von Heinz Deutschland*
in jungeWelt 21.05.2011
In zahlreichen Orten zwischen Ostsee und Thüringer Wald waren bis 1990 in Gemeinden und Städten Straßen nach Käte Duncker (1871-1953) benannt, vor allem aber Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen und das Lehrerbildungsinstitut in Eisenach, an dem sie 1890 ihre Lehrerprüfung abgelegt hatte. Käte Duncker selbst hätte auf diese Ehrungen sicher verhalten reagiert, aber gefreut hätte es die »alte Schulmeisterin« sicher, daß ihrem Engagement für eine sozialistische Gesellschaft, insbesondere für die Interessen der Frauen und Kinder, von nachfolgenden Generationen Anerkennung gezollt wird. Schaut man heute ins Internet, trifft man erfreulicherweise - ungeachtet der Bilderstürmerei der frühen 90er Jahre des letzten Jahrhunderts - noch immer zahlreiche Kindereinrichtungen, die nach Käte Duncker benannt sind, sowie zahlreiche andere Kontaktadressen. Ein Grund mehr, anläßlich ihres 140. Geburtstages (2011) an diese bemerkenswerte Frau zu erinnern.
Kämpferin für Frauenrechte
Käte Doell wurde am 23. Mai 1871 in Lörrach/Baden geboren. Nach
dem frühen Tod des Vaters zog Kätes Mutter nach Friedrichroda in Thüringen und
eröffnete dort, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, eine kleine Pension für
Sommerurlauber.
Käte Doell konnte gegen den Einspruch des Vormunds ihren Wunsch
durchsetzen, Lehrerin zu werden und ihre erste Lehramtsstelle (1890) in
Friedrichroda antreten. »Von 1893 an einer Schule in Leipzig tätig«, schrieb sie
in ihrem Lebenslauf, »hörte ich dort im November zum ersten Mal ein Referat von
Clara Zetkin. So kam ich mit der Arbeiterbewegung in Berührung. Von 1894
unterrichtete ich in Abendkursen des Leipziger Arbeiterbildungsvereins, wo ich
mit meinem späteren Mann, Hermann Duncker, zusammentraf. 1896 verlor ich meine
Leipziger Stelle rwegen sozialistischer Gesinnungl. Bis 1897 Lehrerin in Hamburg. Hier ergriff mich der Wellenschlag
des großen Hafenarbeiterstreiks (Nov. 1896-Feb. 1897), wodurch ich abermals
meiner Stellung verlustig ging.«1
Wieder in Leipzig, besuchte Käte Duncker als Gasthörerin
Vorlesungen und Seminare an der Universität Leipzig u.a. bei Prof. Karl Bücher
und legte als Ergebnis ihrer Studien 1899 ihre erste Publikation »Ueber die
Betheiligung des weiblichen Geschlechts an der Erwerbsthätigkeit« vor.
»Ende 1898 verheiratete ich mich mit dem damaligen Studenten der
Volkswirtschaftslehre Hermann Duncker [1899, 1903 und 1909 wurden die Kinder
Hedwig, Karl und Wolfgang geboren] und beteiligte mich zusammen mit ihm an der
Leipziger Arbeiter-Bildungsbewegung.
Nun Mitglied der sozialdemokratischen Partei, beschäftigte ich
mich besonders lebhaft mit der proletarischen Frauenbewegung.« Käte Duncker
wirkte als Kursleiterin und gefragte Referentin der Sozialdemokratie, gründete,
leitete bzw. unterstützte Beschwerdekommissionen für Arbeiterinnen,
Kinderschutz- und Bildungskommissionen und war Delegierte auf
sozialdemokratischen Frauenkonferenzen und Parteitagen. 1910 brachte Käte
Duncker gemeinsam mit Clara Zetkin u.a. auf der internationalen Frauenkonferenz
in Kopenhagen jenen Antrag ein, der den Internationalen Frauentag
begründete.
Von 1906 bis 1908 war sie 2. Redakteurin der Zeitschrift Die
Gleichheit, mit besonderer Verantwortung für die Beilage »Für unsere Kinder«,
die sich großer Beliebtheit in proletarischen Familien erfreute.
