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Sonntag, 6. Mai 2012

Bericht über die Veranstaltung des DDR-Kabinett-Bochum - "Ich bin Bergmann, wer ist mehr?"



Am 27. April 2012 war es mal wieder soweit: das DDR-Kabinett Bochum hatte eingeladen, eine Facette der DDR genauer zu betrachten. Diesmal stand das Thema Arbeit, insbesondere die Aktivistenbewegung zur Debatte. Als Zeitzeugin war die Tochter des Bergmanns Adolf Hennecke - Hannelore Graff-Hennecke - zu Gast, die zur Grundlage ihres Vortrages die von ihr verfasste Biographie ihres Vaters machte.


Der Anlass, diese Biographie zu schreiben, waren die nach der Zerschlagung der DDR sturzflutartig publizierten Lügen und Geschichtsfälschungen über ihren Vater und damit auch über die von Millionen von DDR-Bürgern geleistete Aufbauarbeit für ihren Staat.



Die Referentin rekapitulierte die wirtschaftliche Situation der sowjetischen Besatzungszone 1948. Nach dem Ende des faschistischen Raubkrieges stand hier - wie im gesamten Deutschland - an erster Stelle der Wiederaufbau der zerstörten Produktionsanlagen und die Versorgung der Bevölkerung mit den grundlegendsten Gütern. Im Unterschied zu den Westzonen war diese Arbeit aus eigener Kraft zu schaffen. Die von den USA gewährten Kredite im Rahmen des 'Marshall-Plans' waren an den Verzicht auf grundlegende wirtschaftliche und politische Veränderungen in den Empfängerländern geknüpft und dies lehnte aus verständlichen Gründen die Sowjetunion ab, denn die Einbeziehung der osteuropäischen Länder in den US-amerikanischen Machtbereich konnte nur als erneute Bedrohung angesehen werden.


In der Veranstaltungspause gab es angeregte Gespräche mit der Autorin.
Auch für das signieren der Bücher gab es ausreichend Gelegenheit.
Die Familie Hennecke lebte in Lugau, einem Ort im erzgebirgischen Steinkohlerevier. Die jährliche Fördermenge entsprach einer Tagesproduktion im Ruhrgebiet. Dennoch war jede geförderte Tonne Kohle für die Energieversorgung der sowjetischen Zone wichtig. Der Kampf gegen Hunger und Kälte auf Grund fehlender Kohle wurde erschwert durch das von den Westmächten verhängte Liefer-Embargo von Kohle aus dem Ruhrgebiet und durch veraltete bzw. zerstörte Anlagen. Und ein entscheidender Faktor kam hinzu: die Qualifikation und das Bewusstsein der Kumpels vor Ort. Obwohl die angesetzte Norm für die tägliche Förderung bei 50% der Vorkriegsnorm lag, wurde diese oft unterschritten. Warum?

Auch ausgewählte Exponate zum Bergbau in der DDR konnten betrachtet werden.
 Viele erfahrene Bergmänner hatten ihr unrühmliches Ende im faschistischen Raubkrieg gefunden. An ihre Stelle rückten Ungelernte. Zudem wurden ehemalige faschistische Richter, Lehrer und sonstige mittlere Kader zur Bewährung in die Produktion geschickt. Mit welchem Eifer sie dies taten, war an der hohen Zahl von Sabotageakten und Bummelschichten abzulesen. Aber auch viele Arbeiter, die sich als engagierte Gewerkschafter am Wiederaufbau beteiligten, verhielten sich mitnichten als Herren ihrer eigenen Geschicke. Erfahren im Kampf gegen Arbeitshetze und Ausbeutung hatten sie noch zu lernen, dass die Arbeitsergebnisse jetzt ihnen, und nicht fremden Herren zugute kamen. Wo also beginnen?

Umfangreiches Informationsmaterial über das DDR-Kabinett-Bochum war ebenso vorhanden.
Im Oktober 1947 wurde von der sowjetischen Militärverwaltung der sog. Aufbaubefehl erlassen. In ihm wurden Massnahmen festgelegt, die auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität zielten. U.a. wurde der progressive Leistungslohn eingeführt: für höhere Arbeitsleistungen stieg der Lohn nicht linear sondern progressiv. Im Sommer 1948 initiierte die Tageszeitung 'Tägliche Rundschau' eine Erhebung zur tatsächlichen Umsetzung des Aufbaubefehls in der sächsischen Steinkohleförderung am Beispiel der Schachtanlage 'Karl-Liebknecht'. Das Resultat war niederschmetternd: das Kernstück - der progressive Leistungslohn - wurde von vielen Gewerkschaftern als Möglichkeit für allgemeine Lohnerhöhungen unabhängig von der Leistung angewandt. Dementsprechend niedrig blieb die Arbeitsmoral. In Beratungen wurde dann der Plan für eine Initialzündung - analog zur Stachanow-Bewegung in der Sowjetunion der 30er Jahre - entwickelt. Nach dem Motto 'Verstand geht vor Körperkraft' sollte das Zusammenspiel von guter Arbeitsorganisation, fachlichem Können und hohem Arbeitseinsatz demonstriert werden. Einer der bis dato besten Bergmänner der Schachtanlage erklärte sich bereit, diese Idee auszuführen. Am 13. Oktober 1948 war es soweit: Hennecke förderte in gut geplanter Zusammenarbeit mit seinen Kollegen 380% des gesetzten Normsolls an Steinkohle.

