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Montag, 6. August 2012

7. August 1952 - Die Gründung der GST

Exponate aus dem Bereich der GST im DDR-Kabinett-Bochum.

In Erinnerung an die Gründung der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) im Jahr 1952. Einer der ersten Kursanten des Segelschulschiffes "Wilhelm Pieck" erzählt:

Eine Schonerbrigg symbolisierte die DDR
Wenn die heutige Schonerbrigg "Greif" mit Heimathafen Greifswald ihre Segel setzt und in See sticht, fährt ein Stück deutscher Geschichte mit. In der 59jährigen Fahrzeit dieses 1951 in der Warnow-Werft Warnemünde auf Kiel gelegten "Schiffes der Jugend" wurde es vier Jahrzehnte lang als Segelschulschiff "Wilhelm Pieck" der DDR weltbekannt. Ein Jahr war die Freie Deutsche Jugend (FDJ) der Reeder, danach 39 Jahre die Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Seit fast 20 Jahren bietet es nun als Schonerbrigg "Greif" Tausenden jungen Freizeitseglern erlebnisreiche Tage. Reeder ist inzwischen die Hanse- und Universitätsstadt Greifswald. Beim zweimaligen Reeder-Wechsel 1952 und 1990 gehörte ich jeweils der Übergabe-/Übernahme-Kommission an. Bis heute fühlte und fühle ich mich dem Schiff, seinen Kapitänen und Besatzungen verbunden.
Die wahre Geschichte anhand von Eckdaten und persönlichen Erlebnissen darzustellen, ist dringend geboten, weil sich im 20. Jahr des Anschlusses der DDR an die BRD Geschichtsschreiber und Autoren darin überbieten, die Chronik der DDR als eine einzige Kette von Verirrungen und Verwerfungen darzustellen. Das reale Geschehen muß in die historischen Zeitabläufe eingebettet und der Nachwelt überliefert werden. Auch wenn es manchen heutigen Bildungspolitikern nicht gefällt, fragen uns Enkel und Urenkel: "Opa, wie war denn das Leben in der DDR nun wirklich? Empfindest du die heutige Freiheit tatsächlich als Glück?"
Die Antwort erleichtert uns der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778): "Was nützt die politische Freiheit, wenn wirtschaftliche Sklaverei bestehen bleibt? Die Freiheit, die jeder Europäer zu genießen glaubt, ist nur die Freiheit, einen Herrn zu verlassen, um sich einem anderen anzuschließen."
Der Austausch über Werte und Vergangenheit in Ost und West muß, wenn er fruchtbar sein soll, auf gleicher Augenhöhe erfolgen. Die Anerkennung unserer Lebensleistung als DDR-Bürger, die Würdigung unserer Biographien ist schlicht ein Gebot des Anstands und der Fairneß. "Aufgabe des Historikers ist es nicht, über die Vergangenheit zu richten, sondern zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist", stellte Leopold von Ranke (1795-1886) fest.
Bereits ein Jahr nach Gründung der DDR gab es 1950 im Land Mecklenburg Überlegungen, Präsident Wilhelm Pieck zu dessen 75. Geburtstag als Geschenk der Werktätigen eine Staatsyacht zu bauen. Angesichts anderer dringender Bedürfnisse der jungen Seeanrainer-Republik war deren Staatsoberhaupt indes gut beraten, diese redliche Initiative eher auf den Bau eines Segelschulschiffes zur Motivierung und Heranbildung des seemännischen Nachwuchses zu lenken. Für die See- und Hafenwirtschaft, die Fischerei und die maritimen Schutzinteressen der DDR wurde dringend qualifiziertes Personal gebraucht. So entstand im Januar 1951 der Gedanke, ein "Schiff der Jugend" auf Kiel zu legen. Es sollte durch Spenden der mecklenburgischen Bürger und durch viele gute Taten finanziert werden. Der Verkauf Tausender Spendenabzeichen der FDJ, 559 Einzelspenden und beachtliche Leistungen von Kollektiven und Spezialisten sind nachgewiesen.
