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Dienstag, 10. Juli 2012

Streiflichter erhellen das "verordnete" Leben der DDR-Bürger

FF Dabei - Ausgabe 47/83 aus dem Zeitschriftenarchiv des DDR-Kabinett-Bochum e.V.

Über Radfahrer und "Radfahrer"

In der BRD, wo es von Verordnungen geradezu wimmelt, kann der Begriff "verordnet" durchaus abwertende Bedeutung erlangen, wenn er rückwirkend auf die DDR gemünzt ist; da war nicht nur das Schlechte, das Ketzerische, da war sogar das Gute "verordnet", folglich ebenfalls schlecht, verwerflich. Man denke nur an den "verordneten Antifaschismus".
Hier soll der Versuch unternommen werden, dieses "verordnete" Leben etwas näher unter die Lupe zu nehmen - nicht die von Kinkel, sondern die von ahnungslosen DDR-Bürgern, die vor 25 Jahren nicht vermuten konnten, daß sie täglich ein "verordnetes" Leben zu führen hatten.
In den 80er Jahren war ich in der Radtouristik, die sich damals zunächst schlicht Radwandern nannte, sehr aktiv. Ich hatte als 62jähriger eine Sektion Radwandern bei der Betriebssportgemeinschaft Turbine des Energiekombinats Potsdam ins Leben gerufen, die sich bald Anerkennung im DDR-Maßstab erwarb. Unser Bekanntwerden brachte Arbeit und Verantwortung mit sich.
Man berief mich in die Kommission Radwandern des Radsportverbandes der DDR. Ein "freiheitlich-parlamentarisches" Aufnahmeverfahren gab es bei diesen Systemträgern nicht. So wurde ich einer von ihnen. Es fragte sich indes, welches Ressort mir zufallen würde. Das Ganze war natürlich mit keinerlei Diäten verbunden. Man bekam lediglich die Reisekosten erstattet. So etwas nannte sich damals "gesellschaftliche Arbeit". Der DDR-Breitensport basierte auf der Bereitschaft Hunderttausender, die völlig selbstlos ihre Zeit für die Gemeinschaft zur Verfügung stellten. Flankiert wurde unsere Tätigkeit von einem Netz gebührenfreier Schulungen zur Ausbildung von Übungsleitern, Fahrtenleitern, Sektionsleitern usw. Mir wurde das Ressort Presse/Medien zugeteilt. Gut, ich las viel Zeitung, hörte Rundfunk, besaß aber kein Fernsehgerät. Dennoch wurde ich für "tauglich" befunden und mit 65 "auf Schule" in die Redaktion "Der Radsportler" geschickt.
Die Arbeit machte Spaß. Ich legte diverse Schnellhefter an, verfaßte Artikel, fotografierte, suchte Sportgemeinschaften vor Ort auf. Vor allem aber hatte ich für unsere Kommission einen Jahresbericht über die Aktivitäten von Presse und Rundfunk aus der Sicht des Radsports, speziell des Radwanderns, vorzulegen.
Im Juni 1983 initiierten die Zeitschrift "FF dabei" und das "Magazin am Morgen" von Radio DDR eine Umfrage. Das Blatt zeigte das Foto einer radelnden Familie. Den Lesern und Hörern wurde die Aufgabe gestellt, herauszufinden, wer die Familie wohl sei, und etwas ausführlicher zu erzählen, welche radsportlichen Erlebnisse man selbst habe verbuchen können. Die beiden Redaktionen erreichte eine Flut interessanter Einsendungen, z. T. mit Fotos. Viele wurden veröffentlicht, einige sogar prämiert. Die gesuchten Radler erwiesen sich als die Familie des Weltmeisters und Olympiasiegers Gustav Adolf Schur - genannt "Täve".
Mir als "Pressemann" war sofort klar, daß aus dieser Resonanz mehr zu machen sei. Der Sender übergab mir seine wertvolle Sammlung von Zuschriften, so daß wir nützliche neue Verbindungen anknüpfen konnten.
