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Donnerstag, 18. Oktober 2012

Fiete Schulze - Unbeugsam bis in den Tod

Wimpel aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
In Erinnerung an Fiete Schulze
(22. Oktober 1894 – 6. Juni 1935 )


In der DDR waren zur Erinnerung an Fiete Schulze viele Straßen (heute noch in Halle/Saale und Fürstenwalde) und mehrere Schulen (POS in Berlin/Prenzlauer Berg, Fürstenwalde und Leipzig) benannt. Auch das 6. Grenzkommando Küste in Rostock trug den Ehrennamen "Fiete Schulze". Doch wer war dieser Mann?
 
Der 13. und 14. November des Jahres 1920 sind für den Hamburger Werftarbeiter und Funktionär der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) Fiete Schulze ein für sein weiteres politisches Leben entscheidendes Datum. In der Hafenstadt an der Elbe beschließt der gemeinsame Parteitag der Bezirke Bremen, Schleswig-Holstein und Wasserkante der USPD sowie der Bezirke Nord und Nordwest der KPD die Vereinigung der beiden Parteien. 95 Prozent der Mitglieder stimmen diesem Schritt zu, für den besonders der Hamburger USPD Vorsitzende Ernst Thälmann gewirkt hatte. Auch Fiete Schulze gehört zu den klassenbewussten Arbeitern im Norden Deutschlands, die die richtigen Schlussfolgerungen aus den revolutionären Kämpfen der Jahre 1918/19 gezogen haben. Von nun an werden sie in einer einheitlichen marxistischen Partei dem Kapitalismus der Weimarer Republik Widerstand leisten und die Interessen der Arbeiterklasse vertreten.

Der zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alte Werftarbeiter Fiete Schulze ist einer jener Proletarier, denen das Leben ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein vermittelt hat. Obwohl beide Eltern berufstätig waren, konnten sie ihre große Familie nicht ernähren. Sohn Fiete musste ansehen, wie neun seiner Geschwister schon im Kindesalter starben, weil sie nicht genug zu essen hatten und die medizinische Fürsorge für Arbeiterkinder so gut wie nicht vorhanden war. Die Not der Familie zwang Fiete auch, auf seinen Wunschberuf, als Matrose zur See zu fahren, zu verzichten. Stattdessen wurde er Schlosser, zuerst auf der Großwerft Blohm & Voß. Schon als Lehrling trat er in die Gewerkschaft und 1913 in die SPD ein, der sein Vater schon lange angehörte.

Den imperialistischen Krieg, in dem Fiete Schulze als Infanterist und in einer Fliegerabteilung diente, überlebte er schwer verwundet. Der Verrat seiner Parteiführung von 1914 und deren Mordterror bei der Niederschlagung der Revolution von 1918/1919 veranlasste ihn, die SPD zu verlassen. In der neuen politischen Heimat, der USPD, wurde er zu einem ihrer aktivsten Funktionäre. Seine politische Weitsicht, sein entschlossenes und furchtloses Handeln für die Interessen der Arbeiter brachten ihm Anerkennung und Achtung bei den Genossen und Kollegen ein. Besonderen Mut zeigte er bei der Abwehr des Kapp-Putsches im März 1920 als Führer einer bewaffneten Einheit. Mit seinen Kämpfern schlug er einen Angriff von Putschisten zurück und entwaffnete diese. So ist es logisch, dass ihm die neue Partei, die KPD, den Auftrag erteilt, einen nach militärischen Prinzipien organisierten Ordnerdienst aufzubauen, um Demonstrationen, Kundgebungen und Einrichtungen der Partei zu sichern und zu schützen.

Ende 1923 entsteht in Deutschland eine neue revolutionäre Krise, die in Sachsen und Thüringen zur Bildung von Arbeiterregierungen führt. Die KPD ruft zum Generalstreik auf und orientiert auf eine mögliche bewaffnete Auseinandersetzung mit der Reaktion. Darauf bereiteten sich die Hamburger Kommunisten vor und schlagen in den frühen Morgenstunden des 23. Oktober los. Sie stürmen Polizeiwachen, besetzen Ämter, errichten Barrikaden und Straßensperren. Führer der Aktionen im Stadtteil Fischbeck ist Fiete Schulze. Dort gelingt es, weit überlegene Polizeikräfte mit Panzerwagen und Marinesoldaten abzuwehren, bis sich die proletarischen Kämpfer nach zwei Tagen zurückziehen. Der Aufstand scheitert, weil sich die Hoffnung der Hamburger, die revolutionären Arbeiter im ganzen Lande würden ihrem Beispiel folgen, nicht erfüllt.

