Als einer "von ganz oben" jungen Druckern Rede und Antwort stand
Anfang der 50er Jahre war in der FDJ immer etwas los, und wenn wir nur mal mit einem Betriebs-LKW zum Baden nach Grünau fahren durften. Werners FDJ-"Haufen" war inzwischen durch den ständigen Zustrom an jungen Menschen im Betrieb beträchtlich angewachsen. Da er sich stets etwas einfallen ließ, beteiligten sie sich ebenso aktiv wie wir "Alten", weil es einfach Spaß machte, nicht aber weil wir eine "kommunistische Zwangsjugend" waren, wie ich es jüngst wieder in einer dieser Talkshows vernahm.
Es gab nur wenige Junge, die nicht mitmachten, es aber meist gerne getan hätten, wenn der elterliche Einfluß nicht in umgekehrter Richtung gewirkt hätte. Da galt dann Mutters: Laß bloß die Hände von der Politik!
Weil der "Haufen" aber inzwischen so groß geworden war, erwies es sich als notwendig, Untergruppen zu schaffen. Strukturieren nannte man das. Jetzt gab es eine FDJ-Leitung. Werner blieb der "Oberhäuptling", und ich erhielt den "FDJ-Auftrag" (das waren schon neue Töne), in der Abteilung Druck, eine eigene Gruppe zu bilden, was ich mit Feuereifer in Angriff nahm. Nur wie?
Räumlichkeiten waren dafür nicht vorhanden, also mußte ich mir etwas einfallen lassen. Im größten Drucksaal befand sich am Ende eine geräumige Toilette, die aber infolge defekter Abflußrohre nicht genutzt werden konnte. Vom Betriebsgrafiker, den es jetzt gab, um die ständig benötigten Transparente mit Losungen wie "Für Einheit und gerechten Frieden!" (die von der Sowjetunion und DDR-Politikern trotz der vollzogenen Bildung zweier deutscher Staaten immer noch propagiert wurde) anfertigen zu können, besorgte ich mir einen Eimer, weiße Farbe, Malerbürsten, blauen Fahnenstoff und Reißzwecken.
Mit meinen FDJodlern (wie man uns auch nannte) richteten wir das erwähnte Klo "FDJ-gemäß" her, bestimmten den Gründungstermin, holten Stühle aus dem Speisesaal herbei, und es konnte losgehen. Werner sagte mir, es sei ihm gelungen, einen Vertreter vom FDJ-Zentralrat als Gast zu gewinnen. So jemand war damals noch ein "hohes Tier", da wir die in uns steckende Obrigkeitshörigkeit aus Nazizeiten keineswegs bereits abgelegt hatten. Der Eingeladene erschien tatsächlich.
"Freundschaft, Freunde", sagte ich zur Eröffnung unserer ersten Versammlung auf dem "FDJ-Scheißhaus", wie es von den Nörglern und Miesmachern älterer Jahrgänge bezeichnet wurde. Ich benutzte den offiziellen Gruß und die FDJ-Anrede. Daran konnte nichts Schlechtes sein. Dann kam ich angesichts des hohen Gastes ins Stottern und konnte nur noch stammeln, daß wir ihn aus Anlaß der Gründung einer FDJ-Gruppe der Abteilung Druck herzlich begrüßten. Ich erteilte ihm "das Wort für seine weiteren Ausführungen", obwohl der Jugendfreund noch keinen einzigen Piep von sich gegeben hatte. Der fühlte sich total überrumpelt, während ich mich mit hochroten Ohren hinsetzte und ins Wesenlose starrte.
