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Montag, 3. September 2012

Der Fall Lutz Eigendorf ....



Klaus Huhn
Der "Endlos-Mord" an Lutz Eigendorf
Spotless-Verlag
ISBN 978-3-360-02043-7
96 Seiten, 5,95 €

Am 7. März 1983 verunglückte der Fußballer Lutz Eigendorf tödlich. Mit 2,2 Promille war er mit seinem Wagen gegen einen Chausseebaum bei Braunschweig gerast. Weil er aber bis 1979 für den BFC Dynamo kickte, sich dann in den Westen absetzte, um in der Bundesliga als Profi Geld zu verdienen, hieß es sofort: Das war das Werk der »Stasi«. Zuletzt hatte Hubertus Knabe Anfang 2010 Anzeige erstattet. Das Verfahren wurde nach Jahresfrist eingestellt, es seien keine Hinweise auf einen Mord festgestellt worden, erklärte die Berliner Staatsanwaltschaft auf Nachfrage Klaus Huhns. Dieser recherchierte weiter.


In Ergänzung veröffentlichen wir einen interessanten Beitrag aus der Monatszeitschrift RotFuchs vom September 2009:


Der Fall Lutz Eigendorf und die Unschuldsvermutung eines Oberstaatsanwalts

Braunschweiger Ammenmärchen
Was wäre das für ein Super-Jubiläumsjahr, wenn die Medien nicht auch an die Republikflucht des ehemaligen BFC-Fußballers Lutz Eigendorf vor 30 Jahren erinnern und dessen Unfalltod (1983) der "Stasi" in die Schuhe schieben würden. Ich hatte mir zunächst weder die TV-Dokumentation "Tod dem Verräter - Der Fall Lutz Eigendorf" von Heribert Schwan im WDR, der zuletzt am 11. März im MDR gelaufen ist, angetan noch das gleichnamige Buch gelesen. Doch war mir die Ankündigung nicht entgangen, daß sich ein "DDR-Spezialist", der in der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter Pressesprecher gewesen war und mit dem notorischen "Forschungsverbund SED-Staat" der Freien Universität Berlin liiert ist, des Falles angenommen habe. Er wolle mit Vorträgen, Foren und Symposien den Aussagen des Films widersprechen.
Als ich vernahm, daß dieser Mann, Oberstaatsanwalt Dr. Hans-Jürgen Grasemann aus Braunschweig, am 26. März auch in der Außenstelle Dresden der Birthler-Behörde auftreten sollte, siegte meine Neugier über die Hemmung, solche Orte aufzusuchen. Ich fuhr einfach hin.
Mit dem offensichtlichen Stammpublikum von vielleicht fünfzig Leuten harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Zunächst wies man einleitend darauf hin, daß es eine Vielzahl "solcher Fälle" gegeben habe, von denen einer gleich im Film gezeigt würde. Spannung und atemlose Stille erfaßte den Raum. Dann lief der Streifen.
Am 19. März 1979 führte den BFC ein Freundschaftsspiel gegen den 1. FCK nach Kaiserslautern. Auf der Rücktour setzte sich Eigendorf in Gießen nicht nur von seiner Mannschaft ab, sondern ließ auch Frau, Kind, Eltern und Freunde im Stich. Er verriet sein Land und alle, die ihn gefördert und ihm vertraut hatten. Der Traum von einer großen Profi-Karriere, von Ruhm und Geld sollte Wirklichkeit werden.
Zunächst wurde Eigendorf aber für ein Jahr gesperrt, bevor er dann für den FCK spielen durfte, nicht sonderlich erfolgreich, auch nur für ein halbes Gehalt, wegen wiederholter Formschwäche ohne festen Stammplatz in der Mannschaft. Sein Trainer Feldkamp: Eigendorf war kaum zu steuern, was er denn in seinem Privatleben so für sich in Anspruch nehmen wollte. Als er gar trainingsfrei für Flugstunden beantragt habe, sei das Maß voll gewesen. Nach dem Wechsel 1982 zu Eintracht Braunschweig lief es für ihn kaum besser. Ganze acht Mal spielte er für den Verein. Im letzten Spiel gegen Bochum habe er wieder voller Zorn auf der Reservebank gesessen, sei kaum zu beruhigen gewesen. Hiernach habe er in seiner Stammkneipe höchstens vier, später mit seinem Fluglehrer nochmals ein bis zwei Bier getrunken. Kurz vor 23 Uhr hätten ihm dann vor dem Lokal "Cockpit" in seinem "Alfa" der oder die Täter aufgelauert. Unter Todesdrohungen sei ihm mit einer giftigen Substanz versetzter Alkohol eingeflößt worden. Erst nach einer Stunde sei er aufgefordert worden, zu verschwinden. Eigendorf sei in höchster Todesangst davongerast. Action! Im Film sieht man das Fahrzeug, wie es auf regennasser Chaussee vor einer Rechtskurve von einem dort postierten PKW mit plötzlich aufblitzendem Fernlicht geblendet wird. Der "Alfa" schießt geradeaus über die Seitenlinie direkt gegen einen Straßenbaum - Totalschaden! Schwerste Kopf- und Brustverletzungen führten am 7. März 1983 zum Tode. Eine Blut-Alkohol-Untersuchung ergab eine Konzentration von 2,2 Promille ...
