„Wenn man ein langes Leben hindurch für das schlichte Volk gekämpft hat und von oben nur Undank erntete, ist es schön, im hohen Alter in einem Land leben zu können, wo nicht nur die kleinen Leute die Arbeit schätzen, die man hinter sich hat, sondern wo die hohe Leitung derselben Meinung ist, wo Volk und Regierung eine Seele sind. Das ist die wirkliche, die wahre Demokratie"
Martin Andersen Nexö (26. Juni 1869 - 1. Juni 1954)
Wenn Du einmal Dichter bist, dann vergiss das Proletariat nicht!
Am 26. Juni wäre Martin Andersen Nexö hundertdreiundvierzig Jahre alt geworden. Das Licht der Welt erblickte er in einem der ärmsten Stadtteile Kopenhagens, im Arbeiterviertel Christianhaven, als Sohn eines gelernten Steinmetz. Als die Familie 1877 nach Bornholm, in das Städtchen Nexö übersiedelte, sah er zum ersten Mal sonnige Wiesen und Felder. Die düsteren Hinterhöfe ließ er hinter sich, die Armut blieb. Die Berufung zum Dichter wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Ein harter Weg war zu gehen – Schuhmacher, Kuhhirt, Zeitungsverkäufer und Steinbrucharbeiter – bis die Volksschule in Östermarie und das Lehrerseminar in Kopenhagen dem Wissbegierigen neue Tore öffneten. Die Jahre, die Andersen Nexö arbeitend, lernend und lehrend verbrachte, waren für seine Entwicklung als Schriftsteller in vielfacher Hinsicht richtungweisend, wie auch die Worte eines deutschen Glasergesellen: „Wenn Du einmal Dichter wirst, dann vergiss das Proletariat nicht!".
Wenn wir jetzt, ein Jahrhundert später, auf das Werk von Martin Andersen Nexö blicken, entfaltet sich vor uns eine Welt, in der die einfachen Menschen, die Proletarier, im Mittelpunkt stehen und als die eigentlichen Helden der großen Geschichte lebendig werden. Einer von denen ist „Pelle der Eroberer". In vier Bänden, erschienen von 1906 – 1907, erzählt Martin Andersen Nexö die Geschichte des Landarbeiterkindes Pelle. Der Sohn schwedischer Einwanderer entwickelt sich zum Führer der neu beginnenden sozialdemokratischen Bewegung. In dem armen Arbeiterkind der dänischen Insel Bornholm erwacht das Klassenbewusstsein, es schließt sich den organisiert kämpfenden Arbeitern an. „Pelle der Eroberer" ist als erster Proletarierroman in die dänische Literaturgeschichte eingegangen und erschien nur wenig später als Gorkis „Mutter". Die „dänische Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts erschöpfte sich vorher im christlich-idealistischen Biedermeier", wie der Literat Georg Brandes feststellte. Der Roman gehört noch heute zu den bekanntesten dänischen Werken, und schon in den zwanziger Jahren erreichten seine Auflagen Rekordhöhen.
Mit „Ditte Menschenkind" (1917 – 1921) gelang ihm eines der schönsten Werke der Weltliteratur. Martin Anderson Nexö hat der einfachen Frau aus der arbeitenden Bevölkerung ein ergreifendes und unvergessliches Denkmal gesetzt. Die unehelich geborene Ditte, die sich um ein bisschen Glück verzehrt und kaum fünfundzwanzigjährig zugrunde geht, ist eine brennende Anklage an eine unmenschliche Gesellschaft.
