Imaginärer Held einer großen Tat
Vor zehn Jahren wurde ein Gedenkstein abgebaut und in ein unbekanntes
Depot verbracht. Er trug die Inschrift:
"Trifon Andrejewitsch Lukjanowitsch, Obersergeant der sowjetischen
Armee, rettete an dieser Stelle am 29. April 1945 ein deutsches Kind
vor dem Beschuß durch die SS. Fünf Tage später nach der Heldentat
starb er an den schweren Verletzungen. Ehre und Ruhm seinem Andenken."
Dieser Stein wurde 1976 eingeweiht. Er befand sich gegenüber dem
S-Bahnhof Treptow, Elsenstraße/Ecke Puschkinallee. Am 29. April 1945
gab es in diesem Bereich allerdings keinerlei Kampfhandlungen mehr!
Mit der Entfernung des Gedenksteines hatte es also seine Richtigkeit.
Der Oberbefehlshaber der 1. Belorussischen Front, Marschall der
Sowjetunion Shukow, gab allen Armeen seiner Front, die die erste
Staffel bildeten, den Befehl, gleichzeitig auf Berlin vorzustoßen.
Am 22. April standen Truppen der Roten Armee unweit von Treptow,
unterhalb des Rummelsburger Sees, gegenüber vom Plänterwald war das
Übersetzen der angreifenden sowjetischen Divisionen über die hier etwa
200 Meter breite Spree vorgesehen. An drei Übersetzstellen erfolgte
der Angriff in der Nacht vom 23. zum 24. April. Bis zum 25. April
waren der Treptower Park, der Plänterwald und die Gegend um den
S-Bahnhof Treptow feindfrei. Die letzten Tage des verbrecherischen
Nazi-Regimes waren angebrochen. Am 27. April verlegte Generaloberst
Tschuikow seinen Gefechtsstand nach Kreuzberg, Mehringdamm/Ecke
Schulenburgring. Dort unterzeichnete der "Kampfkommandant von Berlin",
General Weitling, am 2. Mai 1945 die Kapitulation für die Hauptstadt.
Den Befehl dazu hatte der deutsche Antifaschist und Leutnant der Roten
Armee Stefan Doernberg auf einer Reiseschreibmaschine getippt. Hierher
war in den frühen Morgenstunden des 1. Mai auch der letzte
Generalstabschef des deutschen Heeres, General Krebs, gebracht worden.
Er wollte über einen Waffenstillstand verhandeln. Erfolglos mußte er
gehen. Kurze Zeit später erschoß er sich im Führerbunker.
Während des militärischen Finales in Berlin sind der Nachwelt zwei
Ereignisse überliefert, welche später die Gestaltung des sowjetischen
Ehrenmals in Treptow nachhaltig beeinflußten.
Der Fahnenträger des 220. Gardeschützenregiments der 79.
Gardeschützendivision der Armee Tschuikows, Gardesergeant Massalow,
hielt sich am 30. April in der Nähe des Landwehrkanals unweit der
Potsdamer Brücke auf. Hier wartete sein Regiment auf den
Angriffsbefehl. In der Phase der "Ruhe vor dem Sturm" war ein
schwaches Kinderweinen zu hören. Massalow übergab die Regimentsfahne
einem Kameraden und erbot sich, das Kind zu holen. Trotz des
Beschusses gelang es ihm, zu dem kleinen Mädchen vorzudringen, das
neben der toten Mutter lag, und es an sich zu nehmen. Als er mit dem
Kind im Arm die steile Uferbefestigung erklomm, begann der sowjetische
Angriff. Tausende Geschütze und Granatwerfer feuerten los. In diesem
Inferno lief Massalow mit der Dreijährigen aus der Feuerzone zur
rettenden Deckung.
Als in den Jahren 1945 bis 1949 das sowjetische Ehrenmal in Treptow
erbaut wurde, suchte der Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch eine
künstlerische Eingebung für die Gestaltung des über 11 Meter hohen
Sowjetsoldaten. Er fand sie in den Handlungsweisen von Massalow und
Lukjanowitsch. Deren Taten sind in der Figur des Sowjetsoldaten
nachempfunden, der ein Kind schützend in den Armen hält.
Nikolai Iwanowitsch Massalow (1921-2001) wurde 1965 Ehrenbürger der
Hauptstadt der DDR. Im Jahre 2003 brachte man an der Potsdamer Brücke
gegenüber der Neuen Nationalgalerie eine Gedenktafel für ihn an.