Ein damals hergestellter Kontakt ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war die Bekanntschaft mit der Pionierexpedition "Meine Heimat DDR 68" aus Kahlau im Spreewald. Damals gehörte so etwas zum Alltag. Heute würde eine solche Initiative naserümpfend unter "verordnet" fallen. Der Kunsterziehungslehrer einer Kahlauer Schule war Geist und Herz dieses etwas ungewöhnlichen Unterfangens. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, mit einer Gruppe von etwa 40 durchtrainierten Schülern bis an die Ostsee nach Göhren auf Rügen zu fahren.
Das Vorhaben wurde in Kahlau Stadtgespräch. Die Presse - auch so etwas gab es in der DDR - schaltete sich ein. Mit starker gesellschaftlicher Unterstützung kamen die Ausrüstung - Zelte, Fahrräder, Anoraks, Kochgeschirr, Konserven - und auch das nötige Geld zusammen. Mir wurde die Ehre zuteil die "Expedition" als ältestes Mitglied zu begleiten. Es ging in Etappen von 50 bis 60 Kilometern nordwärts. Selbstverständlich machten wir uns unterwegs mit verschiedenen Sehenswürdigkeiten vertraut. Vor allem auch Gedenkstätten des antifaschistischen Widerstandskampfes standen auf unserem Programm. Disziplin, Ausdauer und Hilfsbereitschaft waren auf dieser Tour vorbildlich. Unsere kleine Zeltstadt mußte jeden Abend aufgebaut und morgens wieder abgerissen werden. Wir unterhielten ständig Verbindung zu unserer Lokalzeitung, eine Schülerin war beauftragt, ihr jeweils einen telefonischen Tagesbericht zu übermitteln, so daß nicht nur die lieben Angehörigen, sondern die ganze Stadt gewissermaßen "mitfuhren". Sofort nach unserer Rückkehr erschien im Blatt eine ganzseitige Fotoreportage von mir.
Uns hatte überdies ein Kamerateam des DDR-Fernsehens begleitet, so daß unsere Abenteuer auch über die damals noch keineswegs flachen Bildschirme der Republik gingen. Den Birthlers und Knabes bliebe nur noch herauszufinden, wer das alles "verordnet" hatte.
Heute bekommen die erhalten gebliebenen Antwortbriefe auf die erwähnte Ratesendung zur Familie Täve Schurs einen völlig neuen Stellenwert bei der Beurteilung unseres "verordneten" Lebens. Sie sprudeln geradezu von "nicht verordnetem" Glück. Mehr noch: Die Verfasser haben das Bedürfnis, ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen zu teilen, also öffentlich zu machen. Von "unvergeßlichen Eindrücken" und "nachwirkenden Begegnungen" ist da die Rede.
Unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte, d. h. mit verkürzten Namen, möchten wir im folgenden einige Passagen dieser Zeitdokumente wiedergeben.
Heinz A. aus Teltow schrieb: "Zweimal war ich mit dem Fahrrad in der Volksrepublik Polen, und zwar in der Hafenstadt Sczeczin. Im Dorf Ognica habe ich auch die sprichwörtliche polnische Gastfreundschaft kennengelernt. Dort versorgte mich ein Bauer freigiebig mit Speis' und Trank, nachdem ich über 20 Stunden ununterbrochen gefahren war, so daß ich gegen Morgen erschöpft auf dem Anger des Ortes liegenblieb. Er lud mich in sein Haus ein, wo ich großzügig bewirtet wurde. Es war für mich das größte Erlebnis, zeigte es doch im Kleinen das inzwischen enge Verhältnis zweier Völker, die durch die Oder-Neiße-Friedensgrenze verbunden sind."
"Als schönste Fahrt" bezeichnete Helmut K. aus Herzberg "die Tour mit acht Jungen und vier Mädchen einer 10. Klasse nach Prag. Wir waren 4 Kilometer vor der Hauptstadt der CSSR Gäste einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, die mit einer LPG unseres Kreises seit über 20 Jahren enge Beziehungen unterhält."
