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Donnerstag, 13. Dezember 2012

In Erinnerung an Alfred Wellm - Ein Stiller, dessen Bücher bleiben

 
Alfred Wellm "Kaule" - Der Kinderbuchverlag Berlin - Ausgabe von 1980
aus dem Archivbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.


Alfred Wellm legte Ehre für die DDR ein
Alfred Wellm wurde am 22. August 1927 in Neukrug bei Elbing als Sohn eines Fischers geboren. 1942 besuchte er die Lehrerbildungsanstalt, wurde aber 1944 zur Wehrmacht eingezogen. 1945 war er als Landarbeiter und Gespannführer tätig. Nach einem Neulehrer-Kursus nahm er 1946 seine erzieherische Tätigkeit auf, wurde Direktor, Schulrat und leistete eine umfangreiche pädagogische Arbeit, wofür er als Verdienter Lehrer des Volkes ausgezeichnet wurde. 1963 wurde Wellm freischaffender Schriftsteller, wechselte mehrfach seine Wohnorte, bis er 1975 in Lohmen, Kreis Güstrow, seinen letzten Wohnsitz fand.
Mitte der 50er Jahre begann Alfred Wellm seine ersten Kinderbücher zu schreiben, wie "Igel, Rainer und die anderen" (1958), "Die Kinder von Plieversdorf" (1959) und "Die Partisanen und der Schäfer Piel" (1960). Sie zeichneten sich durch klug gebaute, handfeste Fabeln, eine saubere Sprache, Humor und Lebensechtheit aus. Erst die Erzählung "Kaule" (1962) brachte Wellm einen durchschlagenden Erfolg. Die poesievolle Geschichte zählte jahrzehntelang zu den Texten, die im Literaturunterricht der 6. Klassen behandelt wurden. Sie ist eine Lausejungengeschichte und ein poetisches Buch zugleich, da sich köstlicher Humor, mitfühlende Zartheit und poetische Erzählkunst gleichsam ein literarisches Stelldichein geben. "Kaule" prägte sich durch eine einfache und ereignisreiche Fabel, ausdrucksreife Erzählkunst und große Stimmungsdichte ein. Der Regisseur Rainer Bär schuf nach Wellms Buch den gleichnamigen DEFA-Kinderfilm, der sich als äußerst publikumswirksam erwies.
Die phantasievolle Gegenwartserzählung für das Erstlesealter "Das Mädchen Heika" (1966) war wiederum im ländlichen Milieu angesiedelt. Die Schülerin einer 2. Klasse überwand ihre Schwierigkeiten beim Lernen und wurde sich ihrer Fähigkeiten bewußt. Wellm nutzte phantastische Elemente, um das Kind eine neue Lebenshaltung, Selbstsicherheit und Lebensfreude gewinnen zu lassen. Das Buch erreichte bereits 1977 die 12. Auflage.
"Kaule" könnte man als Vorarbeit oder Studie zu Wellms erstem Roman "Pause für Wanzka oder Die Reise nach Descansar" (1968) ansehen, da sich eine Reihe Ähnlichkeiten feststellen lassen. Hollnagel in "Kaule" besitzt die gleiche literarische Funktion wie der Lehrer Wanzka. Über das Anliegen des bewußt polemisch geschriebenen Romans äußerte Wellm: "Ich möchte mit diesem Buch wachrütteln, ich möchte erreichen, daß sich niemand mehr mit der Mittelmäßigkeit abfindet. Ich wollte provozieren, dazu anregen, sich Gedanken zu machen über die Verbesserung unseres Lebens. Dazu brauchte ich eine zugespitzte Situation." Wellm ging es um die volle Ausprägung der Individualität, um deren inneren Reichtum.
In der regen und breiten öffentlichen Leserdiskussion erkannte man wichtige Fragen, die im Roman aufgeworfen wurden. In den Zeitungen der DDR erschienen 42 Lesermeinungen, 23 Ansichten von Pädagogen, 9 von Schriftstellern und 24 Rezensionen.
Fred Rodrian schrieb in einem Beitrag über Wellm, wie dieser ein Fohlen verkauft hatte, über das er später sein Kinderbuch "Das Pferdemädchen" (1974) verfaßte. In dieser beispielhaften Erzählung wurde die Frage aufgeworfen, wie verantwortlich sich der Mensch gegenüber einem Tier verhalten müsse. Der DEFA-Regisseur Egon Schlegel schuf danach den Kinderfilm "Das Pferdemädchen". In seinem Roman "Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr" (1975), an dem Wellm fast neun Jahre gearbeitet hatte, gestaltete er, wie neue menschliche Beziehungen in der Umbruchszeit 1945 bis 1946 entstanden. Er strahlte die Einfachheit großer Poesie aus. Dem Kameramann Jürgen Brauer gelang 1981 sein erfolgreiches Regiedebüt mit dem DEFA-Film "Pugowitza". Mit der Filmadaption wurde die poetische Geschichte einer Freundschaft vorgestellt, eine wahre Legende aus ersten Friedenstagen.
