Foto-, Video - und Musik Seiten - Blog-Impressum

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Trotz alledem!

Auf einer Protestversammlung des »Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden« in Berlin überwog eine andere Sicht auf die Einheit Deutschlands und Feierlichkeiten am 3. Oktober.
 
 
 
Anläßlich des »Tages der deutschen Einheit«, an dem das politische Establishment der Bundesrepublik den Jahrestag der Annexion der DDR feiert, hat das »Ostdeutsche Kuratorium von Verbänden e. V.« (OKV) am Mittwoch zu einer Gegenveranstaltung nach Berlin geladen. Motto der Zusammenkunft: »Menschenrechte erkämpfen – sozialistische Ideale verteidigen – gemeinsam gegen Faschismus!« junge Welt dokumentiert Redebeiträge auszugsweise:
 

Professor Dr. Heinrich Fink, Bundesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten, (VVN-BdA):

Es gibt viele verschiedene Arten von Menschenrechten. So haben etwa alle Menschen ein Anrecht auf Arbeit und ein angemessenes Auskommen, eine ordentliche Gesundheitsversorgung und auch auf Bildung. Hinzu kommen verschiedene – auch individuelle – andere Rechte. Über alledem steht jedoch das Recht auf körperliche Unversehrtheit, und dies meint selbstredend vor allem das Recht auf ein Leben in Frieden! Wir leben jedoch aktuell in einer Zeit, in der das Recht auf ein Leben in Frieden vor allem von dem, was sich arrogant wie auch inhaltlich falsch selbst »westliche Wertegemeinschaft« nennt, offen mißachtet wird.

Für uns als Kommunisten, Sozialisten und Antifaschisten sollte ohne Wenn und Aber klar sein, daß das Recht der Menschen auf ein Leben in Frieden ein ganz universelles Menschenrecht ist. Niemals werden wir uns an imperialistischen Kriegen oder den Drohgebärden und dem Kriegsgetrommel Deutschlands, der USA und der NATO beteiligen! Von daher positionieren wir uns selbstverständlich nicht nur gegen einen drohenden Angriffskrieg gegen den Iran, sondern auch gegen einen Angriff auf Syrien. Bomben bringen keinen Frieden! Das sollte eigentlich eine Binsenweisheit sein.

Victor Grossmann, Journalist und Autor:

Ich lebe schon seit 54 Jahren in Ostberlin. Doch im Herzen schlägt eine Kammer für meine Heimat, Manhattan. Daher meine besondere Freude, als dort vor einem Jahr kämpferische Leute einen Park nahe der Wall Street besetzten. Bald erreichte die »Occupy«-Bewegung fast jede Ecke der USA, ja, der Welt. Auch hier. Später trieb sie die Polizei mit Schlagstöcken und Pfefferspray auseinander; wir wissen nicht, ob die Bewegung, etwa in veränderter Form, weiterleben wird. Doch gelungen ist ihr schon Erstaunliches. Ihre Losung »Ein Prozent gegen 99 Prozent« brachte Millionen dazu, nachzudenken, oft sogar umzudenken.

Ja, das eine Prozent hat ungeheure Macht – und Geld. Und wir? Wir sind oft gespalten. Dennoch gibt es von uns so viel mehr. Diesen Vorteil müssen wir nutzen, und ich erlaube mir nicht, deprimiert zu sein. Siehe da: in Portugal bremsten Demonstranten die Einprozentler. In Quebec siegte die Studentenschaft. In Chicago blieben Lehrkräfte, Eltern und Schüler einig, um einen wichtigen Streik zu gewinnen. In Madrid, Santiago und Athen hallen Straßen und Plätze von unüberhörbaren Rufen.

Gewinnen können wir nicht immer, doch kämpfen müssen wir.

Gabriele Senft, Fotojournalistin und Friedensaktivistin:

»Und während wir hier sitzen, stehen Tausende von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr auf drei Kontinenten in Einsätzen ihren Mann und ihre Frau. Die Bundeswehr auf dem Balkan, am Hindukusch und vor dem Horn von Afrika, im Einsatz gegen Terror und Piraten – wer hätte so etwas vor zwanzig Jahren für möglich gehalten?« – Originalton des jetzigen Bundespräsidenten im Juni 2012 in seiner Rede vor der Bundeswehrelite in Hamburg, seinen Pathos dabei bring’ ich nicht über die Lippen.

Bei dem anderen, bekannter gewordenen Gauck-Zitat, wir, die deutsche »glückssüchtige Gesellschaft«, müsse lernen zu ertragen, »daß es heute wieder in unserer Mitte Kriegsversehrte gibt, (…) daß es wieder deutsche Gefallene gibt«, kann ich verstehen, was meine Freundin Eva, zu deren 80. Geburtstag ich am Sonntag war, ihm wünscht, ich sag’ es öffentlich lieber nicht. Sie hat den Zweiten Weltkrieg noch bewußt erlebt.Weltfriedenstag am ersten September und Erinnerung an die Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden Mahnung und die Zeilen von Brecht »Ihr Kinder, daß sie euch mit Krieg verschonen, müßt ihr um Einsicht eure Eltern bitten! Sagt laut, ihr wollt nicht in Ruinen wohnen und nicht das leiden, was sie selber litten!« prägten meine Generation.

