![]() |
| Offizielles Amtsbild Wolfgang Junkers aus dem Archivbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. |
Vom Gegner gehetzt, von den eigenen Leuten im Stich gelassen
Wolfgang Junkers tragischer Tod
Am 9. April 1990 schied ein großartiger Mensch kurz nach seinem 61.
Geburtstag in tiefer Verzweiflung aus dem Leben.
Wolfgang Junker, am 23. Februar 1929 in einer Quedlinburger
Arbeiterfamilie geboren, erlebte das Kriegsende als Befreiung. So
führte sein Weg in die FDJ und die SED. Nach Mittelschule, Maurerlehre
und Fachschulstudium übernahm der junge Ingenieur Verantwortung an
Brennpunkten des Geschehens. Er war Bauleiter an der Stalinallee, dann
Direktor großer Baubetriebe in Berlin und Brandenburg. Schon damals
legte er viel Wert auf hochproduktive Neuerungen. So geriet er in das
Blickfeld Walter Ulbrichts, der fähige Organisatoren im Bauministerium
einsetzen wollte. Junker wurde stellvertretender Minister für
Industriebau, bald darauf Staatssekretär. Als Bauminister Ernst Scholz
1964 starb, war der erst 34jährige sein Nachfolger.
Damals bestand eine sehr komplizierte Lage. Ob Wohnungs- oder
Industriebau, Stadtentwicklung oder Baumaterialienproduktion - überall
blieb das Leistungsvermögen hinter den Bedürfnissen der Gesellschaft
zurück. Arbeitskräfte und Ressourcen waren begrenzt. Hinzu kamen die
von der BRD ausgehenden Störmanöver. Es mußte eine Konzeption der
Industrialisierung entwickelt werden, die das Bauwesen auf Erfolgskurs
brachte. Wolfgang Junkers Verdienst bestand darin, alle Kräfte -
Wissenschaftler, Ingenieure, Architekten, Technologen, Ökonomen und
vor allem die Bauarbeiter - dafür zu gewinnen. Vorfertigung,
Montagebau und Mechanisierung, verbunden mit der rationellen
Technologie der Takt- und Fließfertigung verdrängten die körperlich
schwere Arbeit. Es entstanden Polikliniken für Bauarbeiter,
Arbeitsschutz und Unfallverhütung erhielten einen immer höheren
Stellenwert. Der Konsum schuf an Bauschwerpunkten spezielle
Versorgungseinrichtungen.
Anfang der 70er Jahre erklärte das ZK der SED das Wohnungsbauprogramm
zum Kernstück der Sozialpolitik. Die Konzentration auf den
Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Stadtzentren war wegen des
höheren Aufwands nicht geeignet, den Mangel an Wohnraum kurzfristig zu
beheben. Wolfgang Junker leistete dabei eine immense Arbeit. Am 24.
Februar 1989 konstatierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Seit
dem VIII. Parteitag der SED 1971 sind in der DDR unter Bauminister
Junker mehr als 3 Millionen Wohnungen, darunter 1,9 Millionen neu
gebaute, fertiggestellt worden. Anfang 1971 standen für je eintausend
Einwohner 345 Wohnungen zur Verfügung, 1987 waren es 417. Die
Wohnfläche pro Person stieg im gleichen Zeitraum von 20,6 auf 26,8
Quadratmeter, und der Anteil der Wohnungen mit Bad oder Dusche und
Innentoilette verdoppelte sich."
Ab 1973 wirkte Wolfgang Junker als Vorsitzender der Ständigen
Kommission Bauwesen beim Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW).
Damit zog dort ein neuer, praxisnaher Arbeitsstil ein, der die
Probleme der anderen Länder stets in Rechnung stellte. In seinem
Verhalten blieb Wolfgang Junker immer bescheiden. Nichts war ihm mehr
zuwider als deutsche Arroganz.