Der eigenen Persönlichkeit hat sich Martin Andersen Nexö am stärksten mit seinem Roman „Morten der Rote" genähert, erschienen 1945 nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Im ersten Band des „Morten" erzählt er die Geschichte eines Schriftstellers, der nach mehrjähriger Abwesenheit aus der Fremde in die Heimat zurückkehrt. Er hat wie sein Autor Italien, Spanien und Deutschland bereist und überall das wachsende revolutionäre Bewusstsein der arbeitenden Massen kennengelernt. Andersen Nexö stellt die unterschiedlichen Positionen dar zwischen Pelle und Morten, indem er den Standpunkt des Autors lebendig werden lässt. Neben den berühmt gewordenen Romanen schrieb Andersen Nexö viele Erzählungen und Novellen. Einige Bücher wurden verfilmt. „Pelle der Eroberer" sogar zweimal, 1985 für das Fernsehen der DDR, einige Jahre später folgte eine dänische Kinoproduktion, die in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.
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| Martin Andersen Nexö "Jeanette", Dietz Verlag Berlin, 1995 im Bibliotheksbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. |
Andersen Nexö erschöpft sich nicht in den Darstellungen der Not gedemütigter Arbeiter. Lukacs schreibt: „Andersen Nexö nimmt einen besonderen Platz im Aufschwung des Realismus seiner Heimat ein ... Sein Lebenswerk ist eine große Anklage der Kultur und Zivilisation. Der Epiker des dänischen Volkslebens, der Erzähler der Arbeiter und Bauern behandelt die Kulturprobleme seiner Nation in ihrer ganzen Breite und Tiefe, zwar von unten, aber dieses Unten umgreift bei ihm die weit in die wirkliche Vergangenheit reichende Geschichte des gesamten Volkes". Martin Andersen Nexö stellt seine Figuren in eine Wirklichkeit, die er mit allen Sinnen aufgenommen hat. Mit Liebe, Ernst und viel Humor hat er lebendige Menschen geschaffen. Seine Bücher sind von großer Sprachgewalt, ohne Neigung zu schweren und klagenden Tönen. Farbig und breit ausmalend ist seine Sprache, die Erzählerperspektive vielfältig.
1937 wollte der dänische Justizminister das Verbot seiner Bücher erwirken. Trotz der Bücherverbrennungen und der Drohungen ließ sich Andersen Nexö nicht einschüchtern. 1943 konnte er mit seiner Familie nach Schweden entfliehen. Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte er in seine Heimat zurück. Auf die Frage eines Reporters, weshalb er für die Kommunisten stimme, antwortete er selbstbewusst: „Weil ich die Augen nicht im Rücken habe und weil ich weiß, dass mir das Essen viel besser schmeckt, wenn ich weiß, dass auch die anderen etwas zu essen haben, und weil ich Dänemark liebe, stimme ich für die Kommunisten."
Im Jahre 1949 kam er mit seiner Frau und seiner jungen Tochter nach Dresden, um dort für einige Monate zu rasten und am dritten Teil des „Morten" zu schreiben. Er besuchte Betriebe, Kulturinstitute und Schulen in der DDR. Im Februar 1951 nahm er in Berlin an der Tagung des Weltfriedensrates teil. Auf dem Weißen Hirsch verbrachte Andersen Nexö als Ehrenbürger der Stadt Dresden die letzten Jahre seines Lebens. Ihm wurde der Nationalpreis verliehen, Schulen und Kulturhäuser trugen in der DDR seinen Namen. Im Gegensatz dazu machten der deutsche Faschismus und der Kalte Krieg aus dem einst in ganz Deutschland geachteten Autor einen im Westen Deutschlands nahezu unbekannten Schriftsteller.
Ulla Ermen
Lebensdaten
1869
Am 26. Juni wird Martin Andersen Nexö als Sohn eines Steinmetz in Kopenhagen geboren.1937 wollte der dänische Justizminister das Verbot seiner Bücher erwirken. Trotz der Bücherverbrennungen und der Drohungen ließ sich Andersen Nexö nicht einschüchtern. 1943 konnte er mit seiner Familie nach Schweden entfliehen. Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte er in seine Heimat zurück. Auf die Frage eines Reporters, weshalb er für die Kommunisten stimme, antwortete er selbstbewusst: „Weil ich die Augen nicht im Rücken habe und weil ich weiß, dass mir das Essen viel besser schmeckt, wenn ich weiß, dass auch die anderen etwas zu essen haben, und weil ich Dänemark liebe, stimme ich für die Kommunisten."
