Würde und Standhaftigkeit
In Kamenz, Bautzen und Nebelschütz gibt es Jan-Skala-Straßen. In der
DDR trugen Brigaden seinen Namen, ebenso die Domowina-Gruppe
sorbischer Studenten zwischen 1951 und 1991.
Wer war Jan Skala?
Geboren wurde der Sohn eines sorbischen Steinbrucharbeiters und einer
sorbischen Trachtenschneiderin 1889 in Nebelschütz. Für gründliche
Schulbildung fehlte den Eltern das Geld. Nach der Porzellanmaler-Lehre
eignete sich Jan Skala autodidaktisch politische, historische und
juristische Kenntnisse an. In Weißwasser, Bautzen und Prag entwickelte
er seine journalistischen Fähigkeiten. Von 1925 bis 1936 war er
Chefredakteur der "Kulturwehr". Sein Konzept und seine Artikel für die
Zeitschrift des Verbandes nationaler Minderheiten Deutschlands machten
ihn zum "schärfsten Kritiker der Minderheitenpolitik des Reiches und
der Länder" (Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongreß
1925 bis 1938, S. 32) und zum Antifaschisten. Skala setzte dem
Faschismus eine positive Konzeption entgegen. Alle Jahrgänge der
"Kulturwehr" enthalten vor allem Analysen zum Alltag nationaler
Minderheiten in Deutschland, aber auch zur Situation der Minoritäten
der meisten europäischen Länder. Den breit gefächerten und solide
bearbeiteten Inhalt komplettieren umfangreiche Buchbesprechungen,
ausführliche Wiedergaben der europäischen Presse und zahllose, meist
polemische Kommentare zu aktuellen Ereignissen aus Skalas Feder. So
machte er schon damals Entwicklungen sichtbar, die heute klar benannt
sind: Die Politik der Weimarer Republik gegenüber ethnischen
Minderheiten schuf viele Voraussetzungen für die rassistische Politik
der Nazis. "Bereits vor 1933 war die enge Verwobenheit ... innen- und
außenpolitischer Bezüge charakteristisch für die deutsche
Volkstumspolitik ..." (M. Jaguttis/S. Oeter: Volkstumspolitik, S. 216)
Vier ausgewählte Details sollen Skalas Wirken in diesem Kontext
belegen:
Am 6. März 1925 sprach er vor Angehörigen der dänischen Minderheit in
Flensburg. Schon einen Tag später wurde der Regierungspräsident von
Schleswig-Holstein davon in Kenntnis gesetzt, es sei gelungen,
"unauffällig (an der Versammlung) teilzunehmen". Der Informant(1)
meldete, Skala habe "äußerst scharf gegen die Preußen gesprochen". Der
Zusammenschluß der Minderheiten in Deutschland sei "unbedingt
erforderlich, weil die Preußen sämtliche Minderheiten in einer Weise
unterdrücken und ausrotten wollen, worin wirklich System liegt!" Skala
kritisierte, Deutschland fordere "Rechte für seine im Ausland
wohnenden Minderheiten", verweigere sie aber denen im eigenen Land,
weswegen man die Deutschen "hierin nicht zu einem Kulturvolk halten
kann". (Staatsarchiv Dresden, MdI, Nr. 9638)
Skala rügte Stresemann, weil er die "Schaffung eines Staates, dessen
politische Grenzen alle deutschen Volksteile umfaßt, die innerhalb des
geschlossenen deutschen Siedlungsgebietes in Mitteleuropa leben und
den Anschluß an das Reich wünschen" (Bamberger-Stemmann, a.O., S. 59)
anstrebte. 1931, die Nazis waren schon politisch unüberhörbar,
formulierte Skala, Stresemanns Politik für deutsche Minderheiten in
Europa sei Grundlage für die alte, nationalistische Losung: "Ein
Reich, ein Volk!" gewesen. (Kulturwehr = KW 2/1931, S. 49) Wenig
später hieß es: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!" Es folgten
Reichstagsbrand, Bücherverbrennung, verbrannte Erde, Millionen Tote
auf Schlachtfeldern, das Verbrechen industriell organisierter
Ermordung von Menschen "undeutschen Wesens".
