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Donnerstag, 20. September 2012

Neuauflage: Erich Honecker - Zu dramatischen Ereignissen

Erich Honecker: »Zu dramatischen Ereignissen«

ISBN 978-3-939828-98-3, Taschenbuch, 190 Seiten, 7,50 €


Erste Wortmeldung nach der Niederlage

Wiljo Heinen brachte Erich Honeckers „Zu dramatischen Ereignissen“ neu heraus

Anfang Juli 1992 erschien in meinem Hamburger Verlag ein schmaler Band mit einem hochbrisanten Text. Der frühere Generalsekretär des ZK der SED und Staatsratsvorsitzende der DDR nahm zu dramatischen Ereignissen Stellung. Es handelte sich um den einzigen durch ihn autorisierten Wortlaut, nachdem Versuche von Geschichtsklitterern eines Fernsehsenders, aus Tonband-aufzeichnungen Zusammengeschnittenes als authentische Stellungnahmen des Politikers darzustellen, das Bild verzerrt hatten.  
Die damals für Erich und Margot Honecker – und keineswegs nur für sie – äußerst widrigen Umstände müssen hier kurz in Erinnerung gerufen werden: Trotz der Verfolgung durch den als Sieger der Geschichte auftretenden Klassengegner und bereits durch die Krankheit geschwächt, der er am 29. Mai 1994 erlag, gab Erich Honecker den Kampf nicht auf.  
Nach seinem Rücktritt von allen Ämtern mußte er sich in der Berliner Charité einer weiteren Operation unterziehen. Außer seiner Frau und seiner Tochter durfte ihn dort niemand besuchen. Kurz vor der Entlassung wurde der Schwerstkranke – und das noch zu DDR-Zeiten – verhaftet und des Hochverrats, des Amtsmißbrauchs sowie der Korruption bezichtigt. In das Gefängnis Rummelsburg überführt, mußte er aber bereits nach 48 Stunden wegen Fehlens jeglicher Beweise sowie auf Grund seines schlechten Allgemeinzustandes entlassen werden. Die Modrow-Regierung hatte ihre Absicht bekundet, den Honeckers in Berlin eine Zwei-Raum-Wohnung bereitzustellen. Doch diese Unterkunft entsprach nicht den nötigen Sicherheitsstandards, da ein durch die Westmedien noch zusätzlich aufgehetzter weißer Mob beide Genossen jederzeit hätte ermorden können. Wie ernst die Lage war, zeigte die Belagerung des Quartiers, das ihnen ein Pfarrer aus Lobetal, der humaner dachte als manche ihrer bisherigen Weggefährten, kurzfristig eingeräumt hatte. Bei der Abfahrt der Honeckers aus diesem Ort mußte sich der Wagen des Rechtsanwalts nur mit Mühe einen Weg durch die zu Gewalttätigkeiten bereite Menge bahnen.  
Die Fernsehbilder zeigten das Maß der Gefahr, der Erniedrigung und des Mangels an Solidarität. Beide Honeckers fanden von April 1990  bis März 1991 im Zentralen Lazarett der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) Asyl. Hier wurden sie u. a. von Genossen besucht, die ihnen als ehemalige Spitzenfunktionäre der FDJ in der BRD bekannt waren.  
Am 6. Juli 1992 äußerte sich Werner Cieslak auf einer Pressekonferenz in Bonn anläßlich der Vorstellung des Bändchens „Zu dramatischen Ereignissen“ über Details: Nach Bekanntwerden des Planes einiger Journalisten, ein Buch mit Erich Honecker zu machen, ohne dessen Autorisierung zu erhalten, habe man dem DDR Politiker vorgeschlagen, die Ereignisse aus seiner Sicht zu schildern. Genosse Honecker habe dem zugestimmt und sich an die Arbeit gemacht.  
