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Montag, 10. Dezember 2012

Zum 85. Geburtstag von Heinz Florian Oertel - Eine DDR-Reporterlegende über Freundschaft und Frieden, Doping und Politik.

Der Vorstand des DDR-Kabinett-Bochum e.V. gratuliert Heinz Florian Oertel auf diesem Wege recht herzlich zum Geburtstag, verbunden mit den besten Wünschen und vor allem Gesundheit!

»Sport ist nur Teil der korrupten Gesellschaft« 
 
Ein Gespräch mit Heinz Florian Oertel


Interview: Thomas Behlert in jungeWelt 11.12.2012
 
Heinz Florian Oertel, geboren in Cottbus, Reporter, Moderator und Schauspieler war von 1949 bis 1990 für den DDR-Rundfunk und ab 1955 für das DDR- Fernsehen dabei, wenn es um Plazierungen und Pokale ging. Heute (11. Dezember 2012) wird er 85 Jahre alt.
 
 
Sie haben bis 1990 mehr erlebt als die meisten DDR-Bürger. Gibt es in Ihrem Leben etwas zu bereuen – und was hätten Sie gerne noch unbedingt gemacht, moderiert oder gesehen?
Zu bereuen gibt es nichts. Zu allem, was ich tat und sprach, stehe ich bis heute. Alles, was ich mir wünschen konnte, hat sich erfüllt. Ich war bei acht Fußballweltmeisterschaften dabei, begleitete 17 Olympische Spiele und 17 Friedensfahrten als Reporter. Insgesamt blicke ich auf ein erfülltes und erfahrungsreiches Journalistenleben zurück, für das ich sehr, sehr dankbar bin.

Was würden Sie als Ihren größten Erfolg bezeichnen? Welches Sport­ereignis wollen Sie nicht missen?
Etwas, das ich nie vergessen werde: Meine ersten Olympischen Spiele waren die in Helsinki 1952. Dort lernte ich den tschechoslowakischen Läufer Emil Zàtopek kennen, der die 5000 Meter, die 10000 Meter und den Marathon gewann. Das war eine einmalige Leistung, zumal er diese drei Strecken innerhalb von zehn Tagen absolvierte. 
 
In Sachen Sport hat sich viel verändert. Überall regiert das Geld, besonders im Fußball. Welche Sportveranstaltungen lohnt es sich noch anzusehen?
Daß der Sport so versaut ist, ist für mich keine Überraschung, denn die Welt ringsherum ist ebenso versaut und heuchlerisch. Es geht nur noch um Geld, Geld, Geld. Wenn jemand etwas zu Recht kritisieren will, dann sollte er nicht zuerst den Sport nennen, sondern sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen. Der Sport ist nur ein Teil der korrupten Gesellschaft. 
 
Haben Sie am Anfang Ihrer Karriere auch nur vermutet, daß Sie so lange als Moderator unterwegs sein werden?
Vielleicht erträumte ich es mir, aber ahnte bestimmt nicht, daß ich so viele wunderbare Erlebnisse haben werde. Durch den Sport konnte ich die Welt kennenlernen und so viele wunderbare Menschen erleben. Ich halte den Sport für etwas Besonderes, denn Sport ist Frieden und Freundschaft. Dafür einzutreten, war für mich als Reporter und Journalist eine große und wertvolle Aufgabe. Dabei bin ich durch Zufall zum Sport gekommen. Begonnen habe ich als Schauspieler und Zeitungsreporter. Als in Cottbus ein Rundfunkstudio eingerichtet wurde, suchte man neue, junge Leute. So konnte ich am 2. April 1949 meine erste Sportreportage durchführen. In Cottbus, im »Stadion der Freundschaft«, fand das Endspiel um die »Brandenburgische Landesmeisterschaft im Frauenfeldhandball« statt. Es spielten Luckenwalde gegen Spremberg. Luckenwalde gewann 1:0, durch ein Tor in der dritten Minute. Es war der größte Langweiler der Welt mit 30 Zuschauern und völlig ausgeglichenen Mannschaften. Ich mußte die letzten drei Spielminuten kommentieren, die eher an eine Beerdigung erinnerten. 
 
Wird es jemals eine ostdeutsche Fußballmannschaft der Männer schaffen, in der höchsten Klasse erfolgreich zu spielen?
Hier entscheidet doch nur das Geld. Wer viel davon hat, kann sich die besten Spieler kaufen. Die anderen bekommen den Rest. Energie Cottbus zum Beispiel hat im Moment nur den Rest, macht aber das Beste daraus. Die Mannschaft gehört in der 2. Bundesliga zur Spitzenklasse, und das ist toll. 
 
Wenn vom DDR-Sport die Rede ist, geht es gleich um Doping. Echte Leistungen bei Wettkämpfen werden fast nicht genannt. Spielt da Neid eine Rolle?
Das mag sicherlich auch eine gewisse Rolle spielen. Das am DDR-Sport festzumachen, ist eine riesige Heuchelei. Es wurde und wird immer auf der ganzen Welt gedopt. 
 
Nicht nur der Sport, auch die Politik hat es Ihnen angetan. Wen kann man wählen, und was denken Sie über Regierung, Parteien und das Verhalten vieler Politiker?
Ich wähle Menschen, die sich auf der ganzen Welt für den tatsächlichen Frieden einsetzen und den Krieg verabscheuen. Und vor allem bin ich für diejenigen, die gegen Waffen und Waffenhandel sind. Deutschland ist in der Welt der drittgrößte Waffenproduzent, nach den USA und Rußland. Für diese Bronzemedaille sollten sich das Land und die Politiker einfach nur schämen. 
 
Nun gibt es ein Buch, indem Sie locker auf Fragen über den Sport, das Leben und die Welt antworten. Warum haben Sie gerade Jan Hofer als Partner für das Interview-Buch »Ein Leben für den Sport« (Das Neue Berlin) erwählt?
Ich kenne Jan Hofer schon seit Jahren als freundlichen, aufgeschlossenen und vor allem korrekt arbeitenden Journalisten. Außerdem war er der Erste, der sich bei mir meldete und über mich und mit mir etwas Längeres machen wollte. Daraus ist dann eben das Buch geworden.
 

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