Skala klagte die Terrorisierung der Juden an. Ende 1933 unterstützte
er die Forderung jüdischer Minderheiten aus Polen, Rumänien, Lettland,
Litauen, der Tschechoslowakei und Bulgarien, der Genfer
Nationalitätenkongreß solle die Entrechtung der Juden in Deutschland
klar als Verstoß gegen die Gesetze der Menschlichkeit verurteilen. In
faschistischem Geist reagierten Sprecher deutscher Minoritäten: "Die
Ausgliederung ... andersrassiger Menschen aus einem Volkskörper ...
halten wir für grundsätzlich berechtigt." Skala konterte, diese
Diskriminierung bedeute, daß alle Minderheiten durch eine "von keinen
Rechtsgrundsätzen gehemmte Gewalt des Stärkeren bedroht" (KW 2/1931,
S. 49) sind.
Skala vereitelte mit anderen Sorben die "Gleichschaltung" der
Domowina. Als Goebbels verkündete, er werde das geistig-kulturelle
Leben so umgestalten, daß alle vorbehaltlos dem Führer folgen, sahen
sich Skala und Freunde wie Nowak-Njechornski, Dr. Cyz, Marko Smoler,
Nedo im Interesse der Sorben gefordert, dem zu wehren. Am 28. November
1934 klärte die Domowina ihre Haltung zum Nazi-System durch eine
scheinbar unpolitische Satzungsdebatte. Als "die einzige
Volkstumsvereinigung der Sorben" (õ 1) trete sie für die "Verteidigung
der nationalen Rechte der Lausitzer Sorben" ein (õ 3). So zeigte der
Bund slawischer Sorben, daß er nicht bereit war, dem totalitären
Anspruch der Nazis zu weichen. Diese wollten den Widerstand mit dem
Ultimatum brechen, die Domowina müsse sich als "Bund
wendischsprechender Deutscher e.V." definieren.
Skala und Alojs Andricki(2) lehnten das Tage später auf einer
Vertrauensleutekonferenz - trotz Anwesenheit von Gestapospitzeln -
furchtlos und offen als "unerträglich und unzulässig" ab. Einstimmig
meinten die Versammelten, dem zuzustimmen "(würde) eine
Verantwortungslosigkeit sondergleichen dem sorbischen Volkstum
gegenüber bedeuten". (Sorbisches Kulturarchiv Bautzen, D I/13 C) Aus
Achtung vor Geschichte und Kultur der Sorben lehnte die Domowina
rassistisch-antislawische Unterdrückung mit Würde und Standhaftigkeit
ab. Jan Skala hat daran einen unverwechselbaren Anteil.
All das war nicht folgenlos. Am 3. März 1936 erhielt Skala
Berufsverbot. Goebbels hatte mit Hilfe des diskriminierenden
Schriftleitergesetzes geurteilt, Skala habe "nicht die Eigenschaften
..., die die Aufgabe der geistigen Einwirkung auf die
Öffentlichkeit erfordert" (zitiert nach: KW 1936, April-Dezember, S.
62). So wurde am sorbischen Antifaschisten Skala demonstriert, wie in
rechtsförmiger Weise Unrecht präjudiziert werden kann. Damit jedoch
begnügten sich die Nazis nicht. Am 21. Januar 1938 verhaftete ihn die
Gestapo. Zehn Monate später mußte er, halb taub geschlagen, aufgrund
internationaler Proteste freigelassen werden. Am 1. Juni 1939 stellte
der Volksgerichtshof das Hochverratsverfahren wegen Mangels an
Beweisen ein.
Sein Tod durch Schüsse eines betrunkenen sowjetischen Soldaten am 22.
