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Mittwoch, 12. September 2012

In Erinnerung an Wolfgang Junker - Ehemals Minister für Bauwesen der DDR

Offizielles Amtsbild Wolfgang Junkers aus dem Archivbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.

Vom Gegner gehetzt, von den eigenen Leuten im Stich gelassen

Wolfgang Junkers tragischer Tod

Am 9. April 1990 schied ein großartiger Mensch kurz nach seinem 61. Geburtstag in tiefer Verzweiflung aus dem Leben.
Wolfgang Junker, am 23. Februar 1929 in einer Quedlinburger Arbeiterfamilie geboren, erlebte das Kriegsende als Befreiung. So führte sein Weg in die FDJ und die SED. Nach Mittelschule, Maurerlehre und Fachschulstudium übernahm der junge Ingenieur Verantwortung an Brennpunkten des Geschehens. Er war Bauleiter an der Stalinallee, dann Direktor großer Baubetriebe in Berlin und Brandenburg. Schon damals legte er viel Wert auf hochproduktive Neuerungen. So geriet er in das Blickfeld Walter Ulbrichts, der fähige Organisatoren im Bauministerium einsetzen wollte. Junker wurde stellvertretender Minister für Industriebau, bald darauf Staatssekretär. Als Bauminister Ernst Scholz 1964 starb, war der erst 34jährige sein Nachfolger.
Damals bestand eine sehr komplizierte Lage. Ob Wohnungs- oder Industriebau, Stadtentwicklung oder Baumaterialienproduktion - überall blieb das Leistungsvermögen hinter den Bedürfnissen der Gesellschaft zurück. Arbeitskräfte und Ressourcen waren begrenzt. Hinzu kamen die von der BRD ausgehenden Störmanöver. Es mußte eine Konzeption der Industrialisierung entwickelt werden, die das Bauwesen auf Erfolgskurs brachte. Wolfgang Junkers Verdienst bestand darin, alle Kräfte - Wissenschaftler, Ingenieure, Architekten, Technologen, Ökonomen und vor allem die Bauarbeiter - dafür zu gewinnen. Vorfertigung, Montagebau und Mechanisierung, verbunden mit der rationellen Technologie der Takt- und Fließfertigung verdrängten die körperlich schwere Arbeit. Es entstanden Polikliniken für Bauarbeiter, Arbeitsschutz und Unfallverhütung erhielten einen immer höheren Stellenwert. Der Konsum schuf an Bauschwerpunkten spezielle Versorgungseinrichtungen.
Anfang der 70er Jahre erklärte das ZK der SED das Wohnungsbauprogramm zum Kernstück der Sozialpolitik. Die Konzentration auf den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Stadtzentren war wegen des höheren Aufwands nicht geeignet, den Mangel an Wohnraum kurzfristig zu beheben. Wolfgang Junker leistete dabei eine immense Arbeit. Am 24. Februar 1989 konstatierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Seit dem VIII. Parteitag der SED 1971 sind in der DDR unter Bauminister Junker mehr als 3 Millionen Wohnungen, darunter 1,9 Millionen neu gebaute, fertiggestellt worden. Anfang 1971 standen für je eintausend Einwohner 345 Wohnungen zur Verfügung, 1987 waren es 417. Die Wohnfläche pro Person stieg im gleichen Zeitraum von 20,6 auf 26,8 Quadratmeter, und der Anteil der Wohnungen mit Bad oder Dusche und Innentoilette verdoppelte sich."
Ab 1973 wirkte Wolfgang Junker als Vorsitzender der Ständigen Kommission Bauwesen beim Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Damit zog dort ein neuer, praxisnaher Arbeitsstil ein, der die Probleme der anderen Länder stets in Rechnung stellte. In seinem Verhalten blieb Wolfgang Junker immer bescheiden. Nichts war ihm mehr zuwider als deutsche Arroganz.
