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Freitag, 27. Juli 2012

27. Juli 1952 - Die Gründung der LPG Brietzig im Kreis Pasewalk


Brietzig in Vorpommern im Jahr 1952. Hier wirtschaftete ich, 23 Jahre alt, verheiratet und glücklicher Vater, selbständig auf 8,2 Hektar Bodenreformland mit Pferd, Kuh, einem sturen Ochsen, der nur zum Fleischsoll taugte, gegenseitiger Bauernhilfe und einem Ende 1944 ausgestellten Facharbeiterzeugnis als Landwirtschaftsgehilfe. FDJ-Sekretär im Dorf war ich auch.
Eines Morgens, ich war noch nicht mit der Stallreinigung fertig, kam der Bürgermeister mit einem Herrn herein, den er mir als Bruno Suhrke, 1. Kreissekretär der SED, vorstellte. Ich fragte mich, was der denn schon so früh von mir wollte, ich hatte doch nichts ausgefressen. Schnell kam er zur Sache und erzählte, dass vom 9. bis 12. Juli in Berlin die 2. Parteikonferenz der SED stattgefunden und beschlossen habe, mit dem planmäßigen Aufbau des Sozialismus zu beginnen. Dazu gehöre, den Landarbeitern und werktätigen Bauern, die sich freiwillig zu Produktionsgenossenschaften (LPGs) zusammenschlössen, alle notwendige Hilfe zu gewähren, um das Bündnis der Arbeiterklasse mit der werktätigen Dorfbevölkerung zu festigen. Jeder ehemalige Landarbeiter, Umsiedler oder Neubauer sollte gleiche Entwicklungschancen erhalten. Als ich merkte, dass das Gespräch interessant werden und länger dauern würde, kippte ich die Karre um, und wir setzten uns vor der Stalltür alle drauf. Vier Traktoristen von der MTS würden auch dabei sein, sagte Genosse Suhrke, und 122 ha freie Flächen, die nicht von Siedlern übernommen worden seien, müssten bearbeitet werden. Weitere Gespräche und manche Überlegungen überzeugten mich. Ich entschied mich dafür, einer LPG beizutreten und wurde auch Kandidat der SED. Die Genossenschaft in unserem Dorf musste natürlich erst gegründet werden.
Exponate im Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
Nun ging alles sehr schnell. Am 25. Juli fand eine Einwohnerversammlung zu diesem Thema statt, bei der ich als Diskussionsredner über die Vorteile eines solchen Schrittes sprach. „Mit jugendlichem Schwung", wie das Protokoll vermerkte. Schon zwei Tage später erfolgte in der Maschinen-Traktoren-Station (MTS) Wilsickow die feierliche Gründung der „LPG 12. Juli" Brietzig. Wir gaben der Genossenschaft diesen Namen, weil die 2. Parteikonferenz am 12. Juli, gerade einmal zwei Wochen zuvor, den Beschluss zur Bildung von LPGs gefasst hatte. Der Landrat, Genosse Prix, sprach über deren Bedeutung beim Aufbau des Sozialismus in der DDR. Unser Statut wurde beschlossen. Wir entschieden uns für den Typ III mit gemeinsamer Viehhaltung, waren sieben Mitglieder und standen mit unseren 138 Ha vor keiner leichten Aufgabe. Dessen waren wir uns bewusst. Zum Vorsitzenden wählten wir einen der Traktoristen. Ich wurde sein Stellvertreter. Von unseren Frauen gehörten zunächst noch keine der Genossenschaft an. Sie kamen erst später dazu. Aber der Schritt in den neuen Lebens- und Arbeitsabschnitt war getan.
Nach wenigen Tagen bat unser Vorsitzender, von dieser Aufgabe entbunden zu werden, weil er glaubte, dass er es nicht schaffen könnte. Ich wurde sein Nachfolger. Die gemeinsame Arbeit in der LPG begann mit der Getreideernte. Wir lieferten das erste im Kreis Pasewalk genossenschaftlich geerntete Getreide an den Staat ab. Unser Kreis war ebenso jung wie wir, im Rahmen der Verwaltungsreform gerade erst gebildet und für uns ein zusätzlicher Anlass zur Neuorientierung. Für viele Bauern im Dorf und im alten Kreis, auch für meinen Schwiegervater, war ich allerdings ein Bauernverräter. Andere beobachteten uns mit wachsender Solidarität. In dieser Lage galt es nun, weitere Bauern und Landarbeiter zu gewinnen.
Am 3. August fand die erste Kreisdelegiertenkonferenz der SED in Pasewalk statt. Ich war eingeladen und sollte als Vorsitzender der ersten LPG des Kreises in der Diskussion auftreten. Eine ganze Nacht habe ich am Text gesessen, auch manchen Bogen zerrissen, aber alles ging gut. Danach kamen Einladungen aus den Dörfern, zu den Bauern und Siedlern zu sprechen. Unsere Genossenschaft wurde immer stabiler. Im Januar 1953 erarbeiteten wir den ersten Jahresabschlußbericht und den ersten Betriebsplan für das ganze Jahr. Am Monatsende führten wir die erste Jahreshauptversammlung durch. Nun waren wir bereits 34 Männer und Frauen, darunter vier Jugendliche.
Exponate im Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
Für den 21. und 22. Februar hatte der Rat des Kreises Tage der Frühjahrsbereitschaft angesetzt. Der Anbauplan war fertig; alles vorbereitet. Ich machte wie jeden Morgen meine Runde. Kollegen zeigten auf einige Nachbarställe. Das Brüllen der Kühe war mir bereits aufgefallen. Die Stallungen waren wie immer verschlossen, doch niemand kam zum Melken und Füttern. Wir verständigten den Rat des Kreises. Beauftragte des Vorsitzenden öffneten die Ställe, damit das Vieh versorgt werden konnte, danach auch die Wohnungen. Wir waren fassungslos. In der Nacht hatten sich sieben Neubauern mit ihren Familien abgesetzt, Saatgut und Futtergetreide hatten sie vorher noch verkauft. Das bedeutete neue freie Nutzflächen, und wir hatten nun 339 ha zu bewirtschaften. Die Aufgaben wuchsen. In unserem Dorf änderte sich einiges. Wir richteten einen Kindergarten ein, der bald auch von Familien genutzt wurde, die nicht zur LPG gehörten. Eine Küche der LPG gab es ebenfalls. Erste Häuser der Genossenschaftsbauern entstanden. Im ganzen Kreis ging es vorwärts. Weitere LPGs hatten sich gebildet, anderenorts gab es Gründungskomitees.
Aber am 17. Juni, dem Tag des Putsches reaktionärer Kräfte, lösten sich dann auch in unserem Kreis einige Landwirtschaftliche Produktions-genossenschaften vorübergehend wieder auf. Bei uns in Brietzig dachte jedoch keiner daran, aus der LPG auszutreten. Wir hatten im Radio gehört, dass Randalierer in die Dörfer fuhren, um dort zu provozieren. Einstimmig hieß es bei uns:

