
1950 schrieb Johannes R. Becher ein Gedicht, das von Hanns Eisler vertont und von Ernst Busch gesungen wurde. Es hat von seiner Gültigkeit nichts eingebüßt:
„Wer hat vollbracht all die Taten, / Die uns befreit von der Fron? / Es waren die
Sowjetsoldaten, / Die Helden der Sowjetunion. / Dank euch, ihr Sowjetsoldaten,
/ Euch Helden der Sowjetunion!“
Es schmälert nicht den Anteil der Soldaten der anderen alliierten Armeen am Sieg über den Hitlerfaschismus, wenn insbesondere wir, die wir in der DDR gelebt oder in der Friedensbewegung der BRD im Kalten Krieg gewirkt haben, den Heroismus der Roten Armee besonders hervorheben. Kein anderes Land hat dem zweiten Griff des deutschen Imperialismus nach der Weltmacht so standgehalten wie die Sowjetunion. Kein anderes Land erfuhr den Vernichtungswillen der deutschen Faschisten auf eigenem Boden so wie der erste Arbeiter-und-Bauern-Staat der Menschheitsgeschichte.
Die faschistischen Pläne sahen vor, daß bis zu 40 Millionen Sowjetbürger Ende 1941 ausgerottet und alle übrigen dem Tod geweihte Sklaven der Herrenrasse sein sollten. Das Wissen um diese Absichten und um die Vernichtung, die 27 Millionen Sowjetbürger das Leben kostete, trennt bis heute Ost- und Westdeutsche. Die Bundesrepublik wurde gegründet, um den Sieg der Roten Armee rückgängig zu machen. Die DDR wurde gegründet, um das zu verhindern. Das waren Feuer und Wasser und sind es geblieben.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß „der Russe“, „der Iwan“ in der Bundesrepublik der 50er Jahre als Schrecken dargestellt wurde. An meiner Volksschule bei Bremen wurde jährlich über mehrere Tage hinweg an die „Vertreibung“ erinnert und daran, daß Ostpreußen und Schlesien „unser“ seien. Damals wurde die BRD zum ersten Mal kriegstüchtig gemacht. Bis in alle Bildungseinrichtungen hinein schrieb der westdeutsche Staat die antisowjetische Hetze und die Lügen fort, die von der „Antibolschewistischen Liga“ 1919 bis zur Nazipropaganda im Zweiten Weltkrieg in die Welt gesetzt worden waren. Hitlers Propagandaminister Josef Goebbels hatte im Februar 1945 die Konferenz der Alliierten in Jalta auf der Krim mit den Worten kommentiert, bei einer deutschen Kapitulation werde sich vor den sowjetisch besetzten Gebieten, „sofort ein eiserner Vorhang heruntersenken, hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker“ begänne. Das war ein ungeschriebener Artikel des Grundgesetzes der Adenauer-BRD. Geschrieben stand darin, das Deutsche Reich müsse in den Grenzen von 1937 wiederhergestellt werden.
Das Hindernis waren die DDR, ihre Streitkräfte und Sicherheitsapparate, vor allem aber ihre Bevölkerung. Darunter waren nicht wenige Feinde des Sozialismus – kein Wunder in einem Land, in dem der Faschismus schon vor 1933 eine Massenbasis hatte gewinnen können und das bis zum 13. August 1961 offene Grenzen zum deutschen imperialistischen Staat hatte. Jeder, der in der SBZ und in der DDR lebte, erhielt fast täglich Anschauungsunterricht darin, was der Überfall auf die Sowjetunion für ihn selbst bedeutete und welche Folgen er für Deutschland hatte. Im Westen gibt es mit wenigen Ausnahmen wie in Stukenbrock oder Sandbostel keine Mahnmale für Sowjetsoldaten, in der DDR gab es sie überall. Jedes DDR-Schulkind lernte nicht nur antifaschistische Gedenkstätten kennen, sondern auch Menschen, die dem Faschismus Widerstand geleistet hatten. Und jeder kannte die „Freunde“ im Land: die zu Hunderttausenden in der DDR stationierten Sowjetsoldaten.
Das prägt. Und es erklärt, warum in Ostdeutschland so ziemlich alle wissen, was der 8. und der 9. Mai bedeuten, in der alten BRD nicht. In der Stadt, von der einst der Krieg ausging, wurde in den vergangenen Jahren dieses Gedenken auf zweifellos kriegstüchtige Weise eingeschränkt oder unterbunden. Begleitet war das von Schmähungen im Goebbels-Stil gegen das heutige Rußland. Vier Wochen vor dem diesjährigen 79. Jahrestag löste die Berliner Polizei eine Versammlung in geschlossenen Räumen auf, in der es um Frieden im Nahen Osten gehen sollte. Wer Frieden in diesem Land sagt, wird verfolgt. Der erneute Aufmarsch gegen Rußland hat schließlich längst begonnen.
Dagegen sagen wir in diesem Jahr erst recht: Dank euch, ihr Sowjetsoldaten!
Arnold Schölzel in RotFuchs 05/2024
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