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| Paul Sasnowski (7. März 1903 – 25. Februar 1944) |
Weißrussland (Belarus)1943. Im Gebiet Mogiljew wurden Straßen gebaut. Straßen für die Wehrmacht des „Großdeutschen Reiches". Aber man baute sie nicht für den siegreichen Vormarsch, sondern für den Rückzug. Denn die Rote Armee hatte den Faschisten vor allem in Stalingrad und bei Kursk die Richtung nach Westen gewiesen, nach dorthin, woher die Wehrmacht gekommen war.
An einem der Streckenabschnitte war die Firma Iffland aus Hersfeld in Hessen eingesetzt. Sie gehörte zur „Organisation Todt" (OT), dem Staatsunternehmen der Nazis, das seit Kriegsbeginn militärische Anlagen und Einrichtungen auch in den besetzten Gebieten errichtete. Die Chefs und Meister der Betriebe waren selbstverständlich ausnahmslos Deutsche, erkenntlich an den braunen Uniformen der OT. Die Arbeitskräfte wurden, meist durch Zwang und Gewalt, aus der einheimischen Bevölkerung rekrutiert, und so wurden sie auch behandelt.
Einer der Meister, ein mittelgroßer, schlanker Mann mit schütterem blondem Haar, trug die Verantwortung für den Einsatz der Arbeiter auf den einzelnen Straßenbaustellen. Sein Name: Paul Sasnowski. Es fiel auf. daß er sehr menschlich, fast freundlich mit den schwer schuftenden Frauen und Männern umging, sich um deren ausreichende Verpflegung und Bekleidung sorgte. Was nur wenige, sehr wenige Russen wussten, war, dass dieser Mann seit einiger Zeit auf ihrer Seite stand. In vorsichtigen Gesprächen und Andeutungen hatte der Deutsche zu verstehen gegeben, dass er gegen die Nazis und den Krieg ist. Und so kam es nach einiger Zeit zu einer Verbindung über den Lehrer Iwan Tarassow und dessen Genossen Sawkin und Tschuprinski zu weißrussischen Partisanen.
Der OT-Meister lieferte bald Informationen über Standorte der Besatzer, Truppenbewegungen der Wehrmacht, Transporte, Lager und Depots. Er besorgte Lebensmittel, vor allem für Kinder, und Zivilkleidung für sowjetische Kriegsgefangene, so dass sie entkommen und sich den Partisanen anschließen konnten. Einige Male gelang es ihm, auch Waffen zu beschaffen, die von den Kämpfern in den Wäldern dringend benötigt wurden.
Wer war dieser Paul Sasnowski und warum half er den Verteidigern der Sowjetunion?
Der 40 Jahre alte Antifaschist hatte das ganze Elend eines Arbeiters im deutschen Kapitalismus kennen gelernt. Geboren als Sohn einer Landarbeiterfamilie in Westpreußen, wollte er gern einen Beruf erlernen. Er war wissbegierig, aufgeweckt und fleißig, wie der dörfliche Schulmeister bekundete. Doch das „Vermögen" der Eltern reichte weder für den Besuch einer höheren Schule noch für das Lehrgeld, das man einem Meister zahlen musste. So ging Paul als Ungelernter in den Forst. Dort machte er die Bekanntschaft französischer Kriegsgefangener, und als diese nach Friedensschluss 1918 in ihre Heimat zurückkehrten, schloss er sich ihnen an. Doch in Frankreich, das von den deutschen Truppen in großen Teilen zerstört war, fand er auch nur Not und Elend vor. Er zog weiter nach Italien und konnte sich dort zum Hilfsschlosser ausbilden. Lange durfte er auch dort nicht bleiben. Die Behörden wiesen den Jugendlichen aus.
