| Auch ein wichtiges Thema im DDR-Kabinett-Bochum |
Betrachtet man den Sport der Kinder, der Sechs- bis Vierzehnjährigen, so war die DDR der alten BRD um Längen, nicht einholbar – auch heute nicht – voraus. Bereits fünf Monate nach der Gründung der DDR verabschiedete der Ministerrat der DDR im Februar 1950 ein Gesetz über die Teilnahme der Jugend am Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik und die Förderung der Jugend in Schule und Beruf, bei Sport und Erholung (Veröffentlicht im Gesetzblatt Nr.15 vom 21. Februar 1950).
Unter anderem beschloss der Ministerrat den Aufbau einer Hochschule für Körperkultur und Sport in Leipzig, die inzwischen bedauerlicherweise den Abwicklern zum Opfer fiel, den Bau einer Sprungschanze in Aschberg-Mühleiten, den Ausbau der Sportschule in Bad Blankenburg, Sportstadien sollen in Cottbus, Frankfurt(O.), in Finsterwalde, Schwerin und Wismar gebaut werden. Hinzu kamen weitere Anlagen für Schwimmen, Eissport, Radsport und für andere Sportarten. Bekräftigt wurde die staatliche Förderung des Sports, besonders der jungen Generation, durch die Festlegung in der Verfassung der DDR, beschlossen am 6. April 1968. Das Recht auf Sport fand Verankerung in der Verfassung. Im Gegensatz dazu findet man im Grundgesetz der BRD keine einzige Formulierung über das Recht auf sportliche Betätigung. Schon hier beginnen zwei Welten.
Der Sportunterricht an den Schulen stand fortan im Zentrum des Kindersports. Ein wichtiger Schritt war dazu die Zentrale Kinder- und Jugendsport-Konferenz 1961 in Leipzig, die sich mit dem außerschulischen Sport (SSG) beschäftigte. Drei Wochenstunden Sportunterricht war das hochgesteckte Ziel. Es war allerdings auf Grund fehlender Sportanlagen nicht allerorts realisierbar. Schritt für Schritt gewannen die Schulsportgemeinschaften, überwiegend von ausgebildeten Sportlehrern, oft von Absolventen der DHfK oder anderen Hochschulen betreut, an Bedeutung. Unterrichtet wurde auf der Grundlage präzisierter Lehrpläne, abgestimmt auf Altersklassen und Sportarten. Anliegen des Sportunterrichtes war die allseitige körperliche Grundausbildung und die Ausprägung fundamentaler Bewegungsfertigkeiten.
Für Alan Pato n(1903-1988, südafrikanischer Schriftsteller, Lehrer und Apartheid-Gegner) galten Menschen als unausgebildet, wenn sie weder schwimmen noch lesen konnten.
Schwimmen – in der BRD spricht man heute von „Bewegung im Wasser“ – gehörte seit 1950 zum obligatorischen Sportunterricht und stand im Lehrplan der 4. bis 6. Klassen. Da es noch große Lücken an Schwimmbädern gab, wurde der Schwimmunterricht in die Sommermonate verlegt. Von Bedeutung waren auch die Schwimmlager, die von Betrieben, der FDJ, den Schulen und vom DTSB organisiert wurden.
Die 218-fache Nationalspielerin im Handball, Waltraud Kretzschmar, schrieb in dem Buch „Anders als erwartet“: „... es gab kaum übergewichtige Kinder – 97 Prozent aller Zehnklässler waren gute Schwimmer.“ Und weiter Waltraud Kretzschmar: „Die Kinder hungerten nicht in den Schulen, Drogenkonsum, Jugendkriminalität und Kinderarmut alles Fremdwörter für die DDR.“
Gab es in der DDR 1960 nur 52 Hallenbäder, so stieg die Zahl 1986 auf über 200. Der obligatorische und unentgeltliche Schwimmunterricht begann oft in der 3.Klasse. In den folgenden zwei bis drei Jahren wurden 60 Stunden erreicht. Neben Startsprung und Tauchübung sah der Lehrplan vorrangig das Brustschwimmen und das Schwimmen in der Rückenlage vor. Das erklärte Ziel war es, das Schwimmabzeichen des Schwimmsportverbandes (DSSV) abzulegen, was den meisten Schülern auch gelang. Von den Schulabgängern der 10.Klassen waren 97 Prozent Schwimmer, von den Abiturienten sogar 99 Prozent. Höhepunkte für den Kindersport waren die Schulspartakiaden sowie die Kreiskinder-und Jugendspartakiaden. Beteiligten sich 1965 321.000 Kinder und Jugendliche an den Kreisspartakiaden, so waren es 1989 über 920.000. Nicht wenige von den jungen Schulsportlern fanden auf Grund ihrer Leistungen den Weg zum Leistungssport. Die erste Stufe dazu war das Grundlagentraining in den 1.650 Trainingszentren des DTSB. Bei drei- bis fünfmaligem Training in der Woche holten sich 6.800 Kinder das Rüstzeug für die Aufnahme an die Kinder- und Jugendsportschulen, die 1990 verteufelt wurden, aber heute – wenn auch fast ergebnislos – als Sportgymnasium ihr Dasein fristen.