Auftraggeber für den ersten Neubau eines Segelschulschiffes nach dem II. Weltkrieg in einem deutschen Staat war Mecklenburgs Landesregierung. Erst sieben Jahre später, im Dezember 1958, wurde das neue Segelschulschiff der damaligen Bundesmarine, die "Gorch Fock", in Hamburg in Dienst gestellt.
Am 2. Februar 1951 unterbreitete Chefkonstrukteur Wilhelm Schröder den Generalplan für den Bau der Schonerbrigg. 25 Tage später erfolgte die Kiellegung. Es begann eine Zeit intensiver Arbeit. Neben vielen Gewerken der mit dem Bau beauftragten Warnow-Werft waren Takler der Schiffswerft Wismar beteiligt. Ausrüstungen und Einzelteile wurden durch Zulieferbetriebe und Handwerker bereitgestellt. Für die beteiligten Arbeiter und Ingenieure war der Neubau dieses ersten Stahlschiffes in Niet- und Schweißkonstruktion eine Herausforderung. 156 Tage von der Kiellegung bis zur Jungfernfahrt galten unter den damaligen Produktionsbedingungen nur sechs Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs als beachtliche Leistung. Sie wurde im zweiten Jahr des Bestehens der DDR erbracht.
Taten dieser Art beruhen auf der Schöpferkraft mit der Technik vertrauter Menschen, und diese wiederum wird von ihrer Denk- und Verhaltensweise maßgeblich beeinflußt. Kein Geringerer als Friedrich Schiller hat uns die Erkenntnis hinterlassen, man müsse "eine Handlung nicht nur vollbringen, sondern auch wollen. An den Gedanken, an den Quellen der Gedanken liegt uns in der Bewertung einer Sache ebensoviel wie an den Folgen der Tat."
Wer aber waren jene, die 1951 von der Schonerbrigg Besitz ergriffen?
Der betagte erste Kapitän des Schiffes Ernst Weitendorf sah in der Übernahme dieser ehrenvollen Aufgabe eine Erfüllung seines ganzen Seemannslebens. Das galt auch für seinen Bootsmann Wilhelm Kaiser. Gemeinsam mit der neuen Generation von Nautikern, den ersten Absolventen der Seefahrtsschule der DDR Klaus Heiden, Herbert Jark und Rolf Schilling vermittelten sie uns Kursanten Wissen, Können und Verhaltensweisen, die uns ein Leben lang prägen sollten.
Wir hatten Hunger auf Erkenntnisse, um eine friedliche Zukunft zu gestalten. Die DDR gab uns die Möglichkeit für eine solide berufliche Ausbildung. Ehemalige Kursanten und Stamm-Matrosen des Segelschulschiffes haben sich später in vielen Tätigkeitsbereichen und Berufen bewährt.
Von 1951 bis 1990 erhielten über 7000 junge DDR-Bürger auf der "Wilhelm Pieck" eine seemännische Grundausbildung mit vielen Erlebnis- und Bewährungssituationen. Über 4000 wurden Offiziere und Maate der Volksmarine der DDR. Über 50 Kapitänspatentträger waren in der Handelsschiffahrt tätig. Auch Chefinspektoren und Seelotsen befanden sich unter den Absolventen der Schonerbrigg.
Die Indienststellung des Schiffes hat damals in den Wasserfahrtsport-Gemeinschaften der FDJ und dann in den Seesportsektionen der GST große Begeisterung ausgelöst. An den Wasserfahrtsport-Schulen und späteren Seesport-Schulen Rechlin, Altrupin, Lauenhain und Seeburg wurden die Kursanten für das Segelschulschiff "Wilhelm Pieck" ausgewählt. Aus Kapazitätsgründen konnten nicht alle Bewerber berücksichtigt werden. Neben den Seesportprüfungen A-B-C war der Erwerb des Hochseeleistungsabzeichens der "Wilhelm Pieck" gefragt.
Die Strecke vom Kursanten zum Stamm-Matrosen und Bootsmann, vom nautischen Patenterwerb zum Steuermann und Kapitän galt damals als ein heiß begehrter Weg ins Leben. Darüber hinaus bot das Schiff von Beginn an ehren- und hauptamtlichen Funktionsträgern im Seesport die Möglichkeit, ihre theoretischen und praktischen seemännisch-nautischen Kenntnisse aufzufrischen, sich weiterzubilden und neue Kraft für ihre engagierte Tätigkeit an den maritimen Ausbildungszentren der Bezirke und Kreise der DDR zu schöpfen.
