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Mittwoch, 5. September 2012

Jan Skala - ein fast vergessener sorbischer Antifaschist


 
Würde und Standhaftigkeit

In Kamenz, Bautzen und Nebelschütz gibt es Jan-Skala-Straßen. In der DDR trugen Brigaden seinen Namen, ebenso die Domowina-Gruppe sorbischer Studenten zwischen 1951 und 1991.

Wer war Jan Skala?
Geboren wurde der Sohn eines sorbischen Steinbrucharbeiters und einer sorbischen Trachtenschneiderin 1889 in Nebelschütz. Für gründliche Schulbildung fehlte den Eltern das Geld. Nach der Porzellanmaler-Lehre eignete sich Jan Skala autodidaktisch politische, historische und juristische Kenntnisse an. In Weißwasser, Bautzen und Prag entwickelte er seine journalistischen Fähigkeiten. Von 1925 bis 1936 war er Chefredakteur der "Kulturwehr". Sein Konzept und seine Artikel für die Zeitschrift des Verbandes nationaler Minderheiten Deutschlands machten ihn zum "schärfsten Kritiker der Minderheitenpolitik des Reiches und der Länder" (Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongreß 1925 bis 1938, S. 32) und zum Antifaschisten. Skala setzte dem Faschismus eine positive Konzeption entgegen. Alle Jahrgänge der "Kulturwehr" enthalten vor allem Analysen zum Alltag nationaler Minderheiten in Deutschland, aber auch zur Situation der Minoritäten der meisten europäischen Länder. Den breit gefächerten und solide bearbeiteten Inhalt komplettieren umfangreiche Buchbesprechungen, ausführliche Wiedergaben der europäischen Presse und zahllose, meist polemische Kommentare zu aktuellen Ereignissen aus Skalas Feder. So machte er schon damals Entwicklungen sichtbar, die heute klar benannt sind: Die Politik der Weimarer Republik gegenüber ethnischen Minderheiten schuf viele Voraussetzungen für die rassistische Politik der Nazis. "Bereits vor 1933 war die enge Verwobenheit ... innen- und außenpolitischer Bezüge charakteristisch für die deutsche Volkstumspolitik ..." (M. Jaguttis/S. Oeter: Volkstumspolitik, S. 216)
Vier ausgewählte Details sollen Skalas Wirken in diesem Kontext belegen:
Am 6. März 1925 sprach er vor Angehörigen der dänischen Minderheit in Flensburg. Schon einen Tag später wurde der Regierungspräsident von Schleswig-Holstein davon in Kenntnis gesetzt, es sei gelungen, "unauffällig (an der Versammlung) teilzunehmen". Der Informant(1) meldete, Skala habe "äußerst scharf gegen die Preußen gesprochen". Der Zusammenschluß der Minderheiten in Deutschland sei "unbedingt erforderlich, weil die Preußen sämtliche Minderheiten in einer Weise unterdrücken und ausrotten wollen, worin wirklich System liegt!" Skala kritisierte, Deutschland fordere "Rechte für seine im Ausland wohnenden Minderheiten", verweigere sie aber denen im eigenen Land, weswegen man die Deutschen "hierin nicht zu einem Kulturvolk halten kann". (Staatsarchiv Dresden, MdI, Nr. 9638)
Skala rügte Stresemann, weil er die "Schaffung eines Staates, dessen politische Grenzen alle deutschen Volksteile umfaßt, die innerhalb des geschlossenen deutschen Siedlungsgebietes in Mitteleuropa leben und den Anschluß an das Reich wünschen" (Bamberger-Stemmann, a.O., S. 59) anstrebte. 1931, die Nazis waren schon politisch unüberhörbar, formulierte Skala, Stresemanns Politik für deutsche Minderheiten in Europa sei Grundlage für die alte, nationalistische Losung: "Ein Reich, ein Volk!" gewesen. (Kulturwehr = KW 2/1931, S. 49) Wenig später hieß es: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!" Es folgten Reichstagsbrand, Bücherverbrennung, verbrannte Erde, Millionen Tote auf Schlachtfeldern, das Verbrechen industriell organisierter Ermordung von Menschen "undeutschen Wesens".