Der Vertreter des Zentralrats erhob sich, sah auf mich samt roter Ohren herab und begann zu sprechen, indem er ebenfalls sagte: "Freundschaft, Freunde!" Damit hatte er erst einmal gleichgezogen und eine Brücke zu uns geschlagen. Wir waren nicht mehr als acht FDJler. Schnell spürten wir, daß der Gast offenbar gar nicht "von oben" kam, sondern so sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Er beglückwünschte uns zur Bildung der Gruppe, meinte aber zugleich, daß wir damit nicht etwa ein "Privatverein" seien, sondern nur eine von Tausenden Basiseinheiten des Jugendverbandes. Er erläuterte uns das FDJ-Statut, wonach jeder junge Mensch, gleich welcher Konfession oder Weltanschauung, Mitglied sein könne. Es gelte, die Grundrechte der Jugend auf Arbeit, Bildung, Erholung und Freizeit in ganz Deutschland durchzusetzen. Unsere Zustimmung erhielt er durch Kopfnicken. Dann sprach der "Referent" über die Notwendigkeit des Kampfes für die Bewahrung der deutschen Einheit, und zwar trotz der Existenz zweier Staaten. Es gehe zugleich um einen gerechten Friedensvertrag, den die Sowjetunion immer wieder von den Westmächten fordere. Der Gast erklärte uns die wesentlichen Unterschiede zwischen Kapitalismus und Sozialismus und was das westliche Gerede von "Frieden in Freiheit" auf sich habe.
All das hatten wir zwar ständig in den Zeitungen lesen und im Radio hören können, doch der Vertreter des Zentralrats machte deutlich, daß man die Dinge stets im Zusammenhang betrachten müsse. Kurzum: Der "von oben" hielt eigentlich keine Rede, sondern unterhielt sich mit uns, so daß wir gar nicht merkten, wie wir in eine Diskussion mit ihm gerieten. Sie selbst anzustoßen, hätten wir uns damals nie und nimmer getraut. Auch in späteren Jahren machten viele nicht den Mund auf, wenn ein "Hoher" mit seiner wohlformulierten Rede fertig war.
Doch unser Gast war ein Fuchs. Er brachte uns sozusagen von hinten herum zum Sprechen, wovon wir dann auch regen Gebrauch machten, bis plötzlich jemand an die Tür hämmerte und rief: "Ick muß mal schei...!" Wütend griff ich als Kleinster nach der Klinke, doch der Schreier war weg. Solche Typen haben uns in all den Jahren begleitet, und es wird sie wohl immer und überall geben.
Eines hatte der Brüller erreicht: In unserem Dialog war ein Bruch entstanden. Der vom Zentralrat scherte sich nicht darum und meinte nur: "Wenn Ihr wollt, werde ich mich erst mal vorstellen." Dann begann er, aus seinem Leben zu erzählen. Manches davon habe ich vergessen, anderes jedoch behalten. In einem kommunistischen Elternhaus aufgewachsen, war er unter Hitler in den Krieg eingezogen worden und sollte an der Ostfront Jagd auf "Bolschewisten" machen, mit denen Nazi-Außenminister Ribbentrop noch kurz zuvor einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte. Da ihm zutiefst zuwider war, Menschen umzubringen, tat er, was ihm sein Vater geraten hatte: Bei der erstbesten Gelegenheit, einem Spähtrupp, lief er zu den "Russen" über, die ihn zunächst gefangennahmen. Nach Klärung seines Falles wurde er für einen Einsatz ausgebildet und kämpfte dann auf Seiten der Roten Armee, wie viele andere anständige Deutsche, gegen die Faschisten. Dabei hatte er Glück: Zwar wurde er in Abwesenheit von der Nazi-Justiz zum Tode verurteilt und an der Front verwundet, überlebte aber und reihte sich nach dem Krieg sofort bei denen ein, die ein besseres Deutschland aufbauen wollten.
Die Einzelheiten, die der Gast berichtete, empfanden wir als so spannend, daß wir gar nicht wahrnahmen, wie die Zeit verging. So war es bestimmt eine der längsten Gründungsversammlungen, die je in einer FDJ-Gruppe stattgefunden haben.
Nur eine Woche später funktionierte seltsamerweise das defekt gewesene Klosett wieder, so daß es auch der Schreihals benutzen konnte. Wer dieser allerdings gewesen ist, haben wir nie herausbekommen.
Unser "hoher Gast" hieß übrigens Heinz Keßler. Es handelte sich haargenau um jenen erprobten Antifaschisten, der nach dem Tod des Spanienkämpfers Heinz Hoffmann Verteidigungsminister der DDR wurde, obwohl er die militärische Laufbahn überhaupt nicht hatte einschlagen wollen. Doch die Zeiten waren ja inzwischen ganz andere geworden.
Klaus J. Hesse, Berlin

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