Es wehte schon ein kühler Seewind, als wir Teilnehmer eines Vorbereitungslehrgangs der FDJ für die erste Besatzung des Segelschulschiffes am 26. Mai 1951 auf dem Gelände der Warnow-Werft an dessen Stapellauf teilnahmen. In dunkelblauem Rollkragenpullover und Khakihose standen wir mit Flaggen Spalier, um Präsident Wilhelm Pieck mit einem traditionellen Wink-Spruch zu begrüßen. Unter den Klängen der DDR-Nationalhymne wurde das Schiff seinem Element übergeben. Wilhelm Pieck rief uns zu: "Übt Euch im Kutter-Pullen, im Kutter-Segeln und in der Handhabung seemännischer Geräte. Gedenkt der revolutionären Matrosen Reichpietsch und Köbis, pflegt die fortschrittlichen seemännischen Traditionen!"
Am 2. August 1951 stand ich dann an Deck in der Reihe der ersten Schülerbesatzung der "Wilhelm Pieck", in neuer Matrosenuniform zur Indienststellung des Schiffes und zur Jungfernfahrt.
Die erste Eintragung in das Gästebuch hatte der Mann vorgenommen, dessen Namen die Schonerbrigg trug: "Dem Schiff der Jugend, dem Kapitän und seiner Besatzung alle Zeit gute Fahrt im Dienste unserer Deutschen Demokratischen Republik."
Wenige Monate danach, am 25. Januar 1952, gehörte ich zur Delegation der Besatzung, die Wilhelm Pieck in seinem Berliner Amtssitz besuchte. In Erinnerung sind mir besonders der Optimismus und die große Sachlichkeit, mit welcher der Präsident über die neuen Anforderungen und Ansprüche der Seefahrt und die maritime Ausbildung der Jugend sprach. Er machte uns bewußt, daß hohes Wissen und Können, Disziplin und Begeisterung nun eine völlig neue Bedeutung erhalten hätten. Die DDR müsse sich als Seeanrainer-Staat exportorientiert entwickeln, Rohstoffe einführen und Schätze des Meeres heben, weshalb die Handelsschiffahrt und die Fischerei großes Gewicht besäßen. Außerdem seien maritime Sicherheitsinteressen der DDR wahrzunehmen. Diese Gedanken haben mein Verhalten in späteren Lebensabschnitten bestimmt.
Im März 1952 - ich war gerade 20 - meldete ich mich bei Kapitän Weitendorf, um im Auftrag des Zentralrats der FDJ eine Vertretung als Politoffizier des Schiffes zu übernehmen. Der "Alte" staunte nicht schlecht, wie schnell sich damals die Entwicklung eines seiner Kursanten, der noch vor kurzem an Bord gewesen war, vollzogen hatte. Vier Monate segelte ich in dieser Funktion unter Kapitän Weitendorf um Bornholm, Gotland und zu einem ersten Besuch der "Wilhelm Pieck" in Wismar. Beim Kommando "Klar zum Segel-Manöver ..." beobachtete ich unsere Kursanten. Starke Willenseigenschaften wurden gefordert. Schnell und sicher mußten die Befehle ausgeführt sein. Unter großem körperlichem Einsatz wurden die Segel gesetzt. Einige bissen die Zähne zusammen. Jeder empfand sich als Teil eines Kollektivs. Beim Festmachen der Segel in den Rahen wuchs jene Gemeinschaft, die dann in der Abendsonne auf der Back saß und zu Akkordeonklängen sang. Meine Aufgabe war es, für den Kapitän Reden auszuarbeiten und für gute Stimmung zu sorgen.
Nach Übergabe des Schiffes von der FDJ an die neu gegründete GST im August 1952 nahm ich - inzwischen Sektorleiter für Schulen und Schulschiffe des GST-Zentralvorstandes - einen Monat darauf an der ersten Auslandsfahrt der "Wilhelm Pieck" nach Polen teil. Diese Reise war nicht nur ein wichtiges Ereignis in den neuen Beziehungen guter Nachbarschaft beider Länder, sondern auch Ausdruck der sich abzeichnenden gemeinsamen maritimen Interessen.