Natürlich macht die bürgerliche Reaktion Jagd auf die Aufständischen, besonders auf deren militärische Führer. Hunderte werden verhaftet, brutal gefoltert, zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Deshalb beschließt die Partei, Fiete in Sicherheit zu bringen, indem er auf dem Großsegler „Flora“ anheuert und nach Südamerika geht. In Chile ist er als Hafenarbeiter und Bergmann tätig. Doch der Revolutionär will wieder direkt am Klassenkampf teilnehmen, und so kommt er zurück. Aber der Haftbefehl gegen ihn ist nicht aufgehoben. So macht er sich auf den Weg in die Sowjetunion. Erster Aufenthaltsort ist Leningrad, wo er viele Monate in einer Fabrik arbeitet. Dann siedelt er nach Moskau über und beginnt ein Studium an der „Universität der nationalen Minderheiten des Westens ´Julian Marchlewski´“. Er erzielt hervorragende Ergebnisse, so dass er selbst als Lehrer im Fach politische Ökonomie deutsche Facharbeiter unterrichtet, die als Spezialisten der UdSSR beim Aufbau helfen.

Nach dem Studium wirkt er als Dozent zuerst an der Parteischule in Noworossisk, dann als Aspirant an der Marchlewski-Universität. Wo immer er sich aufhält, sucht Fiete Schulze Kontakt zu Landsleuten, begierig, Neues über die Situation in der Heimat zu erfahren, besonders über den Kampf seiner eigenen Partei gegen die immer frecher, provokativer und brutaler auftretenden

Nazis. Schließlich hält ihn nichts mehr in der sowjetischen Hauptstadt, und im Juni 1932 trifft er wieder in der Elbmetropole ein.

Inzwischen vollzieht sich in Deutschland eine wichtige politische Entwicklung. Die auf Initiative des ZK der KPD geschaffene Antifaschistische Aktion gewinnt an Stärke. Auch im Norden vereinigen sich Kommunisten und Sozialdemokraten zur Abwehr des faschistischen Mordterrors, besonders nach dem Altonaer Blutsonntag am 17. Juli 1932, an dem von den Nazis mit Unterstützung der Polizei 14 Antifaschisten ermordet und etwa 70 zum Teil schwer verletzt werden. Sie gehen dazu über, einen Massenselbstschutz zu formieren, dem sich auch parteilose Arbeiter anschließen. Mit dem Aufbau und der Führung dieser Widerstandsorganisation, der viele RFB-Mitglieder angehören, beauftragt die Partei den erfahrenen und tatkräftigen Fiete Schulze. Innerhalb kurzer Zeit gelingt es ihm, Häuserblock-Schutzstaffeln und andere Formationen aufzustellen, die sich gegen Angriffe der SA und der von einem SPD-Mann geführten Polizei auf proletarische Wohnviertel und Versammlungen, so in Altona, Barmbeck, Rothenburg-Ost, zur Wehr setzen. Bei vielen dieser Aktionen steht Fiete Schulze selbst in der Abwehrfront und gibt seinen Genossen und Freunden das Beispiel an Mut und Einsatzbereitschaft.

Die Nazis und die vollständig in deren Dienst getretene bürgerlich-kapitalistische Klassenjustiz setzen im Frühjahr 1933 alles daran, diesen bekannten und geachteten Arbeiterführer in ihre Gewalt zu bekommen. Ein Polizeispitzel spürt ihn am Ostersonntag auf – es ist der 16. April 1933. Zwei Jahre schlimmster Folter und strenger Isolationshaft vermögen es aber nicht, Fiete von seiner kommunistischen Überzeugung abzubringen. Auch der faschistische Gauleiter bemüht sich vergebens, ihn durch Versprechungen und das Angebot eines gut bezahlten Postens zum Verrat seiner Klasse und seiner Partei zu bewegen. So eröffnet das Hamburger Oberlandesgericht am13. Mai 1935 den Prozess gegen Fiete Schulze. Die Anklageschrift der Nazijustiz verfälscht seine revolutionären Aktionen in kriminelle Handlungen. Obwohl der Angeklagte alle Anschuldigungen widerlegt und standhaft seine Ehre verteidigt, verurteilen ihn die Faschisten dreimal zum Tode sowie zu 260 Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit. Als man ihn aus dem Gerichtssaal führt, ruft er: „Es wird einen Kämpfer weniger geben, aber siegen werden wir trotzdem!“

Trotz anhaltender Proteste der internationalen Öffentlichkeit und namhafter Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Maxim Gorki, Heinrich Mann, Henri Barbusse, Martin Anderson Nexö, Frans Masareel, wird Fiete Schulze am 6. Juni 1935 in aller Heimlichkeit mit dem Handbeil enthauptet.