Die Botschaft des Films: Natürlich steckte hinter dem Anschlag die "Stasi", die Eigendorf mit riesigem Aufwand habe ausspionieren lassen. Dieser sei tatsächlich vergiftet worden. Außerdem habe es einen anonymen Hinweis gegeben, wonach auf sein Fahrzeug geschossen worden sei. Mielke selbst habe wegen erlittener Schmach den Mordauftrag erteilt. Den Beweis hierfür liefere ein in der Gauck/Birthler-Behörde aufgefundenes Dokument, in dem bei "Giften und Gasen" handschriftlich der Name Eigendorf gestanden habe. Auch von "Verblitzen" sei die Rede gewesen. Ein weiterer "Beweis": Der IM "Schlosser" und sein Führungsoffizier (beide werden mit Klarnamen genannt) seien just nach dem Tode Eigendorfs prämiert worden. Soweit der Film.
Hiernach war der große Auftritt des Oberstaatsanwalts angesagt. Er kenne die Ermittlungsakten seiner Behörde fast auswendig. Für einen Unfall spreche der festgestellte Blutalkoholwert von 2,2 Promille. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig sei daher von einem "klassischen Fall" eines Menschen ausgegangen, der zu viel Alkohol getrunken habe, zu schnell ("sportlich") gefahren sei, bei nasser Fahrbahn in einer unfallträchtigen Rechtskurve nach links hinausgetragen worden sei und sich, wie manch anderer zuvor, um die dortige "Ulme gewickelt" habe. Mehr wisse man nicht. Manche "milde" Aussage im Film zur Trinkmenge sei nicht so ernst zu nehmen. Eigendorf könne durchaus auch mehr als nur 5 oder 6 Bier getrunken haben. Mit Rücksichtnahme auf die Ehefrau habe man "nicht so deutlich gesagt", daß ihr Mann mit einem Kasten Sekt nach "irgendwohin" unterwegs gewesen sei. Und Trainer Maslo habe am Abend den Frustrierten mit den Worten nach Hause geschickt: "Lutz, mach Dir mal keine Sorgen, das wird schon wieder mit Dir. Aber baller Dir nicht schon wieder einen." Ganz wichtig, so der Oberstaatsanwalt, sei die technische Untersuchung des Fahrzeuges gewesen. Weder an der Lenkung, der Bremsanlage noch sonstwo sei etwas Auffälliges festgestellt worden. Von Einschüssen in die Reifen habe sich keine Spur gefunden. Der Hinweis auf Schüsse sei übrigens, "menschlich verständlich", von dem Manager, der Eigendorf betreute, gekommen, weil dieser ein gewisses Interesse daran gehabt habe, die Sache irgendwie weg von einer Trunkenheitsfahrt und persönlicher Schuld zu bringen. Das klassische Todesermittlungsverfahren sei schließlich eingestellt worden. Es habe auch keine Obduktion gegeben.
So gut der Film auch sei, nichts wäre gesichert, weder der Überfall auf Eigendorf noch die behauptete Vergiftung, auch nicht das "Verblitzen" durch ein Fremdfahrzeug. Das 30seitige Papier aus der "Terrorabteilung" der "Stasi" habe aus handschriftlich "so locker hingeschriebenen Stichworten" bestanden - völlig untypisch für die pedantisch genau arbeitende "deutsche Behörde" ...
Ende der Unschuldsvermutung! Die Vielzahl der Maßnahmen der "Stasi" lasse dennoch nur den einen Schluß zu: "Man muß etwas gewollt haben, entweder die Entführung oder die Liquidierung Eigendorfs." Das Schlimme sei, man könne die Frage nicht beantworten.
Das alles hinderte den Berufsankläger dann aber nicht daran, in der folgenden Diskussion wie ein Wahrsager über andere "Mordfälle der Stasi" zu berichten. Die Tatsache, daß es dafür ebenfalls kaum Beweise, schon gar keine Schuldsprüche gibt, überging er mit leichter Hand: mal witzelnd, mal tiefsinnig dreinschauend, immer charmant. Sein Motto: Einen unbewiesenen Fall mit anderen unbeweisbaren zu lösen, kam beim Publikum an: Kein Zweifel, Eigendorf ist ermordet worden. Hinter allem steckte die "Stasi des Unrechtsstaates DDR". Eine Dame wollte selbst einen Mordanschlag überlebt haben. Keiner würde ihren Anzeigen nachgehen, weil die "Stasi" auch heute noch mit dem BND und der Politik verquickt sei. Ein tief bewegter Herr mahnte gar die Errichtung von Denkmälern für den "Beckenbauer der DDR" an ...