Skala klagte die Terrorisierung der Juden an. Ende 1933 unterstützte er die Forderung jüdischer Minderheiten aus Polen, Rumänien, Lettland, Litauen, der Tschechoslowakei und Bulgarien, der Genfer Nationalitätenkongreß solle die Entrechtung der Juden in Deutschland klar als Verstoß gegen die Gesetze der Menschlichkeit verurteilen. In faschistischem Geist reagierten Sprecher deutscher Minoritäten: "Die Ausgliederung ... andersrassiger Menschen aus einem Volkskörper ... halten wir für grundsätzlich berechtigt." Skala konterte, diese Diskriminierung bedeute, daß alle Minderheiten durch eine "von keinen Rechtsgrundsätzen gehemmte Gewalt des Stärkeren bedroht" (KW 2/1931, S. 49) sind.
Skala vereitelte mit anderen Sorben die "Gleichschaltung" der Domowina. Als Goebbels verkündete, er werde das geistig-kulturelle Leben so umgestalten, daß alle vorbehaltlos dem Führer folgen, sahen sich Skala und Freunde wie Nowak-Njechornski, Dr. Cyz, Marko Smoler, Nedo im Interesse der Sorben gefordert, dem zu wehren. Am 28. November 1934 klärte die Domowina ihre Haltung zum Nazi-System durch eine scheinbar unpolitische Satzungsdebatte. Als "die einzige Volkstumsvereinigung der Sorben" (õ 1) trete sie für die "Verteidigung der nationalen Rechte der Lausitzer Sorben" ein (õ 3). So zeigte der Bund slawischer Sorben, daß er nicht bereit war, dem totalitären Anspruch der Nazis zu weichen. Diese wollten den Widerstand mit dem Ultimatum brechen, die Domowina müsse sich als "Bund wendischsprechender Deutscher e.V." definieren.
Skala und Alojs Andricki(2) lehnten das Tage später auf einer Vertrauensleutekonferenz - trotz Anwesenheit von Gestapospitzeln - furchtlos und offen als "unerträglich und unzulässig" ab. Einstimmig meinten die Versammelten, dem zuzustimmen "(würde) eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen dem sorbischen Volkstum gegenüber bedeuten". (Sorbisches Kulturarchiv Bautzen, D I/13 C) Aus Achtung vor Geschichte und Kultur der Sorben lehnte die Domowina rassistisch-antislawische Unterdrückung mit Würde und Standhaftigkeit ab. Jan Skala hat daran einen unverwechselbaren Anteil.
All das war nicht folgenlos. Am 3. März 1936 erhielt Skala Berufsverbot. Goebbels hatte mit Hilfe des diskriminierenden Schriftleitergesetzes geurteilt, Skala habe "nicht die Eigenschaften ­..., die die Aufgabe der geistigen Einwirkung auf die Öffentlichkeit erfordert" (zitiert nach: KW 1936, April-Dezember, S. 62). So wurde am sorbischen Antifaschisten Skala demonstriert, wie in rechtsförmiger Weise Unrecht präjudiziert werden kann. Damit jedoch begnügten sich die Nazis nicht. Am 21. Januar 1938 verhaftete ihn die Gestapo. Zehn Monate später mußte er, halb taub geschlagen, aufgrund internationaler Proteste freigelassen werden. Am 1. Juni 1939 stellte der Volksgerichtshof das Hochverratsverfahren wegen Mangels an Beweisen ein.
Sein Tod durch Schüsse eines betrunkenen sowjetischen Soldaten am 22. Januar 1945 ist unglaublich tragisch. Skala wurde nicht einmal 56 Jahre alt. Er begrüßte die Rote Armee als Befreier. Er erlebte nicht die von ihm vorausgesagte Niederlage der Unterdrücker auch seines Volkes. Der Familie wurde der Ehemann, Vater und Großvater genommen, dem sorbischen Volk ein engagierter Kämpfer entrissen, die Minderheiten in Europa verloren einen klugen politischen Kopf.