Bis heute ist die Identität von Lukjanowitsch nicht nachweisbar. Die
Person taucht in einer Kriegsreportage mit dem Titel: "Frontlinie
Eisenstraße" auf. Hier wird ein Ereignis beschrieben, das sich am 29.
April zutrug. Fest steht allerdings, daß sich dieses Geschehen nicht
in der Elsenstraße in Treptow vollzog.
Urheber dieser Reportage war Boris Polewoi, Kriegsberichterstatter der
"Prawda" bei der 1. Ukrainischen Front, deren Oberbefehlshaber
Marschall der Sowjetunion Konew war. Warum später die "Eisenstraße" in
"Elsenstraße" umgedeutet und das Ganze einfach in den Bereich der 1.
Belorussischen Front verlegt wurde, ist schwer nachzuvollziehen.
Militärische Abläufe und Handlungen der letzten Kriegstage in Berlin
wurden dabei jedenfalls nicht in Betracht gezogen.
Boris Polewoi war am 29. April 1945 auf dem Weg vom Frontstab der 1.
Ukrainischen Front, der sich damals in der Nähe von Lübben befand, zur
vordersten Frontlinie in Berlin. Er wollte eine Reportage über die
letzten Stunden des Hitlerregimes und über die erbitterten
Straßenkämpfe für die Festtagsausgabe der "Prawda" zum 1. Mai
schreiben.
Polewoi war in Begleitung von zwei Gardesoldaten, die im Frontstab
Orden für die Gefangennahme eines hohen deutschen Offiziers verliehen
bekommen hatten. Mit ihnen erreichte er die Frontlinie, wo die Reste
ihrer Sturmabteilung, die schon stark dezimiert war, gegen eine
ebenfalls ausgeblutete SS-Einheit kämpften. Beide Seiten trennte eine
Straße, deren Fahrbahnen ein baumbestandener Mittelstreifen teilte.
Hier befand sich eine Ruine. Bei dieser lag eine tote Frau, neben ihr
hockte ein lockenköpfiges Mädchen, nicht älter als drei Jahre. Das
leise Weinen des Kindes war zu hören. Das Kind retten zu wollen, hieß
in den sicheren Tod zu gehen.
Ein hochgewachsener blonder Soldat, einer der Begleiter Polewois, der
sich von den anderen durch seine Paradeuniform und den Orden sowie
Medaillen an der Brust abhob, schwang sich über die Deckung, warf sich
auf den zerschossenen Asphalt und robbte zu dem Mädchen. Eigenartig,
keine Seite schoß. Die Waffen schwiegen. Der Soldat erreichte das
Mädchen, drückte es an sich und kroch, es mit einer Hand umklammernd,
zur scheinbar sicheren und schützenden Deckung zurück. Er richtete
sich auf. In diesem Moment löste sich auf der anderen Seite ein Schuß.
Ein einziger nur. Der Soldat schwankte, glitt mit dem Mädchen im Arm
in die Deckung, Kameraden griffen nach ihm und dem Kind.
Schwerverwundet verlor er die Besinnung.
So die Darstellung des schweigsamen Soldaten Lukjanowitsch durch
Polewoi.
Am gleichen Tag ließ der spätere Schriftsteller seine Korrespondenz
über das Militärtelegrafenamt nach Moskau durchgeben.
Er nannte sie "Frontlinie Eisenstraße". Wo aber war der Ort, an dem
dieses geschah? Gab es dort überhaupt eine "Eisenstraße", oder war die
Titelbezeichnung eine spontane Eingebung des Autors?
Als Polewoi am 29. April mit den beiden Gardesoldaten unterwegs war,
stießen die drei Männer in Wilmersdorf im Bereich der Eisenzahnstraße
auf ihre neue Frontlinie. Nach Konews Angaben fanden zu dieser Zeit im
südwestlichen Teil Schönebergs und Wilmersdorfs erbitterte
Straßenkämpfe statt. Die Eisenzahnstraße ist offensichtlich der
Namensgeber für Polewois Reportage gewesen.
In der Erstfassung, die er für die "Prawda" schrieb, wurde der Name
Lukjanowitsch nicht genannt, sondern ein anderer. Erst in seinem Buch
"Berlin 896 Kilometer" bezeichnet Polewoi seinen Helden in dieser
Weise.
Es ist davon auszugehen, daß er einen wahren Sachverhalt geschildert
hat, sein Protagonist aber symbolischer Natur ist.
Der unbekannte Soldat - Polewoi gab ihm den Namen Lukjanowitsch -
findet in der Figur des Treptower Ehrenmals ebenfalls seine Würdigung.
Helmut Wagner
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