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Dienstag, 4. September 2012

Welcher Sowjetsoldat inspirierte den Schöpfer des Treptower Ehrenmals?



Imaginärer Held einer großen Tat

Vor zehn Jahren wurde ein Gedenkstein abgebaut und in ein unbekanntes Depot verbracht. Er trug die Inschrift:
"Trifon Andrejewitsch Lukjanowitsch, Obersergeant der sowjetischen Armee, rettete an dieser Stelle am 29. April 1945 ein deutsches Kind vor dem Beschuß durch die SS. Fünf Tage später nach der Heldentat starb er an den schweren Verletzungen. Ehre und Ruhm seinem Andenken."

Dieser Stein wurde 1976 eingeweiht. Er befand sich gegenüber dem S-Bahnhof Treptow, Elsenstraße/Ecke Puschkinallee. Am 29. April 1945 gab es in diesem Bereich allerdings keinerlei Kampfhandlungen mehr! Mit der Entfernung des Gedenksteines hatte es also seine Richtigkeit.
Der Oberbefehlshaber der 1. Belorussischen Front, Marschall der Sowjetunion Shukow, gab allen Armeen seiner Front, die die erste Staffel bildeten, den Befehl, gleichzeitig auf Berlin vorzustoßen.
Am 22. April standen Truppen der Roten Armee unweit von Treptow, unterhalb des Rummelsburger Sees, gegenüber vom Plänterwald war das Übersetzen der angreifenden sowjetischen Divisionen über die hier etwa 200 Meter breite Spree vorgesehen. An drei Übersetzstellen erfolgte der Angriff in der Nacht vom 23. zum 24. April. Bis zum 25. April waren der Treptower Park, der Plänterwald und die Gegend um den S-Bahnhof Treptow feindfrei. Die letzten Tage des verbrecherischen Nazi-Regimes waren angebrochen. Am 27. April verlegte Generaloberst Tschuikow seinen Gefechtsstand nach Kreuzberg, Mehringdamm/Ecke Schulenburgring. Dort unterzeichnete der "Kampfkommandant von Berlin", General Weitling, am 2. Mai 1945 die Kapitulation für die Hauptstadt.
Den Befehl dazu hatte der deutsche Antifaschist und Leutnant der Roten Armee Stefan Doernberg auf einer Reiseschreibmaschine getippt. Hierher war in den frühen Morgenstunden des 1. Mai auch der letzte Generalstabschef des deutschen Heeres, General Krebs, gebracht worden. Er wollte über einen Waffenstillstand verhandeln. Erfolglos mußte er gehen. Kurze Zeit später erschoß er sich im Führerbunker.
Während des militärischen Finales in Berlin sind der Nachwelt zwei Ereignisse überliefert, welche später die Gestaltung des sowjetischen Ehrenmals in Treptow nachhaltig beeinflußten.
Der Fahnenträger des 220. Gardeschützenregiments der 79. Gardeschützendivision der Armee Tschuikows, Gardesergeant Massalow, hielt sich am 30. April in der Nähe des Landwehrkanals unweit der Potsdamer Brücke auf. Hier wartete sein Regiment auf den Angriffsbefehl. In der Phase der "Ruhe vor dem Sturm" war ein schwaches Kinderweinen zu hören. Massalow übergab die Regimentsfahne einem Kameraden und erbot sich, das Kind zu holen. Trotz des Beschusses gelang es ihm, zu dem kleinen Mädchen vorzudringen, das neben der toten Mutter lag, und es an sich zu nehmen. Als er mit dem Kind im Arm die steile Uferbefestigung erklomm, begann der sowjetische Angriff. Tausende Geschütze und Granatwerfer feuerten los. In diesem Inferno lief Massalow mit der Dreijährigen aus der Feuerzone zur rettenden Deckung.
Als in den Jahren 1945 bis 1949 das sowjetische Ehrenmal in Treptow erbaut wurde, suchte der Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch eine künstlerische Eingebung für die Gestaltung des über 11 Meter hohen Sowjetsoldaten. Er fand sie in den Handlungsweisen von Massalow und Lukjanowitsch. Deren Taten sind in der Figur des Sowjetsoldaten nachempfunden, der ein Kind schützend in den Armen hält.
Nikolai Iwanowitsch Massalow (1921-2001) wurde 1965 Ehrenbürger der Hauptstadt der DDR. Im Jahre 2003 brachte man an der Potsdamer Brücke gegenüber der Neuen Nationalgalerie eine Gedenktafel für ihn an.
Bis heute ist die Identität von Lukjanowitsch nicht nachweisbar. Die Person taucht in einer Kriegsreportage mit dem Titel: "Frontlinie Eisenstraße" auf. Hier wird ein Ereignis beschrieben, das sich am 29. April zutrug. Fest steht allerdings, daß sich dieses Geschehen nicht in der Elsenstraße in Treptow vollzog.
Urheber dieser Reportage war Boris Polewoi, Kriegsberichterstatter der "Prawda" bei der 1. Ukrainischen Front, deren Oberbefehlshaber Marschall der Sowjetunion Konew war. Warum später die "Eisenstraße" in "Elsenstraße" umgedeutet und das Ganze einfach in den Bereich der 1. Belorussischen Front verlegt wurde, ist schwer nachzuvollziehen. Militärische Abläufe und Handlungen der letzten Kriegstage in Berlin wurden dabei jedenfalls nicht in Betracht gezogen.


