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Mittwoch, 3. Oktober 2012

Gedanken zum 7. und zum 3. Oktober


Ein Kreuz für Knechte
- für den Menschen nicht -

Was meinst du, wer du bist in dem System?
Ein Mensch mit Würde? Weit gefehlt.

Gesetze schon erklär’n dich zum Problem.
Sozial gesehen - fragt sich bloß von wem? -
Bleibst du privat mit Unrechtsrecht vermählt.

Bist du ein Mieter wie Millionen auch
Nur ein Objekt für steigenden Gewinn,
Mietet das Mietrecht sich in kalten Rauch,
Verlangt die Willkür rechtlichen Gebrauch,
Träumst unter Brücken du vom Freiheitssinn.

Und überhaupt und überall genug,
Ob tags du oder nachts dich regst.
Man unterstellt dir, wo du bist, Betrug.

Wie lang lässt du gewähr’n den bösen Spuk,
Den du als Kreuz auf deinen Schultern trägst?


E.Rasmus


 Meine Heimat DDR - Der Kinderbuchverlag - Berlin - 1983 - 
aus dem Bibliotheksbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
 

Über Heimatgefühl und Heimatlosigkeit


Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld,
und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde
und die Fische im Fluß sind die Heimat.
Und wir lieben die Heimat, die schöne,
und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
weil sie unserem Volke gehört.


Eines der schönsten Lieder, das wir in der Schule lernten, war dieses Lied. Die wunderschöne Melodie stammte von Hans Naumilkat, der einprägsame und sanfte Text von Herbert Keller. Es besang die Anmut unseres Landes mit seinen Naturreichtümern, Städten und Dörfern.
Wenige Worte erweckten in uns ein Gespür dafür, wie es sich anfühlt, seine Heimat zu lieben – noch bevor wir es in eigenen Worten ausdrücken konnten. Das Lied erzählte aber auch von der Notwendigkeit, diese Heimat zu schützen, „weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört”.
Diese Heimat gibt es für uns nicht mehr. Sie ist nicht mehr des Volkes eigen. 1990 fiel sie „unter die Räuber“. 
 
Heute ahnen auch viele von denen, die das damals nicht so verinnerlicht hatten, warum der Schutz dieser Heimat so wichtig war. Ihre üppige Natur, ihre Städte und Dörfer sind zwar immer noch da, und obwohl ich weiterhin an demselben Ort lebe wie einst, fühle ich mich oft fremd, ohne in die Fremde gezogen zu sein.
Vielen früheren DDR-Bürgern geht es ähnlich. Nach 1990 wurde ihre Heimat mit so beispielloser Brutalität nach westlichem Geschmack umgestaltet, daß selbst die Stätten der Kindheit, der Jugend und des einstigen beruflichen Lebens fremd erscheinen, auch wenn sie vertraut sind. Die Häuser, Straßen und Wege sind oft noch die alten – und sind es doch nicht mehr.
Grelle Farben und eine aufdringliche Werbung erzeugen eher das Gefühl von Leere und den Wunsch zurückzuweichen, um die überreizten Sinne beruhigen zu können. 

Oft sehne ich mich nach dem unaufdringlichen „Grau“ früherer Tage zurück. Überdies entsteht bei mir das Gefühl, alles sei von außen zu uns hineingetragen worden. Nichts davon – weder die Supermärkte noch die Bürohäuser oder gar die in vielen Orten geradezu palastartigen Arbeitsämter – haben etwas mit unserem Fleiß und unseren Leistungen zu tun. Kaum etwas von dem, was wir sehen und am Ende kaufen, wurde von uns erschaffen. Nur noch wenig lädt dazu ein, auf das eigene Tun stolz sein zu können.
Wenn auch restaurierte Fassaden und sanierte Straßen sehr zu begrüßen sind,
können sie nicht vergessen machen, daß viele der einst besungenen Städte und Dörfer immer mehr veröden. Industriebrachen und renaturierte Flächen zeugen still von früherer Tatkraft der Bewohner im eigenen Interesse. Waren die in der DDR gebauten Autos auch keineswegs so modern wie jene aus westlichen Montagehallen, unsere Artikel nicht so bunt verpackt und unser Angebot ärmer, so konnten wir sie doch als u n s e r e Autos und u n s e r e Erzeugnisse betrachten! 
 
Merkwürdigerweise ruft die aufdringliche Warenfülle dieser Tage in mir eher das Gefühl eines ganz anders gearteten Mangels und innerer Hohlheit hervor. Ich spüre, daß das System, welches dahinter steht, purer Wahnsinn ist. Heutige Geisterlandschaften erzählen von einer Zeit, in der die Menschen den Reichtum der Heimat selbst in Händen hielten und ihn für sich vermehrten, ohne ihn zu verschwenden. Jetzt dürfen wir nur noch in der einstigen Heimat wohnen und konsumieren.
In den Ortszentren, hinter den elegant sanierten Fassaden findet man allzu viele Rechtsanwaltskanzleien oder Büros von Versicherungsvertretern. Vertraute Menschen sind fortgezogen, und viele werden ihnen noch folgen. Sie gingen oft nicht freiwillig in den Westen, sondern eher der Not gehorchend. Kinder sind vielerorts zur Seltenheit geworden. Begegnet man ihnen in manchen Dörfern, dann springt einem das regelrecht ins Auge! Ich spüre nun viel stärker als früher, daß es die Menschen und die durch sie erschaffenen Werte sind, welche einst das Heimatgefühl entstehen ließen.
Doch Heimat bedeutet ja noch mehr. Nicht nur Ort der Geburt und das eigene Lebensumfeld soll sie für uns sein, sondern auch die Nation, zu der man gehört, und der Staat, dessen Bürger man ist. Ginge es nach dem derzeitigen Hausherrn im Schloß Bellevue, wäre es wieder eine Freude, für diesen Staat zu sterben – und zu töten. Und ein solches Land sollen wir als unsere Heimat betrachten und obendrein auch noch lieben? 