Stationen in der Arbeiterbewegung
Käte Duncker stand auf dem linken Flügel der deutschen Arbeiterbewegung, als militante Kriegsgegnerin hat sie nach dem 4. August 1914 den Burgfriedenspolitikern mutig die Stirn geboten. Sie gehörte zum Führungskern der Gruppe »Internationale«/Spartakusgruppe und war Mitbegründerin der KPD.
Über ihr Wirken während des Krieges, als bis auf sie selbst und
Leo Jogiches alle anderen Führer der Spartakusgruppe inhaftiert oder
zwangsrekrutiert waren, schrieb ihr Schüler Jacob Walcher: »Plötzlich lag die
ganze Last und Verantwortung der so umfassenden wie gefährlichen
Organisationsarbeit auf den schwachen Schultern dieser zarten Frau.
Sie, die mit ihren häuslichen Sorgen schon genug beschwert war,
hat aber ohne Zögern alles auf sich genommen und alles geleistet, was Zeit und
Umstände erforderten.«2
Am Tag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurde
auch Käte Duncker verhaftet und verhört. In dem ersten der beiden nachfolgend
publizierten Briefe berichtet Käte Duncker ihrem Mann, der sich noch rechtzeitig
vor den Mordkommandos bei Freunden zuerst in Berlin, dann in Hamburg verbergen
konnte, über ihre Erlebnisse und ihre Haltung während ihrer kurzzeitigen
Verhaftung am 16. Januar 1919. Danach verbarg sie sich einige Zeit in Leipzig,
bis es ihr gelang, zu ihren beiden Söhnen nach Dänemark zu reisen, die dort
schon während des Krieges bei Freunden Unterkunft gefunden hatten.
Da die dänische Regierung Käte Duncker nur eine befristete
Aufenthaltserlaubnis erteilte, mußte sie Ende Mai 1919 nach Schweden
weiterreisen. Von hier aus beobachtete sie die weitere Entwicklung in
Deutschland. In ihrem Brief vom Sommer 1919 aus Lund charakterisierte Käte
Duncker die vom US-Präsidenten Woodrow Wilson entworfenen Friedensbedingungen
als Diktat imperialistischer Siegermächte über den niedergeworfenen Konkurrenten
Deutschland. Treffend setzte sie sich nicht nur mit der halbherzigen
pseudosozialistischen Politik jener sozialdemokratischen Führer an der Spitze
der jungen Republik auseinander, die schon die Zustimmung zu den Kriegskrediten
und die Burgfriedenspolitik zu verantworten hatten, sondern entwickelte zugleich
überzeugend ihre Vorstellungen vom Sozialismus, für den sie sich seit Beginn
ihres Wirkens in der Arbeiterbewegung eingesetzt hatte.
Ab 1920 lebte und arbeitete Käte Duncker wieder in Thüringen und
war dort von 1921 bis 1923 Abgeordnete der KPD im Landtag. Wieder in Berlin
(seit 1926), wirkte sie nunmehr in kleinerem Kreise als Leiterin von Kursen und
Zirkeln sowie als Deutsch-Lehrerin an der MASCH, der Marxistischen
Arbeiterschule. Mit der ihr eigenen Energie kämpfte Käte Duncker Ende 1933 ihren
Mann aus dem Zuchthaus Brandenburg frei.
Ein nicht wieder gutzumachendes Verbrechen war und blieb für sie
die willkürliche Verhaftung ihres Sohnes Wolfgang 1938 in Moskau, der unter
falschen Anschuldigungen zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, an deren
Folgen er 1942 in Workuta verstarb.
Käte Duncker besuchte 1939 ihren Sohn Karl in den USA, der dort
eine Lehrtätigkeit ausübte, blieb bei ihm und mußte 1940 seinen Freitod
miterleben. Mit den ihr noch verbliebenen Kräften sorgte sie dafür, daß ihr Mann
aus dem bedrohten Exil in Südfrankreich im September 1941 in die Vereinigten
Staaten einreisen konnte.
