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Mittwoch, 29. August 2012

»Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand«

Der ganze Salat

Nur das Vorzeichen war falsch: Ein neuer Dokfilm über die Geschichte der Treuhand

von Alexander Reich in JungeWelt

»Am 1. Juni 1990 gab die Filiale der Deutschen Bank am Alexanderplatz um null Uhr die neue Währung aus«, rekapituliert der Off-Kommentar, und fügt den Hinweis an, daß die Treuhandanstalt im selben Gebäude ihre Zentrale hatte. Man sieht TV-Bilder aus dieser Nacht. Die Aussicht auf Westgeld hat die Menschenmenge vor dem Bürohaus ganz offenkundig in sexuelle Erregung versetzt. Ein Hunderter wird in die Luft gehalten, Arme fliegen hoch, um den Schein zu befummeln. »So ein Tag, so wunderschön wie heute«, singen die Freunde der friedlichen Revolution, als ahnten sie tief im seligen Inneren, daß ihr DM-Vermögen morgen schon durchgebracht ist.

Es folgt eine Luftaufnahme vom Osten Berlins. Die Kamera schwenkt nach oben, der Osten rückt als diesiger Horizont in den Blick, die Frauenstimme im Off erklärt: »Am 1. Juni werden der Treuhand unterstellt: 8400 Betriebe, 25000 Einzelhandelsgeschäfte, 7500 Gaststätten und Hotels, 1,7 Millionen Hektar Land, vier Millionen Arbeitnehmer«. Untermalt ist das leider mit einer Geige, die genauso gespielt wird, wie man sich das bei einer Nervensäge vorstellen würde.


Der Dokfilm »Goldrausch« hat seine fernsehmäßigen Schwächen, aber daß sich mal jemand näher mit dem Ende des DDR-Volkseigentums beschäftigt, muß mit großem Hallo begrüßt werden. In ihren besten Zeiten beschäftigte die Treuhand 17000 Betriebsprüfer, Übergangsdirektoren, D-Mark-Eröffnungsbilanzbuchhalter etc. Natürlich kam dieses Heer nicht aus heiterem Himmel über den Osten. Als es anrückte, waren Autoverkäufer, Berater, Anwälte längst da. Die staatliche Versicherung war von der Allianz übernommen worden. Zuallererst hatten Deutsche und Dresdner Bank völlig geräuschlos Einlagen und Filialen der Staatsbank untereinander aufgeteilt.

Nichts gewußt

Für den Rest war nun also die Treuhand zuständig. Was nicht verramscht werden konnte, war plattzumachen. Die Einhaltung dieser Direktive überwachte das Bundesfinanzministerium. Eckhart John von Freyend leitete hier von 1990 bis 1994 die »Abteilung Rechts- und Fachaufsicht über die Treuhand«. Im Film sagt er: »Die Öffentlichkeit hat gar nicht gewußt, daß es uns gegeben hat.«

Für den Erwerb kleinerer Betriebe brauchte es nach Angaben Christoph Partschs, 1992-1994 Treuhand-Vertragsmanager, »eigentlich gar nichts außer einer guten Verbindung zu irgendeiner Person in der Treuhand. Man bekam einen Termin und konnte kaufen, was man wollte. Investoren, denen ich nicht mal einen Gebrauchtwagen verkauft hätte, wurden mit aufreizender Freundlichkeit bedient« (später auch nur in Einzelfällen der Wirtschaftskriminalität überführt).

Was größere Produktionsstätten anging, kamen die Maßgaben von der jeweiligen Konkurrenz in Westdeutschland. Detlef Scheunert, 1991–1994 Treuhanddirektor Glasindustrie, erklärt das im Film anhand des Glaswerks Ilmenau im Thüringer Wald. Dessen zwölf Linien hätten nach seinem Dafürhalten den »ganzen Ostblock mit Glas versorgen« können. »Ich war bei Schott in Mainz und den anderen Wettbewerbern: ›Um Gottes Willen, die Kapazität! Wenn das Ding ausgefahren wird, können wir hier zumachen!‹« Darum hat Scheunert das Werk geschlossen. »Die Anerkennung der Wettbewerber West ist gekommen«, sagt er.

Beispielhaft verhungerte auch die finanzbedürftige Interflug-Gesellschaft am ausgestreckten Arm der Lufthansa. Nur eines schloß der Lufthansa-Boß gegenüber den Treuhändern noch vehementer aus als eigene Investitionen: eine Übernahme durch Dritte, womöglich sogar ausländisches Kapital. Er zog das bis zur Abwicklung des Konkurrenten durch.

