Foto-, Video - und Musik Seiten - Blog-Impressum

Montag, 15. Oktober 2012

Erinnerungen an den 7. Oktober 2009


Ehrentribüne anläßlich der Feierlichkeiten am 7. Oktober 1989 in Berlin, Hauptstadt der DDR-aus dem Fotobestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.


Am frühen Nachmittag dieses 7. Oktober im 89er Jahr verließen wir, mein Sohn und ich, die U-Bahn-Station Frankfurter Allee, um den Rest des Weges nach Haus zu laufen. Oben an der Straße angekommen, die dort die Gürtelstraße kreuzt, trafen wir auf eine Kolonne gepanzerter Fahrzeuge, die sich auf der Rückfahrt von der Militärparade befand. Ich wollte den Soldaten noch einmal winken, also blieben wir stehen bis der Zug vorbei war. Das hatten wir immer so gemacht. Doch diesmal begrub die sich abspielende Szene endgültig die Empfindung, einen Feiertag erlebt zu haben. Nur wenige Soldaten winkten zurück, manche saßen mit gesenktem Kopf auf den Fahrzeugen, einer erhob die Faust zum Gruß.
Dieses „das letzte Mal winken“ schloss für mich mehr als nur die den 40. Jahrestag der DDR würdigenden Ereignisse ab. Das Gefühl von einem heraufziehenden Unheil stellte sich schon am frühen Morgen dieses Tages beim Pfeifkonzert während der Militärparade ein. Beim anschließenden Spaziergang der Familie über den fast leeren Alexanderplatz fielen uns eigenartige Gruppenbildungen am Rande des Platzes auf. Der äußere Kreis dieser Gruppen bildete mit dem Rücken nach außen eine Art Kette, die verhinderte zu erkennen, was innerhalb dieser Ansammlung vor sich ging. Aus späteren Medienberichten war zu erfahren, dass im Zentrum dieser Ansammlungen westdeutsche Presse- und Fernsehjournalisten Interviews durchführten.
Der restliche Weg über den Alexanderplatz wurde von einer Gruppe junger Männer brutal gestoppt, die unsere mit einem DDR-Fähnchen vor uns herlaufende Tochter auf das übelste attackierte. Ich musste danach unseren Kindern erklären, was unter einer „roten Sau“ zu verstehen sei. Nicht einmal, als sich die Wohnungstür hinter uns schloss, stellte sich das Gefühl ein, zu Hause zu sein. Es gab Tränen und ich beerdigte meinen Glauben, zur „glücklichsten Generation“ zu gehören.
Dieser Gedanke von der „glücklichsten Generation“ tauchte im Jahre 1945 auf als mir bewusst wurde, dass der Jahrgang 1932 der erste war, der nicht mehr von den Faschisten zum Volkssturm geholt oder als Flakhelfer in den Krieg geschickt werden konnte. Und er vertiefte sich zu einer Gewissheit als nach den Erlebnissen von Krieg und Hunger die Perspektive erkennbar geworden war, in ein sinnvolles, friedliches Leben hineinzuwachsen.
Die Umstände verhalfen Schritt für Schritt zu dieser Erkenntnis. Es begann damit, dass ich als 16-jähriger Bursche eine Arbeit brauchte, weil die Mutter – Vater war noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft – uns mit Gelegenheitsarbeiten nicht „über Wasser halten“ konnte. In einem solchen Fall ging man zum Bürgermeister, einem von der roten Armee eingesetzten
ehemaligen SPD-Mann, der den Ratschlag gab, in dem fast völlig zerstörten Aluminiumwerk des Ortes Kabelgräben ausheben zu gehen – und damit endlich alles besser werde, in der FDJ mitzuarbeiten. Bei dem starken Bedürfnis, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun, hatte man überhaupt kein Problem damit, Schwerstarbeit gegen ein geringes Entgelt und dann auch noch gesellschaftliche Arbeit zu leisten. Ich fand einen produktiven Anschluss an die im vollen Gang befindliche gesellschaftliche Umwälzung. Was danach mit mir geschah wird von vielen, denen es ähnlich erging, als „die übliche Entwicklung in der DDR“ bezeichnet werden.
Es begann mit dem Lernen. Leute wie ich wurden für die Arbeiter- und Bauernfakultät geworben. Studieren zu können, das konnte den Optimismus und den Ehrgeiz schon beflügeln. Hier tauchte der Gedanke von der „glücklichsten Generation“ zum zweiten Male auf. Abgesehen von den Ängsten vor den Prüfungen, lernen und klüger werden als Genuss zu empfinden, das markierte eine völlig neue persönliche und gesellschaftliche Situation.
Natürlich blieb auch mir die Erfahrung nicht erspart, dass man den Sozialismus in der Praxis anders empfinden kann als von der Schulbank aus. Wenn die Realitäten ins Spiel kommen, gibt es neue Sichten und Einsichten. Zum Beispiel schon als Assistent an einer Hochschule, mit Voraussetzungen, die einer aus der Welt der kleinen Leute wie ich, mitbringt, und der zum ersten Mal ein Seminar im Fernstudium zu leiten hat. Da steht man vor Leuten, die vom Außenhandel, der gewählten Fachrichtung, mehr Ahnung haben, als du dir in vielen Nachtstunden erarbeiten kannst. Wenn die Angst überstanden ist, hast Du in etwa eine Vorstellung davon, wie einem Arbeiter zu Mute ist, der die Aufgabe erhält, ab morgen einen Betrieb zu leiten.
Vor ähnliche Situationen wurden Tausende und Abertausende in der DDR gestellt, die im Sozialismus eine erstrebenswerte Gesellschaftsordnung sahen. Ihre individuellen Anstrengungen und Probleme widerspiegelten die Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Umwälzung und des Kampfes gegen die Feinde des Sozialismus. Ohne eine führende politische Kraft hätte dieser Weg ins Neuland nicht gegangen werden können. Wenn die heutigen Fehlersammler ein Stammbuch hätten, würde ich das hineinschreiben.
So erinnert der 7. Oktober an Siege und Niederlagen, daran, dass eine Schlacht verloren ging, nicht der Krieg, und der Gedanke von der „glücklichsten Generation“ bekommt wieder eine Chance.
 
Dr. Hans-Günter Szalkiewicz
Mitglied der Redaktion der Zeitschrift „Theorie und Praxis“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Durch Absenden des Kommentars erkläre ich mich einverstanden, dass meine eingegebenen Daten elektronisch gespeichert und zum Zweck der Kontaktaufnahme verarbeitet und genutzt werden. Mir ist bekannt, dass ich meine Einwilligung jederzeit widerrufen kann. Der weitergehende Datenschutzhinweis für Kommentare befindet sich im Impressum.