1947 kehrten Käte und Hermann Duncker hochbetagt nach Deutschland
zurück. Käte Duncker lebte zuerst in Berlin bei ihrer Tochter Hedwig, einer
Ärztin, und erfreute sich ihrer Enkelkinder. 1949 zog sie nach Bernau in die
Nähe der Gewerkschaftsschule, der künftigen Wirkungsstätte ihres Mannes. Ihr
Gesundheitszustand erlaubte ihr nur noch eine Tätigkeit in engem Rahmen. Wieder,
wie schon zu Beginn ihres Wirkens, unterrichtete sie junge Menschen in deutscher
Sprache und Gesellschaftskunde. Käte Duncker starb am 2. Mai 1953.
Sie hinterließ einige Schriften, zahlreiche Artikel und einen sich über fast 60 Jahre erstreckenden Briefwechsel mit ihrem Mann - dessen Edition vorbereitet wird.
Aus dieser mehrere Tausend Briefe und Postkarten umfassenden
Korrespondenz seien hier anläßlich des 140. Geburtstags dieser mutigen und
klugen Sozialistin zwei ihrer Briefe aus dem Jahre 1919 erstmalig
veröffentlicht.3
Demonstration des Militarismus
Berlin, 16.1.19194
Mein lieber Hermann!
Von meinen Erlebnissen am gestrigen Tage hast Du ja wohl so
ziemlich alles gehört, die Hauptfrage, um die es sich dort drehte, war, ob ich
»tätigen Anteil« an den Ereignissen vom 6.-12. Januar genommen hätte. Da hätte
ich ja direkt lügen müssen, wenn ich das bejaht hätte. Ich sagte, daß ich der
Sp[artakus] Gruppe seit Bestehen angehörte, auch bis zu meiner
Austrittserklärung am 31. Dez. (aus Gesundheitsrücksichten) der Zentrale
angehört habe; daß mir irgendein Plan von den Ereignissen unbekannt sei; daß sie
uns selbst überraschend gekommen seien; daß ich die Erklärung von Liebknecht und
Ledebour betreffs Absetzung der Regierung erst durch das Vorwärts-Faksimile
kennengelernt hätte; daß ich wüßte, daß [Karl] Radek keinerlei Anteil an den
Dingen genommen hätte. Das konnte ich ja alles mit dem besten Gewissen von der
Welt aussagen. Auf die Frage, warum ich nicht zu Hause gewesen sei und Du auch
nicht, habe ich der Wahrheit gemäß gesagt, daß man ja nicht seines Lebens sicher
sei vor der Verhetzung der Mitbewohner und Nachbarn und daß ich mich vor
nächtlichen Offiziersüberfällen (wie bei [Georg] Ledebour und [Ernst] Meyer)
hätte schützen müssen.
Das, was ich ausgesagt habe, gilt ja zum größten Teil auch für
Dich mit. Du hast auch keinen Anteil an den Dingen genommen. Du hast am Sonntag,
dem 5. [Januar], in der Arbeitslosenversammlung gesprochen, hast die Deputation
geleitet, das ist alles in vollster Öffentlichkeit geschehen. Wie sehr wir beide
die Dinge5 gemißbilligt und davon abgeraten haben, kann man der Bande ja nicht
sagen, erstens, weil es aussehen würde, als wolle man sich auf die Kosten der
anderen reinwaschen, und weil man ja die Dinge nur im gegenwärtigen Augenblick
und unter den gegebenen Umständen gemißbilligt hat.
Die Leute, die die Vernehmung resp. die Inhaftnahme leiteten, waren durchaus anständig. Als ich den beiden Ingenieuren, die ich nach meiner Vernehmung in reger Debatte mit den 3 bei mir mitgefangenen Arbeitern fand (einer aus Essen und zwei aus Stettin - ich hatte sie nie zuvor gesehen, aber sie haben sich in der Diskussion äußerst fein geschlagen), prophezeite, daß eine Diktatur der Generalität bevorstünde, die sie selber hätten bereiten helfen, da schauten sie sich an und der eine sagte: Siehst Du, das habe ich Dir auch schon gesagt.
