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Mittwoch, 8. August 2012

Wie der Berliner Fernsehturm seinen zentralen Standort erhielt

Eintrittskarte aus dem Archivbestand des DDR-Kabinett-Bochum e.V.

Idee eines Schweizer Architekten...

...Es war im März 1960, als ich, damals ein frisch gekürter Abteilungsleiter Bauwesen beim ZK der SED, von Walter Ulbricht zu einer Beratung eingeladen wurde. In dem Raum, wo die Zusammenkunft stattfand, war ein Modell des Berliner Stadtzentrums aufgestellt, mittendrin der Gestaltungsvorschlag für den künftigen Fernsehturm. Seinen Standort und sein Aussehen hatte man bereits so gewählt, wie das Projekt dann umgesetzt wurde. Außerdem hingen an den Wänden städtebauliche Pläne zum gleichen Thema. Beeindruckend war dabei die perspektivische Darstellung künftiger Stadtansichten, speziell der Hauptmagistralen. Es wurde deutlich, daß der Standort für den Fernsehturm ideal gewählt und klug durchdacht war. Doch weder aus den Plänen noch aus dem Modell ging der Urheber des Entwurfs hervor.
Walter Ulbricht nahm das Wort. Er sagte, daß es darum gehe, über den Bau eines Berliner Fernsehturms zu beraten, nachdem eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet worden sei. Als geeignete Plätze waren die Müggelberge und der Park im Stadtteil Friedrichshain vorgeschlagen worden. Beides wurde von Ulbricht als ungeeignet bezeichnet. Er wandte sich dann dem Modell des Stadtzentrums zu und bemerkte, daß sich der Fernsehturm aus seiner Sicht genau an der richtigen Stelle befände, da er bei klarem Wetter überall in Berlin als neue Dominante im Stadtbild gesehen werden könne. Auch die vorgeschlagene Gestaltung der funktionell erforderlichen Plattform als Kugel sei eine gute Idee und so bislang einmalig in der Welt.

Einige Exponate zum Fernsehturm im DDR-Kabinett-Bochum.
Zugleich verwies Walter Ulbricht auf ablehnende Äußerungen zu diesem Standort im unmittelbaren Zentrum Berlins. Dabei berufe man sich hauptsächlich darauf, die westlichen Alliierten seien wegen der Luftbrücke dagegen. Darauf erwiderte Ulbricht: "Das interessiert mich wenig! Die sollen anständig fliegen lernen und endlich anerkennen, daß die DDR existiert!"
Der geistige Kopf des vorgestellten Projekts blieb in dieser Beratung - aus welchen Gründen auch immer - ungenannt. Auf Ulbrichts Frage, ob es gegensätzliche oder andere Vorstellungen gebe, meldete sich niemand.
Natürlich war nun bei den Teilnehmern - auch bei mir - die Neugier groß. Wer könnte der Spiritus rector des vorgestellten Entwurfs wohl sein?
In der DDR-Hauptstadt schlugen die Architekten Prof. Hermann Henselmann und Prof. Dr. Gerhard Kosel den Bau und die Gestaltung eines Fernsehturms vor. Beide hatten dabei für die Plattform eine Kugel im Auge.
Dies wurde Ende der 50er Jahre bekannt. Henselmann hatte die Idee mit seinem Beitrag zum Wettbewerb über den Wiederaufbau des Berliner Stadtkerns, der von der DDR-Regierung ausgeschrieben worden war, unterbreitet. Kosel befaßte sich ebenfalls ausgiebig mit dem Projekt und machte seine Vorstellungen hierzu öffentlich bekannt. Beiden war klar, daß die damals weltweite Tendenz, Plattformen von Fernsehtürmen stets als Tonnen-Gebilde mit nur geringen Variationen auszuführen, Schematismus darstellte und eher abstoßend wirkte. Deshalb gebührt diesen Architekten das Verdienst, erstmals einen anderen Weg beschritten zu haben.
Der langjährige Streit, wem von den beiden Könnern nun die Palme des Ersten bei der Kugel-Gestaltung zuzuerkennen sei, macht wenig Sinn. Wahr ist, daß Henselmann wie Kosel gleichermaßen für diese großartige Idee und deren Verwirklichung Anerkennung gebührt. Auch das vieldiskutierte Plus-Zeichen gehört dazu, das die Außenbekleidung der Kugel-Plattform bei intensiver Sonneneinstrahlung reflektiert. Es soll ein Lob für das Vollbrachte sein! Spekulationen über ein "heiliges oder unheiliges Kreuz" entbehren tatsächlich jeder Grundlage.

Fernsehturm Berlin - 2008
Mit dem Fernsehturm im DDR-Hauptstadtteil entstand ein friedliches Wahrzeichen für Berlin. Auch die heutige Metropole der Bundesrepublik kann sich dem optisch nicht entziehen.
Allerdings muß ergänzend bemerkt werden, daß die von beiden Kugel-Erfindern ursprünglich vorgeschlagenen Standorte für den neuen Fernsehturm nicht ins Schwarze trafen. Erst Prof. Hans Schmidt aus Basel erzielte nach eingehenden Studien den Treffer. Er war langjähriges Mitglied der Partei der Arbeit, in der die Kommunisten der Schweiz ihre politische Heimat sahen. Schmidt hatte schon in den 20er und 30er Jahren als Städteplaner der Sowjetunion bei deren Aufbauvorhaben geholfen.
Nach der Niederlage des deutschen Faschismus und der Gründung der DDR interessierte er sich vor allem für die Entwicklung des sozialistischen deutschen Staates. Das betraf nicht zuletzt die 1951 entstandene Deutsche Bauakademie in Berlin-Mitte. Dort lernte ich Prof. Schmidt im Jahre 1954 bei seinem ersten DDR-Besuch kennen.
Sein damaliger Wunsch war es, geraume Zeit ohne Honorar an der Bauakademie zu wirken. Er wollte sich vor allem mit Studien befassen, die den Wiederaufbau Berlins - beim Zentrum angefangen - betrafen. Dabei erhielt er offenbar auch von den Fernsehturm-Absichten der Architekten Henselmann und Kosel Kenntnis. So begab er sich selbst auf die Suche nach einem günstigen Platz inmitten der Stadt. Der Turm sollte aus allen Himmelsrichtungen mit dem Blick auf das Zentrum der Hauptstadt wahrgenommen werden. Schließlich machte Schmidt den günstigsten Standort ausfindig. Dort hebt er sich seit 1969 in den Himmel.
Hans Schmidt schickte seine Unterlagen - einschließlich eines kompletten Modells des Berliner Stadtzentrums - an Walter Ulbricht, dem er offenbar kühne Entscheidungen zutraute. Er hatte damit den "richtigen Riecher". Übrigens wurde der Turm auf Schweizer Grund und Boden errichtet. Wie das delikate Eigentumsproblem geklärt worden ist, bleibt bis heute ein Geheimnis.

Gerhard Trölitzsch, Berlin

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