Foto-, Video - und Musik Seiten - Blog-Impressum
▼
Dienstag, 15. November 2011
DDR-Erfahrungen für die nächste Generation...
...Rede auf einem Klassentreffen
Liebe Schüler von damals, es ist Leichtsinn, unsereins einzuladen, weil ein Rentner wie ich viel Zeit dazu hat, sich Gedanken zu machen über das, was mal war und was sein wird. Solches Nachdenken ist durchaus nicht sehr erwünscht. Als ich z. B. der Frau vom Checkpoint Charlie bei ihrer Buchlesung in Blasewitz Verlogenheit vorhielt, die nur dem Zweck dient, unsere Vergangenheit zu verteufeln, stellten ihre Claqueure erleichtert fest, daß sich so jemand wie ich "zum Glück bald biologisch von selbst erledigt". Damit komme ich zur Sache. Noch kann ich Euch erinnern: Als Ihr geboren wurdet, waren Lebensmittel zum Teil rationiert. Die DDR mußte für die Kriegsschäden aufkommen, die Nazideutschland verursacht hatte. Die BRD dagegen erhielt aus gutem Grund Marshallplanhilfe aus den unzerstörten USA. Die Schwerindustrie lag im Westen. Eisenhüttenstadt, die Maxhütte, zahlreiche Talsperren, Chemiewerke wie Schwarze Pumpe und Leuna mußten in der DDR erst aufgebaut werden.
Die DDR war ein sehr rohstoffarmes Land. Aus dem Vorhandenen, nämlich Wasser, Luft, Braunkohle und Salz mußte entstehen, was möglich war. Die Chemie! Mein Fach! Ihr erinnert Euch: "Wohlstand, Schönheit, Brot." Umweltdreck natürlich auch! Im Osten gab es noch keinen Überseehafen. Ferienkinder, die an die Ostsee fuhren, halfen symbolisch mit Steinen im Gepäck beim Bau der Mole Rostock, auch Heidi aus Seifersdorf, später die Mutter meiner Kinder. Aber den Ferienaufenthalt konnte sich jeder leisten. Eine Woche Ferienspiele kostete eine Mark! Die meisten von Euch hatten eine behütete Kindheit und eine sorgenfreie Schulzeit. Es fehlte Wohnraum, dennoch wurden die Theater spielfähig gemacht, und Kultur war bezahlbar, nicht nur für Eliten! Bildung, Gesundheitsfürsorge gab es bereits kostenlos. Als Ihr etwa drei Jahre alt ward, hatte man noch freie Sicht und Wind vom Hauptbahnhof bis zum Albertplatz. Im Jahre 1955 sah ich aus "meiner" Jak 18 Dresden von oben: Es war ein großer ovaler schwarzer Fleck! Aber ich sah auch den bereits wieder aufgebauten Zwinger. Er war eingerahmt von düsteren Trümmern, in denen sich nur die Kaninchen wohl fühlten!
Im Rathaus war das Modell der künftigen Bebauung ausgestellt. Dazu wurden Vorschläge der Bevölkerung ernst genommen. Jedoch die Neugestaltung ging mühsam voran, denn Rüdersdorf produzierte noch zu wenig Zement. Wenn auch langsam, wurde doch die Stadt für alle bewohnbar. Selbst das Schloß wurde wenigstens gesichert. Und letzten Endes weihte Erich Honecker die Semperoper ein - trotz Embargos. Und der Neumarkt wäre planmäßig im Jahre 2008 ebenfalls fertig bebaut gewesen, allerdings unter anderen Bedingungen und mit anderen Bewohnern, nämlich kleinen Gewerken und Geschäften, darüber Wohnraum. Der Staat plante, finanzierte, kontrollierte und blieb Eigner. In letzter Zeit häuft sich das Verlangen nach staatlicher Rettung, nachdem Gewinne privatisiert wurden. Die Masse bezahlt den Profit einer kleinen Minderheit. Es wird als Verklärung der DDR verunglimpft, wenn man beschreibt, was an ihr einmalig war in der deutschen Geschichte, nämlich die Alternative zu Kapitalismus und Krieg. Was war denn so unrecht daran, daß Spekulanten kaum Chancen hatten, andere zu schröpfen, zu übervorteilen, daß fast ausnahmslos ehrliche Arbeit die Grundlage des Broterwerbs darstellte und Geld bei der individuellen Entwicklung des einzelnen keine Rolle spielte? Wieso gab es keinen Anreiz dafür, Kunstwerke zu rauben oder Omas zu überfallen? Gibt es Gründe, den effektiven Nah-, Güter- und Containerverkehr auf Gleisen schlechtzureden, nur weil er auf den Schienen der DDR funktionierte? Ist es Verklärung, darauf hinzuweisen, daß von der internationalen Diplomatie die Menschenrechte in der DDR nie beanstandet wurden, daß auf allen Ebenen normale Beziehungen mit den meisten Ländern dieser Erde bestanden? Wieso hat kein einziger Politiker, keine Organisation der Welt vor 1989/90 das Wort "Unrechtsstaat" für die allgemein als friedlich anerkannte DDR erfunden oder benutzt?