Das Kommando der GSSD ließ die Honeckers zur weiteren medizinischen Behandlung nach Moskau ausfliegen. Doch auch das brachte keine Rettung, war doch die Konterrevolution in der UdSSR unter Jelzin in eine neue Phase getreten. Das ehemalige Politbüromitglied verbot seine frühere Partei, die KPdSU. Jelzins Wüten war die von Gorbatschow betriebene systematische Zerschlagung der kommunistischen Bewegung nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in weiteren Ländern Europas vorausgegangen. Schon 1989 hatte das gewandelte ZK der KPdSU eine Ausarbeitung dreier Professoren der Akademie für Gesellschaftswissenschaften, als Diskussionsbeitrag getarnt, an eine Reihe von Bruderparteien verschickt. Darin wurde diesen eine Annäherung an die Sozialdemokratie empfohlen. Gorbatschow ging als KPdSU-Generalsekretär so weit, einen formellen Aufnahmeantrag an die damals von Willy Brandt präsidierte Sozialistische Internationale zu richten. Das erklärt auch die Preisgabe aller Prinzipien kommunistischer Solidarität. Erich Honecker mußte sein Asyl in der Moskauer Botschaft Chiles beenden. Die Jelzin-Clique übergab ihn der imperialistischen BRD. Der antifaschistische Wider-standskämpfer wurde in jenes Berliner Gefängnis Moabit eingeliefert, wo er schon 1935 unter Hitler gefangengehalten worden war. Dort mußte er am 25. August 1992 seinen 80. Geburtstag begehen. Als Verleger seines Buches und Mitglied des Solidaritätskomitees für Erich Honecker und die verfolgten Kommunisten gehörte ich zu den wenigen, die den politischen Gefangenen der „freiheitlich-demokratischen“ BRD besuchen durften.  
Bald darauf stellte unser Komitee auf parallelen Pressekonferenzen in Bonn und Berlin Erich Honeckers Buch vor. Bei dieser Gelegenheit betonte der frühere DDR Dissident Wolfgang Harich, er hege „eine tiefe Verachtung gegenüber dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler der BRD, die Erich Honecker 1987 in Ehren empfangen haben und jetzt wie einen tollwütigen Hund jagen“. In dem Buch seien wichtige Zeitdokumente aus dem Dezember 1989 veröffentlicht, „welche seinerzeit durch die Führung der PDS der Öffentlichkeit unterschlagen wurden“.  
Erich Honecker hat – wie Heinz Keßler und andere standhaft Gebliebene – durch sein Verhalten vor dem Gericht deutlich gemacht, daß der Kampf ungeachtet der erlittenen Niederlage weitergeht. Die jetzt durch den Verlag Wiljo Heinen erneut vorgestellte Schrift war der erste Versuch, auf den zeitweiligen Triumph der Reaktion und die dadurch entstandene neue Lage eine marxistisch-leninistische Antwort zu geben.  
Honeckers Text „Zu dramatischen Ereignissen“ wurde sofort nach seinem Erscheinen in vielen Ländern nachgedruckt. Die kommunistischen Parteien Schwedens und Griechenlands veröffentlichten sie als erste, gefolgt von Portugals PCP und etlichen Parteien im englischen, spanischen, französischen, italienischen, arabischen und asiatischen Sprachraum, darunter die KP Japans. Die proletarische Solidarität war und ist ein hohes Gut. Das erfuhren auch Tausende nach dem CIA-gesteuerten Pinochet-Putsch in Chile verfolgte Demokraten, darunter nicht wenige Mitglieder der Sozialistischen Partei Salvador Allendes, die in der DDR Aufnahme fanden. Nach ihrer Rückkehr sorgten sie mit dafür, daß Erich und Margot Honecker als politische Flüchtlinge in Santiago willkommen geheißen wurden. Chilenische Genossen gewährten damit beiden jene Solidarität, welche ihnen von denen verweigert wurde, die sich der Führung der SED bemächtigt und die Partei ihrer marxistisch-leninistischen Orientierung beraubt hatten.

Wolfgang Runge, Hamburg

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