Wie gewohnt bei unseren Veranstaltungen, der gut ausgestattete Büchertisch, dank der  Unterstützung der Eulenspiegel-Verlagsgruppe und dem Wiljo Heinen Verlag aus Berlin.
Die erste Reaktion seiner Kumpel war Ablehnung - 'Akkord ist Mord' wird ihm entgegengehalten. Langsam jedoch interessieren sich weitere Bergmänner und in Folge auch die Arbeiter in der industriellen Produktion für die Idee, die hinter dieser Beispiel-Schicht steht: der Arbeiter hat die Macht und auch das Können, direkten Einfluss auf die Gestaltung und Organisation der Arbeitsabläufe zu nehmen. In den Diskussionen um die Arbeitsabläufe und Normerhöhungen werden Wettbewerbe nun nicht mehr auf individueller, sondern auf kollektiver Ebene entwickelt. Die Aktivisten-Bewegung war entstanden und und ihr ist der Aufbau und die Entwicklung der Wirtschaft der 1949 gegründeten DDR aus eigener Kraft zu verdanken.
Der Stein des Anstosses - Adolf Hennecke - wurde zur öffentlichen Person. Eingesetzt zunächst als Arbeitsinstrukteur, vermittelte er anderen Bergleuten sein Arbeitskönnen und beriet bei der Optimierung der Arbeitsabläufe. In den 50er Jahren wird er Mitarbeiter des Ministeriums für Schwerindustrie und Mitarbeiter der Staatlichen Plankommission.
In seinen Funktionen blieb er immer auch Vertreter der Bergleute und stand bei ihnen in hohem Ansehen. Warum?. Auf seine Initiative wurde ab 1950 der erste Sonntag im Juli zum 'Tag des deutschen Bergmanns' erklärt. An diesem Tag wurden auch die Ehrentitel 'Verdienter Bergmann der Deutschen Demokratischen Republik' und 'Meisterhauer' vergeben. Diese Auszeichnungen werteten einen Berufsstand auf, der bis Kriegsende als 'das Letzte' galt und dem keinerlei Mitgestaltungsrechte zugestanden wurden. Der Titel der Biographie verweist auf dieses neue Selbstbewusstsein.


Blick in den hervoragend ausgestatteten Veranstaltungssaal
Hannelore Graff-Hennecke hat mit dem Mix aus Erzählung und Lesung aus der Biographie ein sehr lebendiges und offenes Bild von den schwierigen Anfängen der DDR gezeichnet. Darüberhinaus enthält die Biographie ein umfangreiches Literaturverzeichnis für diejenigen, die sich intensiver mit den konkreten Diskussionen um die Arbeit in der DDR jenseits der Lohnknechtschaft auseinandersetzen möchten.


Die Autorin Hannelore Graff-Hennecke und Andreas Maluga, Vorsitzender des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
Enttäuschend für uns - die Einladenden - war die sehr überschaubare Zuhörerschaft. Obwohl rechtzeitig und breit angekündigt, obwohl der Veranstaltungsort verkehrstechnisch gut zu erreichen war: die zentrale Fragestellung in dieser Veranstaltung - konkrete Alternativen zur Lohnarbeit und die Erfahrungen - fanden im Vorfeld des 1.Mai wenig Resonanz. Eigentlich schade. Natürlich wird es eine Fortsetzung unserer Veranstaltungsreihe geben. Wir werden darüber rechtzeitig informieren und einladen.


Ein letztes Gespräch mit der Autorin verbunden mit einem herzlichen Dankeschön, für diesen informativen und höchst beeindruckenden Abend in Bochum.
Vor ihrer Abreise am Samstag durfte der Vorstand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. , Hannelore Graff-Hennecke und ihren Ehemann Gisbert Graff, noch in den Ausstellungsräumen in der Harkortstraße begrüßen und einen Rundgang mit Erläuterungen der Exponate und der Vorstellung unserer weiteren Planung vornehmen.

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