhr wurde Alarm gegeben
und die Aktion ausgelöst. Damit begann eine Operation, die an dem nun
anbrechenden Tag, einem Sonntag, die Welt aufhorchen ließ.
Gemäß den Einsatzbefehlen rückten die Verbände der Nationalen
Volksarmee und die Bereitschaften der Volkspolizei in die ihnen zugewiesenen
Abschnitte. Auch die Kampfgruppen in Berlin und in den an Berlin-West grenzenden
Bezirken Potsdam und Frankfurt an der Oder bezogen ihre festgelegten
Einsatzpunkte. Unsere bewaffneten Kräfte erhielten von den in der DDR
stationierten sowjetischen Streit-kräften Unterstützung, deren Oberbefehl am
10. August 1961 Marschall der Sowjetunion I. S. Konew übernommen hatte.
An diese spannungsgeladenen Tage und Stunden erinnert sich
Heinz Hoffmann, seit Juli 1960 Minister für Nationale Verteidigung der DDR: "Ich
weiß noch, wie wir damals die Stäbe und Verbände der Volksarmee - durch
bestimmte Truppenbewegungen getarnt - heranführten. Erich Honecker rief mich
nachts an, gab mir die ´X-Zcit´ und sagte: ´Die Aufgabe kennst du! Marschiert!´
Wir waren kaum an der Grenze, da war auch Erich Honecker da und überzeugte sich,
ob unsere Panzer und anderen Einheiten an der richtigen Stelle standen. Er
sprach nicht nur mit mir und anderen leitenden Offizieren, sondern - wie das
seine Gewohnheit ist - an Ort und Stelle mit den Soldaten und erläuterte ihnen,
warum wir diese Maßnahmen durchführen mußten."
Binnen weniger Stunden war unsere Staatsgrenze rings um
Berlin-West zuverlässig geschützt. Ich hatte vorgeschlagen, direkt an der Grenze
die politische und militärische Kampfkraft der Arbeiterklasse einzusetzen, das
heißt Werktätige aus sozialistischen Betrieben in den Uniformen der
Kampfgruppen. Sie sollten mit Bereitschaften der Volkspolizei unmittelbar die
Grenze zu Berlin-West sichern. Falls es notwendig werden sollte, hatten die
Truppenteile und Verbände der Nationalen Volksarmee und die Organe des
Ministeriums für Staatssicherheit sie aus der zweiten Staffel zu unterstützen.
Nur bei einem etwaigen Eingreifen der NATO-Armeen sollten die in der DDR
stationierten sowjetischen Streitkräfte in Aktion treten.
Wie der Verlauf der Ereignisse bestätigte, bestanden die
bewaffneten Kräfte der DDR ihre Bewährungsprobe hervorragend. Dennoch war dies
keine rein militärische Operation. Vielmehr erforderten die Sicherungsmaßnahmen
umfangreiche politische, ideologische, wirtschaftliche und organisatorische
Aktivitäten. Wir hatten - ohne zunächst in aller Öffentlichkeit über konkrete
Aufgaben sprechen zu können - die gesamte, damals von Paul Verner geleitete
Berliner Parteiorganisation der SED mobilisiert. Innerhalb von Stunden war das
Berliner Verkehrsnetz umzustellen und der Stadtbahn- und Untergrundbahn-Verkehr
von und nach Berlin-West zu unterbrechen. Das konnte nur gelingen, wenn die
Werktätigen der Reichsbahn und der Berliner Verkehrsbetriebe im Vertrauen auf
ihre Arbeiterpartei und Arbeiterregierung alle Anweisungen diszipliniert
verwirklichten, und das taten sie. Obwohl Tausende Werktätige zum Schutz der
Staatsgrenze aufgezogen oder als Agitatoren tätig waren, mußte der
14. August 1961 in der Hauptstadt zu einem Montag mit guten
Produktionsergebnissen werden. Die Stadt wollte versorgt sein wie gewohnt. Das
Leben sollte so normal wie möglich weitergehen.
Ich kann mir denken, daß in den Stäben der NATO und der
Bundeswehr recht gut verstanden worden ist, welche Kraft einheitlichen Handelns
hinter solchen Maßnahmen wie denen vom 13. August 1961 stand. Nur gemeinsam mit
zahllosen freiwilligen Helfern und getragen vom Verständnis der überwältigenden
Mehrheit der Werktätigen ließ sich eine solche Operation bewerkstelligen.
Deshalb zeigte sich in diesen Augusttagen nicht nur unsere militärische Kraft,
sondern auch die Stärke unserer sozialistischen Ordnung, die Überlegenheit
unseres politischen Systems. Man mag daran im Nachhinein herumzudeuteln
versuchen, wie man will - eines bleibt unverrückbare Tatsache: Trotz des
beträchtlichen Umfangs der vorbereitenden Maßnahmen, die für das Gelingen
erforderlich waren, kam die Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls für
unsere Gegner völlig überraschend. Dabei hatten über die offene Grenze
ausländische Geheimdienste nahezu ungehindert Spionage und Aufklärung in der DDR
betreiben können. Es gelang auch nirgends, ernsthafteren Widerstand gegen unsere
Aktion zu organisieren.