Über die ersten schweren Jahre nach dem Krieg schrieb Gertrud W. aus Altdöbern: "Am 26. Mai 1946 ist durch Blitzschlag unser Stall abgebrannt. Nun hieß es ihn wieder aufbauen. Material war schwer zu bekommen. Da wurde mir geraten: Fahren Sie nach Luckenwalde, da wird gerade eine Ziegelei umgebaut. Nun wußte ich zwar nicht, wie weit Luckenwalde von uns entfernt ist, aber wir brauchten dringend Dachziegel, stand doch der Winter vor der Tür. Also habe ich mich an einem diesigen Morgen mit dem Fahrrad auf den Weg gemacht. Nun war das aber kein solches Gefährt, wie sie heute üblich sind. Es war nicht nur alt und unansehnlich, sondern besaß auch keine richtige Bereifung. Am Hinterrad befand sich ein Kabel und vorne waren kleine Gummiteilchen. Wir nannten es damals 'Stalin-Bereifung'... Den Berg hinauf lief ich. Hinunter bin ich solange gefahren, bis die Kette riß.
Ich mußte abermals nach oben und eine neue holen. Da mir in Heinersdorf niemand helfen konnte, fuhr ich drei Kilometer weiter bis zum nächsten Dorf. Dort reparierte man mir die Kette, so daß ich schließlich meine Fahrt fortsetzen konnte.
Im Dunkeln in Luckenwalde angekommen, blieb ich dort über Nacht. Mit den glücklicherweise ergatterten Dachziegeln trat ich dann am nächsten Morgen die Rückfahrt an. Um drei Uhr nachmittags war ich zu Hause. Der Hunger hatte mich schneller heimwärts getrieben. Es war eine schwere, aber schöne Fahrt."
Gertrud S. aus Dresden unternahm einen Abstecher in die Geschichte: "Beim Internationalen Jugendtreffen, das 1929 in Wien stattfand, lernte ich meinen Mann kennen. Ich war noch 17, er gerade mal 19. Ich hing gewissermaßen am Schürzenzipfel der Mutter, die als Betreuerin für die Mädchen der Dresdner SAJ-Gruppe mit nach Wien fuhr. Seit den Erlebnissen dort sind wir zusammengeblieben. Damals begannen unsere sonntäglichen Radtouren mit meiner Mutter sowie den Eltern und Geschwistern meines Mannes. Sie waren alle SPD-Genossen. Auch wir seit 1925 und 1929."
Alter ist für das Erleben, für das Glücksgefühl kein Hindernis. August K. aus Salzwedel schrieb: "Oftmals begegneten mir Sturm und Regen, Hitze, Kälte und Schnee - doch nichts konnte mich von meinem Vorhaben abhalten, hatte ich mir doch vorgenommen, bis zum Deutschen Turn- und Sportfest 1000 Meilen zu schaffen. Ich war stolz, daß ich bereits einige Wochen zuvor - kurz nach meinem 74. Geburtstag - die Ehrenurkunde in Empfang nehmen konnte. Wenn es auch oftmals mit den Nachtquartieren schlecht bestellt war - es kam schon vor, daß ich im Freien nächtigten mußte - überwiegen doch die netten Gesten der Kollegen und der Einwohner, denen ich unterwegs begegnete.
Ich denke dabei an den Bürgermeister der Gemeinde Kemnitz im Kreis Premnitz, der mir mein Eintreffen bestätigte. Man lud mich dort zu einer Kaffeetafel ein. Ich wurde sogar gebeten, die Runde mit einigen Liedern zu erfreuen.
Von Rostock kommend begegnete ich um 5.30 Uhr dem Milchmann. Er bot mir im Gespräch eine Flasche Milch an. Im Nachbardorf wurde ich dann gleich zum Frühstück eingeladen. Ein anderes Mal kam ich kurz vor Meißen in einem Geschäft mit Kunden über die Nützlichkeit des Radwanderns ins Gespräch. Auch hier bewirtete man mich mit Milch und leckerem Gebäck."
