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Mittwoch, 16. November 2011

Eine Heldin der Arbeit - Renate Fölsch leitete acht Jahre die Reichsbahndirektion Schwerin


Einmalig bei den deutschen Eisenbahnen - eine Frau als Präsident der Reichsbahndirektion Schwerin." Diesen Titel wählte Renate Fölsch für ihr Buch in der Schriftenreihe zur Geschichte Mecklenburgs, erschienen im Keubke-Verlag. Es ist die Biographie einer bemerkenswerten Frau mit einer eindrucksvollen beruflichen Laufbahn in der DDR. Von 1982 bis 1990 bekleidete sie ihr hohes Amt. Detailliert, sach- und fachkundig, aber auch fest zu ihrem Leben in der DDR stehend, berichtet sie vom erfolgreichen Weg unseres Verkehrswesens.
Muster des Ehrentitel "Verdienter Eisenbahner" aus dem Jahr 1956
Während die Deutsche Reichsbahn durch Reparationsleistungen an die Sowjetunion nach 1945 zunächst in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt war, vollzog sich in den Folgejahren ein imponierender wirtschaftlicher Aufstieg mit enormer Streckenerweiterung, Elektrifizierung und Prozeßautomatisierung. Renate Fölsch war bei all dem nicht nur mittendrin. Sie hat diesen Prozeß aktiv mitgestaltet, indem sie einen bedeutenden Abschnitt des volkseigenen Unternehmens mit etwa 16.500 Mitarbeitern führte.
Eine herausragende Leistung. Wie aber kam es dazu? Bereits mit 17 Jahren schloß sie ihre Lehrzeit als Eisenbahnerin in Neustadt/Dosse ab. Anschließend nahm sie sofort ein dreijähriges Ingenieurstudium in Gotha auf. Nach einem Jahr Assistenzzeit in Güstrow wurde Renate Fölsch 1960, bereits mit 21 Jahren, zum Reichsbahninspektor ernannt und zur Dienstvorsteherin in Bützow berufen.
Für die junge Frau war es eine ganz folgerichtige Entscheidung, 1961 in die SED einzutreten. Sie wollte jener Partei angehören, von welcher die Gesellschaft in der DDR am meisten vorangebracht wurde.
Von 1965 bis 1975 leitete Renate Fölsch den Amtsbereich Güstrow - als einzige Frau unter den Vorständen von 27 Reichsbahnämtern der DDR. In dieser Zeit absolvierte sie ein Fernstudium an der Parteihochschule "Karl Marx", das sie als Diplom-Gesellschaftswissenschaftlerin abschloß. 1974 wurde ihr der Ehrentitel "Held der Arbeit" verliehen. 1975 berief man sie zur Vizepräsidentin, sieben Jahre später zur Präsidentin der Reichsbahndirektion Schwerin.

Ehrentitel "Held der Arbeit"
Renate Fölsch, die Mitglied des Bundesvorstandes des FDGB war, wurde von 1981 bis 1990 wiederholt in die Volkskammer der DDR gewählt.
Nicht vergessen darf man, daß die rastlos tätige Frau seit 1959 mit Hans-Joachim Fölsch glücklich verheiratet ist. Ihre zwei Kinder hat das Paar gut erzogen. Beide absolvierten in der DDR ein Studium als Diplomingenieure.
Als Präsidentin der Reichsbahndirektion Schwerin war Renate Fölsch fachlich hochqualifiziert. Als Führungspersönlichkeit wurde sie aber auch und nicht zuletzt wegen ihrer festen politischen Verbundenheit mit dem Arbeiter-und-Bauern-Staat geschätzt. Unter ihren ehrenamtlichen Verpflichtungen sei hier vor allem die Jugendweihe genannt. Wiederholt war sie Festrednerin eindrucksvoller Feiern, bei denen junge Menschen würdig in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurden. Aus ihrer Festrede, die sie 1984 in Elstal hielt, träfen folgende Worte auf die heutige Situation wohl kaum zu: "Danken wollen wir unserem sozialistischen Staat, der es ermöglichte, daß wir ... in eine schöne und friedliche Zukunft gehen, in der es weder Unsicherheit vor dem Morgen noch Furcht vor Krisen, Arbeitslosigkeit und Not gibt. Dabei betrachten wir die Erhaltung und Sicherung des Friedens als das Wichtigste."
Für die Schaffung solcher Lebensbedingungen bedurfte es grundlegender sozialökonomischer Voraussetzungen: Die wichtigsten Produktionsmittel mußten dem Volk gehören, damit die gesellschaftliche Wertschöpfung nicht beim Kapital versickerte. Damit waren in der DDR auch die Voraussetzungen für die wirkliche Gleichberechtigung der Frau gegeben. Dieser Staat benötigte keinen antimaskulinen Feminismus, keinen de facto machtlosen "Gleichstellungsbeauftragten". In der DDR wurden gesellschaftliche Voraussetzungen für die uneingeschränkte Förderung aller Menschen, unabhängig vom Geschlecht, geschaffen. Allerdings waren in 40 Jahren - einem Augenblick der Geschichte - tief verwurzelte rückständige Denk- und Verhaltensweisen auch in dieser Frage nicht gänzlich überwindbar. In manchen Situationen war Renate Fölsch deshalb auf ihr Durchsetzungsvermögen angewiesen. Mit solidem Fachwissen, hoher Intelligenz und sauberen Umgangsformen kam sie ans Ziel.
Nach den folgenschweren konterrevolutionären Ereignissen übergab die Präsidentin der Reichsbahndirektion Schwerin im Oktober 1990 schweren Herzens ihre Geschäfte an die neuen Machthaber: Sie mußte ihnen ein modernes Verkehrswesen mit einer positiven Abschlußbilanz von mehr als 3,5 Milliarden Mark und einem Gewinn von über vier Millionen ausliefern. Die Herren aus dem Westen nahmen das auf Strauchdiebart Erworbene kommentarlos entgegen. Man bedenke: Es handelte sich dabei um die realen Werte nur einer von acht Reichsbahndirektionen. So vollzog sich die Plünderung des Volkseigentums in der gesamten Wirtschaft der DDR. Und da wagten es gewisse Leute, sich des Fehlbegriffs "marode" zu bedienen ...
Mit der demütigenden "Amtsübergabe" endete für Renate Fölsch (damals 52) nach 38 Berufsjahren eine "Karriere", deren stürmischer Verlauf so nur in der DDR denkbar gewesen ist. Sie mußte jetzt miterleben, wie soziale Einrichtungen der Reichsbahn kurzerhand geschleift wurden. Einige ihrer Nachfolger erklärten zynisch, mit den Kommunisten "abrechnen" zu wollen.
Nach einer ihr zugewiesenen Tätigkeit in der Berliner Zentrale der DB zog es Renate Fölsch vor, sich 1993 per Aufhebungsvertrag zu verabschieden, weil - so liest man es in ihrem Buch - "... der Inhalt meiner Arbeit für die Deutsche Reichsbahn von 1952 bis 1990 stets auf ein schönes Leben aller Menschen in sozialer Geborgenheit und Frieden ausgerichtet war".
Arno Reinhold, Schwerin
übernommen aus RotFuchs 03/10

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