Januar 1945 ist unglaublich tragisch. Skala wurde nicht einmal 56
Jahre alt. Er begrüßte die Rote Armee als Befreier. Er erlebte nicht
die von ihm vorausgesagte Niederlage der Unterdrücker auch seines
Volkes. Der Familie wurde der Ehemann, Vater und Großvater genommen,
dem sorbischen Volk ein engagierter Kämpfer entrissen, die
Minderheiten in Europa verloren einen klugen politischen Kopf.
Dr. Peter Jan Joachim Kroh
Anmerkungen:
1) Hans Hermannsen (1891-1952), bespitzelte ab Mitte der 20er Jahre im
Grenzpolizeikommissariat Flensburg die dänische Minderheit. Er wurde
1935 NSDAP-Mitglied und Gestapo-Chef von Flensburg. Am 20. April 1940,
unmittelbar nach dem Einmarsch faschistisch-deutscher Truppen in
Dänemark, wurde er als "Beauftragter der Gestapo" nach Kopenhagen
versetzt und war dort für die koordinierte Kommunistenverfolgung
zuständig. Der US-Chefankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß,
Robert W. Kempner, zählte ihn zu den engsten Komplizen Adolf
Eichmanns. Nach dem Krieg war er für den dänischen Geheimdienst sowie
für die britische Besatzungsmacht in Flensburg tätig. 1948 arbeitete
er in Hamburg für den US-Geheimdienst und baute unter Mitarbeitern der
Deutschen Reichsbahn in der DDR ein funktionierendes Spionagenetz auf.
2) katholischer Pfarrer (geboren am 2.7.1914, ermordet am 3.2.1943 im
KZ Dachau); 1998 Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens auf Antrag
des Bischofs der Diözese Dresden-Meißen
Lebensdaten
17.06.1889
Jan Skala wurde in Nebelschütz als Sohn eines Steinbrucharbeiters und einer sorbischen Trachtenschneiderin geboren.
1901
Nach kurzem Besuch der Bautzener Domschule konnte Jan nur ein Jahr an der Preparanda des Katholischen Lehrerseminars verbringen, da es seinen Eltern nicht möglich war, die Ausbildungsfinanzierung aufzubringen.
1902-1916
Nach der Keramiklehre in Kamenz, arbeitete er deutschlandweit in der chemischen und keramischen Industrie. Jan bildete sich an Abendkursen weiter.
1910
Jan veröffentlicht seine sorbischen Gedichte. Zuvor publiziert er Artikel in der sozialdemokratischen Zeitung.
1916-1918
Als Soldat in Russland und auf dem Balkan vertieft er seine Kenntnisse in slawischen Sprachen.
1918-1919
Jan war beim Berliner Versorgungsamt tätig. Er tritt während der spartakistischen Unruhen dem Berliner Sicherheitskorps bei. Anschließend erhielt eine Stellung beim Waffenamt der Berliner Polizei in Moabit.
1919-1920
In dieser Zeit war Jan Redakteur der politischen Zeitung "Serbski Dźenik" in Weißwasser, Mitbegründer der Lausitzer Volkspartei und der sorbischen Sportvereinigung "Serbski Sokoł". Es erscheint sein erster Gedichtband.
1921
Nach der Tätigkeit bei der sorbischen Tageszeitung "Serbske Nowiny", Antritt einer Stellung bei der Prager Regierungszeitung "Prager Presse" an.
1924
Jan wirkte erneut bei der sorbischen Tageszeitung "Serbske Nowiny", bevor er in Berlin in den Dienst des Bundes der Polen in Deutschland trat.
1925-1927
Teilnahme an den Europäischen Minderheitenkongressen in Genf, an denen er Kontakte zu fortschrittlichen Politikern und Pazifisten knüpfte.
1925-1936
Der Verband der nationalen Minderheiten in Deutschland benannte Jan zum Chefredakteur der Zeitschrift "Kulturwehr".
1936
Verbot journalistischer Tätigkeit und Streichung von der Schriftstellerliste.