Volker Link, Frankfurt (Oder)

2 Kommentare:

  1. Ausgezeichnet!
    Vielen Dank!
    Nadja

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  2. Zweifelsfrei ein interessanter Beitrag von Volker Link zu der, wie gewohnt von Klaus Huhn, dieses System entlarvenden Lektüre! Und irgendwie erinnert mich das auch an die rund um die Woche grassierenden Talkshows einer grassierenden Gesellschaft - krank, todkrank, allerdings noch nicht im gesellschaftlichen Bewußtsein ausreichend dokumentiert. Was aber, wenn eben dieses gesellschaftliche Bewußtsein selbst - analog dem System -, schon so barbarisch infiziert, sich nicht auf die Realität verändernd, einzustellen mehr in der Lage wäre? Die sprichwörtliche Vergiftung der Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer sowie nicht zuletzt - vielleicht noch mehr - der Klassenräume in den Schulen von antikommunistischer Hetze bietet ja kaum noch Luft zum Atmen. Wo ist hier der sogenannte Umweltschutz? Von den Blockflötenparteien im Reichstag kommt eher Umweltschmutz. Das DDR-Kabinett Bochum sorgt verstand- wie vernunftreinigend mit seinen Dokumenten. Ein bescheiden illustrierendes Mosaiksteinchen zur grassierenden Wirklichkeit (es könnte ja durchaus auch zu der Veranstaltung mit dem Oberstaatsanwalt in Dresden passen) erlaube ich mir ergänzend zum allgemeinen

    Fernsehwettbewerb

    Welch Gefasel, Masken grinsen.
    Wieviel Übung steckt darin?
    Hinter falsch gekrümmten Linsen
    Wuchern Schulden, Schuldenzinsen.
    Maskengrinsen bringt Gewinn.

    Paranoia bietet Trümpfe -
    Parallelen. Was ist echt?
    Ungeziefer nährt die Sümpfe.
    Aus den Talkshows das Geschimpfe
    Ordnet sich in das Geflecht.

    Diese Welt des Virtuellen
    Scheint so unecht doch wohl nicht.
    In den allermeisten Fällen
    Eingedrückter Fontanellen
    Üben Geist und Sinn Verzicht.

    Lug und Trug, wie auch im Leben,
    In groteskem Wettbewerb.
    Falsche Bilder, altes Streben,
    Um die Dummheit zu beleben;
    Penetranz wirkt tödlich herb.

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