 
Boris Polewoi war am 29. April 1945 auf dem Weg vom Frontstab der 1. Ukrainischen Front, der sich damals in der Nähe von Lübben befand, zur vordersten Frontlinie in Berlin. Er wollte eine Reportage über die letzten Stunden des Hitlerregimes und über die erbitterten Straßenkämpfe für die Festtagsausgabe der "Prawda" zum 1. Mai schreiben.
Polewoi war in Begleitung von zwei Gardesoldaten, die im Frontstab Orden für die Gefangennahme eines hohen deutschen Offiziers verliehen bekommen hatten. Mit ihnen erreichte er die Frontlinie, wo die Reste ihrer Sturmabteilung, die schon stark dezimiert war, gegen eine ebenfalls ausgeblutete SS-Einheit kämpften. Beide Seiten trennte eine Straße, deren Fahrbahnen ein baumbestandener Mittelstreifen teilte. Hier befand sich eine Ruine. Bei dieser lag eine tote Frau, neben ihr hockte ein lockenköpfiges Mädchen, nicht älter als drei Jahre. Das leise Weinen des Kindes war zu hören. Das Kind retten zu wollen, hieß in den sicheren Tod zu gehen.
Ein hochgewachsener blonder Soldat, einer der Begleiter Polewois, der sich von den anderen durch seine Paradeuniform und den Orden sowie Medaillen an der Brust abhob, schwang sich über die Deckung, warf sich auf den zerschossenen Asphalt und robbte zu dem Mädchen. Eigenartig, keine Seite schoß. Die Waffen schwiegen. Der Soldat erreichte das Mädchen, drückte es an sich und kroch, es mit einer Hand umklammernd, zur scheinbar sicheren und schützenden Deckung zurück. Er richtete sich auf. In diesem Moment löste sich auf der anderen Seite ein Schuß. Ein einziger nur. Der Soldat schwankte, glitt mit dem Mädchen im Arm in die Deckung, Kameraden griffen nach ihm und dem Kind. Schwerverwundet verlor er die Besinnung.
So die Darstellung des schweigsamen Soldaten Lukjanowitsch durch Polewoi.
Am gleichen Tag ließ der spätere Schriftsteller seine Korrespondenz über das Militärtelegrafenamt nach Moskau durchgeben.
Er nannte sie "Frontlinie Eisenstraße". Wo aber war der Ort, an dem dieses geschah? Gab es dort überhaupt eine "Eisenstraße", oder war die Titelbezeichnung eine spontane Eingebung des Autors?
Als Polewoi am 29. April mit den beiden Gardesoldaten unterwegs war, stießen die drei Männer in Wilmersdorf im Bereich der Eisenzahnstraße auf ihre neue Frontlinie. Nach Konews Angaben fanden zu dieser Zeit im südwestlichen Teil Schönebergs und Wilmersdorfs erbitterte Straßenkämpfe statt. Die Eisenzahnstraße ist offensichtlich der Namensgeber für Polewois Reportage gewesen.
In der Erstfassung, die er für die "Prawda" schrieb, wurde der Name Lukjanowitsch nicht genannt, sondern ein anderer. Erst in seinem Buch "Berlin 896 Kilometer" bezeichnet Polewoi seinen Helden in dieser Weise.
Es ist davon auszugehen, daß er einen wahren Sachverhalt geschildert hat, sein Protagonist aber symbolischer Natur ist.
Der unbekannte Soldat - Polewoi gab ihm den Namen Lukjanowitsch - findet in der Figur des Treptower Ehrenmals ebenfalls seine Würdigung.

Helmut Wagner

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