Die Demonstration des Militarismus in den Berliner Straßen ist ungeheuerlich. Als ich gestern mit dem Auto der Reichskanzlei durch die Stadt fuhr, einmal Hauptstraße-Potsdamer und einmal Kurfürstendamm-Kaiserallee (denn sie haben mich im Auto zum selben Fleck zurückgefahren, wo sie mich eingeladen hatten), traf ich mehrfach Panzerautomobile mit Totenköpfen hinten aufgemalt, zahllose Truppen mit Geschützen, an vielen Straßenkreuzungen [mit] aufgepflanzten Maschinengewehren. Alle paar Straßen wurde »unser« Auto von schußbereiten Leuten angehalten und mußte sich ausweisen, immer bei Brücken oder Bahnunterführungen oder größeren Kreuzungen.
Kein Zweifel, die Regierung ist jetzt schon Gefangene der Soldateska! Wenn ich es nicht fürchtete, würde ich Dir raten, einfach nach Hause zu kommen und die Dinge gehenzulassen, wie sie gehen. Aber man weiß nicht, was diese militärischen Schweinehunde beabsichtigen. Sie werden abwarten, wie die Wahlen ausgehen, und dann, wenn die Wahlen, wie ich annehme, eine bürgerliche Mehrheit ergeben, einfach den Terror gegen Spartakus loslassen. Das fürchte ich. Von irgendeiner »gesetzlichen Behörde«, die einigermaßen auf dem Boden des 9. Nov[ember] steht, könnte man Vernunft und gewissermaßen Verständnis erwarten. Von den Mächten des 4. Aug[ust] niemals! Ich will heute zu erfahren versuchen, was mit Levi geschehen ist, davon sollen meine Ratschläge für Dich abhängen.
Nur einen Rat: faß alle Deine Entschlossenheit und Kaltblütigkeit zusammen und begegne den Leuten mit Stolz, Ernst und Kürze. Nur nicht ängstlich und zögernd und unentschlossen. Ich war hier in der Wohnung, obwohl es innerlich in mir kochte, eisig kalt, wies die Leute immer auf die Folgen ihrer Handlungen hin - wie der eine Kerl im Medizinkasten nach Waffen suchte, sagt ich, ich würde ihn ersatzpflichtig machen, wenn er mir das geringste darin verdürbe. Sie waren entschieden ein wenig eingeschüchtert durch dieses Vorgehen.
Und ebenso bei der Vernehmung kurz, kalt, entschieden: »Das können Sie aus der Presse wissen, das ist kein Geheimnis.« Wie sie nach den russischen Geldern fragten, sagte ich ihnen: »Es ist bezeichnend, daß man sich eine solche Bewegung nur als Resultat riesiger Bestechungen erklären kann. Meine Herren, die Leute, die an der Spitze der Spartakusgruppe stehen, sind von einer moralischen Höhe und Reinheit, von der Sie sich wahrscheinlich gar keine Vorstellung machen können.« Ich meine, daß ich der Gesellschaft dadurch imponiert und unserer Sache auch genützt habe. Daß die drei polizeilichen Volontäre mich schön wieder nach Hause fuhren, ist wohl der beste Beweis dafür. Ich bitte Dich dringend, Dich vorkommendenfalls mit der gleichen Entschlossenheit und Kälte zu wappnen. Ein paar Wochen Untersuchungshaft sind schließlich auch nicht das Schlimmste. Nur die finnischen Greuel der wildgewordenen Soldateska fürchte ich. Nun lebwohl, Liebster. Ich will versuchen, Dir öfter zu schreiben. Kommen möchte ich nicht, im Interesse Deiner Wirte.
Viele herzl[iche] Küsse
D[eine] K[äte]
Ob man nicht doch jetzt sollte zur Wahl gehen und Unabhängig 6
wählen? Vier Stimmen sind immer vier Stimmen und jetzt kann vom Wahlausfall doch
viel abhängen. Die »Disziplin« beißt mich nicht. Bitte Deine Ansicht!
»Dieser Friede!«
Lund, 24./25.6.1919 7
Liebster Schatz!