Dann vergingen fünf Jahre, in denen ich als Leiter der zentralen Seesportschule der GST Rechlin und anschließend als Leiter des zentralen Marineklubs Rostock-Gehlsdorf tätig war. Nun ging ich wieder an Bord der "Wilhelm Pieck", dieses Mal unter Kapitän Artur Friedrich. Das Schiff unternahm eine große Schwarzmeerreise.
Am 29. Mai 1957 passierten wir Portugals Cabo S. Vicente. Meine Stationen beim Setzen der Segel waren die Fock und die Mars. Mein nautisches Praktikum einschließlich astronomischer und meteorologischer Beobachtungen absolvierte ich als Wachoffiziersassistent. Wir fuhren in 99 Tagen über sieben Meere.
Ich habe auf dem Segelschulschiff im Laufe der Jahre Rost geklopft, Reinschiff und Backschaft gemacht, meine zugewiesenen Rollen an Deck, bei der Schiffssicherung, in der Takelage, als Rudergänger und in der Schiffsführung ausgeübt, heiße Sonne, Sturm und Gewitter erlebt, Lieder gesungen sowie Disziplin und Kameradschaft gelernt.
Von 1958 bis 1972 war ich als Leiter der Seesportschule - später Marineschule - Greifswald-Wieck, zu deren Bestand die "Wilhelm Pieck" gehörte, verantwortlich für den Einsatz, die Ausbildungsplanung und die personelle Besetzung des Schiffes. Ich bemühte mich nach bestem Wissen und Gewissen um ein gutes Verhältnis zu den Kapitänen und Besatzungen, sorgte auch für deren fachliche und pädagogische Weiterbildung. Das "Schiff der Jugend" hatte für mich und für jene, die es führten und damit in See stachen, auf all seinen Reisen Symbolkraft für eine solide maritime Ausbildung.
Die Ostseeländer-Reisen nach Schweden, Dänemark, Finnland, Polen, der RSFSR und den baltischen Sowjetrepubliken sollten dem Gedanken des Friedens und der Völkerverständigung im Ostseeraum dienen. Beim Besuch von Marineschulen und Marineclubs, von Partnerorganisationen der GST in Leningrad, Riga, Gdynia, Gdansk, Szczecin und Kolbrzeg wurden freundschaftliche Kontakte gepflegt und einschlägige Erfahrungen ausgetauscht. Die erste Teilnahme der "Wilhelm Pieck" am Internationalen Segelschiffstreffen "Operation Sail 72" in Kopenhagen und Gdynia war gleichsam der Start in die bis heute gewachsene Familie der großen Windjammer.
1971 schenkte mir Kapitän Ernst Weitendorf, der Nestor der deutschen Segelschiffahrt, sein autobiographisches Werk "Aus dem Logbuch meines Lebens". Hinein schrieb er die Widmung: "Schiffe sinken, doch der Stern meines ehemaligen Schülers Helmut Sieger möge niemals untergehen."

Dr. paed. Helmut Sieger, Strausberg

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Die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) sollte vor allem der gemeinschaftlichen Freizeitgestaltung von technisch und sportlich interessierten Menschen in der DDR dienen und die Wehrfähigkeit zum Schutz des Sozialismus erhöhen. Besonders Jugendlichen wurde damit die Möglichkeit gegeben, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Die dazu erforderlichen technischen Mittel (wie Motorräder, Flugzeuge, Tauchausrüstung, Funkgeräte) wurden kostenfrei im Rahmen der Sportförderung , meist durch die Betriebe und  anderen staatlichen Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Nur etwa ein Prozent wurde aus dem Verteidigungsetat der DDR finanziert.

Innerhalb der GST gab folgende Interessensverbände:
  • Deutscher Schützenverband der DDR (DSV)
  • Flug- und Fallschirmsportverband der DDR (FFSV)
  • Militärischer Mehrkampfverband der DDR (MMKV)
  • Modellsportverband (MSV)
  • Motorsportverband (MoSV)
  • Radiosportverband der DDR (RSV)
  • Seesportverband der DDR
  • Tauchsportverband der DDR
  • Wehrkampfsportverband (WKSV)

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