Klaus Huhn
Der "Endlos-Mord" an Lutz Eigendorf
Spotless-Verlag
ISBN 978-3-360-02043-7
96 Seiten, 5,95 €
Der "Endlos-Mord" an Lutz Eigendorf
Spotless-Verlag
ISBN 978-3-360-02043-7
96 Seiten, 5,95 €
Am
7. März 1983 verunglückte der Fußballer Lutz Eigendorf tödlich. Mit 2,2
Promille war er mit seinem Wagen gegen einen Chausseebaum bei
Braunschweig gerast. Weil er aber bis 1979 für den BFC Dynamo kickte,
sich dann in den Westen absetzte, um in der Bundesliga als Profi Geld zu
verdienen, hieß es sofort: Das war das Werk der »Stasi«. Zuletzt hatte
Hubertus Knabe Anfang 2010 Anzeige erstattet. Das Verfahren wurde nach
Jahresfrist eingestellt, es seien keine Hinweise auf einen Mord
festgestellt worden, erklärte die Berliner Staatsanwaltschaft auf
Nachfrage Klaus Huhns. Dieser recherchierte weiter.
In Ergänzung veröffentlichen wir einen interessanten Beitrag aus der Monatszeitschrift RotFuchs vom September 2009:
Der Fall Lutz Eigendorf und die Unschuldsvermutung eines
Oberstaatsanwalts
Braunschweiger Ammenmärchen
Was wäre das für ein Super-Jubiläumsjahr, wenn die Medien nicht auch
an die Republikflucht des ehemaligen BFC-Fußballers Lutz Eigendorf vor
30 Jahren erinnern und dessen Unfalltod (1983) der "Stasi" in die
Schuhe schieben würden. Ich hatte mir zunächst weder die
TV-Dokumentation "Tod dem Verräter - Der Fall Lutz Eigendorf" von
Heribert Schwan im WDR, der zuletzt am 11. März im MDR gelaufen ist,
angetan noch das gleichnamige Buch gelesen. Doch war mir die
Ankündigung nicht entgangen, daß sich ein "DDR-Spezialist", der in der
Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter Pressesprecher gewesen war und
mit dem notorischen "Forschungsverbund SED-Staat" der Freien
Universität Berlin liiert ist, des Falles angenommen habe. Er wolle
mit Vorträgen, Foren und Symposien den Aussagen des Films
widersprechen.
Als ich vernahm, daß dieser Mann, Oberstaatsanwalt Dr. Hans-Jürgen
Grasemann aus Braunschweig, am 26. März auch in der Außenstelle
Dresden der Birthler-Behörde auftreten sollte, siegte meine Neugier
über die Hemmung, solche Orte aufzusuchen. Ich fuhr einfach hin.
Mit dem offensichtlichen Stammpublikum von vielleicht fünfzig Leuten
harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Zunächst wies man
einleitend darauf hin, daß es eine Vielzahl "solcher Fälle" gegeben
habe, von denen einer gleich im Film gezeigt würde. Spannung und
atemlose Stille erfaßte den Raum. Dann lief der Streifen.
Am 19. März 1979 führte den BFC ein Freundschaftsspiel gegen den 1.
FCK nach Kaiserslautern. Auf der Rücktour setzte sich Eigendorf in
Gießen nicht nur von seiner Mannschaft ab, sondern ließ auch Frau,
Kind, Eltern und Freunde im Stich. Er verriet sein Land und alle, die
ihn gefördert und ihm vertraut hatten. Der Traum von einer großen
Profi-Karriere, von Ruhm und Geld sollte Wirklichkeit werden.
Zunächst wurde Eigendorf aber für ein Jahr gesperrt, bevor er dann für
den FCK spielen durfte, nicht sonderlich erfolgreich, auch nur für ein
halbes Gehalt, wegen wiederholter Formschwäche ohne festen Stammplatz
in der Mannschaft. Sein Trainer Feldkamp: Eigendorf war kaum zu
steuern, was er denn in seinem Privatleben so für sich in Anspruch
nehmen wollte. Als er gar trainingsfrei für Flugstunden beantragt
habe, sei das Maß voll gewesen. Nach dem Wechsel 1982 zu Eintracht
Braunschweig lief es für ihn kaum besser. Ganze acht Mal spielte er
für den Verein. Im letzten Spiel gegen Bochum habe er wieder voller
Zorn auf der Reservebank gesessen, sei kaum zu beruhigen gewesen.