Finnja, die Tochter meines Neffen, wurde dieses Jahr eingeschult. Als Glückwunsch schickte ich mein Foto mit der Friedenstaube, das im August bei einer Gedenkveranstaltung an der Friedensglocke im Berliner Friedrichshain entstand. Ich erfuhr, daß das Mädchen mit diesem Symbol des Friedens, das doch allen wohlbekannt sein sollte, nichts anzufangen wußte. Mein Neffe war darüber auch erstaunt und berichtete mir, daß das Mädchen nun mit der Hilfe von Mutter und Vater das Lied der kleinen weißen Botschafterin des Friedens kennenlernte. Beim Besuch des Bundespräsidenten in der Bundeswehrakademie in Hamburg schwenkten 100 Kindergartenkinder weiße, nichtssagende Fähnchen …

Dr. Hans Erxleben (Die Linke), Mitglied der Bezirksverordneten-versammlung (BVV) Berlin Treptow-Köpenick und Sprecher des dortigen »Bündnisses für Demokratie und Toleranz, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus«:

Die NPD-Vertreter in unserer BVV beschimpfen mich so oft sie können als Berufsantifaschisten und wollen mich damit diskreditieren. Ich find’ den »Job« gut. Mir hängt ob meiner ständigen öffentlichen Aktivitäten gegen rechts der Ruf eines der meistgenannten »Linkskriminellen Berlins« auf der Feindliste des »Nationalen Widerstands Berlins« an, wo genau aufgelistet wird, wann ich wo was organisiert habe oder gesehen wurde, anonym dokumentiert mit Fotos sogenannter Anti-Antifa-Fotografen. Anzeigen dagegen blieben erfolglos. Wer auf dieser schwarzen Haßliste steht, wird quasi zum Abschuß freigegeben, was dann auch zu dem Gewalt­anschlag auf mein Haus in der Nacht zum 22. August führte. Da ich in einer Reihenhaussiedlung wohne, hätten die meterweit geschleuderten Splitter meines gesprengten Briefkastens auch unbescholtene Nachbarn treffen können – neben mir wohnt eine Familie mit drei kleinen Kindern. Das nehmen diese Banditen einfach so in Kauf. Was dieses Attentat angeht, könnte ich Gruselstorys über den Umgang der Polizei mit mir als Betroffenem erzählen, aber das lasse ich lieber. Weder die geistigen Brandstifter und Drahtzieher noch die extrem militanten rechten Akteure, die diese Drecksarbeit machen, sind bisher ermittelt und gefaßt worden. Noch zu Anfang dieses Jahres wurde mir seitens des Staatsschutzes schriftlich mitgeteilt, daß es keine Anzeichen für eine Gefährdung meiner Person gäbe, der reinste Hohn, eine dreiste Verharmlosung.

Markus Bernhardt, Journalist und Publizist:

Obwohl die Annexion der DDR, des besten politischen Systems, welches jemals in diesem Land existiert hat, bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten durchgesetzt wurde, ist der Haß des politischen und medialen Establishments noch heute so ausgeprägt wie damals. Man hat der DDR auch heute noch nicht verziehen, eine antifaschistische und sozialistische Alternative zu dem menschenverachtenden und brutalen Kapitalismus gewesen zu sein. Warum sollte dies auch anders sein? Das sozialistische Deutschland stand – trotz und gerade wegen seiner Schwächen – für einen ehrlichen Realsozialismus, der in der Praxis gelebt wurde. Wir hingegen erleben heute eine kriegslüsternde BRD, in der die soziale Deklassierung Hunderttausender genauso zu den gesellschaftlichen Grundpfeilern gehört, wie etwa staatlicher Rassismus und die Kriminalisierung und Verächtlichmachung jeglicher linker Opposition. Fast steht zu befürchten, daß sich Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky – würden sie noch unter uns weilen – heutzutage aufgrund ihrer Ablehnung von Militarisierung und Krieg auch in den Knästen dieses Staates befänden. Fernab aller Kriminalisierung und staatlicher Repression ist es jedoch dringend erforderlich, auch eine kritische Bilanz der eigenen Bewegung zu ziehen, die noch heute – sowohl theoretisch, als auch ganz praktisch, alles andere als schlagkräftig aufgestellt ist.

Eine Linke, die die Kernelemente linker Politik – wie den Kampf gegen Krieg, Kapitalismus und Faschismus – nicht offensiv betreibt, ist nicht links! Laßt uns daher unseren gemeinsamen Kampf verstärken und die Geschichte der Arbeiterklasse, also unsere eigene Geschichte, endlich wieder offensiver verteidigen. Laßt uns auch zukünftig mit diesem System nicht den geringsten Frieden schließen, sondern ihm Tag für Tag entschlossen die Stirn bieten. Und zwar so, wie es schon einst Rosa Luxemburg formulierte: »Tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem«.
Weitere Informationen: www.okv-ev.de und www.gbmev.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Durch Absenden des Kommentars erkläre ich mich einverstanden, dass meine eingegebenen Daten elektronisch gespeichert und zum Zweck der Kontaktaufnahme verarbeitet und genutzt werden. Mir ist bekannt, dass ich meine Einwilligung jederzeit widerrufen kann. Der weitergehende Datenschutzhinweis für Kommentare befindet sich im Impressum.