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Dienstag, 14. August 2012

Victor Grossman - Ein Ami blickt auf die DDR zurück



Der Mann, der McCarthy entwischte

und wie aus dem Harvard-Absolventen Steve Wechsler der Journalist Victor Grossman wurde.

Ist von Leuten, welche die SBZ oder die DDR in westlicher Richtung verließen, die Rede, so waren sie im bürgerlichen Sprachgebrauch natürlich "auf der Flucht". Egal, ob da bereits verläßliche Grenzanlagen bestanden oder nicht, ihr Weggang wurde stets als Flucht bezeichnet.
Wovor waren sie eigentlich geflohen? Manche vielleicht, um der Zahlung von Alimenten aus dem Wege zu gehen, die meisten aber wohl vor den "Mühen der Ebene". Andere Fluchtgründe: Saboteure, die Maschinen des ihnen verhaßten volkseigenen Betriebes unbrauchbar gemacht oder ihnen anvertrautes Vermögen veruntreut hatten.
Aber ich will nichts beschönigen. Auch politische Dummheiten so mancher unserer Funktionäre brachten diesen oder jenen dazu, vorsorglich die Koffer zu packen.
Wer aber waren die Menschen, welche sich in umgekehrter Richtung auf den Weg machten? Sprach man da auch von "Republikflucht", wenn einer aus der BRD in die DDR übersiedelte? Sie waren - in unserer Görlitzer Mundart - "halt rübergemacht".
Und da ist nun Steve Wechsler. Er weiß von einer ganz besonderen Flucht zu berichten. Steve sollte in seiner früheren Heimat - den USA - einen Revers unterschreiben, daß er keiner der etwa 120 dort aufgeführten, überwiegend linken Organisationen als Mitglied angehört habe. Wie aus seinem Buch "Ein Ami blickt auf die DDR zurück" hervorgeht, hatte er in einem ganzen Dutzend davon irgendwann einmal mitgemacht. Die Zeit, in der sich das abspielte, war brandgefährlich, da man im Herbst 1950 in den USA ein spezielles Gesetz erlassen hatte, das Mitgliedern kommunistischer Organisationen vorschrieb, sich unverzüglich als "Agenten einer ausländischen Macht" - der UdSSR - polizeilich registrieren zu lassen. Ich zitiere den Autor: "Für jeden Tag, den man sich nicht meldete, wurden bis zu 10.000 $ Strafe oder fünf Jahre Gefängnis angedroht." Es handelte sich um die Ära des McCarthyismus, die nach einem faschistoiden Senator so genannt wurde.
Was tun? Wechsler unterschrieb den Wisch dennoch, hatten sich doch für ihn ohnehin bereits Strafen von insgesamt einer Million Dollar oder zehnmal lebenslänglich angesammelt. Nachdem er bereits 18 Monate - zuletzt in der BRD - bei der U.S. Army gedient hatte, wies ihm das Pentagon per Einschreiben nach, in welchen Organisationen er gesteckt hatte. Damit war die Auflage verbunden, sich unverzüglich beim Militärgericht zu melden.
Was sollte unser Freund tun? Es blieb ihm eigentlich nur die Möglichkeit der Flucht. So machte sich Steve auf den gefährlichen Weg, durchschwamm bei Linz die Donau, um nach Österreich zu gelangen, wo es in jener Zeit eine sowjetische Besatzungszone gab. Die "Sowjets" schickten Wechsler in die DDR, wo er eigentlich gar nicht hinwollte. Dort wurde aus ihm über Nacht Victor Grossman. Der Namenswechsel erfolgte, um seine Angehörigen und Freunde in den USA zu schützen. Übrigens wurde er später ein bekannter Journalist, den wohl die meisten DDR-Bürger als den "Mann mit dem amerikanischen Akzent" aus Rundfunk und Fernsehen kannten.
Ganz so reibungslos und leicht spielte sich das freilich nicht ab. Steve Wechsler, ein Absolvent der elitären Harvard University, der nun Victor Grossman hieß, schleppte zunächst im Waggonbau Bautzen Holzbohlen, arbeitete dann in einem Klubhaus und studierte später in Leipzig Journalistik. Er ging also einen Weg von der Pieke auf, wie er für viele DDR-Bürger typisch war.
Dieser Mann, der aus dem mächtigen kapitalistischen Riesenland in die kleine, sich um den Sozialismus mühende DDR kam, erlebte mit seiner neuen Heimat schließlich den Rückfall in die Vergangenheit. So blickt er als sachlicher, engagierter, zugleich aber auch kritischer Zeuge auf die DDR zurück.
Victor Grossman gelingt es, etwas sichtbar zu machen, was wir in der oft hölzern wirkenden Sprache unserer Agitation nicht zum Klingen brachten: den im Osten Deutschlands binnen weniger Jahrzehnte zurückgelegten grandiosen Weg. Und das in einem Zeitraum, der - meteorologisch ausgedrückt - gerade mal einem Wetterleuchten gleichkam. Es geschah unter Bedingungen, die alles andere als traumhaft waren: mit Reparationsleistungen für ganz Deutschland, enormen Verteidigungslasten, die durch die rasante Remilitarisierung des Westens erzwungen wurden, dem Lieferboykott für wissenschaftlich-technische Güter bei gleichzeitiger Verweigerung des Know how und Abwerbung gut ausgebildeter Fachleute. Der Weg der DDR war überdies mit Menschen zu beschreiten, die gerade erst aus dem finstersten Faschismus gekommen waren. Menschen, in deren Köpfen Begriffe wie Sozialismus oder gar Kommunismus nicht Begeisterung, sondern Schrecken ausgelöst hatten, wobei diese barbarische Indoktrination 1945 nicht endete, sondern durch die kapitalistischen Medien im Westen und von ihnen ausgelegte populistische Köder ohne Unterbrechung fortgesetzt wurde.
Sehr ausführlich befaßt sich Victor Grossman mit der Frage, warum die verzuckerte Lüge lieber geschluckt wird als die bittere Wahrheit. Er legt zugleich den Finger auf die Wunden, die jeder DDR-Bürger kannte, und nennt dabei die Dinge beim Namen. Er wendet sich gegen Unvernunft und Ungerechtigkeit, gegen unnötige Härten und eine oftmals langweilige Presse, nicht zuletzt gegen ein Übermaß an kultivierter Spießbürgerlichkeit. Indem er sich sehr gründlich mit Deformationen solcher Art, die bis heute linke Politik belasten, auseinandersetzt, sucht er den Gründen dafür auf die Spur zu kommen, erklärt er, wie Politiker, Journalisten und für die Sicherheit des Staates Verantwortliche in die Spirale überzogener Ängstlichkeit gerieten.
Bei all dem kann und will Grossman, der sich als Kommunist betrachtet, nicht von diesem kleinen tapferen Land DDR lassen, das seine zweite (oder vielleicht sogar erste?) Heimat wurde. Eine Haltung, die nach Umfragen bei allem kritischen Rückblick auf Gewesenes viele ihrer früheren Bürger teilen. "Die Geschichte der DDR ist nicht folgenlos für Gegenwart und Zukunft Deutschlands. In den 40 Jahren hat sie Prozesse in Gang gesetzt, die fortlaufen. Und sei es nur in den Köpfen der Menschen."

Bernd Gutte

Ein Ami blickt auf die DDR zurück,
Spotless Nr. 238, Eulenspiegel-Verlagsgruppe Berlin,
2011, 96 Seiten, 5,95 €, ISBN 978-3-360-02039-0

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