Ich gebe offen zu, daß es nichts gibt, was in mir Liebe und Stolz auf die so beschaffene BRD erzeugen könnte – weder ihre Kriege noch ihre Arroganz und schon gar nicht ihre erbärmlichen “Leistungsträger”.
Doch der Mangel an wärmeren Gefühlen ihr gegenüber sitzt bei mir tiefer: Ich habe die Annexion meiner wirklichen Heimat DDR als 25jähriger erlebt und spüre noch heute die Wunden, welche ihr die verbrecherische Treuhand sowie die verlogene Hinterlist bundesdeutscher „Eliten” geschlagen haben. Es schmerzt mich, daß ich zu dem Deutschland jenseits der Elbe und zu den westlichen Bezirken der Hauptstadt keine innere Beziehung habe aufbauen können. Ich bedaure es vor allem deshalb, weil ich weiß, daß es auch dort Ausgebeutete und Ausbeuter gibt. Doch Heimat wird mir der Rhein oder die Nordsee unter den heute bestehenden Verhältnissen nicht sein können, so schön auch die Landschaften dort sind. 
 
Uns Sozialisten und Kommunisten wird oftmals Vaterlandslosigkeit vorgeworfen. Jene, welche dieses Pferd reiten, meinen damit stets nur unsere Abneigung gegen ihre kapitalistische Gier, ihre imperialistischen Kriege oder ihren Klassendünkel. Wenn sie davon reden, wir sollten Stolz auf unsere deutsche Heimat empfinden, haben sie dabei nur ihren chauvinistischen Größenwahn des „Deutschland, Deutschland über alles“ im Auge. Reden sie davon, man müsse für das Vaterland Opfer bringen, dann verstehen sie darunter das Wegwerfen unserer Leben für ihre Bereicherung. Und preisen sie die Stärke deutscher Wirtschaftskraft, meinen sie nicht jene, welche allen Reichtum schaffen und dafür noch an die Wand gedrückt werden. Ein solches Vaterland soll ich lieben?

Meine verlorene Heimat DDR wird seit 22 Jahren unablässig durch neue Greuelmärchen in den Schmutz gezogen. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwelche Fernsehenthüllungen oder Zeitungsenten in die Welt gesetzt werden. Trotz aller Schmähungen mißt sich die BRD im Grunde genommen bis heute an einem längst nicht mehr existierenden Staat. Alles ist dieser Auseinandersetzung mit einem „Phantom“ untergeordnet. Welches Maß an Frustration und Verzweiflung, an Angst um die eigene Zukunft kommt da zum Ausdruck! All das verstärkt in mir eher den Stolz und die Liebe zur verlorenen Heimat. Im staatlichen Sinne werde ich wohl ein Heimatloser bleiben, es sei denn, ich hätte wieder Grund, dieses Land zu lieben und stolz auf es zu sein.
 
Meine Zeilen sind ein sehr persönlicher Bericht. Angeregt hat mich dazu Cornelia Noack mit ihrer wunderbaren neunteiligen Serie „Cornelias kleine große DDR”. (veröffentlicht in der Monatszeitschrift RotFuchs)
Auf ewig bleibt sie auch für mich die Heimat im Herzen. Ich liebe die Menschen und Tiere, die Wälder, Städte, Dörfer, Seen und das Gras auf der Wiese, wie es im Lied heißt, das ich so gern gesungen habe. Aber ein Fremdsein darin bleibt, bis alles eines Tages wieder unserem Volke gehört.

Ulrich Guhl  im RotFuchs 10/2012
 
 

2 Kommentare:

  1. Danke Ulrich Guhl und dem RotFuchs! Danke Andreas! Danke dem DDR-Kabinett Bochum! Die Wahrheit ist meine, ist unsere Heimat, um so mehr auch im inneren Exil.
    Die zwar in Prosa dargelegten Eindrücke des Autors bewirken zum vorangestellten wunderbaren Liedtext aus der Feder von Herbert Keller(?) und der sehr nahegehenden Melodie des unvergessenen Hans Naumilkat im Zusammenwirken mit dem Video am Schluß eine zutiefst lyrische Symbiose. Und die so verdichete Wahrnehmung einer Identität mit dem sozialen Fortschritt ist geschichtsbewußtseinsbildend, also lebendig.

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  2. Der Beitrag ist hervorragend geschrieben und spricht aus der Seele vieler. Nun wird aber die Hetzte gegen die DDR nie aufhören sondern nur noch schlimmer werden. Ich gehe aus immerlichen Protest seit geraumer Zeit mit einer DDR-Anstecknadel zum Arbeitsamt und stelle mich auch so bei diversen Firmen vor. Mit heimlicher Freude betrachte ich dann die verbissenen Gesichter ...

    es grüßt Thomas aus Leipzig ( 49 Jahre )

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