Der Minister war kein Einzelkämpfer. Die Arbeitsergebnisse seines
Hauses beruhten in hohem Maße auf seiner Fähigkeit, Kollektive zu
formen und andere zu hohen Leistungen anzuspornen sowie Verbündete und
Freunde zu gewinnen. Zu ihnen gehörten vor allem Prof Dipl-Ing. Werner
Heynisch, Präsident der Bauakademie, der sich durch neuartige, kühne
und rationelle Konstruktionslösungen einen Namen gemacht hatte, und
Prof. Dr.-Ing. Erhardt Gißke, zu dessen Hauptwerken der Palast der
Republik, das Nikolaiviertel, das Konzerthaus am Gendarmenmarkt, der
Pionierpalast in der Wuhlheide, das chirurgisch orientierte Zentrum
der Charité und der neue Friedrichstadtpalast zählen. Wolfgang Junker
setzte sich selbst für den Wiederaufbau der Dresdner Semperoper, den
Neubau des Leipziger Gewandhauses und die Schaffung der
Bauernkriegs-Gedenkstätte bei Bad Frankenhausen ein.
Anfang der 80er Jahre war das DDR-Bauwesen noch intakt. Die Pläne
wurden erfüllt. Viele Menschen bezogen Neubauwohnungen. Weil die
Baubetriebe aber immer weniger Maschinen, Ausrüstungen und
Transportmittel zugeteilt bekamen, sah sich Wolfgang Junker gezwungen,
auf andere Weise die Deckung des dringenden Bedarfs zu sichern. Unter
seiner Leitung wurde z. B. die Energieträgerumstellung kurzfristig
realisiert und so die Versorgung mit Zement und Baukeramik
aufrechterhalten. Doch insgesamt spitzte sich die Lage zu. In älteren
innerstädtischen Wohngebieten verschlechterte sich die Bausubstanz
zusehends. Der Vorschlag des Ministers, diese Situation durch
differenzierte Mieten ohne soziale Härten abzumildern, wurde
abgelehnt. Auch seine Anregung, die "FDJ-Initiative Berlin" geordnet
zum Abschluß zu bringen und die Bauleute in ihren Heimatorten für die
Modernisierung der Altbausubstanz einzusetzen, stieß nicht auf
Gegenliebe.
1988/89 komplizierte sich die materiell-technische Versorgung sowohl
der volkseigenen als auch genossenschaftlichen und privaten
Baubetriebe noch mehr. Wieder wurden Entlastungsvorschläge Wolfgang
Junkers in den Wind geschlagen. Man kürzte sogar Kontingente bei
wichtigen Zuliefererzeugnissen. In Leipzig organisierten sogenannte
Bürgerrechtler eine "Baukonferenz von unten". Wolfgang Junker mußte
dort den aufgestauten Frust gegen die Führung von Partei und Staat
über sich ergehen lassen.
Wenigstens die Volkskammer befaßte sich nun mit der entstandenen Lage.
Auf ihrer Tagung am 18. November 1989 trat Wolfgang Junker für eine
sozialistische Erneuerung der DDR ein. Doch der gerade erst gebildete
Volkskammerausschuß "zur Überprüfung von Amtsmißbrauch" veranlaßte,
daß ihm unter fadenscheinigen Vorwänden die Immunität als Abgeordneter
entzogen wurde. Fast zeitgleich leitete man ein Untersuchungsverfahren
gegen ihn ein. Die immer mehr abdriftende Presse überschlug sich in
Vorverurteilungen. Während der Untersuchungshaft verschlechterte sich
Wolfgang Junkers Gesundheitszustand dramatisch. Ein ärztlicher Antrag
auf Haftverschonung wurde abgelehnt. In der Regierung fand sich
niemand, der diesem üblen Treiben ein Ende setzte. Als Wolfgang Junker
schließlich wegen erwiesener Unschuld freigelassen werden mußte, war
er ein an Leib und Seele gebrochener Mann.
So kam es zur Tragödie. Uns aber, die wir auf das engste mit ihm
zusammengearbeitet haben, wird der Bauminister als ein hochgeachteter
Fachmann und als ein wunderbarer Mensch, der den Idealen des
Sozialismus stets die Treue wahrte, unvergessen bleiben.
Gerhard Trölitzsch / Rolf Kühnert

Es befremdet mich, mit welcher Arroganz und vor allem auch Dummheit über die Leistungen von Menschen in der ehemaligen DDR hergezogen wird. Die, die dafür gesorgt haben, dass Wolfgang Junker in Untersuchungshaft kam, sollten noch heute bestraft werden.
AntwortenLöschen