Dr. Peter Jan Joachim Kroh

Anmerkungen:
1) Hans Hermannsen (1891-1952), bespitzelte ab Mitte der 20er Jahre im Grenzpolizeikommissariat Flensburg die dänische Minderheit. Er wurde 1935 NSDAP-Mitglied und Gestapo-Chef von Flensburg. Am 20. April 1940, unmittelbar nach dem Einmarsch faschistisch-deutscher Truppen in Dänemark, wurde er als "Beauftragter der Gestapo" nach Kopenhagen versetzt und war dort für die koordinierte Kommunistenverfolgung zuständig. Der US-Chefankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, Robert W. Kempner, zählte ihn zu den engsten Komplizen Adolf Eichmanns. Nach dem Krieg war er für den dänischen Geheimdienst sowie für die britische Besatzungsmacht in Flensburg tätig. 1948 arbeitete er in Hamburg für den US-Geheimdienst und baute unter Mitarbeitern der Deutschen Reichsbahn in der DDR ein funktionierendes Spionagenetz auf.
2) katholischer Pfarrer (geboren am 2.7.1914, ermordet am 3.2.1943 im KZ Dachau); 1998 Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens auf Antrag des Bischofs der Diözese Dresden-Meißen

Lebensdaten

17.06.1889
Jan Skala wurde in Nebelschütz als Sohn eines Steinbrucharbeiters und einer sorbischen Trachtenschneiderin geboren.
1901
Nach kurzem Besuch der Bautzener Domschule konnte Jan nur ein Jahr an der Preparanda des Katholischen Lehrerseminars verbringen, da es seinen Eltern nicht möglich war, die Ausbildungsfinanzierung aufzubringen.
1902-1916
Nach der Keramiklehre in Kamenz, arbeitete er deutschlandweit in der chemischen und keramischen Industrie. Jan bildete sich an Abendkursen weiter.
1910
Jan veröffentlicht seine sorbischen Gedichte. Zuvor publiziert er Artikel in der sozialdemokratischen Zeitung.
1916-1918
Als Soldat in Russland und auf dem Balkan vertieft er seine Kenntnisse in slawischen Sprachen.
1918-1919
Jan war beim Berliner Versorgungsamt tätig. Er tritt während der spartakistischen Unruhen dem Berliner Sicherheitskorps bei. Anschließend erhielt eine Stellung beim Waffenamt der Berliner Polizei in Moabit.
1919-1920
In dieser Zeit war Jan Redakteur der politischen Zeitung "Serbski Dźenik" in Weißwasser, Mitbegründer der Lausitzer Volkspartei und der sorbischen Sportvereinigung "Serbski Sokoł". Es erscheint sein erster Gedichtband.
1921
Nach der Tätigkeit bei der sorbischen Tageszeitung "Serbske Nowiny", Antritt einer Stellung bei der Prager Regierungszeitung "Prager Presse" an.
1924
Jan wirkte erneut bei der sorbischen Tageszeitung "Serbske Nowiny", bevor er in Berlin in den Dienst des Bundes der Polen in Deutschland trat.
1925-1927
Teilnahme an den Europäischen Minderheitenkongressen in Genf, an denen er Kontakte zu fortschrittlichen Politikern und Pazifisten knüpfte.
1925-1936
Der Verband der nationalen Minderheiten in Deutschland benannte Jan zum Chefredakteur der Zeitschrift "Kulturwehr".
1936
Verbot journalistischer Tätigkeit und Streichung von der Schriftstellerliste.
1937
Rückkehr nach Bautzen.
1938
Verschleppung durch die Gestapo zur dreivierteljähriger "Schutzhaft" ins Dresdner Polizeipräsidium.
1939-1943
Arbeit in verschiedenen Bautzener und Berliner Firmen.
1943-1945
Flucht aus dem  bombardierten Berlin zur Familie seiner Frau nach Dziedzice (Erbenfeld) in Oberschlesien. Anstellung in den Werken "Elektroakustik" in Namysłow (Namslaw), wo er polnischen Widerstandskämpfern Arbeit besorgt.
22.01.1945
Nach Empfang der Sowjetarmee kommt er in Dźiedźice tragisch ums Leben. 

Am 1.9.1965 fand eine Großkundgebung anlässlich der Einweihung eines von der Domowina aufgestellten Denkmals für den sorbischen Patrioten Jan Skala in Namysłów, Volksrepublik Polen statt. Jan Skala war seit der Zeit der Weimarer Republik engstens mit dem Kampf der damaligen polnischen Minderheit in Deutschland verbunden.

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