Hiernach habe er in seiner Stammkneipe höchstens vier, später mit
seinem Fluglehrer nochmals ein bis zwei Bier getrunken. Kurz vor 23
Uhr hätten ihm dann vor dem Lokal "Cockpit" in seinem "Alfa" der oder
die Täter aufgelauert. Unter Todesdrohungen sei ihm mit einer giftigen
Substanz versetzter Alkohol eingeflößt worden. Erst nach einer Stunde
sei er aufgefordert worden, zu verschwinden. Eigendorf sei in höchster
Todesangst davongerast. Action! Im Film sieht man das Fahrzeug, wie es
auf regennasser Chaussee vor einer Rechtskurve von einem dort
postierten PKW mit plötzlich aufblitzendem Fernlicht geblendet wird.
Der "Alfa" schießt geradeaus über die Seitenlinie direkt gegen einen
Straßenbaum - Totalschaden! Schwerste Kopf- und Brustverletzungen
führten am 7. März 1983 zum Tode. Eine Blut-Alkohol-Untersuchung ergab
eine Konzentration von 2,2 Promille ...
Die Botschaft des Films: Natürlich steckte hinter dem Anschlag die
"Stasi", die Eigendorf mit riesigem Aufwand habe ausspionieren lassen.
Dieser sei tatsächlich vergiftet worden. Außerdem habe es einen
anonymen Hinweis gegeben, wonach auf sein Fahrzeug geschossen worden
sei. Mielke selbst habe wegen erlittener Schmach den Mordauftrag
erteilt. Den Beweis hierfür liefere ein in der Gauck/Birthler-Behörde
aufgefundenes Dokument, in dem bei "Giften und Gasen" handschriftlich
der Name Eigendorf gestanden habe. Auch von "Verblitzen" sei die Rede
gewesen. Ein weiterer "Beweis": Der IM "Schlosser" und sein
Führungsoffizier (beide werden mit Klarnamen genannt) seien just nach
dem Tode Eigendorfs prämiert worden. Soweit der Film.
Hiernach war der große Auftritt des Oberstaatsanwalts angesagt. Er
kenne die Ermittlungsakten seiner Behörde fast auswendig. Für einen
Unfall spreche der festgestellte Blutalkoholwert von 2,2 Promille. Die
Staatsanwaltschaft Braunschweig sei daher von einem "klassischen Fall"
eines Menschen ausgegangen, der zu viel Alkohol getrunken habe, zu
schnell ("sportlich") gefahren sei, bei nasser Fahrbahn in einer
unfallträchtigen Rechtskurve nach links hinausgetragen worden sei und
sich, wie manch anderer zuvor, um die dortige "Ulme gewickelt" habe.
Mehr wisse man nicht. Manche "milde" Aussage im Film zur Trinkmenge
sei nicht so ernst zu nehmen. Eigendorf könne durchaus auch mehr als
nur 5 oder 6 Bier getrunken haben. Mit Rücksichtnahme auf die Ehefrau
habe man "nicht so deutlich gesagt", daß ihr Mann mit einem Kasten
Sekt nach "irgendwohin" unterwegs gewesen sei. Und Trainer Maslo habe
am Abend den Frustrierten mit den Worten nach Hause geschickt: "Lutz,
mach Dir mal keine Sorgen, das wird schon wieder mit Dir. Aber baller
Dir nicht schon wieder einen." Ganz wichtig, so der Oberstaatsanwalt,
sei die technische Untersuchung des Fahrzeuges gewesen. Weder an der
Lenkung, der Bremsanlage noch sonstwo sei etwas Auffälliges
festgestellt worden. Von Einschüssen in die Reifen habe sich keine
Spur gefunden. Der Hinweis auf Schüsse sei übrigens, "menschlich
verständlich", von dem Manager, der Eigendorf betreute, gekommen, weil
dieser ein gewisses Interesse daran gehabt habe, die Sache irgendwie
weg von einer Trunkenheitsfahrt und persönlicher Schuld zu bringen.
