Als ich 20jährig aus dem Krieg zurückkam, wußte ich nur wenig über Politik und Gesellschaft. Was sollte ich in zwölf Jahren faschistischer Diktatur über Arbeiterklasse, Ausbeutung, Staatsgewalt oder Demokratie auch erfahren haben! Ich konnte lediglich darauf bauen, in einer sozialdemokratisch orientierten Familie aufgewachsen zu sein. Die ersten Fotos von mir zeigen mich als Knaben im Arbeitersport- und -gesangsverein. Was mir anerzogen wurde, war die Ablehnung der Nazipolitik und der faschistischen Kriegführung.
Wie nur zwei meiner Schulkameraden aus einer 35köpfigen Klasse überlebte ich den Krieg unbeschadet. Doch ich brachte aus dem blutigen Geschehen Fragen mit nach Hause. Mir war bewußt geworden, daß starke Kräfte nötig sein würden, um den Kriegsschuldigen und -gewinnlern das Handwerk zu legen. Solche Erkenntnisse führten mich - der Familientradition folgend - bereits am 1. Oktober 1945 in die Reihen der SPD.
In den ersten Versammlungen traf ich überwiegend mit jungen Menschen zusammen, die weder politische Zusammenhänge zu erkennen vermochten, noch eine Ahnung davon besaßen, welche praktischen Aktionen der Partei bevorstanden. Wir waren froh, daß auch ältere Genossen zu uns kamen, die wie Otto Buchwitz viele Jahre im KZ gesessen hatten. Sie lehrten uns, den Klassenkampf und den Widerstand gegen die Ausbeutung sowie die schädlichen Folgen der Zerstrittenheit beider Arbeiterparteien zu verstehen und daraus Schlüsse zu ziehen. Sie überzeugten uns von der Richtigkeit des Prager Aufrufs der SPD-Führung vom 28.1.1934. Darin hieß es: "Der Kampf zum Sturz der Diktatur kann nicht anders als revolutionär geführt werden. Ob Sozialdemokraten, ob Kommunisten, ob Anhänger der zahlreichen Splittergruppen - der Feind der Diktatur wird im Kampf durch die Bedingungen des Kampfes selbst der gleiche sozialistische Revolutionär. Die Einigung der Arbeiterklasse wird zum Zwang, den die Geschichte selbst auferlegt."
Dem wurde die SPD gerecht, als der Vorsitzende ihres Zentralausschusses, Otto Grotewohl, Mitte Juni 1945 dazu aufrief, den Kampf um die Neugestaltung Deutschlands auf dem Boden der organisatorischen Einheit der Arbeiterklasse zu führen.
Zu unserem Bedauern erteilte Kurt Schumacher, der selbsternannte Führer der West-SPD, der Einheitspartei eine scharfe Absage. Er negierte die Prager Erklärung und zog auch aus seiner eigenen zehnjährigen KZ-Haft keine Lehren. Schumacher kam von seiner feindseligen Einstellung zur KPD nicht los. Er hatte sie als 1930 gewählter Reichstagsabgeordneter eingesogen. Zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in manchen Städten des Westens vereinbarte Gemeinschaftsaktionen wurden schnell unterbunden.
Schließlich grenzte sich Schumacher auf einer Konferenz, die Anfang Januar 1946 in Hannover stattfand, endgültig von der KPD ab. Er sagte dort: "Die Vereinigung ist nur denkbar zwischen unabhängigen Faktoren. Der Mangel an Unabhängigkeit bei den deutschen Kommunisten geht so weit, daß sie russische Patrioten geworden sind. Deutschland und den Sozialismus betrachten sie im tiefsten Grund als sekundäre Angelegenheiten."
Was Schumacher damit verspielte, zeigte sich bei den Wahlen zum westzonalen Wirtschaftsrat im Mai 1947. Auf die SPD entfielen 20 Sitze, auf die CDU 21. Die drei Mandate der KPD hätten eine linke Mehrheit ergeben. Bei den Wahlen zum 1. deutschen Bundestag am 14. August 1949 bot sich das gleiche Bild. Die SPD erzielte 29,2 %, die CDU dagegen 31 %. Mit den 5,6 % der KPD hätte eine Einheitsfront Adenauers Kanzlerschaft verhindern können.
