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Dienstag, 15. November 2011

Im ukrainischen Kriwoi Rog erlebt

Freundschaftsabzeichen aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.

Wer kennt schon alle Geschichten und Episoden zur Wirtschaft der DDR? Ein rohstoffarmes Land ist darauf angewiesen, seine Hochöfen mit Erz zu versorgen, das im eigenen Land nicht gefördert werden kann. Knallhart wurde erklärt: Wenn Ihr - andere sozialistische Länder Europas - Eisenerz von uns, der Sowjetunion, geliefert haben wollt, müßt Ihr Euch schon mal selbst an dessen Förderung beteiligen. Anders ging es nun einmal nicht. Betroffen waren die SSR, Rumänien und die DDR.
So kam es zum Abschluß des RGW-Abkommens über die gemeinsame Errichtung eines Bergbau- und Aufbereitungskombinats (BAK) in Kriwoi Rog. Es ging darum, bereits auf Halde liegende Rückstände aus der bisherigen Förderung, also oxidierte Eisenerze, mit neuesten Technologien zu erschließen. Wissenschaftler erklärten, im Ergebnis dieses Verfahrens könnten nur minderwertige Rohstoffe an die Hochöfen der beteiligten Staaten geliefert werden. Sogar der für das Vorhaben zuständige Minister der DDR hatte Einwände gegen das Projekt und unterbreitete entsprechende Alternativvorschläge, um die Erzversorgung des sozialistischen deutschen Staates zu sichern.

Schallfolie aus dem VEB Mansfeld Kombinat - Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
Doch das Politbüro entschied anders. Der Minister wurde veranlaßt, den Generaldirektor eines Kombinats mit der Leitung des Vorhabens zu beauftragen. Die Wahl fiel auf das Mansfeldkombinat. Man schuf einen Generallieferanten für das BAK, der damit die Leitfunktion übernahm.
Jeder gelernte DDR-Bürger wußte aus dem Geschichtsunterricht, was es mit der Fahne von Kriwoi Rog auf sich hatte. Die Mansfelder hatten ja eine besonders enge Beziehung zu dem seinerzeitigen Geschehen. So war es kein Wunder, daß sich im Gepäck der Baustellen- und Parteileitung auch eine Reihe handsignierter Bücher Otto Gotsches befanden, der als Autor des gleichnamigen Rapports Bekanntheit erlangt hatte.

Bibliotheksbestand DDR-Kabinett-Bochum e.V.
Im August 1985 war ich Leiter der Vorausdelegation, mit mir der Dolmetscher Rolf Junghanns, der Handwerker Gerhard Fillinger und Peter Zimmermann, dem die Unterbringung der ersten Bauleute oblag. Zunächst erfolgte die Grundsteinlegung für ein Bauarbeiterdorf, dann wurde die Baustelleneinrichtung vorbereitet, schließlich ging es um die eigentlichen Gründungsarbeiten für das Projekt. Dessen Achillesferse bestand darin, daß für eine DDR-Mark Aufwand nur 0,20 DM Rückfluß zu erwarten waren. Die DDR beteiligte sich am BAK Kriwoi Rog lediglich mit 5 %; dennoch stellte diese Investition einen immensen Aufwand für ihre Volkswirtschaft dar. Von 1985 bis 1992 waren bis zu 1300 Bauarbeiter der DDR im Einsatz. Das Vorhaben galt nicht als Vorzeigeobjekt. Folglich verhängte Günter Mittag ein Presseverbot. Nur ab und an war in örtlichen Zeitungen beiläufig etwas über das BAK zu lesen. Für mich und meine Frau bedeutete diese Zeit die aufregendste berufliche Herausforderung, die man sich vorstellen konnte. 2002 entstand die Idee - sie ging vor allem von Rolf Junghanns aus -, damals Erlebtes aufzuschreiben.
60 Autoren aus der früheren DDR und der Alt-BRD, aus der Ukraine und Tschechien - es handelte sich um Arbeiter, Angestellte, Ingenieure, Leitungspersonal, Funktionäre und Regierungsbeamte - haben Meinungen, Erinnerungen und Anekdoten zu der Publikation beigesteuert. Heraus kam dabei ein Sachbuch über die technologischen Zusammenhänge, aber auch eine Darstellung persönlicher Erlebnisse in der Ukraine und weiter wirkender Erinnerungen. Jährlich finden Treffen der beteiligten Bauleute statt, eine Schule im thüringischen Roßleben pflegt noch heute Kontakte mit Schülern in Kriwoi Rog.
Gerhard Kasten

Junghanns, Böhrs, Kasten, Hildebrandt:
Das eiserne Problem des Sozialismus.
Ukrainisches Eisenerz zum hohen Preis,
Schibri-Verlag, 2009, 510 S., 29,90 Euro,
ISBN 978-3-937895-72-7

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