Das klassische Todesermittlungsverfahren sei schließlich eingestellt
worden. Es habe auch keine Obduktion gegeben.
So gut der Film auch sei, nichts wäre gesichert, weder der Überfall
auf Eigendorf noch die behauptete Vergiftung, auch nicht das
"Verblitzen" durch ein Fremdfahrzeug. Das 30seitige Papier aus der
"Terrorabteilung" der "Stasi" habe aus handschriftlich "so locker
hingeschriebenen Stichworten" bestanden - völlig untypisch für die
pedantisch genau arbeitende "deutsche Behörde" ...
Ende der Unschuldsvermutung! Die Vielzahl der Maßnahmen der "Stasi"
lasse dennoch nur den einen Schluß zu: "Man muß etwas gewollt haben,
entweder die Entführung oder die Liquidierung Eigendorfs." Das
Schlimme sei, man könne die Frage nicht beantworten.
Das alles hinderte den Berufsankläger dann aber nicht daran, in der
folgenden Diskussion wie ein Wahrsager über andere "Mordfälle der
Stasi" zu berichten. Die Tatsache, daß es dafür ebenfalls kaum
Beweise, schon gar keine Schuldsprüche gibt, überging er mit leichter
Hand: mal witzelnd, mal tiefsinnig dreinschauend, immer charmant. Sein
Motto: Einen unbewiesenen Fall mit anderen unbeweisbaren zu lösen, kam
beim Publikum an: Kein Zweifel, Eigendorf ist ermordet worden. Hinter
allem steckte die "Stasi des Unrechtsstaates DDR". Eine Dame wollte
selbst einen Mordanschlag überlebt haben. Keiner würde ihren Anzeigen
nachgehen, weil die "Stasi" auch heute noch mit dem BND und der
Politik verquickt sei. Ein tief bewegter Herr mahnte gar die
Errichtung von Denkmälern für den "Beckenbauer der DDR" an ...
Volker Link, Frankfurt (Oder)

Ausgezeichnet!
AntwortenLöschenVielen Dank!
Nadja
Zweifelsfrei ein interessanter Beitrag von Volker Link zu der, wie gewohnt von Klaus Huhn, dieses System entlarvenden Lektüre! Und irgendwie erinnert mich das auch an die rund um die Woche grassierenden Talkshows einer grassierenden Gesellschaft - krank, todkrank, allerdings noch nicht im gesellschaftlichen Bewußtsein ausreichend dokumentiert. Was aber, wenn eben dieses gesellschaftliche Bewußtsein selbst - analog dem System -, schon so barbarisch infiziert, sich nicht auf die Realität verändernd, einzustellen mehr in der Lage wäre? Die sprichwörtliche Vergiftung der Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer sowie nicht zuletzt - vielleicht noch mehr - der Klassenräume in den Schulen von antikommunistischer Hetze bietet ja kaum noch Luft zum Atmen. Wo ist hier der sogenannte Umweltschutz? Von den Blockflötenparteien im Reichstag kommt eher Umweltschmutz. Das DDR-Kabinett Bochum sorgt verstand- wie vernunftreinigend mit seinen Dokumenten. Ein bescheiden illustrierendes Mosaiksteinchen zur grassierenden Wirklichkeit (es könnte ja durchaus auch zu der Veranstaltung mit dem Oberstaatsanwalt in Dresden passen) erlaube ich mir ergänzend zum allgemeinen
AntwortenLöschenFernsehwettbewerb
Welch Gefasel, Masken grinsen.
Wieviel Übung steckt darin?
Hinter falsch gekrümmten Linsen
Wuchern Schulden, Schuldenzinsen.
Maskengrinsen bringt Gewinn.
Paranoia bietet Trümpfe -
Parallelen. Was ist echt?
Ungeziefer nährt die Sümpfe.
Aus den Talkshows das Geschimpfe
Ordnet sich in das Geflecht.
Diese Welt des Virtuellen
Scheint so unecht doch wohl nicht.
In den allermeisten Fällen
Eingedrückter Fontanellen
Üben Geist und Sinn Verzicht.
Lug und Trug, wie auch im Leben,
In groteskem Wettbewerb.
Falsche Bilder, altes Streben,
Um die Dummheit zu beleben;
Penetranz wirkt tödlich herb.