In Wellms Buch "Karlchen Duckdich" (1977) erkunden zwei vom Lande kommende Kinder ihr neues Zuhause in einem Hochhaus. Dieses wunderbare kleine Stück Prosa zeugte von tiefer Humanität und war gleichzeitig ein liebevolles Plädoyer für Phantasie als produktive Erkenntnis- und Lebenshilfe. In seinem Kinderbuch "Die Geschichte vom kleinen Wruk" (1981) erzählte Wellm, wie ein Junge von Abenteuern und Heldentaten träumt. Er soll Tieren helfen, lehnt dieses ab und muß erkennen, daß Träume die Tat brauchen. Ein Bild von Fritz Duda regte den Autor zu seiner Geschichte "Das Mädchen mit der Katze" (1983) an. Das Mädchen ist taub, darüber nicht traurig und gleichsam in den Märchen und ihrer Phantasie zu Hause. In seinem Buch "Der Hase und der Mond" (1985) vereinte der Schriftsteller Fabeln und Märchen aus Namibia.
1987 - im Jahr seines 60. Geburtstages - veröffentlichte Wellm endlich den umfänglichen Roman "Morisco" (1987), von dem bereits Vorabdrucke in "Sinn und Form" (3/1980) und der "Neuen Deutschen Literatur" (2/1987) erschienen waren. Der Roman um die "ruhelosen Wünsche des Architekten Andreas Lenk" hatte ihn fast zehn Jahre beschäftigt. Der Chefarchitekt Lenk hält Rückschau auf seine erfolgreiche beruflich Karriere, seine geschiedene Ehe, seine schöntuenden einstigen Freunde und Arbeitskollegen. Fragen drängen sich ihm auf über seine problematische Selbstverwirklichung und eigenes Durchstehvermögen. Sein Lebensinhalt war anspruchslos, flach und verlogen. Des öfteren fehlte ihm der Mut zum eigenen Standpunkt, und er ließ sich in eine Rolle drängen, die er mitspielte. Das führte zu Selbstverleugnung und Selbstisolierung. Lenk verzweifelte an der Gesellschaft und verrannte sich in eine Einsamkeit. Wellm bekannte: "Aber ich verstehe die Verzweiflung nicht negativ. Nicht der Verzweifelte ist zerstört, der Gleichgültige ist es." Der Leser fühlte sich unwiderstehlich in die Überlegungen des Helden über Freundschaft, Liebe und Vertrauen einbezogen "... und darüber, wie Selbstbewußtsein gefördert und wie es zerstört werden kann" (Klaus Höpcke). Der Roman löste erhebliche Diskussionen unter den Lesern aus. Zwanzig Jahre, nachdem der Roman "Wanzka" erschienen war, verfilmte ihn die Regisseurin Vera Loebner mit Kurt Böwe in der Titelrolle. Drehbeginn war September 1989. Der Deutsche Fernsehfunk (DFF) nahm mit dem Film "Pause für Wanzka" 1990 am internationalen Fernsehfestival "Das Goldene Vlies" in Batumi teil.
Schriftstellerkollegen äußerten sich über Wellms Arbeits- und Schaffensweise. "Seine Werke wachsen langsam, aber man sieht ihnen die Mühen des Entstehens und Reifens nicht an." (Egon Schmidt) "Ich glaube, es ist eine tiefe Angst in ihm vor jedem Wort, das zuviel sein könnte oder nicht genau genug, vor jedem Satz, dessen Rhythmus ihm zweifelhaft erscheint." (Fred Rodrian) "Bücherschreiben ist für ihn eine pausenlose Prüfung." (Eva Strittmatter)
Alfred Wellms Bücher erschienen in weit über zwanzig Sprachen bzw. Ländern. "Kaule" dürfte mit über einer halben Million Exemplaren im In- und Ausland das am weitesten verbreitete Buch Wellms sein. Der Schriftsteller erhielt zahlreiche Preise, so dreimal den Fritz-Reuter-Preis, den Heinrich-Mann-Preis (1969) und den Nationalpreis der DDR (1978). Er war Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR.
Alfred Wellm starb am 17. Dezember 2001. Christel Berger beendete ihren Nachruf mit den Worten: "Ein Stiller ist ganz still von uns gegangen. Wenn ich nur schreiben könnte, daß seine Bücher bleiben werden! Ich wünschte es so sehr!"
 
Dieter Fechner

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