Barrikaden haben nur zwei SeitenIm Mittelalter genügte es, einen Menschen der Hexerei zu verdächtigen, um alles weitere Denken auszuschalten. Einer vermeintlichen Hexe konnten die absonderlichsten und abscheulichsten Taten zugeordnet werden. Jegliche Nachfragen unterblieben aus Angst oder Unwissenheit und nicht zuletzt, um die so Bezichtigte gnadenlos ins Feuer zu schicken.
Die Verteufelungsvokabel "moderner" Hexenjäger - gleichermaßen auf Vernichtung zielend - heißt "Stasi". Mit diesem Bannfluch ist jeder Rivale - gleich ob in der Politik oder auf beruflicher Ebene - fast automatisch aus dem Rennen zu schlagen.
Und wie dem einzelnen das "Maulhalten!" und "Stillgestanden!" entgegengeschleudert wird, versucht ein ganzes Heer von Finsterlingen, die geringsten Ansätze gesellschaftlichen Fortschritts mit dem heutigen BRD-Schmähwort "Stasi" auszulöschen. Nicht ganz erfolglos, wie man weiß. Dazu trägt auch die Tatsache bei, daß selbst Linke oder sich dafür Haltende gern in verschwörerisches Flüstern verfallen, sobald dieser Begriff auch nur in die Debatte geworfen wird. Nicht wenige tauchen gar in ängstliches Schweigen ab.
Es ist also dringend geboten, sich sachkundig, erhellend und kritisch mit der Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR - denn dafür steht die auf Herabsetzung zielende Abkürzung "Stasi" - auseinanderzusetzen.
Pünktlich zum 60. Gründungstag des Ministeriums hat ein Autorenkollektiv um Werner Großmann und Wolfgang Schwanitz gerade diese Aufgabe mit dem Buch "Fragen an das MfS" überzeugend gelöst. Generaloberst a. D. Werner Großmann (Jahrgang 1929) war seit 1986 Stellvertretender Minister für Staatssicherheit der DDR und Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung - des DDR-Auslandsgeheimdienstes. Generalleutnant a. D. Dr. Wolfgang Schwanitz (Jahrgang 1930) war ebenfalls seit 1986 Stellvertretender Minister. Im Dezember 1989 wurde er von der Modrow-Regierung als Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit berufen, das am 31. März 1990 seine Tätigkeit einstellte. Beide Herausgeber sind kompetente, kritische und keinesfalls betriebsblinde Zeugen.
Mit bestechender Akribie und Präzision werden Geschichte und Einordnung des MfS in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen des sozialistischen Staates dargestellt, wobei nationale und internationale Aspekte Berücksichtigung finden. "Wozu brauchte die DDR überhaupt einen Geheimdienst?" So ist der erste Fragenkomplex überschrieben. Mit Hilfe vieler Unterfragen wie der darauf erteilten Antworten wird eine scharfsichtige Geschichtslektion vermittelt, die neben dem Wirken des eigenen Organs auch Grundfragen des Schutzes und der Verteidigung jeder Revolution betrifft. Hier geht es um das Entstehen der DDR, ihre Entwicklung, den Einfluß des "Großen Bruders" UdSSR. Zugleich aber ist von den Stör-, Sabotage- und Spionageaktionen der durch die BRD-Schutzmacht USA angeführten gegnerischen Seite die Rede. Sie werden durch die offizielle Geschichtsschreibung heute fast gänzlich ausgeblendet.
Daß die gesamte Tätigkeit des MfS und der Geist seiner Mitarbeiter von profundem Antifaschismus durchdrungen waren, steht außer Frage. Doch selbst dümmlichen Unterstellungen, das Organ sei von alten Nazis gegründet worden oder mit ihnen bestückt gewesen, begegnen die Autoren gelassen. Sie tun das nicht ohne Verweis auf die Traditionen der BRD-Geheimdienste, die sich zu Gehlens Zeiten tatsächlich aus Nazikadern rekrutierten.
Mit der exakten Beantwortung von nahezu 200 teils heiklen Fragen wird das MfS in einer Weise durchleuchtet, wie das wohl von keinem anderen Geheimdienst der Welt auch nur ansatzweise gesagt werden kann. Es geht dabei um Strukturen und Operationen, die selbst Mitarbeitern des Ministeriums zur Zeit seines Bestehens nur in eingeschränktem Maße bekannt gewesen sein dürften.
Aber das ist kein verschämtes Enthüllen oder sensationslüsternes Entblößen. Hier wird selbstbewußt die Arbeit des ersten sozialistischen Geheimdienstes auf deutschem Boden dargestellt. Mit Erfolgen und Defiziten.
| Exponate aus dem Bereich des MfS im DDR-Kabinett-Bochum |
Bei dem Thema Geheimdienst kann man von Beginn an Dramatik erwarten. Doch die Untersuchung will mehr sein als spannende Kolportage des Geschehens in der untergegangenen DDR. Es knistert buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite. Und es fasziniert, wie schnell die Autoren geschaltet haben. Selbst die aktuellsten Themen wurden von ihnen aufgegriffen. Am Ende des Dialogs mit dem Leser animiert man diesen, weitere Fragen aufzuwerfen, um sie in Nachauflagen berücksichtigen zu können.
Die dargebotenen Argumente sind Stolpersteine für jene, welche sich auf dem ausgetretenen Pfad der Dummheit bewegen. Sie bringen die Verleumder und deren Kulis aus dem Tritt.
Beabsichtigen Großmann und Schwanitz, das eigene Haus schöner darzustellen, als es war? Wer das Buch unvoreingenommen liest, wird das ehrlichen Herzens verneinen. Es geht um ein konfliktreiches Kapitel des Klassenkampfes auf deutschem Boden. Auch hierzulande haben Barrikaden nur zwei Seiten.
Bernd Gutte, Görlitz
Werner Großmann/Wolfgang Schwanitz (Hg.): Fragen an das MfS - Auskünfte über eine Behörde.
edition ost, Berlin 2010, 400 Seiten, 17,95 Euro
"Tschekist sein kann nur ein Mensch
mit kühlem Kopf,
heißem Herzen
und sauberen Händen.
Ein Tschekist muß sauberer und ehrlicher als irgendwer,
er muß so klar wie ein Kristall sein"
Felix E. Dzierzynski
mit kühlem Kopf,
heißem Herzen
und sauberen Händen.
Ein Tschekist muß sauberer und ehrlicher als irgendwer,
er muß so klar wie ein Kristall sein"
Felix E. Dzierzynski

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