Begrenzte Zeit

Womit wir bei den DDR-Bürgerrechtlern wären, denen die Treuhand ihren lustigen Namen verdankt. Für den Film haben sie in Genf noch einmal »Herrn Sato« von Nomura gesprochen, erklärte einer von ihnen, Matthias Artzt, bei der »Goldrausch«-Premiere am Sonntag in Berlin. Nomura habe im 1990 als weltgrößter Finanzdienstleister reges Interesse an Treuhand-Objekten gezeigt, Herr Sato habe in Genf vor der Kamera rückblickend erläutert, warum. Die Objekte hätten in aller Regel weder Substanz- noch Marktwert gehabt. Ausschlaggebend sei der Opportunitätswert gewesen: die Summe, die man für einen Einstieg in den Markt hätte springen lassen – eine begrenzte Zeit lang, bis zur Aufteilung der Marktanteile, höchstens anderthalb Jahre.

Man kann die Nichtberücksichtigung dieser Interviewpassage mit dem Bürgerrechtler Artzt bedauern. Verzichtbare, seichte Stellen hat der fertige Film genug. Artzt muß sich in ihm selbst vorstellen, als Mann von der »Freien Forschungsgemeinschaft Selbstorganisation«, die ab 1987 in Ostberlin ein Modell Treuhand erörterte. Mit langen Schritten durchmißt der Bürgerrechtler den historischen Ort der Zusammenkünfte, um sich hinter ein Sofa zu stellen, das mit Blumen verziert ist. Die Hände legt er auf der Lehne ab. Und erzählt. Was den »Treuhanderfindern« so vorschwebte. Das Volkseigentum der DDR sollte an ihre Bürger verteilt werden. Die Treuhand sollte Volksaktien daraus machen, die den Namen verdient hätten, und die gerechte Verteilung besorgen. Von diesem Treuhandmodell ist nicht ganz nur der Name geblieben. Ein entsprechender Hätte-würde-könnte-Passus hat es in den Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion geschafft, den die Finanzminister Waigel und Romberg am 18. Mai 1990 unterzeichneten.

Mit einem karikaturesken Vertreter der Klasse, die das Volkseigentum auf den Kopf hauen durfte, machte Vera Teller ab 1991 nähere Bekanntschaft, als ihr lieb sein konnte. Als Vorstandssekretärin erlebte sie den Niedergang ihres 1200-Mitarbeiter-Betriebs. Das Unternehmertum ihres von der Treuhand hofierten Westchefs stand auf zwei Säulen: Leute entlassen und Firmengelder auf Privatkonten verschieben. Für beides galt die Salamitaktik. Nach drei Jahren stand die Produktion still, waren nachweislich 100 Millionen D-Mark aus dem Betrieb gezogen. »Es waren mehr«, sagte Teller bei der Premiere am Sonntag, und die gefälschten »DM-Eröffnungsbilanzen« hätten niemanden interessiert.

Halbtote Schlange

»Goldrausch« zeigt, wie Rottmann damals 50. Geburtstag feierte. Ganz unspektakulär zu Hause: Im Dachgeschoß der WBB-Zentrale waren groteske Privatgemächer ausgebaut worden. Hier ließ er sich von einer schwarzen Stripperin eine halbtote Schlange um den Hals legen, seine zombiehaften Gäste konnten daraufhin zum Applaus animiert werden – voller Erfolg!

Vera Teller denkt heute noch manchmal darüber nach, warum sich dieser Irrsinn auch im Chefsekretariat nicht verhindern ließ: »Diese Entlassungen, die wir ständig erleben mußten, die hielten uns natürlich auch ziemlich klein«, sagt sie im Film. Bei der Premiere empfahl sie die Memoiren von Theo Waigel zum besseren Verständnis der Treuhanddirektiven. Ansonsten geht sie davon aus, daß Treuhandpräsident Detlev Rohwedder 1991 jedenfalls nicht von der RAF ermordet wurde.

Als dieser oberste Treuhänder sich im Oktober 1990 einen Überblick über sein marodes Reich verschafft hatte, erklärte er: »Der ganze Salat ist 600 Milliarden Mark wert.« Er schien sich für das ehemalige Volksvermögen auf ruppige Art erwärmt zu haben. »Nur das Vorzeichen hat nicht gestimmt«, sagte zu diesem Zitat bei der Premiere der ehemalige Glas-Direktor Scheunert. Zwar hat die Treuhand offiziell bisher nur 260 Milliarden Mark Schulden gemacht, aber ihr drohen letztinstanzliche Urteile über Rückabwicklungsforderungen in Mil­liardenhöhe, und vielleicht weiß Scheunert mehr. In jedem Fall lassen die Summen das Auslandsdefizit der DDR fast schon wie Peanuts erscheinen.

Die Augenbrauen von Theo Waigel, die waren die ganze Zeit echt.
»Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand«, Regie: N.N., BRD 2012, 94 min, Kinostart heute
Zero One Film 

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