Der Minister war kein Einzelkämpfer. Die Arbeitsergebnisse seines Hauses beruhten in hohem Maße auf seiner Fähigkeit, Kollektive zu formen und andere zu hohen Leistungen anzuspornen sowie Verbündete und Freunde zu gewinnen. Zu ihnen gehörten vor allem Prof Dipl-Ing. Werner Heynisch, Präsident der Bauakademie, der sich durch neuartige, kühne und rationelle Konstruktionslösungen einen Namen gemacht hatte, und Prof. Dr.-Ing. Erhardt Gißke, zu dessen Hauptwerken der Palast der Republik, das Nikolaiviertel, das Konzerthaus am Gendarmenmarkt, der Pionierpalast in der Wuhlheide, das chirurgisch orientierte Zentrum der Charité und der neue Friedrichstadtpalast zählen. Wolfgang Junker setzte sich selbst für den Wiederaufbau der Dresdner Semperoper, den Neubau des Leipziger Gewandhauses und die Schaffung der Bauernkriegs-Gedenkstätte bei Bad Frankenhausen ein.
Anfang der 80er Jahre war das DDR-Bauwesen noch intakt. Die Pläne wurden erfüllt. Viele Menschen bezogen Neubauwohnungen. Weil die Baubetriebe aber immer weniger Maschinen, Ausrüstungen und Transportmittel zugeteilt bekamen, sah sich Wolfgang Junker gezwungen, auf andere Weise die Deckung des dringenden Bedarfs zu sichern. Unter seiner Leitung wurde z. B. die Energieträgerumstellung kurzfristig realisiert und so die Versorgung mit Zement und Baukeramik aufrechterhalten. Doch insgesamt spitzte sich die Lage zu. In älteren innerstädtischen Wohngebieten verschlechterte sich die Bausubstanz zusehends. Der Vorschlag des Ministers, diese Situation durch differenzierte Mieten ohne soziale Härten abzumildern, wurde abgelehnt. Auch seine Anregung, die "FDJ-Initiative Berlin" geordnet zum Abschluß zu bringen und die Bauleute in ihren Heimatorten für die Modernisierung der Altbausubstanz einzusetzen, stieß nicht auf Gegenliebe.
1988/89 komplizierte sich die materiell-technische Versorgung sowohl der volkseigenen als auch genossenschaftlichen und privaten Baubetriebe noch mehr. Wieder wurden Entlastungsvorschläge Wolfgang Junkers in den Wind geschlagen. Man kürzte sogar Kontingente bei wichtigen Zuliefererzeugnissen. In Leipzig organisierten sogenannte Bürgerrechtler eine "Baukonferenz von unten". Wolfgang Junker mußte dort den aufgestauten Frust gegen die Führung von Partei und Staat über sich ergehen lassen.
Wenigstens die Volkskammer befaßte sich nun mit der entstandenen Lage. Auf ihrer Tagung am 18. November 1989 trat Wolfgang Junker für eine sozialistische Erneuerung der DDR ein. Doch der gerade erst gebildete Volkskammerausschuß "zur Überprüfung von Amtsmißbrauch" veranlaßte, daß ihm unter fadenscheinigen Vorwänden die Immunität als Abgeordneter entzogen wurde. Fast zeitgleich leitete man ein Untersuchungsverfahren gegen ihn ein. Die immer mehr abdriftende Presse überschlug sich in Vorverurteilungen. Während der Untersuchungshaft verschlechterte sich Wolfgang Junkers Gesundheitszustand dramatisch. Ein ärztlicher Antrag auf Haftverschonung wurde abgelehnt. In der Regierung fand sich niemand, der diesem üblen Treiben ein Ende setzte. Als Wolfgang Junker schließlich wegen erwiesener Unschuld freigelassen werden mußte, war er ein an Leib und Seele gebrochener Mann.
So kam es zur Tragödie. Uns aber, die wir auf das engste mit ihm zusammengearbeitet haben, wird der Bauminister als ein hochgeachteter Fachmann und als ein wunderbarer Mensch, der den Idealen des Sozialismus stets die Treue wahrte, unvergessen bleiben.

Gerhard Trölitzsch / Rolf Kühnert

1 Kommentar:

  1. Es befremdet mich, mit welcher Arroganz und vor allem auch Dummheit über die Leistungen von Menschen in der ehemaligen DDR hergezogen wird. Die, die dafür gesorgt haben, dass Wolfgang Junker in Untersuchungshaft kam, sollten noch heute bestraft werden.

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