Überwiegend hatten die Trainingszentren eine gute materielle Ausstattung. Den jungen Gewichthebern in Schwedt standen z.B. drei Hebebühnen zur Verfügung. Selbst ein warmes Mittagessen konnte verabreicht werden. Drei Ruderzentren mit Wasserbecken sicherten in Schwedt das ganzjährige Wassertraining. Bedingungen, die heute kaum ein Leistungszentrum aufweisen kann. Zweifelsohne war in dieser planmäßigen sportlichen Betätigung der Kinder der gesunde Nachwuchs für den Leistungssport gesichert. Diese sportlichen Strukturen – wenn sie auch ansatzweise übernommen wurden – hätten dem Leistungsstand des heutigen Spitzensports in Deutschland ein besseres Gesicht gegeben.
Beliebt im Kindersport war naturgemäß die „Kleine Friedensfahrt“, bei der die Kinder ihren Vorbildern wie Täve Schur, Bernhard Eckstein, Manfred Weisleder, Klaus Ampler, Olaf Ludwig oder Uwe Raab nachjagten. Tischtennisturniere der Tausenden, Rollerrennen, Crossläufe, Schwimmwettbewerbe, Fußball- und Volleyballturniere, Reitturniere auf dem Lande gehörten vielerorts zum sportlichen Programm der Pionierorganisation, der FDJ, der Schulen und des DTSB. Das gemeinsame Sportprogramm vom November 1974, beschlossen vom FDGB, der FDJ und dem DTSB sicherte die breite Unterstützung, also auch die Wahrnehmung der Verantwortung für den Sport der Mädchen und Jungen. Mit Begeisterung übten sie in den Vorschul- und Kinderübungsverbänden, die anlässlich der Turn- und Sportfeste in Leipzig ihr Können präsentierten. Noch heute erinnern sich viele, inzwischen etwas älter geworden, gern an die Übungen und Auftritte im Zentralstadion von Leipzig. Folglich fanden Tausende Kinder den Weg in die Sportgemeinschaften des DTSB und nahmen an den Wettkämpfen, die die Sportverbände organisierten, teil. Überwiegend durch ausgebildete Sportlehrer, Trainer und Übungsleiter betreut. Heute unvorstellbar: Die Mitgliedsbeiträge für Kinder und Schüler betrugen 0,20 Pfennig, dazu der einmalige Aufnahmebetrag von 0,50 Pfennig. In diesem Beitrag war die kostenlose Nutzung der kommunalen und betrieblichen Sportanlagen, der Versicherungsschutz bei Sportunfällen, die 50 bis75-prozentige Fahrpreisermäßigung und die sportärztliche Untersuchung enthalten. Gegenwärtig werden in Deutschland Schwimmhallen geschlossen oder privatisiert mit stattlichen Eintrittspreisen. Schon dadurch wird ein Teil der Kinder vom Schwimmsport ausgeschlossen. Auch hier gilt der Grundsatz der kapitalistischen Gesellschaft „weil du arm bist, musst du draußen bleiben“ (auch früher sterben).
Völlig unterschiedlich in beiden deutschen Staaten war die medizinische Betreuung entwickelt. Im November 1953 beschloss der DDR-Ministerrat die sportmedizinische Betreuung, die jährlich mindestens eine Untersuchung durch einen Sportarzt sicherte. In allen Kreisen arbeiteten Kreissportärzte und betreuten in den Kreisen und Bezirken sportärztliche Beratungsstellen. 1971 erfolgte die staatliche Anerkennung als Sportarzt. Bis 1990 erwarben ca. 700 Mediziner nach einem fünfjährigen Studium die Facharztanerkennung. Diese Berufsgruppe ist im reichen Deutschland nicht erforderlich!!! Ausgeprägt war auch das Zusammenwirken von Trainern, Sportlehrern und Sportärzten. Eine solide Basis für die Breite und die Leistung im Kindersport.
Ein Staat, der viel Engagement und materielle Grundlagen für den Kindersport aufbrachte, hat sich ein bleibendes Denkmal gesetzt, auch wenn Ketzer und Verleumder die DDR als Unrechtstaat bezeichnen.
Die DDR nahm sich das verfassungsmäßige Recht heraus, viel, wenn nicht alles, für gesunde Kinder zu tun.
Dies ist mehr wert als nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern.
Erhard Richter
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