[...] Soviel Muße, wie Du denkst, habe ich nicht. Ich arbeite
jetzt täglich 4 Stunden an der Steuerarbeit:8 [...] Körperlich bin ich schon
sehr schön ausgeruht.
Und in Anbetracht all der Umstände ist's ein Glück, daß mein Geist
lebhafte Beschäftigung hat.
Die Zeitungsnachrichten sind nach allen Richtungen
niederschmetternd. Dieser Friede! So sieht der Wilson aus, für den Kautsky,
Haase und Gerson so sehr schwärmten! Nur unsere Leute [Spartakusgruppe/KPD]
haben ihn durchschaut, eben als Geschäftsträger des amerikanischen Kapitals, der
er ist und immer war, bei allen schönen Worten. Der Imperialismus ist
Teufelsgewächs bei der Entente wie bei uns. Bei uns war er nicht besser, nur
dümmer, und in preußischer Schneidigkeit meinte er, des moralischen Mäntelchens
entraten zu können, mit dem die anderen immer noch ihre Völker zu täuschen
verstehen. Was soll nun werden? [...]
Was wird's werden? Wenn nur jetzt keine Dummheiten von links kommen! Es ist ja alles vorläufig aussichtslos. Rußland scheint vor dem Ende zu stehen, wenn die Zeitungen hier nicht toll lügen. Ich hoffe nur eines noch, nämlich: daß die Völker der Entente, die trotz des Gewalt- und Raubfriedens die Kriegssuppe auslöffeln müssen und die Lasten nun erst recht fühlen werden, auch mit ihren herrschenden Klassen Fraktur reden werden; und daß dann auch bei uns der wirkliche Sozialismus verwirklicht wird, wenn die revolutionäre Welle vom Westen aus zurückschlägt. Sonst halte ich alles für verloren, nicht nur den Sozialismus, sondern alle höhere Kultur.
Sozialismus in der Politik und Kapitalismus in der Wirtschaft, das führt nur zu Korruption und Unkultur. Das sehe ich hier, das sah ich noch mehr in Dänemark. Um sich selber zu retten, korrumpiert der Kapitalismus den Sozialismus: sozialistische Minister (wohlgemerkt vom Typus Ebert, Scheidemann usw., d.h. Leute, die ihrem Amt innerlich nicht gewachsen sind), hohe Löhne, kurze Arbeitszeit, alle möglichen Unterstützungen und Annehmlichkeiten, aber keine Selbstverwaltung der Arbeiter, keine Abschaffung der Lohnarbeit selber, eben kein eigentlicher Sozialismus. [...]
Das war mir nie der Sinn des Sozialismus. Ich erhoffte von ihm
nicht fette Bäuche, sondern erhöhtes Menschentum. Und das kann er nur bringen,
wenn er den Arbeiter, jeden Arbeiter, zum Mitverantwortlichen an der Produktion
macht; wenn er ihm das Bewußtsein gibt, daß er mit seiner Arbeit ein notwendiges
Rad im Mechanismus des Gesellschafts- und Produktionsganzen ist. Erhebung der
Masse zu selbstbewußten und gemeinsinnigen Gliedern des Ganzen, das sollte der
Sozialismus bringen, nicht die Entwicklung einer neuen wohlgepflegten
Stallviehrasse.
Nur die Räteverfassung, die die Masse zum Subjekt der Produktion macht - und wenn sie anfangs noch so viel Lehrgeld bezahlen muß, die sie in stetem Kontakt und bei steter Überwachung ihrer Führer hält, die nie zu einem festen Beherrschungssystem erstarren kann, nur diese Räteverfassung kann nach meinem Denken die Welt jetzt noch retten. Siehst Du, diese kapitalistischen Konzessionen an die Sozialisten, um sie von der Forderung nach wirklicher Sozialisierung abzuhalten, die schaffen auch auf dem Gebiet der Wissenschaft ekelhafte Korruptionserscheinungen. Das Kriechen vor der Masse ist nicht unwürdiger als das Kriechen vor dem Thron.