Wiederholt bin ich gefragt worden, ob wir seinerzeit bewußt das
Risiko eines großen Krieges eingegangen wären. Wir hatten berechtigten Grund zu
der Annahme, daß es der NATO nicht möglich sein würde, eine derartige Aktion,
die sich ja ausschließlich auf unserem Territorium vollzog, mit einer
militärischen Aggression zu beantworten. Unsere Informationen besagten, daß sich
die USA, die Hauptmacht der NATO, ohne die ein militärisches Vorgehen nicht
denkbar war, in bezug auf Berlin-West von eindeutigen Interessen leiten ließ.
Das waren: unveränderter Status von Berlin-West, Anwesenheit der drei Westmächte
in Berlin-West, sicherer Verkehr zwischen Berlin-West und der BRD. Keines dieser
Interessen wurde durch unsere Grenzsicherungsmaßnahmen verletzt. Daß die Staaten
des Warschauer Vertrages den Status von Berlin-West als eines besonderen
politischen Territoriums respektierten, hatten die Westmächte Anfang August 1961
der Mitteilung über die Beratung der Ersten Sekretäre unserer Zentralkomitees
entnehmen können. Unsererseits war also kein Anlaß zu einem militärischen
Eingreifen der NATO gegeben worden. Und noch etwas: Wir unternahmen keine andere
Aktion als leder andere unabhängige, souveräne Staat. Lediglich nahmen wir
unsere Grenze gemäß dem damals wie heute von der Organisation der Vereinten
Nationen verbrieften Völkerrecht unter Kontrolle. Damit wurde der Frieden
gerettet und der Grundstein für das weitere Aufblühen der Deutschen
Demokratischen Republik gelegt.
Auch in den Tagen und Wochen nach dem 13. August 1961 war ich
wiederholt bei unseren Kampfgruppenmitgliedern, Volkspolizisten und Soldaten an
der Staatsgrenze. Ich erläuterte ihnen die Notwendigkeit und Bedeutung unserer
Sicherungsmaßnahmen und überbrachte ihnen den Dank des Zentralkomitees und der
Regierung. Ich sorgte auch mit dafür, daß die Bevölkerung Berlins und der
Bezirke Frankfurt an der Oder und Potsdam, insbesondere die Arbeiter, Frauen und
Jugendlichen, engen Kontakt zu den an der Grenze stationierten Mitgliedern der
Kampfgruppen, den Angehörigen der Volkspolizei und der Volksarmee hielten.
Die ganze Tragweite des 13. August 1961 mag mancher erst so
recht in den folgenden Jahren verstanden haben. Sein Einfluß reicht bis in
unsere Gegenwart. Schon in den Ausgangsstellungen waren die Versuche zum
Scheitern gebracht worden, die Arbeiter-und-Bauern-Macht der DDR in einer
"begrenzten Aktion" zu beseitigen. Von der Adenauerschen "Politik der Stärke"
war ein Scherbenhaufen übriggeblieben. Nicht zufällig sprach man in der BRD im
Zusammenhang mit dem 13. August 1961 vom Ende der "Ära Adenauer". Auch
Politiker, die nicht gerade zu unseren Freunden zählen, stellten schon vor
Jahren fest, daß mit unserer Aktion dem Frieden auf deutschem Boden und damit in
Europa ein guter Dienst erwiesen worden war.
Ohne Zweifel verhalf der 13. August 1961 maßgeblichen Kreisen
des Westens zu Einsichten, gegen die sie sich länger als ein Jahrzehnt gesträubt
hatten. Der souveräne sozialistische deutsche Staat war weder zu erpressen noch
zu überrennen. So trug der 13. August 1961 dazu bei, Voraussetzungen zu schaffen
für eine spätere Abkehr vom kalten Krieg, von der Konfrontation hin zu
Verhandlungen und zu ersten Entspannungsschritten. Aus meiner Sicht führte
dieser Weg zur Schlußakte von Helsinki, die insbesondere die Anerkennung der in
Europa bestehenden Grenzen und ihre Unverletzlichkeit bekräftigte.
Die Grenze zwischen der DDR und der BRD, der DDR und
Berlin-West ist zugleich die Scheidelinie zwischen zwei entgegengesetzten
Weltsystemen und militärischen Bündnissen. Niemals soll sie zu einer den Frieden
gefährdenden "brennenden Grenze" werden. Vor allem deshalb erfüllt es mich immer
mit Genugtuung, wenn Sachkenner und realistisch denkende Politiker der
westlichen Welt unsere Einschätzung teilen, welch förderliche Wirkung für
Frieden und Entspannung von den Maßnahmen des 13. August 1961 ausgegangen ist.
Erich Honecker: "Aus meinem Leben", Kapitel 16,
S. 197 ff. (Dietz-Verlag Berlin 1980, 12. Auflage 1987)
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