Er fand seine Eltern im Ruhrgebiet, wohin sie umgesiedelt waren, um ein besseres Leben zu finden. Paul bekam Arbeit auf der Zeche „Karolinenglück" bei Bochum und konnte sein Wissen als Schlosser erweitern. Er fand Kollegen, die über Politik redeten und ihm die Erkenntnis vermittelten, dass die Welt, in der sie leben mussten, nicht in Ordnung war. Ähnliche Worte hörte er bei der Hochzeit seiner Schwester in Parchim, und auch sein Großvater, den er in Boizenburg besuchte, sprach von der Notwendigkeit, die politische und soziale Ordnung zu ändern.
Paul Sasnowski blieb in der Kleinstadt an der Elbe und erhielt eine Anstellung in der Fliesenfabrik Dünsing. Dass dieser Betrieb eine „Knochenmühle" war, in der die Leute bei Staub und unerträglicher Hitze unbarmherzig angetrieben wurden, bekam er am eigenen Leib zu spüren. Ein schwerer Arbeitsunfall brachte ihn für mehrere Wochen ins Krankenhaus. Danach suchte er sein Glück in Leuna, der riesigen Chemiebude bei Merseburg. Aber er geriet vom Teufel an den Belzebub, an den IG-Farbenkonzern. Die Ausbeuter waren andere, die Ausbeutung blieb die gleiche. 1929 ließ er sich fest in Parchim nieder, wo er in die Gewerkschaft eintrat. Zwei Jahre später bekam er das Mitgliedsbuch der Kommunistischen Partei. Otto Schmidt, mit dem er zusammen im Forst von Hinrichshagen bei Rostock arbeitete, hatte ihn überzeugt, dass man sich organisieren müsse, wenn man die Verhältnisse ändern will. Kaum hatten die Nazis die Macht, verhafteten sie Paul Sasnowski, der maßgeblich am Aufbau einer illegalen Parteiorganisation in Parchim beteiligt war und diese zeitweilig als politischer Leiter führte.
Anfang 1934 verhafteten die Faschisten zahlreiche Kommunisten des Unterbezirks und verurteilten 19 von ihnen aus Dömitz, Grabow, Neustadt-Glewe und Parchim zu mehrjährigen Haftstrafen. Paul Sasnowski musste für Jahre in das Zuchthaus Dreibergen-Bützow. Die Untersuchungshaft von fast einem Jahr rechnete man ihm natürlich nicht an. Der Direktor der Anstalt wies Gnadengesuche der Ehefrau zurück, weil „der Strafvollzug bisher noch nicht den erwünschten Eindruck gemacht" habe. Nach der Entlassung bekam der politische Häftling nirgendwo in seiner Heimat eine Anstellung. Endlich fand er einen Arbeitsplatz in einem Baubetrieb im hessischen Niederaula, wohin er mit Ehefrau und inzwischen zwei Kindern zog. 1941 erfolgte schließlich, da er als politisch Vorbestrafter „wehrunwürdig" erklärt worden war, die Verpflichtung zur OT-Firma Iffland und nach Weißrussland. Anfangs setzte man ihn als Kraftfahrer ein, beförderte ihn aber wegen seiner Fachkenntnisse und Zuverlässigkeit zum Meister.
Zum Weihnachtsfest 1943 erhielt Paul Sasnowski Heimaturlaub und konnte das Fest mit der Familie und seinem gerade drei Jahre alt gewordenen jüngsten Sohn feiern. Kaum in Mogiljew zurück, wurden er und einige seiner sowjetischen Genossen festgenommen. Ein Verräter hatte seine Verbindung zu den Partisanen aufgedeckt. Folter und harte Verhöre konnten keinen von ihnen zum Verrat bewegen. So trat das Kriegsgericht der Feldkommandantur (V) 813 zusammen und verurteilte Paul Sasnowski „wegen Kriegsverrats" am 27. Januar 1944 zum Tode. Er starb im Morgengrauen des 25. Februar unter den Kugeln eines faschistischen Exekutionskommandos.
Günter Freyer


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