Hier fragt man bei der Bestallung von Professoren schon nach »Parteitreue«, man drückt das Niveau der wissenschaftlichen Anforderungen herab, im Interesse der »Vielzuvielen«. Statt das Sieb für die höheren Lehranstalten möglichst eng zu machen, damit nur die wirklich Befähigten aller Klassen dort zugelassen werden können, macht man es im Gegenteil noch weiter, damit auch das Proletariat seine Mittelmäßigkeiten dahin senden kann.
Das war doch nicht die Meinung! Man klagt hier allenthalben über die Senkung des geistigen Niveaus der Studenten. Und was ich in Dänemark von Studenten kennengelernt habe, stand sicher bei weitem unter dem deutschen Durchschnitt!
Die Räteverfassung ist's auch, die allein ein Gegengewicht schaffen kann gegen die unleugbaren Gefahren der Wirtschaftszentralisation, die, wenn sie eben dieses dezentralistischen Moments entbehrt, zu einer ungeheuren Versklavung führen kann, zu einer Fessel für alle, die neue Gedanken und kräftige Initiativen beisteuern möchten und können. Die Räteverfassung schafft immer wieder frisches Blut in die Zentralen und verhindert so die Arterienverkalkung, die sich in geradezu beängstigender Weise auf dem Weimarer Parteitag der SPD zeigte. Himmel, was war das für ein Tiefstand und eine Stagnation, die sich dort breitmachte. [Die] Vossische Zeitung sagt sehr treffend: »Höchstes Ziel der Ebertkinder ist die Unpersönlichkeit.« Und wie nötig wären uns nicht gerade jetzt Persönlichkeiten. Was uns betrifft, wir haben in dieser Zeit nichts anderes zu tun, als was immer unsere beste Arbeit und Leistung war: persönlich auf junge, tüchtige Menschen wirken, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Unsere Schüler und Schülerinnen haben nicht die schlechteste Rolle in all dieser Wirrnis gespielt. [ ... ] Liebster, Kopf hoch [ ... ]. Es umarmt und küßt Dich
Deine alte Käte.
1 Alle zitierten Dokumente: Stiftung Archiv der Parteien und
Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin (SAPMO-BArch), NL Duncker
(NY 4445)
2 Jacob Walcher, Gemeinsam mit Käte und Hermann Duncker. In:
Tribüne, Ausg. A. (1949), v. 23. 5., S. 2
3 Der zweite Brief angesichts seines Umfangs mit einigen
gekennzeichneten [...] Auslassungen. NL NY 4445/142, Bl. 1/2 u. Bl. 143-147
4 Als Käte Duncker diesen Brief am 16.1.1919 schrieb, hatte sie noch keine Kenntnis von der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts
5 Bewaffnete Kämpfe in Berlin Anfang Januar 1919
6 Stimmabgabe für Kandidaten der USPD bei den Wahlen zur Nationalversammlung. Käte Duncker hatte sich zusammen mit Rosa Luxemburg u.a. Genossen auf dem Gründungsparteitag der KPD für eine Beteiligung an den Wahlen eingesetzt. Sie waren aber unterlegen
7 Käte Duncker lebte seit März 1919 in Dänemark und mußte dann nach Schweden ausweichen, wo sich der Mann ihrer Freundin Gertrud Liljeqvist, einer Schwester des Schriftstellers Otto Erich Hartleben, für sie verbürgt hatte. Per Ephraim Liljeqvist war Professor an der Universität Lund
8 Um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, half Käte Duncker einem schwedischen Nationalökonomen, die deutsche Übersetzung seiner Habilitationsschrift durchzusehen
*Der Autor war 1959/1960 Assistent Hermann Dunckers an der
Gewerkschaftshochschule »Fritz Heckert« in Berlin; er wurde nach Dunckers Tod
(22.6.1960) mit der Sicherung des Nachlasses betraut. Unter dem Titel »Ich kann
nicht durch Morden mein Leben erhalten« gab Heinz Deutschland Auszüge aus dem
Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker in den Jahren 1915 bis 1917
heraus (Verlag Pahl Rugenstein Nachf., Bonn 2005)

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