„Sollen sie nur kommen. Mit unseren Forkenstielen werden wir sie empfangen und nach Pasewalk zurückprügeln. Wir lassen uns in unserer Arbeit nicht stören."

In Brietzig wurde bald darauf ein Agentenring aufgedeckt, dem der Lehrer und der Gehilfe in der privaten Schmiede angehörten. So erklärte es sich also, dass im Februar sieben Familien ihr Land und Vieh im Stich gelassen hatten und republikflüchtig geworden waren. Wir lernten einen ganz anderen Abschnitt des Klassenkampfes kennen. Aber schon 14 Tage später, am 1. Juli, verkauften wir auf dem ersten Pasewalker Bauernmarkt nicht nur Fleisch und Milch, sondern konnten auch vom erfolgreichen neuen Weg in unserem Dorf berichten.

Hans-Joachim Roeseler


1 Kommentar:

  1. Obgleich in der Stadt aufgewachsen, erinnerte ich mich beim Lesen dieser ausgezeichneten Schilderung zur Kollektivierung der Landwirtschaft meiner Schulbuchlektüre "Tinko" und somit unseres großartigen Schriftstellers Erwin Strittmatter, dessen Geburtstag sich am am 14. August dieses Jahres zum hundertsten Male jährt.
    Hans-Joachim Roeseler gab mit seinem hier vorgestellten Beitrag mir spontan den Anlaß
    zu den folgenden Zeilen:

    Erinnerungserntedank

    Die Ähren wogten golden weit.
    Es war schon wieder Erntezeit.
    Da rollten sie in Formation,
    Kombines mit dem Maschinenton.
    Das Rattern hieß auf Russisch GUT.
    Die Schlacht fand statt in Sonnenglut,
    Verriet die Kollektivität
    Mit Schichten bis zum Mondschein spät.

    Und des Ertrages Plangewinn
    Vermochte der Gemeinschaftssinn
    Im Arbeiter-und-Bauern-Staat,
    Gelegt als stolze Friedenssaat
    Mit Hammer, Zirkel, Ährengold
    Durch Planarbeit - vom Volk gewollt -
    Wer andres heut’ behaupten möcht’,
    Wird nie der Zukunft mehr gerecht.

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