Wir jungen Sozialdemokraten im Osten brauchten keinen Zwang von außen oder oben, um den Vereinigungsprozeß mit der KPD voranzutreiben. Ob ältere Mitglieder aus überkommenem Parteienzwist den Zusammenschluß ablehnten, vermag ich nicht zu sagen. Aber es wird solche Fälle wohl gegeben haben. Die These, im Osten habe eine Zwangsvereinigung stattgefunden, dient indes allein dem Zweck, das Konstrukt eines "Unrechtsstaates" DDR zu stützen.
Ich jedenfalls kann nur unterstreichen, daß ich in den 40 Jahren DDR als Sozialdemokrat weder unterdrückt noch benachteiligt worden bin. Ich wurde am 15. Oktober 1945 ohne jegliche politische und fachliche Erfahrung, aber mit einem gesunden Klassenstandpunkt ausgerüstet, als Kriminalist in die Deutsche Volkspolizei eingestellt. Die Bekämpfung der Nachkriegskriminalität sowie die Abwehr der immer heftigeren Angriffe des Klassengegners im Kalten Krieg - nicht zuletzt vom Ostbüro der Schumacher-SPD organisiert - erforderten meine ganze Kraft.
Anläßlich des 40. Jahrestages der Deutschen Volkspolizei würdigte das "Sächsische Tageblatt", Organ der LDPD, meine Tätigkeit auf einer ganzen Seite. Mir wurde auf keiner Parteischule irgendeine Ideologie aufgedrückt. Diese erarbeitete ich mir in mühsamem Selbststudium. Ihre Richtung entsprach den tatsächlichen Gegebenheiten.
Die programmatischen Forderungen der SPD, die Schumacher im Oktober 1945 in Kiel verkündete, blieben Schall und Rauch. Sie lauteten: Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung und Überführung der Produktionsmittel aus der Hand der großen Besitzenden in gesellschaftliches Eigentum; Verstaatlichung der Großindustrie, der Großfinanz und Aufsiedlung des Großgrundbesitzes; Lenkung der gesamten Wirtschaft nicht nach privaten Profitinteressen, sondern nach den Grundsätzen volkswirtschaftlich notwendiger Planung; Vernichtung des Kapitalismus als System.
Im Gegensatz zu solchen Lippenbekenntnissen hat die SED gerade diese Forderungen in der DDR verwirklicht.
Heinrich Potthoff hat recht, wenn er in der "Kleinen Geschichte der SPD" (1991) schreibt: "Seit der Annahme des Erfurter Programms im Jahre 1891 galt die deutsche Sozialdemokratie innerhalb der Sozialistischen Internationale als die marxistische Partei par excellence. Wendet man sich jedoch der Parteiwirklichkeit zu, so stellt man fest, daß die marxistische Theorie und Programmatik für die praktische Politik nur mittelbar von Bedeutung war und weder die Parteiführung noch die breite Parteiöffentlichkeit ernsthaft beschäftigte."
Mit einer solchen Praxis konnten wir, die wir als Sozialdemokraten der SED beigetreten waren, uns nicht abfinden. Wir mußten einen anderen Weg gehen. Daß wir unsere Ziele am Ende in der DDR nicht erreichen konnten, hatte mannigfaltige innere und äußere Ursachen, wozu sich bereits mehrere Autoren im "RotFuchs" geäußert haben.
Doch die Diskussion dazu wird weitergehen, auch wenn uns das heutige Sozialdemokraten nur allzugerne verbieten möchten. Sie können indes den Lauf der Geschichte nicht aufhalten, deren letztes Wort mit Gewißheit nicht der Kapitalismus sein wird.
Werner Feigel, Chemnitz
"Geschichten aus meinem Leben - Vierzig Jahre als Volkspolizist" - ISBN 978-3-89793-247-0

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Durch Absenden des Kommentars erkläre ich mich einverstanden, dass meine eingegebenen Daten elektronisch gespeichert und zum Zweck der Kontaktaufnahme verarbeitet und genutzt werden. Mir ist bekannt, dass ich meine Einwilligung jederzeit widerrufen kann. Der weitergehende Datenschutzhinweis für Kommentare befindet sich im Impressum.