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Dienstag, 15. November 2011

Herrschte in der DDR eine "Erziehungsdiktatur" ?

Lessing-Medaille in Silber (80er Jahre) aus dem Bestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.
Die Lessing-Medaille als Auszeichnung des Ministeriums für Volksbildung der DDR wurde in Erinnerung an Gotthold Ephraim Lessing anlässlich der Abschlussprüfung an Schulen als besondere Anerkennung für ausgezeichnete Leistungen und sehr gute gesellschaftliche und außerunterrichtliche Arbeit verliehen. Ihre Stiftung erfolgte zum 28. April 1950. Sie existierte zunächst nur in einer Stufe, später in drei Stufen und abschließend in zwei Stufen. Mit der Lessing-Medaille wurde der Abschluss der 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule bzw. der 12. Klasse der Erweiterten Oberschule mit der Note „mit Auszeichnung bestanden“ gewürdigt. Für die Lessing-Medaille in Gold musste in allen Fächern des Abschlusszeugnisses die Note "sehr gut" erreicht werden. Bei der Lessing-Medaille in Silber durfte in zwei Fächern auch ein "gut" stehen.

Über die Volksbildung in der DDR
Der erschienene Sammelband "Was war unsere Schule wert? - Volksbildung in der DDR" tritt der gesteigerten Diffamierung des sozialistischen deutschen Staates sowie der Verfälschung seiner Geschichte offensiv und mit Sachkenntnis entgegen. Die Zusammenführung von Texten sehr verschiedener Autoren bietet ein Mosaik, das einen wesentlichen Bereich der DDR-Gesellschaft vielfarbig widerspiegelt. Die Frage im Buchtitel schließt den Vergleich der DDR-Schule mit vorangegangenen Schulsystemen, internationalen Trends und dem Schulwesen der BRD ein. Schließlich hat eine historische Bewertung vor allem den Beitrag der Schule zur Lösung der Probleme zu beurteilen, vor denen die Gesellschaft der SBZ und der DDR jeweils stand.
Der Gegenstand des Buches ist sehr komplex und seine Darstellung von der jeweils subjektiven Sicht darauf bestimmt. Auch dies bringt der Titel zur Geltung: Die Autoren sprechen von ihrer Schule, das heißt von der Schule, die sie erlebt und in dieser oder jener Weise mitgestaltet haben. Bei all dem bemühen sie sich um Ausgewogenheit und Objektivität. Sie sprechen nicht nur selbstbewußt von den durch sie positiv bewerteten Seiten, sondern auch von dem, was sie früher schon oder im Rückblick als fehlerhaft und negativ beurteilten.
Der Titel des Buches orientiert auf die Schule, und der Untertitel faßt den Gegenstand als Volksbildung der DDR noch weiter. Doch es gerät weit mehr in den Blick: das Hochschulwesen als ein weiterer Bereich des Bildungssystems (Bathke), die Körpererziehung (Rausch/Hummel) und die Begabtenförderung (Mehlhorn) als übergreifende Erziehungsaufgaben der Schule, das Wirken gesellschaftlicher Erziehungskräfte im Rahmen der Jugendweihe (Adam), der Kinder- und Jugendorganisation (Bolz) und der Medien (Wiedemann). Eigentlich könnte hier zutreffender von der erzieherischen Kultur der DDR-Gesellschaft gesprochen werden, deren Kern allerdings in der Tat die Schule war.
Man mag diese Schulzentriertheit der Erziehung als Ausdruck des Wirkens eines Erziehungsstaates oder gar einer Erziehungsdiktatur ansehen. Aber die nach dem Kriege erforderliche Umerziehung und die Heranbildung eines gesellschaftlichen Gesamtsubjekts, das fähig war, die neue Gesellschaft zu gestalten, erforderten den Einsatz des Staates und der von ihm geleiteten Schule. Dabei war im Schulkonzept durchaus eine Öffnung hin zur Gesellschaft angelegt, wie die polytechnische Erziehung eindrucksvoll belegte. Zu den Stärken der DDR-Schule gehörte der Systemcharakter des Bildungswesens. Deshalb ist es bedauerlich, daß ausgerechnet ein Beitrag zum Kindergarten fehlt.