Schließlich will ich noch der Familie H.-Joachim Sch. aus Mühlhausen das Wort geben: "Im Sommer 82 hatten wir die Idee, aus unseren zwei Klapprädern ein Tandem zu bauen. Nach vielen Probefahrten in der bergreichen Thüringer Landschaft und manchen Veränderungen reichten wir unsere Konstruktion in der Absicht, auch anderen Menschen ein verkehrssicheres Gefährt zugute kommen zu lassen, beim Patentamt ein. Da ein solcher Vorgang jedoch nicht unkompliziert ist, zumal wir in keinem Betrieb arbeiteten, der daraus Nutzen hätte ziehen können, verzichteten wir nach dem ersten Prüfbescheid des Patentamtes auf eine Weiterverfolgung unseres Anliegens. Vor allem spart man bei einem Tandem dieser Art viel Material ein. Es ist ein schönes Fortbewegungsmittel für zwei Personen. Überall, wo wir hinkommen, findet es Anklang und Zuspruch." Abschließend noch ein paar Zeilen aus Weimar. Die Diplomingenieurin und Architektin Hannelore N. schrieb: "Wir brachen zeitig auf. Runde 70 Kilometer hatten wir uns vorgenommen. Wir waren beide nicht gerade sehr geübte Radfahrer. Als wir an den Kasernen der Sowjetarmee vorbeifuhren, wunderten wir uns, daß zu so früher Stunde schon die gesamte Beschallungsanlage voll aufgedreht war. Musik an allen Ecken und Kanten. Ein eigenartig aufgeregtes Gewimmel von Soldaten.
Wir empfanden, daß irgend etwas los sein mußte. Eine Erklärung hatten wir zunächst nicht. Da kam uns der Zufall zu Hilfe. Die Musik brach ab, und aus sämtlichen Lautsprechern erschallte es: "Goworit Moskwa - hier spricht Moskau".
Wir blieben sofort stehen. Nun vernahmen wir die Meldung: "Der Sowjetbürger Juri Gagarin befindet sich als erster Mensch im Weltall." Der restliche Text ging in einem unvorstellbaren Jubel unter. Die Soldaten umarmten sich und wirbelten durch die Luft. Ich habe meiner Freundin ganz schnell die Meldung übersetzt, und wir jubelten spontan mit.
Unsere Radtour haben wir danach fortgesetzt, aber die freudige Erregung in uns hielt lange an. Als wir am Abend müde und abgekämpft wieder bei unseren Kommilitonen eintrafen, wollten diese uns gleich die Neuigkeit erzählen. Wir berichteten ihnen von unserem Erlebnis am Morgen. Dabei waren wir nicht wenig stolz darauf, zu den allerersten in unserer Republik zu gehören, die von dem Ereignis wußten."
Was die Sportfreundin hier beschrieben hat, geschah am 16. April 1961. Im Jahr 1978 vermeldete die DDR dann ihren eigenen Kosmonauten Siegmund Jähn. An einen BRD-Bürger im Weltall war zu jener Zeit noch lange nicht zu denken. Wir konnten Sigmund Jähn später mit seinem sowjetischen Kosmospartner Valeri Bykowski in Potsdam stürmisch begrüßen.
Die da keine Mittel und Mühen scheuen, unser angeblich so freudloses Nischendasein in der DDR in den düstersten Farben zu malen, gönnen den Menschen im Osten Erlebnisse der geschilderten Art in keiner Weise. Sie passen nicht zur verkrüppelten "Aufarbeitung der Geschichte", wie man sie heutigen Schülern eintrichtert.
Als Zeitzeugen sollten wir mit der Wahrheit unserer Erfahrungen dagegenhalten und es nicht den Klitterern überlassen, ihr Spiel mit gezinkten Karten ungestört fortzusetzen. Wissen wir doch am besten, wie die DDR tatsächlich "von innen" aussah. Die hier zitierten Radfahrerbriefe beweisen es auf ihre Weise. Sie kontrastieren scharf mit dem, was die "Radfahrer" der heute in Deutschland Herrschenden von sich zu geben pflegen.
Walter Ruge

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