Nachtrag: Die Nazi-Nachfolgejustiz der BRD lehnt nach dem Krieg mehrere Anträge ab, das Todesurteil gegen Fiete Schulze aufzuheben. Sie spricht ihn erst im Februar 1981 frei.

Günter Freyer
 
Wimpel aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.



Lebensdaten

1894 Fritz Karl Schulze wird am 22. Oktober im Hamburger Stadtteil
Schiffbek (heute Billstedt) geboren. Vater und Mutter arbeiten
in einer Spinnerei und Weberei. Der Vater ist Mitglied der SPD.

1900 – 1908 Besuch der Volksschule. Berufswunsch: Matrose.
1908 Beginn einer Lehre als Schlosser. Eintritt in die Gewerkschaft.
Arbeiter auf der Werft Blohm & Voß und auf anderen Werften.

1913 Eintritt in die SPD.

1915 Am 15. März Heirat mit der Arbeiterin Johanna Schröder.
Mit ihr hat er drei Kinder, von denen zwei frühzeitig sterben.

1916 Einberufung zur kaiserlichen Armee. Kriegsdienst auf dem Balkan.
Nach Verwundung Einsatz bei einer Fliegerabteilung in Schneidemühl.

1917 Rückkehr nach Hamburg.

1919 Zu Jahresbeginn verlässt Fiete Schulze die SPD,
schließt sich der USPD an. Er übernimmt eine Parteifunktion,
Mitbegründer eines Arbeitersportvereins.

1920 Im März aktiver Anteil an der Abwehr des reaktionären Kapp-Putsches.
Im November beschließen die USPD-Bezirke Bremen, Schleswig-Holstein
und Wasserkante die Vereinigung mit der KPD.
Fiete Schulze wird Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands.

1921 Führend am Aufbau eines proletarischen Selbstschutzes in Hamburg.

1922 Vom 23. bis 25. Oktober findet der Hamburger Aufstand statt.
Fiete Schulze leitet als enger Vertrauter Ernst Thälmanns
die militärischen Aktionen im Stadtteil Schiffbek.
Nach dem Aufstand geht er in die Illegalität.
Er fährt als Matrose auf einem Hochseesegler nach Südamerika.

1923 – 1925 Arbeit als Hafenarbeiter und Bergmann in Chile.

1925 Ende des Jahres Rückkehr nach Hamburg.
Fiete Schulze lebt in der Illegalität, da er von den Behörden wegen
seiner Teilnahme am Hamburger Aufstand gesucht wird.

1926 Reise über Berlin und Stettin nach Leningrad.

1926 – 1927 Arbeit in einem Elektrolysewerk.
Politische Tätigkeit in der KPdSU und im Deutschen Arbeiterklub.

1927 Ende des Jahres Übersiedlung nach Moskau.
Aufnahme eines Studiums der Gesellschaftswissenschaften an der „Uni-
versität der nationalen Minderheiten des Westens – Julian Marchlewski“.

1931 – 1932 Nach dem Abschluss des Studiums Lehrtätigkeit
an der Parteischule in Noworossisk und an der Marchlewski-Universität
in Moskau.

1932 Am 12. Juli kehrt Fiete Schulze nach Hamburg zurück.
Unter seiner Leitung wird ein proletarischer Massenselbstschutz zur Abwehr
faschistischer Angriffe aufgebaut, dem Kommunisten, Sozialdemokraten
und parteilose Arbeiter angehören.

1933 Am 16. April wird Fiete Schulze verhaftet.

1933 – 1935 Isolationshaft, Folter, Verhöre.

1935 Am 18. März wird Fiete Schulze vom faschistischen Oberlandesgericht
verurteilt: dreimal Todesstrafe, 260 Jahre Zuchthaus,
Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.
Am 6. Juni wird Fiete Schulze mit dem Fallbeil hingerichtet.
 

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