Dem Buch ist ein Wort von Hildegard Hamm-Brücher, der liberalen Politikerin, vorangestellt. Sie äußert sich, als die große, nicht endende Welle des DDR-Hasses schon anrollte. Ein richtiges Schulsystem hätte die DDR gehabt, schreibt sie. Ähnlich ist auch die frühere Aussage Golo Manns, die DDR habe "sehr gute Schulen, in denen die Kinder wirklich etwas lernen". Aber es kommt nicht nur darauf an, daß in der Schule gelernt wird, sondern auch und vor allem was. Gerhart Neuner setzt sich mit dem Leistungsanspruch der DDR-Schule als Einheitsschule auseinander, wozu ihn seine führende Mitwirkung an der Ausarbeitung mehrerer Lehrplanwerke und seine theoretischen Untersuchungen zur schulischen Allgemeinbildung zweifellos prädestinieren. Nicht alle Resultate seines Rückblicks würde ich unterstützen, aber die Einheitsschule als Leistungsschule implizierte eine Reihe komplizierter Widersprüche, um deren Lösung man sich bei der Erarbeitung von Lehrplanwerken durchaus bemühte.
Die Aussage von Hildegard Hamm-Brücher enthält übrigens ein "Zwar-Aber". Das Schulsystem der DDR sei ideologisiert gewesen, meint sie. Variationen davon finden sich auch in Beiträgen von DDR-Autoren. Daß die Erziehung und eben auch die Schule ideologisch und politisch waren, wird manchmal bedauernd eingeräumt. An der Art und Weise, wie ideologische und politische Erziehung in der DDR-Schule mitunter betrieben wurde, ist durchaus manches zu kritisieren. Daß es diese Erziehung gab, ist aber eher zu verteidigen als ihr anzulasten.
So ist die Weltlichkeit des Unterrichtsinhalts, realisiert unter anderem durch die Eliminierung des Religionsunterrichts aus der Stundentafel und basierend auf der Trennung von Staat und Kirche die Einlösung einer alten Forderung der Arbeiterbewegung. Die heute noch spürbaren Wirkungen halte ich für eine bedeutende Kulturleistung der DDR und ihrer Schule. Die Ausrichtung der Unterrichtsinhalte, vor allem im gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht, am Marxismus haben viele ehemalige DDR-Bürger nach der sogenannten Wende mit der Erfahrung bestätigt, der Kapitalismus sei genau so, wie sie es in der Schule gelernt hätten. Es war ein intellektueller Fortschritt, daß Geschichte quasi nach den "Fragen eines lesenden Arbeiters" (Brecht) vermittelt wurde. Die Erziehung zum Antifaschismus in der DDR war von denen "verordnet" worden, die gegen den Faschismus gekämpft hatten. Den Literaturunterricht bestimmten die humanistischen Werke der deutschen und der Weltliteratur. Es gibt keinen Grund, sich des ideologischen Charakters und Gehalts der DDR-Schule zu schämen, zumal es völlig unzureichend ist, den Ideologiebegriff ausschließlich negativ zu gebrauchen. Ideologie als Selbstbewußtsein sozialer Subjekte ist immer und überall gegeben, und zwar als eine Einheit von Wirklichkeitswahrnehmung, Interessenartikulation, Wertekompendium und Willensbekundungen.
Man könnte der Schule der DDR vorwerfen, daß sie die ihr gesetzten ideologischen und politischen Erziehungsziele nicht erreicht habe. Während die Schule vor allem junge Menschen bildet und erzieht, erfüllt der Staat insgesamt die Aufgaben, seine Bürger zu formen. Die Verpflichtungen, welche der Schule ihrem Wesen nach zukommen, hat die DDR-Volksbildung erfüllt. Sie vermittelte allen Kindern eine hohe allgemeine und berufliche Qualifikation, beseitigte Bildungsprivilegien und -barrieren, schuf eine höhere Wissensstruktur der Gesamtbevölkerung und brachte eine neue Intelligenz vor allem aus den bisher benachteiligten Klassen und Schichten hervor. Daß auch dieser Bereich Widersprüche, Irrtümer und Fehler aufwies, die nicht immer erkannt und behoben wurden, ist insofern verständlich, als hier eben nicht ein "Masterplan" einfach nur abgearbeitet wurde. Gesetze garantierten nicht von vornherein Erfolg. Die Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft unter den Bedingungen der Systemauseinandersetzung war eine ständige Herausforderung an schöpferisches Denken und konstruktives Handeln. Daß die DDR in diesem Prozeß ein solches Bildungssystem, eine solche Schule hervorbrachte und sie sich in ihrer schwierigen wirtschaftlichen Lage leistete, bleibt ein historisches Verdienst.
Dr. Wolfgang Eichler


Was war unsere Schule wert? Volksbildung in der DDR.
Herausgegeben von Uwe Markus.
Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2009.
256 S., 14,90 €, ISBN 978-3-360-01965-3

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