Die Medien reduzieren alles auf "Stasi" und "Stacheldraht", die Funktionäre waren nur fies. So so.
Wir waren nicht reich, aber arm mußte niemand sein. An Autos, Südfrüchten und Fassadenfarbe mangelte es. Aber Kinderarmut, Analphabeten und Obdachlose gab es überhaupt nicht! In Dresden sind es jetzt offiziell schon 380!
Man ist sehr in Sorge, daß sich jemand erinnern könnte: Recht auf Arbeit, Lohn, von dem man leben konnte, Gleichberechtigung der Frau, Jugendschutz und ABV, Gemeindeschwester, Poliklinik, SV-Buch, Baby-Wiegekarte, Schwangeren- und Mütterberatung, Prophylaxe und Therapie, Impfschutz und Röntgenzug, Arzneimittel, alles ohne Zuzahlung. Arbeitsschutz, Amt für Preise und Konfliktkommission statt Rechtsanwalt, bezahlbare Mieten und Nahverkehrsmittel, Haushaltstage usw.
Ein hocheffizientes einheitliches Bildungssystem, Berufsberatung, Talenteförderung.
Daß ein Studium auch Geld kosten kann, war uns nicht mehr bewußt. Wir machten uns kaum Gedanken darüber, warum die Absolventen unserer Bildungseinrichtungen vom Westen umworben und mit Kußhand genommen wurden.
200 reiche Leute bestimmen heute, wohin die Reise geht! Die Freiheit der Medien ist letztlich die Freiheit dieser Familien, ihre Meinung zu veröffentlichen. Das sollte man wissen, vor allem bei der "Aufarbeitung des Unrechtsstaates", der von den meisten Leuten als "ärmer, aber wärmer" empfunden wird. Bitte bewahrt Euch die in unseren Bildungseinrichtungen erworbene Fähigkeit zum logischen Denken in Zusammenhängen! Ihr habt das Richtige gelernt: Physik statt Metaphysik! Astronomie statt Astrologie, Darwins Entwicklungslehre im Fach Biologie anstelle Kreativismus, den auch der fromme George W. Bush bevorzugt! Leute dieses Schlages beginnen ihren Tag im Gebet, ehe sie die Bomber losschicken. Solche Religion mildert die Tyrannei der Milliardäre. Sie kaufen alles, Menschen, Marionetten, Mörder, Medien, also Meinungen! "BILD Dir ihre Meinung"!
Euch, die Ihr mehr oder meist weniger vom Kuchen abbekommt, müssen wir Alten daran erinnern: Hat man erst mal den "faulen Hartz-IV-Empfänger" als den Parasiten erkannt, ist die Solidarität futsch.
Der da unten gehört kontrolliert auf Schwarzgeld! Nicht etwa die in den oberen Etagen! Die "Bunte" füttert uns mit den nötigen Informationen. Dabei ist man schnell auch da unten. Und wer gar dort geboren wird, hat ganz schlechte Karten. Auch der kleine Mittelständler ist zunehmend gefährdet. Die Formel "Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige" gilt heute nicht mehr.
Hütet Eure wertvollen Freundschaften! Heute habt Ihr nicht nur Gelegenheit, in der Schulzeit zu kramen, sondern auch die Chance, Eure Kontakte aufzufrischen! Sie können nützlich sein, vielleicht sogar lebenserhaltend, vorausgesetzt, Ihr verbündet Euch nicht nur mit den Gewinnern, sondern vergeßt auch die anderen nicht, die es schuldlos ja auch gibt. Freundschaft darf nicht danach fragen "Was bringt sie mir ein?"
Meine Kindheit war mit dem Bombenangriff erledigt. Mein Vater blieb irgendwo zwischen Seelow und Halbe vermißt. Ich sah keinen Klassenkameraden wieder. Ihr solltet festhalten, was Euch erhalten blieb!
Ich wünsche Euch alles Gute dazu!
Fred Schlicke, Dresden
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Durch Absenden des Kommentars erkläre ich mich einverstanden, dass meine eingegebenen Daten elektronisch gespeichert und zum Zweck der Kontaktaufnahme verarbeitet und genutzt werden. Mir ist bekannt, dass ich meine Einwilligung jederzeit widerrufen kann. Der weitergehende Datenschutzhinweis für Kommentare befindet sich im Impressum.