1937
Rückkehr nach Bautzen.
1938
Verschleppung durch die Gestapo zur dreivierteljähriger "Schutzhaft" ins Dresdner Polizeipräsidium.
1939-1943
Arbeit in verschiedenen Bautzener und Berliner Firmen.
1943-1945
Flucht aus dem bombardierten Berlin zur Familie seiner Frau nach Dziedzice (Erbenfeld) in Oberschlesien. Anstellung in den Werken "Elektroakustik" in Namysłow (Namslaw), wo er polnischen Widerstandskämpfern Arbeit besorgt.
22.01.1945
Nach Empfang der Sowjetarmee kommt er in Dźiedźice tragisch ums Leben.
Jan Skala wurde in Nebelschütz als Sohn eines Steinbrucharbeiters und einer sorbischen Trachtenschneiderin geboren.
1901
Nach kurzem Besuch der Bautzener Domschule konnte Jan nur ein Jahr an der Preparanda des Katholischen Lehrerseminars verbringen, da es seinen Eltern nicht möglich war, die Ausbildungsfinanzierung aufzubringen.
1902-1916
Nach der Keramiklehre in Kamenz, arbeitete er deutschlandweit in der chemischen und keramischen Industrie. Jan bildete sich an Abendkursen weiter.
1910
Jan veröffentlicht seine sorbischen Gedichte. Zuvor publiziert er Artikel in der sozialdemokratischen Zeitung.
1916-1918
Als Soldat in Russland und auf dem Balkan vertieft er seine Kenntnisse in slawischen Sprachen.
1918-1919
Jan war beim Berliner Versorgungsamt tätig. Er tritt während der spartakistischen Unruhen dem Berliner Sicherheitskorps bei. Anschließend erhielt eine Stellung beim Waffenamt der Berliner Polizei in Moabit.
1919-1920
In dieser Zeit war Jan Redakteur der politischen Zeitung "Serbski Dźenik" in Weißwasser, Mitbegründer der Lausitzer Volkspartei und der sorbischen Sportvereinigung "Serbski Sokoł". Es erscheint sein erster Gedichtband.
1921
Nach der Tätigkeit bei der sorbischen Tageszeitung "Serbske Nowiny", Antritt einer Stellung bei der Prager Regierungszeitung "Prager Presse" an.
1924
Jan wirkte erneut bei der sorbischen Tageszeitung "Serbske Nowiny", bevor er in Berlin in den Dienst des Bundes der Polen in Deutschland trat.
1925-1927
Teilnahme an den Europäischen Minderheitenkongressen in Genf, an denen er Kontakte zu fortschrittlichen Politikern und Pazifisten knüpfte.
1925-1936
Der Verband der nationalen Minderheiten in Deutschland benannte Jan zum Chefredakteur der Zeitschrift "Kulturwehr".
1936
Verbot journalistischer Tätigkeit und Streichung von der Schriftstellerliste.
1937
Rückkehr nach Bautzen.
1938
Verschleppung durch die Gestapo zur dreivierteljähriger "Schutzhaft" ins Dresdner Polizeipräsidium.
1939-1943
Arbeit in verschiedenen Bautzener und Berliner Firmen.
1943-1945
Flucht aus dem bombardierten Berlin zur Familie seiner Frau nach Dziedzice (Erbenfeld) in Oberschlesien. Anstellung in den Werken "Elektroakustik" in Namysłow (Namslaw), wo er polnischen Widerstandskämpfern Arbeit besorgt.
22.01.1945
Nach Empfang der Sowjetarmee kommt er in Dźiedźice tragisch ums Leben.
Am 1.9.1965 fand eine Großkundgebung anlässlich der
Einweihung eines von der Domowina aufgestellten Denkmals für den
sorbischen Patrioten Jan Skala in Namysłów, Volksrepublik Polen statt.
Jan Skala war seit der Zeit der Weimarer Republik engstens mit dem Kampf
der damaligen polnischen Minderheit in Deutschland verbunden.
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