Im Jahre 1949 kam er mit seiner Frau und seiner jungen Tochter nach Dresden, um dort für einige Monate zu rasten und am dritten Teil des „Morten" zu schreiben. Er besuchte Betriebe, Kulturinstitute und Schulen in der DDR. Im Februar 1951 nahm er in Berlin an der Tagung des Weltfriedensrates teil. Auf dem Weißen Hirsch verbrachte Andersen Nexö als Ehrenbürger der Stadt Dresden die letzten Jahre seines Lebens. Ihm wurde der Nationalpreis verliehen, Schulen und Kulturhäuser trugen in der DDR seinen Namen. Im Gegensatz dazu machten der deutsche Faschismus und der Kalte Krieg aus dem einst in ganz Deutschland geachteten Autor einen im Westen Deutschlands nahezu unbekannten Schriftsteller.
Ulla Ermen
Lebensdaten
1869
1877
Übersiedlung aus Kopenhagen nach Nexö auf der Insel Bornholm.
1884
1884
Schuhmacherlehre. Er lernt die deutsche Sprache.
1889
1889
Besuch der Volkshochschule.
1893
1893
Erster Zeitungsartikel. Es entsteht der „Lotterieschwede", Martin Andersen Nexö erkrankt an Tuberkulose.
1894 – 1896
1894 – 1896
Reise nach Italien und Spanien.
1897
1897
Lehrerseminar in Kopenhagen.
1898
1898
Heirat mit Margaretha Thomsen. Es entstehen die Erzählungen „Schatten", „Sühne" und „Eine Mutter".
1901
1901
Aufgabe der Lehrertätigkeit. Arbeit als Journalist. Es entsteht „Familie Frank".
1902 – 1903
1902 – 1903
Erneute Reise nach Spanien. „Sonnentage" werden fertig.
1906
1906
Andersen Nexö schreibt an den „Bornholmer Geschichten" und beginnt mit dem Roman „Pelle der Eroberer".
1910 – 1911
1910 – 1911
Reise nach Thüringen. Beginn der Arbeit an der Erzählung „Die Puppe".
1912 – 1913
1912 – 1913
Andersen Nexö reist nach Dresden. Scheidung und erneute Heirat.
1917 – 1921
1917 – 1921
Schreibt an seinem zweiten großen Roman „Ditte Menschenkind".
1921
1921
Andersen Nexö wird Mitglied des Pen-Klubs. Reise in die Sowjetunion.
1923 – 1925
1923 – 1925
Übersiedlung an den Bodensee. Scheidung und Heirat mit Johanna May.
1930 – 1931
1930 – 1931
Rückkehr nach Dänemark und Reise in die Sowjetunion.
1932 – 1939
1932 – 1939
Andersen Nexö schreibt seine „Erinnerungen".
1933
1933
Verbot seiner Bücher in Deutschland.
1934 – 1935
1934 – 1935
Teilnahme an den Schriftstellerkongressen in Moskau und Paris.
1941
1941
Verhaftung in Dänemark.
1943 – 1944
1943 – 1944
Flucht über Schweden in die Sowjetunion. Beginn der Arbeit an seinem dritten großen Roman „Morten der Rote".
1945
1945
Rückkehr nach Dänemark.
1947
1947
Reise nach Deutschland.
1948
1948
Austritt aus dem dänischen Schriftstellerverband. Es entsteht „Die verlorene Generation".
1948 – 1950
1948 – 1950
Wiederholte Besuche in Dresden. Andersen Nexö wird für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen.
1951
1951
Übersiedlung nach Radebeul. Andersen Nexö erhält den Nationalpreis der DDR.
1952
1952
Umzug auf den Weißen Hirsch in Dresden. Arbeit an „Jeanette".
1953
1953
Verleihung der Dresdener Ehrenbürgerschaft.
1954
1954
Martin Andersen Nexö stirbt in Dresden, er wird in Kopenhagen beigesetzt.


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